Arthur Schnitzler ist einer der maßgeblichsten Autoren der Wiener Moderne und des Fin de
siècle. Seine Literatur spiegelt in besonderem Maße die Situation des Bürgertums und den Zerfall
der Habsburger Monarchie und des liberalen Bürgertums wider. Hauptsächlich in seiner späteren
Prosa legte er sein Hauptaugenmerk auf die Situation der Frauen. Im Gegensatz zu vielen anderen
Autoren seiner Zeit rückte er in einigen seiner Werke die Frau und ihre Rolle im Bürgertum in
den Mittelpunkt des Geschehens. Dadurch gelingt es ihm, die Doppelmoral der bürgerlichen
Gesellschaft zu beleuchten. Einerseits leben seine weiblichen Protagonistinnen in der
aufkeimenden Moderne und wollen an den Errungenschaften einer industrialisierten Gesellschaft
partizipieren. Des Weiteren haben sie das Bedürfnis nach einem Bildungsstand, der dem ihrer
männlichen Mitbürger gleichkommt. Sie verlangen nach sexueller Selbstbestimmung, dem Recht
auf finanzielle Unabhängigkeit durch das Ausüben eines Berufes und wehren sich gegen eine
Versklavung durch die Ehe. Dies geschieht allerdings nicht öffentlich, sondern äußert sich im
Inneren, in nicht ausgelebten Wünschen und Träumen. Gefangen im Korsett bürgerlicher
Konventionen leben sie, trotz der Modernität ihrer Gesellschaft, immer noch so, wie es schon ihre
Großmütter taten.
Die Psychoanalyse, durch Sigmund Freud und seine Anhänger durchaus salonfähig im Wien des
Fin de siècle, trat gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihren Siegeszug an. Schnitzler, der in
Sigmund Freud durch die psychologische Intuition in seinem Werk einen großen Anhänger fand,
war vielleicht der erste Autor, der versuchte, seinen Lesern einen Blick in das Gefühlsleben seiner
Protagonisten und im ganz besonderen Maße seiner Protagonistinnen zu gewähren, indem er ihre
Gefühle und innersten Gedanken, ihre Wünsche und Sehnsüchte erkannte und beschrieb. Gerade
in seinem späteren Werk im frühen 20. Jahrhundert legte er sein Hauptaugenmerk auf die Rolle
der Frau seiner Zeit, die Schwierigkeiten, mit denen sie in der konventionellen und zutiefst
bürgerlichen Gesellschaft der kurz vor dem Untergang stehenden Habsburger Monarchie zu
kämpfen hatte. Daher möchte ich zunächst einen kurzen Blick auf die politischen und
gesellschaftlichen Umstände von Schnitzlers Wien um die Jahrhundertwende werfen. [...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Rolle der Frau zur Zeit des Fin de siècle
