Welche Teilaspekte gibt es im Prinzip der Nützlichkeit des Jeremy Bentham und was ist die Funktion seines hedonistischen Kalküls?


Essay, 2015

7 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

„Was ist moralisch verbindlich, und wie kann man es rational begründen?“ Dies ist die Grundfrage des von Jeremy Bentham begründeten Utilitarismus (Höffe, 2013 S.9). 1789 wollte Bentham ein rechtsphilosophisches Werk verfassen, welches ohne herkömmliche Autoritäten wie Gott oder einen Herrscher auskommt. In der Einleitung dieses Werkes stellt er den Utilitarismus als Fundament der Gesetzgebung dar (ebd., S.14). Dieses Essay handelt von der oben genannten rationalen Begründung: Dem Prinzip der Nützlichkeit und dem daraus resultierenden hedonistischen Kalkül (ebd., S.11). Im Folgenden werde ich die vier, bzw. fünf Teilaspekte des Prinzips der Nützlichkeit, nach einer kurzen Definition desselben, darstellen. Im Zuge dessen werde ich bei einem der Teilaspekte auf einen Versuch der Wiederlegung eingehen. Dabei befasse ich mich damit, wie der hedonistische Kalkül, den Bentham der Arbeit des Gesetzgebers zugrunde legt, aus diesem Prinzip der Nützlichkeit entsteht.

Unter dem Prinzip der Nützlichkeit ist jenes Prinzip zu verstehen, das schlechthin jede Handlung in dem Maß billigt oder mißbilligt, wie ihr die Tendenz innezuwohnen scheint, das Glück der Gruppe, deren Interesse in Frage steht, […] zu befördern oder zu verhindern(Bentham,1789 S.56).

Das erste Teilaspekt des Prinzips der Nützlichkeit ist das Konsequenzprinzip. Es besagt, dass Handlungsregeln oder Handlungen nicht von sich aus gut oder schlecht sind, sondern immer nur im Zusammenhang mit ihrenFolgendas Glück der Gruppe vermehren können (ebd.). Beispielsweise würden die meisten Menschen zustimmen, dass Mord verwerflich ist. In Bezug auf Bentham kann nicht behauptet werden, dass die Handlung des Mordens verwerflich ist, da Handlungen in sich keinen moralischen Wert haben, sondern nur die Folge des Mordens. Der Mord eines Tyrannen könnte zur Folge haben, dass ein Genozid oder gar ein Weltkrieg verhindert werden kann. Dem zu Folge wäre die Handlung des Mordens nicht verwerflich, denn sie würde in ihren Folgen sehr viel Leid von einer großen Gruppe von Menschen abwenden.

Dieses Beispiel leitet über zum zweiten Teilprinzip, dem Utilitäts- oder Nutzenprinzip, dem der Utilitarismus auch seinen Namen verdankt (Höffe, 2013 S.10). Die Folgen einer Handlung werden anhand des Nutzens für die Gruppe, deren Interesse erwogen wird, bemessen. Der Nutzen ist entweder Glück zu erzeugen oder Leid abzuwenden (Bentham, 1789 S.56). In Bezug auf das oben genannte Beispiel bedeutet dies, dass der Nutzen, den die Gruppe aus den Folgen des Tyrannenmordes ziehen würde, die Verhinderung eines Weltkrieges wäre.

Der Nutzen, der beim Utilitätsprinzip beschrieben wird, ist nicht der Nutzen für etwaige Ziele, sondern für das, was in sich gut ist. Gemäß des Bentham’schen Utilitarismus ist in sich gut sowohl die maximale Bedürfnis- und Interessenbefriedigung als auch die minimale Frustration. Das heißt, dass als sittlich geboten gilt, was am meisten Lust bereitet oder Unlust vermeidet. In der Folge bedeutet dies, dass der Gratifikationswert einer Handlung das Kriterium zur Beurteilung dieser sein muss. Eine Erläuterung des Gratifikationswertes erfolgt später. Dieser Sachverhalt ist das dritte Teilprinzip, das sogenannte hedonistische Prinzip (griech. hedon = Lust). (Höffe, 2013 S. 10f)

Dem hedonistischen Prinzip liegt die Überzeugung zu Grunde, dass Lust und Leid die beiden übergeordneten Prinzipien sind, nach denen der Mensch seinganzesHandeln ausrichtet (Bentham, 1789 S. 55). Der Hedonismus hat also eine methodisch doppelte Funktion: Erstens bestimmt er in seiner normativen Funktion, als Teilkriterium des moralisch Richtigen, wie der Mensch handelnsoll. Zweitens bestimmt er in seiner deskriptiven Funktion, als Grundstruktur der menschlichen Motivation, wie der Mensch handelnwird. Implizit wird von Bentham die These vertreten, dass beide Funktionen miteinander vereinbar sind. Aus dieser Überlegung ergibt sich folgendes Problem. In seiner deskriptiven Funktion begründet der Hedonismus einen psychologischen Egoismus. Der einzige Ansporn menschlichen Handelns, die Maximierung der Freude und Minimierung des Leids, lassen den Menschen nach einer Maximierung der Freude für sich selbst streben. Dieser Sachverhalt stellt sich gegen das weiter unten genauer erklärte Sozialprinzip, welches davon handelt, dass nach einer Maximierung des Glücks für alle gestrebt werden muss. Der Mensch wird also zu einer Handlung aufgefordert, die er seiner Natur gemäß nicht vollbringen kann, da seine grundlegende Motivationsstruktur dies verhindert (Höffe, 2013 S.16).

