Pietismus und Philanthropismus. Ein Vergleich der Erziehungsformen


Hausarbeit, 2014

12 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Erziehungsformen
2.1 Pietismus
2.2 Philanthropismus

3. Fazit: Vergleich zwischen Pietismus und Philanthropismus

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Europa wurden im 17. Jahrhundert mehr als 20 Kriege geführt. Für den deutschen Protestantismus lag der traurige Höhepunkt im Dreißigjährigen Krieg, in dem das Volk vernichtende Niederlagen erleiden musste. Das Grauen der Kriegsverwüstungen zwang viele, aus Elend und Hunger, in eine andere Stadt zu fliehen. In dieser schrecklichen Zeit wuchs der junge Philipp Jakob Spener, der später einer der bekanntesten Vertreter des Pietismus werden sollte, in einer von Flüchtlingen bevölkerten Stadt auf und musste all das Elend als tiefgehende Erfahrung seiner Generation ansehen.1

Nach diesen Ereignissen entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts der Pietismus in Deutschland. Im nahezu parallelen Aufbruch der neuen Frömmigkeitsbewegung in England, den Niederlanden und Deutschland wird erst die Dimension des Phänomens Pietismus sichtbar.2 In der pädagogischen Geschichte wurde der Pietismus, der religiöse Wurzeln hat, bisher nicht eindeutig eingeordnet. Es ist noch unklar, ob man den Pietismus der Aufklärungsepoche schlicht ein- oder unterordnet.3

Im Gegensatz dazu lässt sich der Philanthropismus eindeutig der Zeit der Aufklärung zuordnen. Er löste den Pietismus gegen Ende des 18. Jahrhunderts ab und machte sich frei von religiösen Deutungen. Er wird als die Lehre von der Erziehung zur Natürlichkeit und Vernunft bezeichnet.4

In der vorliegenden Arbeit wird genauer auf die beiden Erziehungsformen eingegangen. Anschließend beschäftigen wir uns mit den folgenden Fragen: Was sind die wesentlichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Pietismus und Philanthropismus? Worin lagen die Gründe dafür, dass sich aus dem Pietismus der Philanthropismus entwickeln musste? Findet man heute noch Spuren von diesen Erziehungsformen?

2. Erziehungsformen

2.1 Pietismus

Das lateinische Wort pietas steht für „Pflichtgefühl“ und „Frömmigkeit“. Pietismus war ursprünglich ein Spottname für eine bestimmte Gruppe, die sich um geistliche Erneuerungen bemühte.5 Die Bezeichnung „Pietisten“ verbreitete sich erst dann, als die Teilnehmer des studentischen Leipziger Collegium philobiblicum damit beschimpft wurden. 1689 brachte es der Leipziger Professor und Pietistenfreund Joachim Feller mit einem Gedicht auf den Punkt und nahm es positiv auf:6

„ Es ist jetzt stadtbekannt der Nam ´ der Pietisten.

Was ist ein Pietist? Der Gottes Wort studiert

und nach demselben auch ein heilig Leben f ü hrt.

Das ist ja Wohl getan, ja wohl von jedem Christen. “ 7

Mit diesem Gedicht stellte er das Interesse an der Bibel, ein heiliges Leben und echte Frömmigkeit als Charakteristika der Pietisten heraus. Für ihn waren die Pietisten Anhänger der durch Spener seit 1675 in Deutschland ausgelösten Frömmigkeitsbewegung.8 Sie war nach der Reformation die wichtigste Reformationsbewegung in der evangelischen Kirche.

