Das Soziale als Ritual. Das Rauchen


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 1.0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist ein Ritual?
2.1. Definition und Merkmale des Rituals
2.1.1. Standardisierung und Wiederholung
2.1.2. Aufführungscharakter und Alltagsunterbrechung
2.1.3. Symbolizität
2.1.4. Performativität
2.1.5. Sozialbezug und Gemeinschaftlichkeit
2.2. Formen von Ritualen

3. Funktionen eines Rituals

4. Rauchen als Ritual
4.1. Ritualaspekte des Rauchens
4.2. Raucher/innen über das Rauchen

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Rituale sind wirkmächtig und allgegenwärtig. Ein Leben ohne rituelle Praxen ist in unserer gegenwärtigen Gesellschaft nur schwer vorstellbar, auch, wenn viele gar nicht wissen, dass sie von Tag zu Tag selbst Rituale ausführen. Wer kennt sie nicht, die festen Abläufe, die uns durch den Alltag begleiten, unser Miteinander regeln und uns Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Sei es die morgendliche Routine nach dem Aufstehen mit einer Tasse Kaffee und einem Croissant zum Frühstück, die jährliche Geburtstagsfeier, bei der das Geburtstagskind die Kerzen auf der Torte auspustet und sich etwas wünscht oder das Singen und Jubeln der begeisterten Fans im Fußballstation, wenn die Lieblingsmannschaft auf dem Feld um den Sieg kämpft. Rituale strukturieren die Gesellschaft und sorgen für ihren Erhalt. Sie spielen eine große Rolle im menschlichen Zusammenleben und haben für die Entstehung, Regulation und Veränderung des Sozialen eine weitaus größere Bedeutung, als ihnen meist zugesprochen wird (vgl. WULF 2001, S. 7). Zu oft werden Rituale in unserem Kulturkreis nicht wahrgenommen und bloß mit Religion, Sekten, Kulten und ihren Gewalttaten oder Voodoo-Zauber assoziiert. Aber was genau sind Rituale eigentlich? Welche Funktion haben sie und welche Wirkungen üben rituelle Abläufe auf den Menschen beziehungsweise die Gesellschaft aus? Mit diesen Fragestellungen werde ich mich in meiner Hausarbeit mit dem Thema ÄRituale und ihre soziale Bedeutung am Beispiel des Rauchens“ beschäftigen. Der Fokus dieser Arbeit liegt vor allem darauf, die soziale Bedeutung von Ritualen hervorzuheben und diese am Beispiel des Rauchens als soziales Ritual zu verdeutlichen. Dazu möchte ich mich zunächst mit dem vielseitigen Begriff des ÄRitual[s]“ (STOLLBERG-RILINGER 2013, S. 1) auseinandersetzen und versuchen, eine geeignete sozialwissenschaftliche Definition, wie sie im Rahmen dieser Arbeit zu verstehen ist, zu finden, damit Erläuterungen und Ergebnisse vor einem einheitlichen Kontext gesehen werden können. Nachdem ich die Merkmale, Formen und Funktionen des Rituals beschrieben habe, werde ich die Bedeutung von Ritualen in ihren Anfangszeiten von ihrer neuzeitlichen Bedeutung unterscheiden. Danach widme ich mich dem Kapitel des Rauchens als soziales Ritual: Was sind Ritualaspekte des Rauchens und welche Rolle spielen dabei Regeln und Routinen des Rauchers? Welche Bedeutung hat das Rauchen für Raucher/innen? Ist Rauchen für sie ein Ritual?

Abschließend werden die wichtigsten Ergebnisse in einem Resümee zusammengefasst, in dem die zuvor formulierten Fragestellungen beantwortet werden und ein Ausblick gegeben wird.

2. Was ist ein Ritual?

Zu Beginn meiner Ausführungen soll eine Definition des Begriffs ÄRitual“ gegeben und seine Herkunft dargelegt werden. Dabei werden die Begriffe ÄRitual“ und ÄRitualisierung“ synonym verwandt. Vorab muss erwähnt werden, dass, je nach dem aus welcher Perspektive der Begriff ÄRitual“ betrachtet wird, er jeweils verschieden definiert und interpretiert wird und sich so domänenübergreifende Definitionsprobleme ergeben. Im weiteren Verlauf werde ich näher auf dieses Problem zu sprechen kommen und eine für diese Arbeit geeignete sozialwissenschaftliche Definition des Begriffs ÄRitual“ vorstellen und verwenden.