Dieses Problem wird von der impliziten Prämisse gestützt, dass persönliches und allgemeines Wohlergehen nicht miteinander verknüpfbar sind. Laut Höffe gibt es zwei Argumentationsstrukturen, welche eine Kongruenz, also eine Übereinstimmung der Beiden, begründen und somit das Problem der hedonistischen Motivationsstruktur aufheben. Die eine Argumentation zielt darauf ab, eine natürliche Kongruenz zu beweisen, wobei es nach Höffe hierfür zwei verschiedene Wege gibt, die andere hingegen eine künstliche Kongruenz zu konstruieren (ebd.). Es werden nun beide Ansätze von mir dargelegt. Da Bentham sich auf die künstliche Kongruenz bezieht, werden die Argumentationswege zum Beweis einer natürlichen Kongruenz von mir nur in ihren Grundzügen beschrieben.

Der erste Weg zur Begründung einer natürlichen Kongruenz bzw. einer natürlichen Interessenharmonie von persönlichem und allgemeinem Wohlergehen, findet sich schon bei der frühliberalen Nationalökonomie, welche beispielsweise von Adam Smith dargelegt worden ist. Hiernach entsteht dadurch, dass jeder nur seinen eigenen Vorteil sucht, der größte (wirtschaftliche, also gemeinschaftlicher) Nutzen. Deswegen wird der freie Markt auch als optimale Verkehrsform gesehen (ebd.). Die zweite Begründung einer natürlichen Kongruenz lässt sich wie folgt zusammenfassen. Es wird die These aufgestellt, dass langfristig das eigene Glück nur angestrebt werden kann, wenn man das Glück der Allgemeinheit anstrebt. Begründet wird dies damit, dass die Menschen in vielfältiger Abhängigkeit zueinander stehen. Kurzfristig kann es passieren, dass persönliches und allgemeines Glück nicht identisch ist. Langfristig wird es dies aber aus dem bereits dargelegten Grund immer sein (ebd., S.17).

;Die These der künstlichen Kongruenz wird wie folgt aufgestellt. Da nicht jeder stets seine kurzfristigen Interessen zugunsten der langfristigen, also denen der Allgemeinheit, zurückstellt, wird ein System aus Sanktionen benötigt, welches die langfristige Interessenharmonie kurzfristig sicherstellt. Bentham nennt dieses System hedonistischen Kalkül. Seiner Meinung nach kommen diese benötigten Sanktionen vom Staat. Dieser hat als Ziel die Vermeidung von Leid oder die Erzielung von Freude zu gewährleisten (Bentham, 1789 S.78). In der Einleitung seines Werkes verknüpft er das hedonistische Kalkül mit der Rechtswissenschaft (Höffe, S. 17). Seine Lösung des Problems der Interessenharmonie hat zwar auch Schwachstellen, allerdings würde es den Umfang dieses Essays überschreiten sie genauer darzustellen. ;

Die Funktion des hedonistischen Kalküls ist bereits erwähnt worden. Nun wird der Kalkül als fünftes Teilprinzip, dem Prinzip der Berechenbarkeit und der daraus folgenden Nachvollziehbarkeit, kurz dargestellt. Der hedonistische Kalkül ist als Instrument gedacht den Wert der Folgen einer Handlung, also die daraus resultierenden Freuden oder Leiden, zu erkennen um die Handlung bewerten zu können (Bentham, 1789 S.78).

;Um dies zu erreichen, definiert Bentham zuerst die vier Aspekte, nach denen eine Freude oder ein Leid generell, unabhängig von einer Handlung, in Bezug auf einen einzelnen Menschen bewertet werden kann: Erstens die Intensität, also Stärke der Freude, oder des Leids. Zweitens die Dauer des Empfindens. Drittens die Gewissheit oder Ungewissheit, dass sie eintritt und viertens die Nähe oder Ferne der Betroffenheit, also wie stark der Handelnde von den Folgen betroffen ist. Jedem dieser Aspekte wird ein Wert in Form einer Zahl zugeschrieben (ebd.). Um aber den Wert der Handlung definieren zu können, müssen zwei weitere Aspekte berücksichtigt werden. Einerseits die Folgeträchtigkeit, das heißt die Wahrscheinlichkeit, dass Empfindungen derselben Art mittelbar, also in zweiter Instanz folgen und die Reinheit der Empfindung. Die Reinheit beschreibt die Wahrscheinlichkeit, dass keine entgegengesetzte Empfindung in der Folge eintritt. Auch diesen Aspekten wird ein Wert in Form einer Zahl zugeschrieben (ebd., S.79). Die Summe der Freude wird mit den Werten des Leiden gegengerechnet. Das Ergebnis gibt den Gratifikationswert der Handlung an. Wenn die Freuden überwiegen, ist die Handlung in Bezug auf diese Person eine gute, falls die Leiden überwiegen eine schlechte.