1.1. Geschlechterrollen im traditionellen Judentum
1.2. Die jüdische Frau im Bürgertum
1.3. Berta Pappenheim und der JFB
1.4. Von Arthur Schopenhauer zu Otto Weininger: Misogynie in der deutschen und österreichischen Gesellschaft
1.5. Die Begriffe der femme fatale, femme fragile und des süßen Mädels in der Literatur
1.6. Historischer Exkurs über die Stellung der bürgerlichen Frau und Arthur Schnitzlers Gesellschaftskritik
2. Motivik in Arthur Schnitzlers erzählerischem Werk
2.1. Das Motiv des Eros
2.2. Das Motiv der Ehe
2.2.1. Die Ehe bei jüdischen Frauen
2.3. Das Motiv von Beruf und Bildung
2.4. Das Motiv der Musik
2.5. Das Motiv des Sterbens und des Todes
2.5.1. Die „Allmacht der Gedanken“
3. Die Rolle der Frau in Schnitzlers erzählerischem Werk
3.1. Frau Berta Garlan: Unterdrückter Eros vs. bürgerliche Doppelmoral
3.1.1. Ehe – Mutterschaft – Witwe. Das Schicksal der Berta Garlan
3.1.2. Berta Garlan und die Musik
3.1.3. Unterdrückter Eros oder Bertas Liebesillusion
3.1.4. Die erlebte Rede als stilistisches Mittel der Erzählung
3.1.5. Schnitzlers Blick hinter die Fassade: Kleinbürgerliche Doppelmoral
3.2. Der Weg ins Freie: Erste Emanzipationsversuche
3.2.1. Anna und Georg oder Eine verhängnisvolle Affäre
3.2.1.1. Georg von Wergenthin: Ein Künstler als der „impressionistische Typus“
3.2.1.2. Anna Rosner: Opfer der Leidenschaft
3.2.2. Therese Golowski und Else Ehrenberg. Jüdische Frauenbiographien?
3.2.2.1. Therese Golowski, die sinnliche Freiheitskämpferin
3.2.2.2. Else Ehrenberg: Kühler Kopf aus gutem Hause
3.2.3. Die alte und die neue Zeit: Der Impressionismus als Werteverfall?
3.2.4. Schnitzlers Emanzipationsbestrebungen. Auf zu neuen Ufern?
3.3. Dr. Gräsler, Badearzt: Frauenfiguren im Spiegel eines impressionistischen Egozentrikers
3.3.1. Dr. Gräsler. Studie eines schwachen Helden
3.3.2. Die Frauenfiguren um Gräsler: Sabine, Katharina und Witwe Sommer
3.3.3. Friedericke: Eine eigenständige Frau
3.3.4. Resümee: Weibliche Typen mit Entwicklungspotential
3.4. Fräulein Else: Die höhere Tochter als Opfer bürgerlichen Rollenzwangs
3.4.1. Die höhere Tochter als „Prostituierte“?
3.4.2. Der Fall Frl. E. – Hysterie als gesellschaftliches Phänomen?
3.4.3. Sehen und Gesehen werden. Das Verlangen von Fräulein Else
3.4.4. Entblößung und Suizid als emanzipatorischer Akt?
3.5. Traumnovelle. Der Sieg der Frau über den Mann?
3.5.1. Albertine, die Überlegene
3.5.2. Marianne, die Verliererin
3.5.3. Mizzi, Pierrette und die maskierte Frau: Opfer bürgerlicher Sexualmoral
3.5.4. Der Duft der Frauen
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Frau in ausgewählten Erzählungen von Arthur Schnitzler vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und soziologischen Umstände der Wiener Moderne und des Fin de siècle. Ziel ist es, Schnitzlers kritische Auseinandersetzung mit den patriarchalischen Strukturen und der Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft sowie die Möglichkeiten und Grenzen weiblicher Emanzipation in seinem Werk aufzuzeigen.
- Die historische und soziale Stellung der Frau im Fin de siècle.
- Einfluss von zeitgenössischen Ideologien wie Misogynie und früher Psychoanalyse auf das Frauenbild.
- Analyse zentraler Motive (Eros, Ehe, Bildung, Musik, Tod) in Schnitzlers Werk.
- Die Darstellung weiblicher Protagonistinnen als "Opfer" oder "Antiheldinnen" der bürgerlichen Konventionen.
- Vergleich der Emanzipationsversuche in den Werken "Frau Berta Garlan", "Der Weg ins Freie", "Dr. Gräsler, Badearzt", "Fräulein Else" und "Traumnovelle".
