Vom Platz zum Viertel. Die Entwicklung des Lübecker Marktes im 14. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

39 Seiten, Note: 1,0

Kevin Witte (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung: Der mittelalterliche Markt Lübecks
2.1 Der mittelalterliche Markt
2.2 Der Lübecker Markt zum Ende des 13. Jahrhunderts

3. Die Ursachen
3.1 Die Überfüllung
3.2 Die Motivation der Handelnden
3.3 Die rechtlichen Rahmenbedingungen

4. Die Wirkung
4. 1 Die anderweitige Nutzung
4.2 Die Verödung
4.3 Vom Marktplatz zum Viertel

5. Schlussbemerkung

Abbildungs- und Literaturverzeichnis
Abbildungen
Literatur

Anhang

1. Einleitung

Im 14. Jahrhundert war der Marktplatz von Lübeck einigen Veränderungen unterworfen: Die vormals zum Markt ziehenden Händler hatten begonnen aus ihren Häusern heraus zu verkaufen; es bildeten sich Marktviertel und Ballungsgebiete. Verschiedenste Faktoren nahmen Einfluss auf diese Entwicklung und stellen interessante Untersuchungsaspekte für diese Ausarbeitung dar. Weiterhin lassen sich auch die Folgen miteinbeziehen: Lässt sich eine Dezentralisierung und Verödung vermuten? Was waren die Ursachen für diese Entwicklung? Wie veränderte sich allgemein der Marktplatz des mittelalterlichen Lübecks?

Der Markt war elementarer und polyfunktionaler Bestandteil der mittelalterlichen Stadt. Dieses wichtige Element war auf verschiedenen Ebenen (topographisch, gesellschaftlich, sozial und rechtlich) in die Stadt eingebettet. Eine eingehende Untersuchung des Marktes und der auf ihn bezogenen Entwicklungen wirft viele Streiflichter auf entscheidende Aspekte der mittelalterlichen Stadtgeschichte. Auch wenn versucht wird den mittelalterlichen Markt allgemein zu erfassen, so wird sich doch wesentlich konzentriert auf spätmittelalterliche (Mitte 13. bis Anfang 16. Jahrhundert) mitteleuropäische und vornehmlich deutsche Städte und Märkte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass im Fokus dieser Arbeit der lübeckische Markt und ihn betreffende Entwicklungen im 13. und 14. Jahrhundert stehen.

Bei dieser Untersuchung wird derart vorgegangen, dass zunächst allgemein der Markt des Mittelalters charakterisiert wird (2.1), um anschließend zu prüfen, ob diese Charakteristika auf den Lübecker Markt übertragbar sind (2.2). Die Ursachen für die eingangs beschriebene Entwicklung werden im darauffolgenden Kapitel erörtert: Zum einen die Überfüllung des Lübecker Marktes (3.1), zum anderen die rechtlichen Rahmenbedingungen, die für die Möglichkeiten einer Entwicklung entscheidend waren (3.3). Nicht unberücksichtigt sollen die Motivationen und Beweggründe der eigentlichen Akteure auf dem Markt bleiben (3.2).

Nach Erörterung der Ursachen schließt in Kapitel 4 eine Wirkungsbeschreibung an. Aus der Dezentralisierung ergibt sich die Möglichkeit der anderweitigen Nutzung des Marktes – oder sorgte diese anderweitige Nutzung erst für eine Dezentralisierung? (4.1) Zu diskutieren ist ebenso, ob der Begriff der Verödung seine Berechtigung im Kontext einer Dezentralisierung hat (4.2). Das abschließende Kapitel greift die Zustandsbeschreibung des Lübecker Marktes zum Ende des 13. Jahrhunderts aus Kapitel 2.2 wieder auf: Es beschreibt, wie sich die Dezentralisierung und Entwicklung konkret auswirkt und wie sich der zentrale Marktplatz zu einem Marktviertel entwickelte (4.3).

