Ein Schluss vom Denken auf das Sein?! Hilary Putnams "Gehirn im Tank"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

20 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Versuch der Einordnung des GiT
1.1 Von Descartes zum Außenweltskeptizismus
1.2 Monismus und der Wandel der Fragestellung in der Philosophie des Geistes

2. Das Gehirn im Tank
2.1 Voraussetzungen: Zwillingserde
2.2 Vorgehen
2.3 Konsequenzen

3. Einwände gegen und Kritik an Putnams Konsequenzen aus dem GiT
3.1 Einwände gegen die Grundlage, den semantischen Externalismus
3.2 Einwände gegen das Schlussverfahren
3.3 Kritik an der Reichweite des Arguments

4. Fazit

5. Literatur

„Wer recht erkennen will,

gezweifelt haben.“[1]

muss zuvor in richtiger Weise

Dieses Zitat, das Aristoteles nachgesagt wird, betont den Wert des Zweifels für die Erkenntnis. Der Zweifel ist demnach nicht seiner selbst wegen sinnvoll, sondern vielmehr aufgrund seines Mitwirkens im Erkenntnisprozess. Skeptiker zweifeln nicht an unserer Wahrnehmung oder unserer Erkenntnisfähigkeit, um diese tatsächlich grundsätzlich zu verneinen[2], sie nutzen die Skepsis als epistemologische Methode, um Altbekanntes erneut zur Diskussion zu stellen und somit neues Wissen oder neue Perspektiven zu generieren. Dieses Vorgehen trägt der griechischen Übersetzung – ,sképsisʻ als „Betrachtung, Untersuchung, Prüfung“[3] - Rechnung, die allein den Moment der berechtigten, kritischen Nachfrage in sich trägt.

In diese Tradition der methodischen Skepsis reihen sich u.a. René Descartes und Hilary Putnam ein, deren Vorgehen ich im Folgenden betrachten möchte. Die Vorstellung Descartes soll hierbei jedoch eher als Ausgangspunkt für Putnams Gedankenexperiment 'Gehirn im Tank'[4] dienen, das in dieser Arbeit ausführlich besprochen werden soll. Hierfür möchte ich eine kurze Einordnung des GiT in die philosophische Debatte vornehmen, um anschließend das argumentative Vorgehen Putnams genauer darzulegen. Es folgen aus der Literatur entnommene und eigene Kritikpunkte an Putnams Konsequenzen.

1. Versuch der Einordnung des GiT

Die Landschaft einer philosophischen Debatte ist häufig sehr weitläufig, denn oft reicht sie weit in die Historie zurück und findet Austragungsorte in den verschiedensten Teildisziplinen der Philosophie.

So verhält es sich auch mit dem GiT, was dessen Einordnung zu einem komplexen Unterfangen macht. Es sind im Grunde mächtige Begriffe wie Realismus, Internalismus/ Externalismus, Geist und Körper zu klären, hinter denen eine mehr oder weniger ausführliche philosophische Debatte steckt. Ich kann eine solch umfassende Erläuterung nicht leisten, möchte aber die Termini soweit aufschlüsseln, dass sie folgende sehr konzentrierte Analyse von Putnams ,Vorhaben GiTʻ erklärbar machen:

Putnam nutzt das Gedankenexperiment des GiT, dessen Skeptizismus er mithilfe seines semantischen Externalismus als nicht haltbar auszeichnet, um gegen den metaphysischen Realismus zu argumentieren. Mit dessen Verwerfung löse sich nach Putnam auch die Frage eines Körper/Geist-Verhältnisses auf.

1.1 Von Descartes zum Außenweltskeptizismus

Bereits in der Antike war das Verhältnis von Körperlichkeit und Geistigkeit[5] Bestandteil der philosophischen Debatte. Die Frage, ob und wenn ja, wie geistige und körperlichen Zuständen zusammenhängen, ist somit keine neue. Explizit gemacht wird sie jedoch erst mit René Descartes, der sich in seinen Meditationen über die Erste Philosophie mit dem Leib-Seele-Problem skeptisch auseinandersetzt. Hierfür hinterfragt er unser vermeintliches Wissen über unsere Körperlichkeit und unseren Geist auf mehreren Ebenen:

1) Können wir wirklich sicher sein, dass unsere Sinne die Realität wiedergeben?