2.1. Definition und Merkmale des Rituals

Der Begriff ÄRitual“ (KRIEGER 1998, S. 7) stammt aus dem Lateinischen (Äritualis“), bedeutet ursprünglich ÄGottesdienst“ oder schriftliche Anweisungen dafür und wurde vorwiegend im religiösen Bereich verwendet. Seit der Jahrhundertwende hat sich die symbolische Bedeutung des Ritualbegriffs auch auf andere Gebiete ausgeweitet und wird zudem allgemein gebraucht (vgl. KRIEGER 1998, S. 7). Rituale sind konstitutive Bestandteile des gesellschaftlichen Lebens. Alltägliche Verhaltensmuster werden wesentlich durch Rituale bestimmt. Sie können ständig auf mehreren Ebenen des menschlichen Lebens auftreten: Im Familien- und Arbeitsalltag, zu besonderen Anlässen, wie zum Beispiel bei Familienfesten, Partys mit Freunden oder als Zeichen dafür, dass jemand einer bestimmten Gruppe angehört (vgl. AUDEHM 2007, S. 424).

In der Alltagssprache wird das Wort ÄRitual“ unpräzise und vage genutzt, denn es wird von Ausdrücken ähnlicher Art wie ÄBrauch“, ÄFest“, ÄZeremonie“ oder ÄKult“ meist nicht unterschieden. Auch in der Wissenschaftssprache ergibt sich das Problem der Diffusität und Mehrdeutigkeit des Begriffs Ritual. Sehr viele verschiedene wissenschaftliche Disziplinen, wie zum Beispiel die ÄReligionswissenschaft, Kulturanthropologie, Soziologie, […] Psychologie, […] Geschichtswissenschaft“ (STOLLBERGER-RILINGER 2013, S. 8) und viele mehr, beschäftigen sich mit dem Gebiet ritueller Phänomene. So kann es auch keine einheitliche, allgemeingültige und eindeutige Definition geben, da jede Disziplin für sich eine eigene Definition entwirft, die den Kern ihrer Theorie ausmacht. Definitionen als methodisch- theoretische Werkzeuge sind zwar wichtig, jedoch spiegeln sie keine Äendgültigen Wahrheiten“ (STOLLBERGER-RILINGER 2013, S.8) wider und das ist auch nicht unbedingt notwendig. Es kommt darauf an, in welchem Kontext Rituale behandelt werden. Deshalb sollten geeignete Definitionen abhängig vom jeweiligen Kontext individuell gewählt werden. Passend zum sozialwissenschaftlichen Kontext widme ich mich in der vorliegenden Arbeit diesem Definitionsvorschlag:

ÄAls Ritual im engeren Sinne wird hier eine menschliche Handlungsabfolge bezeichnet, die durch Standardisierung der äußeren Form, Wiederholung, Aufführungscharakter, Performativität und Symbolizität gekennzeichnet ist und eine elementare sozial strukturbildende Wirkung besitzt“ (STOLLBERGER-RILINGER 2013, S. 9).

Im Folgenden wird dieser Definitionsvorschlag näher erläutert.

2.1.1. Standardisierung und Wiederholung

Der Kern eines Rituals ist seine Standardisierung und Wiederholung. Ein Ritual ist repetitiv, es läuft immer wieder nach einem bestimmten Muster, nach gewissen Regeln in ähnlicher oder gleicher Weise ab. Rituale haben einen Anfang und ein Ende und finden in bestimmten sozialen Räumen statt. Vorschriften, wie ein Ritual Ärichtig“ abläuft, können explizit und verschriftlicht sein oder implizit, also allein durch das regelmäßige Handeln erfahrbar. Diese nach außen hin standardisierte Form verleiht ihm Wiedererkennungswert und macht es vorhersehbar (vgl. STOLLBERGER-RILINGER 2013, S. 10). Da bestimmte Gesten, Handlungsabläufe, Worte oder Umstände schon vorgegeben sind und nicht erst aus der Vielfalt von prinzipiellen Handlungsmöglichkeiten gewählt werden müssen, wirkt ein Ritual strukturierend und entlastend. Jedoch heißt dies nicht, dass Rituale starr und unveränderbar seien. Die verschiedenen Teilnehmer eines Rituals haben jeweils unterschiedlich großen ÄHandlungsspielraum und Verfügungsmacht“ (STOLLBERGER-RILINGER 2013, S. 10) über die Art und Weise, wie das Ritual ablaufen soll. Somit verbirgt sich hinter Ritualen eine Absicht, die aber nicht immer allen Beteiligten bewusst ist.