Bezüglich der Verwendung von Quellen in dieser Arbeit ist anzumerken, dass der Zugang zu adäquaten Quellen für die Untersuchungsfrage schwierig war. Zum einen liegt ein Großteil nur ohne Übersetzung in Mittelniederdeutsch vor, dies erschwert den Zugang. Zum anderen hätte im Rahmen einer Hausarbeit keine quantitativ-signifikante Auswertung stattfinden können – was für die Problemstellung jedoch notwendig wäre. Methodisch eine Quelle herauszuziehen und als Repräsentation für alle anderen darzustellen widerspricht dabei meines Erachtens der wissenschaftlichen Arbeit; müssten doch beispielsweise alle Quellen zu Grundstücksbewegungen in oder aus den Händen von Handwerkern ausgewertet werden, um auf Quellengrundlagen Aussagen darüber treffen zu können. Da dies nicht in Kürze geleistet werden kann, verlasse ich mich auf die Arbeiten und Auswertungen Anderer zu diesem Thema und sichere die eigenen Schlussfolgerungen durch eine kritische Bewertung, breit gefächerte Literaturgrundlage und archäologische Ausgrabungsergebnisse ab.

2. Einführung: Der mittelalterliche Markt Lübecks

Im einführenden Kapitel wird zunächst allgemein der mittelalterliche Markt dargestellt. Auch wenn versucht wird, eine allgemeine Definition von „Stadt“ und „Markt“ zu geben, so muss sich dennoch räumlich auf deutsche Städte des Spätmittelalters (ca. Mitte des 13. Jahrhunderts bis zum Ende des 16. Jahrhunderts) konzentriert werden. Deutsch meint in diesem Kontext das Gebiet des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation nördlich der Alpen – es kommen jedoch auch Beispiele etwa aus England vor. Es wird auf definitorische Merkmale eingegangen, etwa die rechtlichen Rahmenbedingungen, die genuinen Funktionen des Marktes sowie seine Verortung im Stadtgrundriss. Daran schließt sich die spezifische Betrachtung des Lübecker Marktes an. Fokussiert wird sich dabei auf die für die Fragestellung entscheidenden Aspekte.

2.1 Der mittelalterliche Markt

Die deutsche Stadt des Spätmittelalters konnte im Wesentlichen durch ihre Ökonomie und ihr Recht definiert werden. Der Stadtrat regelte im Interesse ihrer Bürger die Wirtschaft und schützte den städtischen Markt. Dieser diente zur Bedürfnisbefriedigung der Bewohner und als Absatzmarkt der städtischen Produktion, ebenso fand hier der Warenaustausch zwischen Stadt und Land statt. Der Markt spielte eine wichtige polyfunktionale Rolle. Politisch war die Stadt definiert durch ihr eigenes Recht, unabhängig vom Landrecht. Das Bindeglied zwischen rechtlichen und wirtschaftlichen Aspekten war die Stadtwirtschaftspolitik.[1]

Der Schwerpunkt der vorliegenden Ausarbeitung liegt auf dem Markt als eines der konstituierenden Elemente der mittelalterlichen Stadt. Damit zusammenhängend können verschiedene Perspektiven eingenommen und unterschiedliche Aspekte betrachtet werden, etwa die Topographie des Marktes. Diese war geprägt durch zweckmäßig-funktionale und entwicklungsgeschichtliche Faktoren. Topographische Typen waren der zentrale, häufig rechteckige Platz sowie Straßen-, Brücken- und Ufermärkte.[2] Diese Typeneinteilung rekurriert darauf, welche Erscheinungsform der Markt hatte und wo er in der Stadt zu verorten war. Das konnte an einem zentralen Platz, auf den die Straßen der Stadt zuliefen, oder an den Rändern der wichtigen Hauptstraßen sein. Diese waren selbst zumeist die Fortsetzung der bedeutenden Handelswege zwischen den Städten. Stellenweise bildeten sich je nach Lage der Stadt auch Ufermärkte. Die Kaimauer wurde erweitert und als Verkaufsfläche in Beschlag genommen, die Ware wurde stellenweise direkt von den Schiffen aus verkauft.[3]

