Der wohl deutlichste Unterschied zwischen Mensch und Tier ist die Fähigkeit des Menschen zur Selbstreflektion, das Entstehen eines Bildes von einem selbst durch Reflektion der eigenen Erlebnisse, Erfahrungen oder Emotionen. Dieses „Selbst“ manifestiert unter anderem durch das Selbstkonzept, die Selbstwahrnehmung, Selbstaufmerksamkeit und Selbstregulation. Das Wissen über das Selbst, also die Selbsterkenntnis, wird durch drei verschiedene Prozesse erlangt. Diese Prozesse sind Introspektion, Selbstwahrnehmung und soziale Vergleiche.
Kommunikation als Schlüssel für komplexe soziale Strukturen und Interaktion macht es möglich, sich selbst und seine Erfahrungen, Emotionen und Erlebnisse mit anderen zu teilen. Vergleiche mit anderen Menschen, also soziale Vergleiche, helfen dabei, diese Informationen für sich nutzbar zu machen. Sie beeinflussen somit die Beurteilung und das Erleben von Ereignissen: Wie gut bin ich im Sport? Habe ich in dieser Situation richtig gehandelt? Ist meine Einschätzung angemessen oder hätte ich anders reagieren sollen?
Soziale Vergleiche begegnen einem unweigerlich in jeder alltäglichen Situation: im Büro, bei der Beurteilung der Gerechtigkeit von Aufgabenverteilungen, im Fitnessstudio, wenn es darum geht, wer der Schnellste oder Stärkste ist, oder in sozialen Netzwerken, wenn die Anzahl von Freunden oder Likes verglichen werden. Die Allgegenwärtigkeit von sozialen Vergleichen macht die Theorie sozialer Vergleichsprozesse und der zugrunde liegenden Mechanismen zu einem zentralen Thema der Sozialpsychologie (vgl. Mussweiler, 2006, S. 103).
Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit der Theorie sozialer Vergleichsprozesse von Leon Festinger (1954) und dem aktuellen Stand der Theorie nach Mussweiler (2006). Neue Forschungsergebnisse zur Theorie werden im Anschluss diskutiert.
Die von Mussweiler genannten zentralen Fragen des Forschungsinteresses für soziale Vergleichsprozesse sollen dabei die Struktur dieser Seminararbeit vorgeben:
1. Warum werden soziale Vergleichsprozesse durchgeführt?
2. Wie wird ein Vergleichsstandard ausgewählt?
3. Welche Arten von sozialen Vergleichen gibt es und welche Auswirkungen haben sie auf die Selbstwahrnehmung?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biografie Leon Festinger
3. Hauptteil
3.1 Ursprünge der Theorie sozialer Vergleichsprozesse
3.1.1 Festinger (1942): Anspruchsniveau
3.1.2 Festinger (1950): Informeller Gruppendruck
3.2 Theorie sozialer Vergleichsprozesse
3.2.1 Warum werden soziale Vergleiche durchgeführt?
3.2.2 Wie wird ein Vergleichsstandard ausgewählt?
3.2.3 Welche Arten von sozialen Vergleichen gibt es und welche Auswirkungen haben sie auf die Selbstwahrnehmung?
3.3 Aktuelles Forschungsinteresse
4. Diskussion
4.1 Die Theorie sozialer Vergleichsprozesse im beruflichen Alltag
4.1.1 Motiv der Selbsterkenntnis
4.1.2 Motiv der Selbsterhöhung
4.1.3 Motiv der Selbstverbesserung
4.2 Nutzung der Theorie sozialer Vergleichsprozesse in Medien und Marketing
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit verfolgt das Ziel, die Theorie sozialer Vergleichsprozesse von Leon Festinger (1954) sowie deren aktuelle wissenschaftliche Weiterentwicklungen darzustellen und auf ihre praktische Relevanz im beruflichen Alltag sowie im Marketing zu prüfen.
- Biografische Hintergründe und wissenschaftliche Wurzeln von Leon Festinger
- Detaillierte Analyse der Kerntheorie sozialer Vergleichsprozesse
- Anwendungsbereiche der Theorie in betriebswirtschaftlichen Kontexten
- Psychologische Auswirkungen von sozialen Vergleichen auf die Selbstwahrnehmung
- Einfluss von Medien und Marketing auf Vergleichsprozesse und Konsumentenverhalten
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Warum werden soziale Vergleiche durchgeführt?
