Borges' Rosinen


Hausarbeit, 2001

14 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1) Die vier Stufen der Lotterie

2) Die Erklärungsversuche in der Erzählung

3) Die „Rosinen“

4) Das Problem der Existenz

5) Schluß

Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweis

Einleitung

Es muss wohl zuerst der Titel dieser Arbeit erklärt werden: Der Begriff „Rosinen“ in dem Sinne, in dem ich ihn verwenden werde, ist von Vladimir Nabokov und beschreibt Anspielungen, die sich in seinen Romanen finden und sich auf Details aus eigenen oder fremden Werken beziehen. Die Textstelle, die diesen Ausdruck enthält, stammt aus seiner Autobiographie „Erinnerung, sprich“. Nabokov, der begeisterter Schmetterlingssammler war, glaubte als neunjähriger Junge, einen neuen Nachtfalter entdeckt zu haben, erfuhr jedoch durch einen Experten, dass das Tier längst von einem anderen beschrieben wurde. „Ich nahm die traurige Nachricht (,,,)“, schrieb er, „mit größtem Stoizismus entgegen, doch viele Jahre später rechnete ich mittels eines geglückten Stoßes (ich weiß, daß ich die Leute nicht auf diese Rosinen aufmerksam machen sollte), mit dem Entdecker meines Nachtfalters ab, indem ich einem Blinden in einem Roman seinen Namen gab.“ (Nabokov 1995: 179)

Bei der Beschäftigung mit dem erzählerischen Werk von Jorge Luis Borges wurde ich an dieses Zitat erinnert, da ich auch in seinen Erzählungen auf solche „Rosinen“ zu stoßen glaubte. Um welche Anspielungen es sich handelt und was sie zum Verstehen der Geschichte beitragen, möchte ich in dieser Arbeit untersuchen. Ich beschäftige mich dabei nicht mit dem gesamten erzählerischen Werk von Borges, sondern wähle als Betrachtungsobjekt eine Geschichte, mit deren Deutung ich mich unter Beachtung der in ihr enthaltenen „Rosinen“ auseinandersetze.

Ich habe „La Lotería en Babilonia“ gewählt, weil ich sie für ein besonders schönes Beispiel für Borges` Auseinandersetzung mit der Metaphysik halte. Dieses Auswahlkriterium ist natürlich nicht wissenschaftlich, sondern persönliche Präferenz, doch ich werde in meiner Wahl unterstützt durch die Tatsache, dass ich in der von mir konsultierten Literatur nicht sehr viel über diese Erzählung gefunden habe und ich daher glaube, dass es sich lohnt, sie einer näheren Betrachtung zu unterziehen.

Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte werde ich die in ihr auftretenden Namen und Begriffe erklären und der Frage nachgehen, warum sie in Babylon spielt. Ich beginne dabei bewusst mit der Geschichte selbst und sage erst danach etwas zu ihrer Entstehung.[1] In einem weiteren Kapitel behandele ich ihre philosophischen Aspekte, wobei ich auch andere Erzählungen des Autors in meine Betrachtungen mit einbeziehe.

1) Die vier Stufen der Lotterie

„La Loteria en Babilonia“ beschreibt die Entwicklung eines Landes namens Babylon hin zu einer Gesellschaft, in der alles durch den Zufall, durch das Ziehen von Losen in einer Lotterie, bestimmt ist. Diese Entwicklung verläuft in vier Stufen, die von einem Erzähler in der ersten Person beschrieben werden.

Die Geschichte beginnt mit einer Einleitung in zwei Teilen (BF 66, Z.1 - 67, Z. 24). Die im ersten Satz enthaltenen Gegensätze („Como todos los hombres de Babilonia, he sido procónsul, como todos, esclavo; también he conocido la omnipotencia, el oprobio, las carceles.“, ebd Z.1-4) zeigen, dass sich offensichtlich alle Babylonier schon in allen verschiedenen gesellschaftlichen Stellungen befunden haben. Von dieser umfassenden Aussage geht der Erzähler zur Beschreibung von Einzelheiten wie dem Fehlen seines Zeigefingers (ebd., Z.4) über. Der erste Teil der Einleitung schließt ab mit einer allgemeinen Anspielung auf die griechische Philosophie („He conocido lo que ignoran los griegos: La incertidumbre“, BF 66/67, Z. 15/16) und einem erneuten Übergang zum Detail: Es wird erwähnt, dass laut einer antiken Quelle Pythagoras imstande war, sich zu erinnern, wer er in seinen vorigen Leben war. Der Erzähler behauptet, ähnliches erlebt zu haben, und dass dies weder mit Schicksal noch mit Betrug zu tun hat (BF S. 67, Z.7-9). Das zu erwartende „sondern“ nach diesem Satz ist der Anfang des zweiten Teils der Einleitung. Während dem Leser bis zu diesem Punkt keinerlei Erklärung gegeben wurde und er wahrscheinlich nicht weiß, worum es geht, beginnt nun die eigentliche Einleitung für die Entstehungsgeschichte der Lotterie. Der Erzähler versichert darin, dass er, solange er noch in Babylon lebte, nie über dieses Phänomen nachgedacht hatte, da es ein so selbstverständlicher Teil der Realität war, dass es keiner Reflexion darüber bedurfte ( „(...) hasta el dia de hoy, he pensado tán poco en ella como en la conducta de los dioses indiscefrables o de mi corazón.“ BF S. 67, Z. 18-20) Erst jetzt, wo er, wie der Leser erfährt, weit weg von Babylon ist, beginnt er sich über die Lotterie zu wundern. Wer der Erzähler ist und warum er nicht mehr in Babylon ist, wird nicht erklärt, ich werde darauf aber am Schluss zurückkommen. Bei der anschließenden Beschreibung der Entstehung der Lotterie beruft er sich auf seinen Vater, der vom Beginn des Lotteriespiels vor langer Zeit berichtete. Dieses „antiguamente“ ist allerdings keine Umschreibung für einen klar umrissenen Zeitraum, wie der Einschub „cuestión de siglos, de anos ?“ zeigt.