In der mittelalterlichen Stadt konnte dem Markt eine polyfunktionale Rolle zugerechnet werden. Was ist damit gemeint? Der Markt übernahm die Distribution von Lebensmitteln und Waren, die die Stadtbevölkerung auf dem Markt erwerben konnte und die lebensnotwendige Bedarfe deckten. Gleichzeitig konnten sowohl städtisch-handwerkliche als auch Agrarprodukte der Landbevölkerung auf dem Markt in Eintausch gegen Geld umgesetzt werden. Die Bewohner der mittelalterlichen Stadt waren keine subsistenzwirtschaftende Dorfgemeinschaft; die Stadt war auf die Arbeitsteilung zwischen der Stadt- und Landbevölkerung angewiesen.[4] Die produzierte Nahrung wurde auf dem städtischen Markt veräußert, während gleichzeitig von dort die Waren des städtischen Handwerks bezogen worden waren.[5]

Zudem war der Marktplatz auch der gesellschaftliche Treffpunkt der Stadtbewohner. Hier wurden Neuigkeiten ausgetauscht, es fanden Verkündigungen, Verhandlungen oder Eidesleistungen statt. Durch diese Akte stellte der Markt auch einen öffentlichen Raum für die rechtsprechenden Institutionen sowie für den Stadtherrn dar. Zum Spätmittelalter war dies meist der Rat, dessen repräsentatives Rathaus sich häufig am Marktplatz befand.[6] Gebäude wie eben das Rathaus, aber auch die städtische Waage oder Bestrafungsinstrumente, etwa der Pranger, wurden öffentlichkeitswirksam direkt am Markt platziert. Deutlich zeigten diese den Marktteilnehmern, dass hier Recht gesprochen und durchgesetzt wurde.[7]

Für diesen städtischen Raum wurde ein regulierender Rahmen durch die Stadtobrigkeit gesetzt; die rechtliche Handhabe lag bei dieser. In den häufigsten Fällen bildete der initiale Rechtsakt eine Privilegienverleihung durch den König. Er stattete die Stadt mit Freiheiten und Rechten aus. Diese beinhalteten üblicherweise unter anderem auch, dass ein Markt abgehalten, reguliert und Fehlverhalten sanktioniert werden durfte. Die Aufgaben fielen der verwaltenden und richtenden Stadtobrigkeit zu.[8] Im Detail wurden durch den Rat viele Aspekte des Marktgeschehens reguliert: Der städtische Wochenmarkt fand zu festgesetzten Zeiten statt, teilweise auch zu mehreren Tagen in der Woche. Stellenweise wurde hier noch weiter spezifiziert, zu welchen Zeiten welche Waren verkauft werden durften. Zusammenhängend mit der Stadtentwicklung bildeten sich Spezialmärkte heraus. Diese richteten sich nach Platzbedarf oder Verschmutzungsgrad der verkauften Waren. So wurde Vieh teilweise außerhalb der Stadt oder Fleischwaren nur an bestimmten Orten verkauft, die vom Rat festgelegt wurden.[9] Der Großteil der Maßnahmen ist dem Zweck der Regulation und Kontrolle im Sinne einer Stadtwirtschaftspolitik zuzurechnen.[10] Der Markt hatte nicht zuletzt eine wirtschaftliche Mittelpunktfunktion.[11]

2.2 Der Lübecker Markt zum Ende des 13. Jahrhunderts

Viele der im vorhergehenden Kapitel beschriebenen Eigenschaften spätmittelalterlicher Märkte waren auch in Lübeck zu finden. Diese sollen im Folgenden angerissen und ein Querschnitt des Zustandes zum Ende des 13. Jahrhundert geboten werden. Durch diese Zustandsbeschreibung wird abschließend eine Gegenüberstellung der Entwicklungen und Veränderungen möglich, die den Lübecker Markt betrafen.[12]

Der Marktplatz im Mittelpunkt der Stadt[13] hatte eine große wirtschaftliche Bedeutung als lokaler Nahmarkt zum Absatz der Güter. Der Austausch zwischen Lübeck und seinem Umland war eine der wichtigsten wirtschaftlichen Funktionen des Nahmarktes; insbesondere zur Versorgung der Lübecker Bürger hielt er eine Exzellenzstellung inne.[14] Topographisch handelte es sich um ein regelmäßig und offen angelegtes Viereck im Zentrum der Stadt, umringt von Gebäuden aus Stein. Die bedeutenden marktumgebenden Steinbauten wurden bewohnt von Ratsherren oder von großen Kaufmannsgenossenschaften genutzt. Die 1163 errichtete Marienkirche war umgeben von Buden für die handwerkliche Produktion und den Detailhandel.[15]