2.1.2. Aufführungscharakter und Alltagsunterbrechung

Das zweite Merkmal von Ritualen ist die ÄAlltagsunterbrechung“ (LAMMER 2013, S. 7) und der ÄAufführungscharakter“ (STOLLBERGER-RILINGER 2013, S. 10). Rituelle Handlungsabläufe sind aus dem alltäglichen Geschehen auf unterschiedliche Weisen herausgenommen und werden symbolisch zu ausgewählten Anlässen Ädemonstrativ“ (STOLLBERGER-RILINGER 2013, S. 10) veranstaltet. Ein Ritual ist geprägt durch eine Äästhetische, dramaturgisch stimmige Inszenierung“ (LAMMER 2013, S. 7), durch verschiedene visuelle und akustische Zeichen, die den Beginn und das Ende verkünden, durch Kleidung und die äußere Aufmachung, durch feierliche Gesänge oder Sprachformeln, durch den Ort und die Akteure. Rituale werden meist nicht spontan vollzogen, sondern unterliegen einer bestimmten Intention und geregelten Abläufen. Außerdem gehört eine Ägewisse Öffentlichkeit“ (STOLLBERGER- RILINGER 2013, S. 10) auch zum Aufführungscharakter eines Rituals, das heißt, dass es vor Zuschauern, welche die Beteiligten selbst sein können, inszeniert wird. An wen ein Ritual gerichtet ist, kann unterschiedlich sein. Teilnehmer sind immer auch Adressaten, aber ein Ritual kann nicht nur an menschliche Wesen, sondern auch an Götter, Ahnen, heilige Wesen oder Dämonen gerichtet sein (vgl. WULF 2001, S. 340).

2.1.3. Symbolizität

Drittens sind Rituale auch durch symbolisches Ausdruckshandeln, das die Lage der Handlungsausführenden sichtbar macht, aber auch darüber hinaus reicht und transzendent ist, charakterisiert (vgl. LAMMER 2013, S. 7). Rituale unterscheiden sich von Routinen dadurch, dass sie kommunikativ sind und auf einen größeren sozialen Ordnungskontext einer Gruppierung, die bestärkt aber auch kritisiert werden kann, verweisen. Fundamentale Normen und Werte, Grenzen, Regeln und Ordnungen einer Gemeinschaft werden durch Rituale repräsentiert und symbolisieren eine Einheit nach außen, die ihre Weltanschauung aktiv lebt (vgl. STOLLBERGER-RILINGER 2013, S. 11). Dabei spielt die Geltung von Ritualen, die durch Äkollektiv geteilte symbolische Codes“ (vgl. STOLLBERGER-RILINGER 2013, S. 11) erzeugt wird, eine wichtige Rolle. Der Austausch von Bewegungen, Haltungen, Mimik und Gestik stiften eine rhythmische und ausdrucksstarke Atmosphäre. Zudem vermitteln solche Codes das Bild einer Einheit, eines übereinstimmenden Konsens, obwohl jeder Akteur für sich die Symbole individuell interpretiert. Ein Ritual ist mehrdeutig, doch solange alle Beteiligten an einen Konsens glauben und sich dies gegenseitig durch ihre Beteiligung am Ritual illustrieren, kann sozialer Sinn gestiftet und alten Ritualen neue Bedeutungen verliehen werden (vgl. WULF 2001, S. 341 f.).

