Was spricht für und gegen einen ethischen Relativismus?


Essay, 2010
4 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Um herauszuarbeiten, welche Argumente und Punkte für respektive gegen den moralischen Relativismus sprechen, möchte ich zunächst den Begriff “Relativismus” und seine unterschiedlichen Verwendungsweisen klären.

Ein Relativist behauptet, dass man keine generellen Aussagen über die Welt machen kann. Er sieht sich auf logischer Ebene mit einigen Problemen konfrontiert, die sich im moralischen Relativismus, mit dem ich mich hier beschäftige, nicht ergeben. Daher möchte ich auf diese auch nicht weiter eingehen und meine Ausführungen direkt an die nächste Unterscheidung anfügen.

Gehen wir im Folgenden also vom moralischen Relativismus aus. Dieser lässt sich wiederum in drei Unterpunkte aufteilen: deskriptiver moralischer Relativismus, normativer moralischer Relativismus, metaethischer moralischer Relativismus.

Der deskriptive Relativismus beschäftigt sich, wie jede andere deskriptive Disziplin, mit der Beschreibung der realen Begebenheiten in der Welt, bezogen auf den von ihr untersuchten Gegenstand. So beschreibt der deskriptive moralische Relativismus mit empirischen Mitteln, wie sich Menschen dem Thema Moral gegenüber verhalten. Er erforscht “welche Verschiedenheiten und welche Gemeinsamkeiten man tatsächlich in Bezug auf Werte und Normen beobachtet”[1]. Sein Ergebnis ist, dass Menschen in unterschiedlichen Kulturen, Epochen etc. unterschiedliche moralische Werte haben und unterschiedliche moralische Urteile fällen.

Der normative Relativismus beschäftigt sich mit den Inhalten der Ethik. Er würde eine Aussage wie “handle so, wie Deine Kultur es Dir vorschreibt” behandeln, da sich in ihr eine Vorschreibung/Anweisung befindet. Weiter versucht diese Spielart des moralischen Relativismus herauszufinden, ob es objektive Werte gibt und wenn ja, welche diese sind.

Der metaethische Relativismus hat die Ethik selbst zum Gegenstand. Wie ist die Ethik zu sehen? Kann es eine objektive Ethik geben? Weiter schlüsselt sie Sätze wie “es ist richtig, vorehelich keinen Sex zu haben” auf in “es ist mit meiner Kultur/Zeit/Persön- lichkeit nicht überein zubringen, vorehelichen Sex zu haben”.

Die Frage nach den guten und schlechten Seiten, also den Pro- und Contra-Argumenten soll sich im weiteren um diese, metaethisch moralische, Form des Relativismus drehen. Also um die Berechtigung des Standpunktes, den moralische Relativisten einnehmen, unsere Haltung zu dessen Konsequenzen, nicht um einzelne angewandte moralische Aussagen oder gewonnene, empirische Ergebnisse.

Als einen landläufig positive Eigenschaft des Relativismus[2] wird die Möglichkeit der allgemeinen Akzeptanz von unterschiedlichen Standpunkten in moralischen Fragen und somit der Konfliktvermeidung gesehen. Durch die ihm scheinbar zugrunde liegende Toleranz, scheint er als “Rückfallposition”[3] und sicherer Standpunkt angenehm. Er bezieht die kulturellen und historischen Hintergründe in die Auslegung moralischer Urteile mit ein und trägt so der Tatsache Rechnung, dass es nun einmal unterschiedliche moralische Systeme gibt. Wobei hierbei zu beachten ist, dass er sich nicht aus dem im deskriptiven Relativismus gemachten Erkenntnissen speist. (Sonst würde hier ein naturalistischer Fehlschluss begangen werden.[4] ) Er nimmt weiter die Grundlage für “moralische Überlegenheit bzw. das Monopol auf das Rechthaben in ethischen Fragen”, da man Moral stets im der sie einbettenden Kontext sehen und verstehen muss. So kann z.B. keine Kultur einer anderen vorschreiben, was richtig und was falsch ist. Sich keine Religion moralisch über die andere stellen.

Doch einige Punkte kann der Relativismus nicht erklären bzw. einige Einwände lassen ihn nicht als sinnvoll und unseren Empfindungen angepasst wahrnehmen.