Der zentrale Markt selbst bot dabei vornehmlich Detailwaren[16], welche von Marktständen auf dem offenen Platz und von festen Buden aus verkauft wurden.[17] Diese befanden sich im städtischen Besitz oder in der Hand von Gewerbetreibenden.[18] In größeren Ständen und Buden fanden sich auch die Werkstätten der Handwerker, sie produzierten ihre Waren direkt auf dem Marktplatz.[19] Als Zentrum des Detailhandels mit seinem großen, offenen Platz, auf denen eine Vielzahl von beweglichen Tischen und Bänken den Handwerkern, Krämern und Hökern zur Auslage dienten, fanden sich an den wöchentlichen Markttagen die Bewohner der Stadt zum Kaufen und Verkaufen zusammen. Insgesamt wurde der Markt von einer großen Masse an Handelnden[20] besucht – es wird ein reges Treiben während des Wochenmarktes auf dem Lübecker Marktplatz geherrscht haben.[21]

Dieser wichtige öffentliche und gesellschaftliche Raum wurde auch durch den Rat Lübecks genutzt: Das einstige Haus der Gewandschneider und spätere Rathaus der Stadt lag repräsentativ direkt am Marktplatz; dessen verwaltende Funktion befand sich in einer Phase der zunehmenden Ausprägung.[22] Die städtische Waage wurde auf dem offenen Platz errichtet, dort stand diese – auch symbolisch ­– für die Kontrollfunktion der Stadtobrigkeit. Proklamationen des Rates fanden bei sogenannten Burspraken oder dem Echteding öffentlich auf dem Marktplatz statt; dort wurde ebenso gerichtet.[23] In diesem öffentlichen Raum war eine Partizipation der Bürger Lübecks durchaus möglich, sie übten hier ihr Stimm- und Mitspracherecht aus.[24]

3. Die Ursachen

Dieses Kapitel widmet sich den Ursachen für die Veränderungen und Entwicklungen, die der Lübecker Markt zu Beginn des 14. Jahrhunderts unterworfen war. Hierzu werden drei Bereiche genauer betrachtet: Die quantitativen Verhältnisse, die für die Markt-Entwicklung entscheidend waren; die generalisierten Dispositionen – also auch die Motivation – der Handelnden und letztlich die rechtlichen Rahmenbedingungen.

3.1 Die Überfüllung

Der Markt war originär in den Stadtgrundriss eingebettet. In diesem Zusammenhang bot er in der Regel genau umrissene Kapazitäten. Steigende Bevölkerungszahlen (und damit mehr Handelsbedarfe),[25] Umbaumaßnahmen auf dem Markt und an seinen Gebäuden oder Inanspruchnahme von Immobilien durch Nicht-Marktteilnehmer führten zur Auslastung jener Kapazitäten – es lässt sich von einer Überfüllung sprechen.[26] Bezüglich einer Abwanderung vom Markt und einem diffundierenden Effekt in die Bereiche um den Lübecker Markt herum ist solch eine Überfüllung ein entscheidender Faktor. Der zentrale Marktplatz der Stadt genügte nicht all denjenigen Raum zu bieten, die kaufen und insbesondere verkaufen wollten. Verstärkt wurde dieser Effekt durch eine sinkende Anzahl der Verkaufsmöglichkeiten einerseits und den steigenden Bevölkerungszahlen Lübecks andererseits. Mit steigender Bevölkerung nahm auch die Anzahl derer zu, die auf dem Markt als Handelnde auftraten – seien es Handwerker, Krämer oder Höker – und die Kundschaft ebendieser.[27]