Auszug aus dem Buch
Die Rolle der Frau zur Zeit des Fin de siècle
Die vorliegende Arbeit wird sich mit der Rolle der Frau in Arthur Schnitzlers erzählerischem Werk befassen. Um ein besseres Verständnis für die Thematik zu erzielen, ist es sinnvoll, zunächst die reale Situation der Frau zu Schnitzlers Zeit zu untersuchen, um seine Prägung, bzw. seine Motivation für die Positionierung der Frau und die Erstellung der weiblichen Charaktere zu erkennen. Wie war die Situation der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft? Welche Möglichkeiten hatte sie in den Bereichen Bildung und Beruf? Zudem sollen einige Begrifflichkeiten geklärt werden, die in Arthur Schnitzlers Werk von Bedeutung waren. Auch die Grundstimmung seiner Zeit, geprägt z. B. von dem jüdischen Philosophen Otto Weininger und seinem Werk Geschlecht und Charakter, das die Misogynie in der österreichischen Gesellschaft begünstigte, die besondere Situation der jüdischen Frau im Bürgertum oder die Anfänge des Feminismus, mitbegründet von Berta Pappenheim oder Organisationen wie dem jüdischen Frauenbund, sind dafür von Bedeutung.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Themenstellung, die Bedeutung Schnitzlers als Autor der Wiener Moderne und die Einordnung der Situation der Frau um die Jahrhundertwende.
1. Die Rolle der Frau zur Zeit des Fin de siècle: Untersuchung der historischen Gegebenheiten, der jüdischen Tradition, der Rolle der Frau im Bürgertum und der zeitgenössischen Einflüsse von Schopenhauer und Weininger auf das Frauenbild.
2. Motivik in Arthur Schnitzlers erzählerischem Werk: Analyse der für das erzählerische Werk zentralen Motive, insbesondere Eros, Ehe, Beruf, Bildung, Musik und Tod, und ihre Bedeutung für die weiblichen Figuren.
3. Die Rolle der Frau in Schnitzlers erzählerischem Werk: Detaillierte Untersuchung spezifischer Erzählungen, in denen Schnitzler die Konventionen und das Schicksal seiner Protagonistinnen als Spiegel der Gesellschaftskritik am Bürgertum darstellt.
Schlüsselwörter
Arthur Schnitzler, Wiener Moderne, Fin de siècle, Frauenbild, Emanzipation, Doppelmoral, Bürgertum, Judentum, Psychoanalyse, Geschlechterrollen, Feminismus, Literaturanalyse, Erotik, Hysterie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit analysiert die Darstellung der Frau in Arthur Schnitzlers Erzählungen und untersucht, wie der Autor die soziale und sexuelle Situation der Frau im Kontext der österreichischen Gesellschaft um 1900 reflektiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die bürgerliche Doppelmoral, die Rolle der Frau als Ehefrau und Mutter, die Auswirkungen von Bildung und Beruf auf die weibliche Identität sowie die psychologische Tiefe weiblicher Figuren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schnitzler durch seine Frauenfiguren die gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit kritisiert und welche Emanzipationsversuche er seinen Charakteren zugesteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse ausgewählter Erzählungen, unterstützt durch historische und soziologische Kontexte sowie tiefenpsychologische Ansätze, die den Diskurs der Zeit einbeziehen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine motivgeschichtliche Analyse und eine detaillierte Interpretation von fünf zentralen Erzählungen: Frau Berta Garlan, Der Weg ins Freie, Dr. Gräsler, Badearzt, Fräulein Else und Traumnovelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Arthur Schnitzler, Wiener Moderne, Doppelmoral, Emanzipation, Geschlechterrollen und Psyche.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Judentums im Werk von Schnitzler?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass das Judentum bei Schnitzler eine eher soziologische Rolle spielt und die Assimilationsbemühungen sowie die spezielle Stellung der jüdischen Frau im Spannungsfeld von Antisemitismus und bürgerlicher Anpassung beleuchtet werden.
Warum spielt das Motiv der Musik eine besondere Rolle?
Musik wird als "Ersatz" für die verwehrte Bildung und berufliche Entfaltung der Frau analysiert, dient jedoch bei Schnitzlers Heldinnen oft nur als Ventil für unterdrückte Leidenschaften und steht in engem Zusammenhang mit dem Motiv des Eros.
- Quote paper
- Katja Vaders (Author), 2004, Die Rolle der Frau in Arthur Schnitzlers erzählerischem Werk. Judentum und bürgerliche Welt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35024