Man unterscheidet zwischen sechs verschiedenen Grundrichtungen des Pietismus: dem lutherischen, hallischen, reformierten, Herrnhuter, schwäbischen Pietismus und dem radikalen Pietismus. Wir betrachten im Folgenden die vom hallischen Pietismus geprägte Pädagogik von August Hermann Francke, dem Mitgründer der Hallischen Anstalten.9

Das oberste Ziel von Franckes Erziehung war die christliche Frömmigkeit. Weitere Ziele waren die religiöse Unterweisung, die Erziehung zum Gehorsam gegenüber den Eltern und Lehrern und die Abwendung von materiellen weltlichen Gütern und Freuden. Außerdem ließ er seine Schüler auch berufspraktisch ausbilden.10 Laut Franckes Lehre sei die menschliche Natur nicht gut, sondern verdorben, denn jeder Mensch sei gekennzeichnet durch die Schuld der „Erbsünde“. Deshalb sei die eigene Bekehrungserfahrung von großer Bedeutung, da sie die Beziehung zu Gott, die Beziehung zu sich selbst und die Beziehung zur Welt von Grund auf verändere. Sie verschaffe Gewissheit darüber, dass weder das Subjekt selbst noch eine vorgängige Ordnung, der sich der Mensch nur noch anzupassen und einzuordnen habe, der wahre Grund menschlichen Erkennens und Handelns sei. Also müsse der Mensch zwangsweise im aktiven Handeln den Willen Gottes in der Welt erst wirksam werden lassen.11 Dem Glauben wird dadurch eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Pietismus bedeutet also erlebte Gotteserfahrung.12 Dies gilt auch für die Eltern, denn nur dann können sie in der Erziehung des Kindes etwas ändern.13

Die vom Pietismus geforderten und entwickelten neuen Formen individueller Frömmigkeit haben deutliche Spuren im gesellschaftlichen Leben hinterlassen und auch im pädagogischen Selbstverständnis kann man Zeichen des Pietismus sehen. Vor allem tritt dieser in den Ländern, die vom Pietismus geprägt wurden, auf.14 Die Hauptaufgabe der Erziehung lag für die Pietisten auch in der Vorbereitung auf die Bekehrung, die an vorderster Stelle zwei Ziele anstreben sollte: „ der nat ü rliche Eigenwille “ des Kindes sollte „ gebrochen werden “ und die christliche Lehre sollte „ gleichsam mit der Muttermilch “ eingeflößt werden.15

Das Aufgabenfeld der Erziehung ist durch zwei Hauptbereiche gekennzeichnet. August Hermann Francke bezeichnete sie einerseits als Erziehung zur „ wahren Gottseligkeit “ und andererseits als Erziehung zu „ christlicher Klugheit “. Dabei ist der zweite Bereich dem ersten eindeutig untergeordnet.16 Unter Klugheit ist zu verstehen, dass das Kind erkennen sollte, was zum Besten dient und wie man sich vor Schaden beschützt. Wissenschaftliche und auf Erfahrung basierende Bildung wurde der „Gottseligkeit“ untergeordnet. Das Wichtigste in der Erziehung sei es, „ den Willen unter den Gehorsam zu bringen “, da der Mensch von Natur aus schlecht sei. Diese schlechte Natürlichkeit des Kindes könne man nur durch die „Zucht“ in der Erziehung zerschlagen. Dadurch werde die Furcht vor Gott bestärkt. Erst der „gottesfürchtige Mensch“ werde nicht bezüglich seines eigenen Willens leben, sondern diesen zurückstellen unter den erkannten Willen Gottes.17 Dies wurde in den Schulen versucht zu vermitteln. Es wurde in Armenschulen, Internaten und Waisenhäusern streng unterrichtet. Der Tagesablauf war fest geregelt. Es gab keine Freizeit und keine sinnlosen Pausen. Nach sieben Stunden Unterricht wurde gebetet oder nützliche Arbeit vollbracht. Die Schule war in einer Drei-Stände-Ordnung organisiert; jeder Stand hatte seine eigenen Lerninhalte. Den Kindern des Bauern- und Handwerkerstandes wurde an deutschen Schulen das Lesen, Schreiben, Rechnen und die Grundlagen der Physik, der Geografie und der Geschichte vermittelt. Die Adelsschule war als Ritterakademie konzipiert. Die Lateinschule war eine Vorbereitung für die Universität, für zukünftige Pfarrer, Mediziner, Kaufleute und Juristen. Man hatte auch die Möglichkeit, bei besonderen Begabungen, seinen Stand jederzeit zu wechseln. Die Schulanstalten von Francke gewannen in der Bevölkerung ein hohes Ansehen.18