⃗ Diese Frage zielt auf die Sinneswahrnehmung, der wir nicht mehr vertrauen können, wenn sie einmal getäuscht wurde bzw. wenn wir einmal von unseren Sinnen getäuscht wurden. Denn „es ist eine Klugheitsregel, niemals denen volles Vertrauen zu schenken, die uns auch nur ein einziges Mal getäuscht haben.“[6]

2) Können wir uns sicher sein, nicht in diesem Moment zu träumen?

⃗ Diese Frage hat einen größeren Umfang als die erste Frage, denn es geht im Traum nicht um einzelne Sinneseindrücke, sondern um „jene Einzelheiten“[7], die einen Traum im Ganzen eben so realistisch erscheinen lassen und eine Unterscheidung zwischen Traum und Wachsein erschweren.

3) Können wir sicher sein, nicht von einem bösen Geist in allem, was wir vermeintlich wahrnehmen und wissen, getäuscht zu werden?

⃗ Diese Frage hat die größte skeptische Reichweite, da wir aus dieser Perspektive auch mathematische und analytische Erkenntnis infrage stellen müssen, da all unsere Denkstrukturen und Überzeugungen grundsätzlich falsch sein könnten.

Von diesem Punkt des Zweifels möchte Descartes nun Erkenntnis und Wissen finden, „das gewiß und unerschütterlich ist“[8]. Ausgehend von einem bösen Täuschergeist, gesteht er ein, dass er sich seiner Körperlichkeit nicht sicher sein könne. Allein das Denken bzw. der Geist wären gesichert.[9]

Dieses Denken, auch denkenden Substanz genannt, ist von der ausgedehnten Substanz zu unterscheiden, die sich in Körperlichkeit ausdrückt, also z.B. meinen Arm formt. Dies führte Descartes zu einem Dualismus[10], genauer dem Substanzdualismus: Res cogitans[11] und res extensa.

Die Sicherheit der Wahrnehmung von Zuständen des res cogitans entfällt für den Bereich der res extensa[12]. Hieraus ergibt sich das Außenwelt-Problem bzw. der Außenweltskeptizismus, das alles Wissen über die Beschaffenheit unserer Außenwelt anzweifelt[13]. Gegen diese Haltung bringt Putnam seine Auslegung des GiT vor.

Aus der Annahme zweier Substanzen ergibt sich zudem „das Problem der Wechselwirkung von Leib und Seele [… , was zu] einer wirkmächtigen Fragestellung der neuzeitlichen Philosophie“[14] geworden ist: Wie verhalten sich mentale zu körperlichen Zuständen?

Antworten gibt es in vielen Variationen. Descartes selbst nahm an, Geist und Körper sind voneinander verschieden, können jedoch mithilfe der Zirbeldrüse interagieren. Andere dualistische Positionen nahmen andere koordinierende Instanz (z.B. Gott) in ihre Erklärung auf.

1.2 Monismus und der Wandel der Fragestellung in der Philosophie des Geistes

Der philosophische Behaviorismus interpretiert mentale Zustände als „Dispositionen […], sich unter bestimmten Umständen in bestimmter Weise zu verhalten“, und reduziert so Mentales auf Verhalten. Wie diese Position ist auch die Identitätstheorie monistisch. Sie besagt, dass mentale Zustände mit physische Zustände des Gehirns identisch sind. Der Funktionalismus sagt hingegen, mentale Zustände seien funktionale Zustände, die in den meisten Ausdeutungen der Theorie physisch realisiert werden. Dies ermöglicht eine bessere Erklärung der multiplen Realisierung mentaler Zustände gegenüber der Identitätstheorie.

Eine funktionalistische Antwort gab zunächst auch Putnam in seinem Buch Mind, Language and Reality [15]. Später distanzierte er sich von dieser Position[16] und postulierte mit seiner sich verstärkenden semantisch-externalistischen Position, Bedeutung entstehe nicht allein im Kopf der Sprecher, sondern werde von der Außenwelt mitbestimmt. Daher sind auch Gedanken keine rein internen Zustände[17] und können somit nicht funktionalistisch gedeutet werden.

Dieses Vorgehen zeigt eine Wende u.a. in Putnams philosophischen Denken an[18]:

Seit etwa Mitte der 70er Jahre hat sich in der analytischen Philosophie um die [... Frage nach den Bedingungen und dem Gehalt mentaler Zustände, Anm. d. Verf.] eine Diskussion entsponnen, die eine Verlagerung des Interesses markiert, von der ,klassisch‘ aufgefaßten Problematik des Körper/Geist-Problems zu einer Auffassung des Themas, das sich auf die Individuierung mentaler Gehalte konzentriert.