Dieser Vorgang muss nun für jede Person wiederholt werden, welche von den Folgen der Handlung betroffen sein könnte. Die resultierenden Gratifikationswerte aller Personen werden anschließend addiert. Ergibt sich ein Übergewicht der Freude handelt es sich um eine tendenziell gute Handlung in Bezug auf die betroffenen Individuen der Gemeinschaft, also um eine Handlung welche ausgeführt werden sollte, oder anders gesagt, bei der es nicht schlecht falsch wäre sie auszuführen (ebd., S.80).

Es mag aufgefallen sein, dass bisher das Prinzip der Nützlichkeit beschrieben, nicht aber begründet wurde. Das liegt daran, dass Bentham von einer normativen Richtigkeit des Prinzips ausgeht. Seiner Meinung nach kann das, was dafür gedacht ist, etwas Anderes zu beweisen, also in diesem Fall die richtige Handlungsweise, nicht begründet werden. Er führt an, dass eine Beweiskette an einer Stelle beginnen muss und diese sieht Bentham bei dem Prinzip der Nützlichkeit, als etwas das dem Menschen natürlicher Weise eigen ist (ebd., S.58f). Er stellt ebenfalls die These auf, dass jeder, der versucht gegen das Prinzip zu argumentieren, sich an einer gewissen Stelle immer wieder auf das Prinzip beruft (ebd., S.58ff). Diesen Sachverhalt jedoch weiter zu erläutern überschreitet den Umfang dieses Essays und ist deswegen nur eine Randbemerkung.

Das Sozialprinzip wurde bereits erwähnt, soll jedoch nun als viertes Teilprinzip des Prinzips der Nützlichkeit genauer erläutert werden. Eine Handlung soll nach dem Nutzen ihrer Folgen fürdas Interesse der Gemeinschaftbeurteilt werden. Hierbei meint Interesse der Gemeinschaft, „[d]ie Summe der Interessen der verschiedenen Glieder, aus denen sie sich zusammensetzt“ (ebd., S.57). Im Beispiel bedeutet dies, dass der Tyrannenmord nur dann zulässig ist, wenn die Interessen der zu berücksichtigenden Gruppenmitglieder, den Tyrannen zu töten, die der Gruppenmitglieder, welche dagegen sind, überwiegen. Die zu berücksichtigenden Gruppenmitglieder sind hierbeialledie, deren Interessen von der Handlung des Tyrannenmords beeinflusst werden (ebd., S.80).

Die Teilaspekte des Prinzips der Nützlichkeit lauten also zusammenfassend: Konsequenzprinzip, Utilitätsprinzip, Sozialprinzip und hedonistisches Prinzip. Konsekutiv ergibt sich, da das hedonistische Prinzip eine methodische Doppelfunktion aufweist, das Prinzip der Berechenbarkeit, der hedonistische Kalkül. In Bezug auf die eingangs gestellte Frage lässt sich als Antwort somit der utilitaristische Imperativ geben: „Handle so, daß die Folgen deiner Handlung bzw. Handlungsregel für das Wohlergehen aller Betroffenen optimal sind“ (Höffe, 2013 S.11).

Literaturverzeichnis

Bentham, Jeremy (1789):Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung.In: Höffe, Otfried (Hrsg.) (2013)Einführung in die utilitaristische Ethik. 5. Auflage, Tübingen: Narr Francke Attempto.

Höffe, Otfried (Hrsg.) (2013):Einführung in die utilitaristische Ethik. 5.Auflage, Tübingen: Narr Francke Attempto.

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Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Welche Teilaspekte gibt es im Prinzip der Nützlichkeit des Jeremy Bentham und was ist die Funktion seines hedonistischen Kalküls?
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
7
Katalognummer
V350953
ISBN (eBook)
9783668374225
Dateigröße
713 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Ethik, Utilitarismus, Jeremy Bentham, Prinzip der Nützlichkeit, hedonistischer Kalkül, hedonistisches Kalkül, Moralphilosophie, Englische Philosophie, Handeln
Arbeit zitieren
Gereon Arntz (Autor), 2015, Welche Teilaspekte gibt es im Prinzip der Nützlichkeit des Jeremy Bentham und was ist die Funktion seines hedonistischen Kalküls?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350953

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