2.2 Philanthropismus

Der Philanthropismus kommt vom griechischen philos (Freund) und anthropos (Mensch). Die pädagogische Reformbewegung löste in den späten Jahren des 18. Jahrhunderts den Pietismus ab. Die Bewegung gründete ihre pädagogischen Gedanken auf den Anschauungen J. Rousseaus und hat in der europäischen Geisteswelt außerordentlich gewirkt, am tiefsten aber wohl in Deutschland.19 Sie förderte vor allem schulreformatorische Bestrebungen der deutschen Aufklärung, die sich um 1770 in dem Kreise der Philanthropen („Menschenfreunde“) verdichteten. Zu ihnen gehörten Personen wie Johann Bernhard Basedow, Christian Gotthilf Salzmann, Joachim Heinrich Campe, Ernst Christian Trapp oder Friedrich Eberhard von Rochow.20

Die Pädagogen schlossen ihre Überlegungen und schulreformerischen Experimente vor allem an John Locke und Jean-Jacques Rousseau an. Sie setzten sich für eine Erziehung des Bürgers ein, in der er eine Identität anstrebt und er das Maßstab für den Menschen ist.

[...]


1 Vgl. Wallmann, Johannes: Philipp Jakob Spener und die Anfänge des Pietismus. Tübingen 1986. S.1f.

2 Vgl. Johannes van den Berg: Der Pietismus vom siebzehnten bis zum frühen achtzehnten Jahrhundert. In: Martin Brecht (Hrsg.): Geschichte des Pietismus. Göttingen 1993. S.5.

3 Vgl. Wallmann, J.: Labadismus und Pietismus. Die Einflüsse des niederländischen Pietismus und die Entstehung des Pietismus in Deutschland. In: Jan Pieter Van Dooren; J Van Den Berg (Hrsg.): Pietismus und Reveil. Referate. Leiden 1978. S.101.

4 Vgl. Ebd.

5 Vgl. http://www.heiligenlexikon.de/Glossar/Pietismus.html (30.03.2014)

6 Vgl. Johannes van den Berg: Der Pietismus vom siebzehnten bis zum frühen achtzehnten Jahrhundert. S.4.

7 Ebd.

8 Vgl. Ebd. S.4f.

9 Vgl. http://www.eh-tabor.de/wasistpietismus (30.03.2014)

10 Vgl. http://www.uni-leipzig.de/~agintern/uni600/ug136d.pdf (30.03.2014)

11 Vgl. Benner; Brüggen: Das pädagogische Jahrhundert in Deutschland. S. 102f.

12 Vgl. http://www.heiligenlexikon.de/Glossar/Pietismus.html (30.03.2014)

13 Vgl. Benner; Brüggen: Das pädagogische Jahrhundert in Deutschland. S.101.

14 Vgl. http://www.heiligenlexikon.de/Glossar/Pietismus.html (30.03.2014)

15 Vgl. http://www.sigurdhebenstreit.de/texte/2/5/ (30.03.2014)

16 Vgl. Benner; Brüggen: Das pädagogische Jahrhundert in Deutschland. S.103.

17 Vgl. http://www.sigurdhebenstreit.de/texte/2/5/ (30.03.2014)

18 Vgl. Benner; Brüggen: Das pädagogische Jahrhundert in Deutschland. S. 105f. Vgl. Barth, Ulrich: Aufgeklärter Protestantismus. Tübingen 2004.

19 Vgl. http://www.sigurdhebenstreit.de/texte/2/5/ (30.03.2014)

20 Vgl. Schmitt, H.: Pädagogen im Zeitalter der Aufklärung: Die Philanthropen. In: Tenorth, H.-E. (Hrsg.): Klassiker der Pädagogik. Band 1. München 2003. S. 119-143.

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Details

Titel
Pietismus und Philanthropismus. Ein Vergleich der Erziehungsformen
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,3
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V350005
ISBN (eBook)
9783668370036
ISBN (Buch)
9783668370043
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pietismus, philanthropismus, vergleich, erziehungsformen
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Pietismus und Philanthropismus. Ein Vergleich der Erziehungsformen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350005

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