Daß ein Zusammenhang mit und Interesse an dieser klassischen Problematik auch in der Debatte um den Externalismus noch gegeben ist, ist nicht zu bezweifeln, denn offensichtlich ist die Frage danach, wer oder was festlegt, woran man denkt, nicht unabhängig von der Frage zu lösen, was für eine Art ,Ding‘ der Geist ist.[19]

Dieses Zitat macht die Verzweigung unterschiedlicher Felder der Philosophie deutlich. So kann man die Probleme der Sprachphilosophie nicht ohne Voraussetzungen bzw. Festlegungen im Bereich der Metaphysik verstehen. Diese Festlegungen sind jedoch nicht immer direkt zu erkennen, sondern müssen erschlossen werden. Ich halte mich für die folgende Aufzählung eng an Birke, der folgende Gemeinsamkeiten zwischen den Autoren sieht, die sich mit der Externalismus/Internalismus-Debatte in der Philosophie des Geistes beschäftigen:

1) Substanzmonistischer Materialismus, aufgrund der Schwierigkeiten einer dualistischen Position mit der Individuierungsproblematik
2) eine irgendwie geartete Form des ,mentalen Realismus‘
3) „mehr oder weniger direkter Schluß von Erkenntnissen über die Semantik natürlicher Sprache auf die Philosophie des Geistes“[20].

Es scheint also eine enge Verbindung zwischen den Argumenten der Sprachphilosophie und denen der Philosophie des Geistes zu geben, die sich auch Putnam zunutze macht. So ist die theoretische Unterfütterung des GiT sein semantischer Externalismus, der besagt, dass Bedeutung und Extension keine internen, im Individuum isoliert stattfindenden Phänomene sind, sondern sich vielmehr zu großen Teilen aus der (Um)Welt des Individuums speisen.

[...]


[1] Dieses Zitat wird in ähnlicher Form Aristoteles in seinem Werk Metaphysik (drittes Buch) zugesprochen.

[2] Man kann jedoch grundsätzlich methodische und dogmatische Skeptiker unterscheiden, wobei die der zweiten Sorte „nicht mehr suchen, sondern behaupten, gefunden zu haben“ (Achim Engstler, Skeptizismus, in: Peter Prechtl & Franz-Peter Burkhard (Hg.): Metzler Lexikon Philosophie. Metzler, Stuttgart 2008, S. 562) und somit tatsächlich gewisse Fähigkeiten bzw. Möglichkeiten des Wissen negieren. Da es sich bei Putnam jedoch um einen methodischen Skeptiker handelt, der diese Skepsis zudem versucht zu überwinden, werde ich die andere Gruppe nicht weiter erläutern.

[3] Skepsis, in: Das Herkunftswörterbuch. Dudenverlag, Mannheim 1963, S. 647.

[4] Im Folgenden werde ich 'Gehirn im Tank' mit GiT abkürzen und bezeichne damit je nach Kontext sowohl das Gedankenexperiments als auch das Gehirn im Tank selbst, sowohl im Plural als auch im Singular.

[5] Der begriffliche Wandel innerhalb der Debatte hängt mit der sich wandelnden Weltsicht zusammen. So sprechen wir heute nicht mehr von einem Leib-Seele-, sondern eher von einem Körper-Geist-Gegensatz. Weiter werden körperliche Zustände häufig mit Gehirnzuständen in Verbindung gebracht.

[6] René Descartes, Meditationen über die Erste Philosophie. Latein/Deutsch, übersetzt und hrsg. von Schmidt, Gerhart. Reclam, Stuttgart 2008, S. 65.

[7] Ebd., S. 67.

[8] René Descartes, Meditationen über die Erste Philosophie, S. 77.

[9] „Nun aber nehme ich an, irgendein sehr mächtiger und, wenn ich so sagen darf, bösartiger Betrüger, habe mich in allem, soweit es ihm nur irgend möglich war, absichtlich irregeführt. Kann ich mir dann noch das geringste von alledem zuschreiben, was ich zur Natur des Körpers rechnete? Ich stutze, denke nach und überlege hin und her, aber nichts will sich mir zeigen […] Und das Denken? Hier werde ich fündig: das Denken ist es; es allein kann von mir nicht abgetrennt werden.“ Ebd., S. 83.