Im Folgenden möchte ich an zwei Beispielen zeigen, dass unsere intuitive Haltung der durch den Relativismus induzierten Haltung widerspricht.[5]

Nehmen wir eine Unterhaltung, die sich so begibt:[6]

Klaus: “Es ist unter keinen Umständen richtig, einen Menschen zu töten.”

Franz: “Es ist unter bestimmten Umständen durchaus richtig, einen Menschen zu töten.”

Wenn wir diese Konversation hören/lesen, scheint es offensichtlich, dass sich beide Aussagen widersprechen. Und würde ein Kommentar wie

Maria: “Da habt ihr ja beide völlig recht, aber warum regt ihr euch so auf?”

folgen, würden wir dieses als “klarerweise unsinnig”[7] empfinden. Trotzdem würde ein Relativist an dieser Stelle sagen, dass sich beide Aussagen (die von Klaus und Franz) nicht widersprechen, da beide -metaethisch analysiert- von den Begebenheiten in ihrer Kultur erzählen und aus dieser heraus urteilen. Man könne nach dieser Auslegung der Aussagen und der Verschiebung auf zwei sich nicht berührende Ebenen, nicht über moralische Urteile streiten. Dies scheint uns, sei es weil es in diesem Beispiel eine sehr grundlegende ethische Frage ist, nicht stimmig. Es “zeigt an, dass wir moralische Urteile nicht für in relevanter Hinsicht kontextabhängig halten.”[8] Der Relativist vertritt hier eine contraintuitive Position.

Ein weiteres Argument ist das Argumentum ad Nazium, das sich die allgemein vertretene Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus zunutze macht. So kann man relativistisch argumentieren, dass die Nationalsozialisten in allem richtig gehandelt haben, da sie sich in einem kulturellen Kontext befunden haben, der ihr Verhalten nicht als falsch deklariert hat. Und weiter, würden wir uns vorstellen, dass die Nationalsozialisten den Zweiten Weltkrieg gewonnen und ihre “kulturellen Werte” verbreitet hätten, müssten wir ebenfalls von einem kulturellen Umfeld ausgehen, das z.B. die Massenvernichtung von Juden für moralisch richtig halten würde. Aber: “It remains intuitively abhorrent to suggest that Nazi values would thereby become right, merely because they would be part of an established culture.”[9] Es scheint, dass wir die Handlungen und Werte, die im Nationalsozialismus vorherrschten, auch im stimmigen kulturellen Kontext nicht für richtig oder wenigstens akzeptabel halten können. Dies zeigt wiederum, dass hier unsere Intuition dem Relativismus entgegensteht.

[...]


[1] Gerhard Ernst (Hrsg.), Moralischer Relativismus, Paderborn 2009: Mentis. S. 7

[2] Ich werde im weiteren „Relativismus“ stellvertretend für „metaethischer moralischer Relativismus“ gebrauchen und diesen nicht mehr explizit ausschreiben und kenntlich machen

[3] Christoph Halbig, Realismus, Relativismus und das Argument aus der Relativität, in Moralischer Relativismus, Paderborn 2009: Mentis. S. 7

[4] Naturalistischer Fehlschluss in dem Sinne, dass man aus einem Seins-Zustand nicht auf einen Sollens-Zustand schließen darf. Also nicht: „Weil es (wahrscheinlich durch kulturelle Unterschiede bedingt) unterschiedliche moralische Systeme und somit unterschiedliche Urteile zu den gleiche Fragen gibt, sollte man auch ein solches pluralistisches System anlegen/annehmen.“

[5] Es handelt sich bei dieser Art von Contra-Argument nicht um logische Widersprüche oder Zirkularitäten, die dann gegen den Relativismus sprechen, sondern um „ein Empfinden, dass es so nicht sein kann“.

[6] Entnommen aus: Gerhard Ernst, Die Objektivität der Moral, Paderborn 2009: Mentis. S. 107

[7] Ebd.

[8] Ebd., S. 108

[9] Piers Benn, Ethics, Montreal & Kingston 1998: McGill-Queen‘s University Press. S. 17

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Was spricht für und gegen einen ethischen Relativismus?
Note
1,5
Autor
Jahr
2010
Seiten
4
Katalognummer
V350721
ISBN (eBook)
9783668373549
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
relativismus
Arbeit zitieren
Lisa Atzler (Autor), 2010, Was spricht für und gegen einen ethischen Relativismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350721

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