Festinger gibt eine Antwort auf diese Frage in Hypothese eins, in der er ein Motiv nach Selbsterkenntnis postuliert, welches Menschen bei der Bewertung der eigenen Fähigkeiten und Meinungen dazu antreibt, sich hinsichtlich dieser mit anderen zu vergleichen. Eine stabile und korrekte Wahrnehmung des Selbst sei notwendig, da Fehleinschätzungen der eigenen Fähigkeiten und Meinungen zu Situationen führen, in denen das soziale Miteinander gestört sei. (vgl. Festinger, 1954, S. 117 f.)
Um eine möglichst akkurate Bewertung des Selbst zu erhalten, müsse man sich mit besonders ähnlichen Personen vergleichen. Ohne Vergleichsstandard sei jedoch eine subjektive Bewertung nicht haltbar. Nach Festinger würden jedoch objektive Standards, also physikalische Überprüfungen, für den Vergleich gegenüber sozialen Vergleichen bevorzugt werden. (vgl. ebd.)
Neuere Forschungen konnten den Primat objektiver Standards empirisch nicht bestätigen. Eine Studie von Klein (1997) zeigte, dass Informationen aus sozialen Vergleichen sogar einen höheren Stellenwert für die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten besitzen als ein verfügbarer objektiver Standard. (vgl. Mussweiler, 2006, S. 104; vgl. Fischer und Wiswede, 2009, S. 179)
Zudem geht Festinger davon aus, dass der Vergleich sich immer auf Fähigkeiten und Meinungen bezieht. Jedoch können Vergleiche mit einer Vielzahl an Vergleichsgegenständen vollzogen werden. Hierzu zählen neben Fähigkeiten und Meinungen auch Gefühle, Status und Ergebnisse (vgl. Fischer und Wiswede, 2009, S. 172).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der sozialen Vergleichsprozesse als zentrales sozialpsychologisches Thema ein und skizziert die Forschungsfragen der Arbeit.
2. Biografie Leon Festinger: Dieses Kapitel beleuchtet den Lebensweg und die akademische Prägung von Leon Festinger durch Kurt Lewin sowie die Entstehung seiner Forschungsschwerpunkte.
3. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die theoretischen Ursprünge bei Festinger, erläutert die Hypothesen der Theorie sozialer Vergleichsprozesse und diskutiert aktuelle Forschungsergebnisse.
4. Diskussion: Das Kapitel überträgt die theoretischen Erkenntnisse auf praktische Anwendungsszenarien im beruflichen Alltag sowie auf Strategien im modernen Marketing.
5. Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über die Bedeutung der Theorie für die moderne Sozialpsychologie und die Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Soziale Vergleichsprozesse, Leon Festinger, Sozialpsychologie, Selbsterkenntnis, Selbsterhöhung, Selbstverbesserung, Vergleichsstandard, Gruppendruck, kognitive Dissonanz, Medienpsychologie, Konsumentenverhalten, Selbstwahrnehmung, Selbstwertgefühl, soziale Interaktion, psychologische Forschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die sozialpsychologische Theorie sozialer Vergleichsprozesse, die 1954 von Leon Festinger formuliert wurde, und deren Bedeutung für das menschliche Selbstbild.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die Motivation hinter sozialen Vergleichen, die Auswahl von Vergleichsstandards sowie die Auswirkungen dieser Vergleiche auf die individuelle Selbstwahrnehmung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, die theoretischen Grundlagen von Festinger mit moderner Forschung zu verknüpfen und deren Relevanz für den Berufsalltag und das Marketing aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Seminararbeit, die auf einer fundierten Literaturanalyse und der Aufarbeitung relevanter sozialpsychologischer Studien basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historischen Wurzeln (Anspruchsniveau, Gruppendruck), die systematische Darstellung der Festinger'schen Hypothesen und die aktuelle Forschungslage nach Mussweiler.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Soziale Vergleichsprozesse, Selbstbild, Selbsterkenntnis, Motivationspsychologie und angewandte Sozialpsychologie.
Welche Rolle spielt die "Selbsterhöhung" im Berufsleben?
Selbsterhöhung dient dem Schutz und Aufbau des Selbstwertes, indem Personen sich mit anderen vergleichen, die in einer bestimmten Dimension schlechter abschneiden, was bei kritischen Ereignissen entlastend wirken kann.
Wie nutzen Medien soziale Vergleichsprozesse?
Medien nutzen durch idealisierte Darstellungen gezielt Vergleichsprozesse, um Emotionen wie Neid auszulösen, die wiederum eine Kaufhandlung motivieren können.
- Arbeit zitieren
- Patrick Ventur (Autor:in), 2015, Soziale Vergleichsprozesse. Theorien nach Leon Festinger und Thomas Mussweiler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350689