[10] Ich möchte an dieser Stelle das Ergebnis Descartes' nicht weiter ausführen, da es mir um die skeptische Herangehensweise geht und diese erläutert wurde. Es ist jedoch zu sagen, dass seine Ausführungen noch weitreichender sind als hier dargestellt.

[11] Ebd., S. 86.

[12] Folgende Haltung kann auch als erkenntnistheortischer Idealismus bezeichnet werden: „Ich weiß jetzt, daß die Körper nicht eigentlich von den Sinnen oder von der Einbildungskraft, sondern von dem Verstand allein wahrgenommen werden, und zwar nicht, weil wir sie berühren und sehen, sondern lediglich, weil wir sie denken; und so erkenne ich, daß ich nichts leichter oder evidenter wahrnehmen kann als meinen Geist.“ Ebd., S. 97.

[13] „Ungewissheit besteht laut Descartes nicht nur hinsichtlich der Frage, ob meine Vorstellungen ausgedehnter Dinge diese Dinge adäquat wiedergeben, sondern bereits hinsichtlich der Frage, ob sie überhaupt eine Außenwelt, d.h. unabhängig von mir als denkendem Ich existierende Dinge repräsentiert. Diese zweite Frage bildet das A[ußenweltproblem] im eigentlichen Sinn.“ Achim Engstler, Außenweltproblem, in: Peter Prechtl & Franz-Peter Burkhard (Hg.): Metzler Lexikon Philosophie. Metzler, Stuttgart 2008, S. 55.

[14] Astrid Wagner, res cogitans/res extensa, in: Peter Prechtl & Franz-Peter Burkhard (Hg.): Metzler Lexikon Philosophie. Metzler, Stuttgart 2008, S. 529.

[15] „I shall, in short, argue that pain is not a brain state, in the sense of a physical-chemical state of the brain (or even the whole nervous system), but another kind of state entirely. I propose the hypothesis that pain, or the state of being in pain, is a functional state of a whole organism.“ Hilary Putnam, Mind, Language and Reality. Cambridge University Press, Cambridge 1975, S. 433.

[16] Er erkennt die Schwierigkeiten des Funktionalismus an, das Phänomen der Qualia zu erklären. Er erläutert dies am Beispiel des ,inverted spectrumsʻ in seinem Werk Vernunft, Wahrheit und Geschichte, S. 112ff.

[17] Putnam will dies mit seinem Gedankenexperimenten, die unter Punkt 2 genauer erläutert werden, verdeutlichen.

[18] „In den bisher geschilderten Überlegungen ging Putnam von einer sprach- und theorieunabhängig existierenden Welt aus. Referenz wurde als Relation zwischen den Begriffen unserer Theorie oder Sprache und Teilen dieser Welt betrachtet, und Wahrheit wurde als Entsprechung von Theorie und Welt angesehen. Diese Position, die er nun als externen oder metaphysischen Realismus bezeichnet, hält Putnam nicht mehr für vertretbar. Nach seiner neuen Konzeption, dem internen Realismus, sind Referenz und Wahrheit nur relativ zu einem begrifflichen System bestimmt; die Frage, was wirklich existiert, kann in einem absoluten Sinne nicht gestellt werden.“ Carsten Klein, Hilary Putnam, in: UTB Handwörterbuch der Philosophie, online: http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=42 (letzter Zugriff: 19. Juni 2013)

[19] Markus Birke, Wenn nicht im Kopf, wo dann? LIT Verlag, Münster 1998, S. 16. Mit ,Individuierungsbedingungen‘ meint Birke an dieser Stelle eine begriffliche Abhängigkeit, die die Entität a von der Entität b hat. Diese kommt zustande, wenn die Identität von a nicht ohne Bezugnahme auf b benannt werden kann.

[20] Ebd., S. 16f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Ein Schluss vom Denken auf das Sein?! Hilary Putnams "Gehirn im Tank"
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,5
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V350720
ISBN (eBook)
9783668373525
ISBN (Buch)
9783668373532
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
GiT, Gehirne im Tank, Matrix, Sprachphilosophie
Arbeit zitieren
Lisa Atzler (Autor), 2011, Ein Schluss vom Denken auf das Sein?! Hilary Putnams "Gehirn im Tank", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350720

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