Zu Beginn war die Lotterie in Babylon eine gewöhnliche Lotterie, wie sie heute in vielen Ländern der Welt gespielt wird: Es wurden mit Symbolen verzierte Plättchen verkauft und eine Ziehung entschied, welches Symbol etwas gewonnen hatte. Diese erste Stufe der Lotterie scheiterte jedoch, da sie, so der Erzähler, die Menschen langweilte, denn „No se dirigían a todas las facultades del hombre: únicamente a su esperanza.“ Bekanntlich bringt die Hoffnung auf einen Gewinn jedes Jahr viele Menschen dazu, beträchtliche Summen für das Lotteriespiel auszugeben. Es ist also schon hier zu vermuten, dass es nicht realistisch, sondern symbolisch zu verstehen ist

Um nicht bankrott zu gehen, führten die Organisatoren eine zweite Stufe ein: Die Gewinne wurden mit Gegengewinnen gemischt, die zur Zahlung einer Strafe verpflichteten. (BF S. 68. Z. 15-18). Dies brachte die Babylonier dazu, mitzuspielen. Ab dieser Stufe hieß die die Lotterie organisierende Institution „Die Gesellschaft“ („La Compañía“). Mit dieser Bezeichnung stellt sich Borges in die Tradition von Kriminal- und Verschwörungsgeschichten, in denen geheime Gesellschaften ihre Macht ausüben. In welche Richtung seine literarische Einordnung geht, wird sich noch zeigen.

Oft blieb die Zahlung der Strafe aus, so dass den Schuldnern eine Gefängnisstrafe angedroht wurde, wenn sie nicht bezahlten. „Para desfraudar a la Compañia“ (BF S. 69, Z. 6/7) wählten allerdings alle die Gefängnisstrafe, so dass nach kurzer Zeit die Zahlung zugunsten von einigen Tagen Gefangenschaft abgeschafft wurde. Aus diesem Verhalten entstand „el todopoder de la Compañía, su valor ecclesiastico, metafísico“ (BF 69, Z.8/9). Durch diese Wortwahl lässt sich bereits ahnen, wie umfassend die Macht der Gesellschaft noch werden wird. Die Einführung der Gefängnisstrafe bezeichnet die Einführung nichtpekuniärer Elemente in das Lotteriespiel und somit die dritte Stufe.

An dieser Stelle wird eingefügt, dass die Babylonier der Logik und der Symmetrie sehr ergeben sind und das Missverhältnis zwischen Geldgewinn und Gefängnis natürlich sahen.[2] „Algunos Moralistas“ stellten die Überlegung an, dass Geld nicht das einzige ist, das glücklich macht. Es wird also schon begonnen, eine Rechtfertigung für die durch die Gesellschaft herbeigeführten Schicksalsschläge zu finden.

[...]


[1] Um besser auf Textstellen hinweisen zu können, habe ich die Erzählung jeweils seitenweise mit Zeilennummern versehen, die sich auf die Madrider Ausgabe der „Ficciones“ im Verlag Alianza Editorial von 1997 beziehen. Ich kürze sie im Folgenden mit „BF“ ab.

[2] Mit dem Tempuswechsel folge ich der Erzählung: „(...) el pueblo de Babilonia es muy devoto a la lógica(...)“ (BF 69, Z.19) Die Entwicklung der Lotterie wird im Imperfekt erzählt, allgemeingültige Aussagen wie die oben erwähnte macht der Autor im Präsens.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Borges' Rosinen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Lateinamerika Institut)
Veranstaltung
Cortázar und Borges - Das erzählerische Werk
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
14
Katalognummer
V35073
ISBN (eBook)
9783638351102
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Borges' Rosinen kann man nicht essen. Sie sind intellektuelle Hinweise, Anspielungen und Verweise in seinen Texten, die den Leser verwirren und neugierig machen. Er wird zum Forscher in Borges Universum. Diese Arbeit untersucht Borges' Kurzgeschichte "Die Lotterie in Babylon" anhand ihrer Rosinen. Der Text ist ein schoenes Beispiel fuer Borges' Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz und der Metaphysik.
Schlagworte
Borges, Rosinen, Cortázar, Borges, Werk
Arbeit zitieren
Dinah Stratenwerth (Autor), 2001, Borges' Rosinen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35073

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