2.1.4. Performativität

Die vierte Eigenschaft von Ritualen ist ihr performativer Charakter, der sich vor allem durch Körperlichkeit der szenischen Aufführungen und körperliche Handlungsformen auszeichnet. Zum Beispiel der Boxer, der immer zur gleichen Musik mit gleicher Kleidung, Mimik und Gestik, für alle ersichtlich, in den Boxring marschiert. Rituale sind so wirkmächtig, da sie nicht nur etwas ausdrücken, sondern auch etwas Ätun“ und in Gang setzen. Sie bilden die Wirklichkeit nicht nur ab (deskriptives Modell), sie erzeugen sie auch immer wieder neu (präskriptives Modell). Dadurch, dass Menschen Rituale mit dem eigenen Körper darstellen, wird ihr zukünftiges Handeln geformt und so stellen sie auch selbst soziale Wirklichkeit her (vgl. WuLf 2001, S. 342). Das, was Akteure in einem rituellen Prozess vollziehen, wird für sie zur unanfechtbaren Realität. Die kontinuierliche Wiederholung einer formal immer gleichen, systematischen Anreihung von Äperformativen“ (LAMMER 2013, S. 7), nach außen hin sichtbar dargebotenen Handlungschritten, verpflichtet die Akteure eines Rituals, sich an das im Ritual gemeinsam Symbolisierte zu halten. Einerseits verbinden rituelle Abläufe und lösen in den Beteiligten ein Gefühl der Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit und der Verpflichtung aus, jedoch kann es nicht immer gelingen, diese Tatsache nachzuweisen, da niemand in das innere Gefühlsleben eines Menschen blicken kann (vgl. STOLLBERGER-RILINGER 2013, S. 12 f.). Andererseits stellen sie auch offensichtliche Grenzen her: Zwischen Altem und Neuem (zum Beispiel dem vergangenen und dem neuen Jahr durch das Silvesterritual), zwischen vorher und nachher, Kindheit und Erwachsensein (durch die Abschlussfeier), Leben und Tod und vieles mehr (vgl. BERGESEN 1998, S. 70 ff.).Allein schon durch ihr performatives Wesen haben Rituale eine gemeinschaftsstiftende Wirkung, das heißt es kommt darauf an, was nach außen hin vollzogen und sichtbar gemacht wird, selbst, wenn die Handlung für die Akteure eines Rituals eine unterschiedliche Bedeutung besitzt (vgl. STOLLBERGER-RILINGER 2013, S. 13).

2.1.5. Sozialbezug und Gemeinschaftlichkeit

Für das Soziale in einer Gesellschaft besitzen Rituale eine maßgebende, strukturbildende Wirkung. Rituale werden von Personen, die einer Gemeinschaft zugehörig sind, vollzogen. Dabei nimmt die durchgeführte Handlung für alle Beteiligten einen gleichermaßen besonderen Stellenwert ein. Die zum Ausdruck gebrachte Bedeutung wird von allen verstanden. Wer die Rituale einer sozialen Gemeinschaft kennt und ausführen kann, der gehört dieser Gemeinschaft an, verdient sich Anerkennung und Unterstützung der anderen Mitglieder. Auf diesem Weg findet auch Identitätsstiftung für den Einzelnen beziehungsweise für eine Gruppe statt: Der Einzelne fühlt sich einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppierung durch die Ausführung von ausgewählten Ritualen zugehörig und wird der Gruppe als wertvolles Mitglied akzeptiert. So ist der Akt eines jeden Individuums eingebettet in ein Äkollektives, überindividuelles Strukturmuster“ (STOLLBERGER-RILINGER 2013, S. 13).

Auch, wenn rituelle Handlungen in der gegenwärtigen Zeit vollzogen werden, weisen sie in doppelter Hinsicht über diese Zeitspanne hinaus, denn sie lassen Vergangenes wieder lebendig werden und wirken zudem verbindlich und richtungsweisen d für zukünftiges Handeln der Beteiligten. Symbolische Reproduktion der sozialen Kräfte kann durch Rituale, die das Bindeglied zwischen Individuum und Gemeinschaft bilden, andauern und sich auch wandeln.

ÄEine Sprache, die wir nicht kreiert haben, Werkzeuge, die wir nicht erfunden haben und eine Fülle an Wissen, das von einer Generation zur anderen überliefert wurde, das wir nicht gesammelt haben“ (BERGESEN 1998, S. 49, zitiert nach COLLINS 1985, S. 178).

Die Erfahrungen, die Rituale den Menschen bieten und die sozialen Kräfte, die sich dadurch in konkreten Formen, Interaktionen, Ideen oder materiellen Substanzen entfalten, repräsentieren das Kollektiv der Gemeinschaft, der Gruppe, der Nation oder sonstigen Arten von sozialen Gruppierungen (vgl. BERGESEN 1998, S. 49). Rituelle Aufführungen unterliegen verschiedenen Ordnungsansprüchen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Soziale als Ritual. Das Rauchen
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1.0
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V350662
ISBN (eBook)
9783668372696
ISBN (Buch)
9783668372702
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ritual, soziale Rituale, sozial, Rauchen als Ritual, Rauchen, Gesellschaft, Erziehungswissenschaft, Sozialwissenschaft
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Das Soziale als Ritual. Das Rauchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350662

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