Ahasver von Brandt ermittelt für Lübeck eine Einwohnerzahl von ca. 20.000 Menschen in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Er rechnet darunter rund 4500 erwachsene, männliche Haushaltsvorstände, von welchen ungefähr 3000-3500 das Bürgerrecht innehaben.[28] Diese Personen sind nicht zwingend direkt am Marktgeschehen beteiligt, sei es als Käufer oder Verkäufer – jedoch führen diese Zahlen die Größe des spätmittelalterlichen Lübecks sehr gut vor Augen. Ein direkterer Bezug zum Markt wird durch die quantitative Betrachtung der Handwerker deutlich: Geschätzte Werte von ca. 116 Knochenhauern, 100 Schmiedehandwerkern und einer Gesamtzahl von ca. 640 Personen innerhalb der sieben zahlenmäßig stärksten Berufe, dazu noch ungefähr 400 Handwerker aus 15 weiteren Berufen, vermutet Ahasver für die Zeit vor 1384.[29] Dieser Personengruppe, die allein bereits knapp über eintausend Handwerker mit Verkaufsinteressen umfasst, steht eine genau umrissene Anzahl an Verkaufsmöglichkeiten gegenüber, die auf oder an dem zentralen Marktplatz bestehen. Fritz Rörig zeichnet in seiner Arbeit zu Lübecks Markplatz einen detaillierten Plan von den Besitzverhältnissen.[30] Er kommt in seiner Ausarbeitung auf insgesamt 1072 Verkaufsmöglichkeiten. Dies schließt sowohl den offenen Platz mit beweglichen Tischen und Ständen, als auch die den Markt umgebenden Buden und Baulichkeiten mit ein.[31] Hier verkaufen Handwerker, Händler, Krämer und Höker[32] ihre Waren und Erzeugnisse. Annähernd die Hälfte der Handwerker übten zudem ihre Werktätigkeiten am Verkaufsort aus. Das bedeutete allerdings nicht, dass diese Handwerker auch dort mit ihren Familien lebten. Sie wohnten verteilt über die ganze Stadt.[33] Dass durch die Stadtobrigkeit versucht wurde, der angespannten Platzsituation Herr zu werden, zeigte sich in den Erweiterungsmaßnahmen von Marktbuden: Diese wurden stellenweise aufgestockt, etwa: „[…] auf der Westseite des Marktes, wo die ehemals eingeschossigen Schusterbuden mit einer ‚Galerie‘ von 19 Filzerbuden […] vergrößert wurden.“[34]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Die zahlenmäßige und räumliche Verteilung der Handwerker auf dem Lübecker Markt (vgl. dazu auch: Abb. 1). Im besonderen Maße muss die Beweglichkeit der Marktorganisation –gerade für Buden im Privatbesitz – betont werden. Die Besitzverhältnisse in der Tabelle sind lediglich eine stichpunktartige Darstellung.

Diese Aufstockung der Buden II, IV und VI[35] ermöglichte weiteren Handwerkern – in diesem Fall Filzern – die Teilnahme am Marktgeschehen auf dem zentralen Platz. Solche Maßnahmen konnten der Überfüllung allerdings nicht entgegenwirken.[36] Die detaillierte Ausarbeitung Rörigs zum Lübecker Markt gibt nicht nur eine Aufstellung über die Verkaufsmöglichkeiten, sondern auch über die Verkaufenden und ihre räumliche Verteilung auf dem Markt – hieraus wird deutlich, dass bereits 1290 die Kapazitäten erreicht wurden und kaum Spielraum bestand. 1072 Verkaufsplätzen standen schätzungsweise 1064 Verkaufende gegenüber.[37]

Es ist zu beachten, dass Rörig für seine Auswertung der Quellen den Zeitraum ab dem Jahr 1290 bis zum beginnenden 14. Jahrhundert abdeckt. Somit liegen zwischen der Gegenüberstellung der Bevölkerungszahlen und der Verkaufsmöglichkeiten einige Jahrzehnte. Daneben legt die häufige Ungenauigkeit solcher quantitativen Aufstellungen nahe, dass es sich nur um näherungsweise Angaben handeln kann. Es ist jedoch bezüglich der Anzahl der Verkaufsmöglichkeiten auf dem Marktplatz durchaus zu vermuten, dass diese entweder stagnierten oder zurückgingen – während gleichzeitig die Bevölkerungszahlen stiegen.[38] Obgleich also solche Zahlen stets Zweifel ob ihrer objektiven Richtigkeit erregen und einer bloßen Gegenüberstellung in solcher Kürze die stichhaltige Evidenz mangelt; so wird dennoch die Tendenz offenbar, dass der zentrale Marktplatz nicht für alle Handwerker und ihre Verkaufsinteressen gereicht haben wird. Eine Überfüllung des Marktes kann für das beginnende 14. Jahrhundert festgestellt werden.[39]

3.2 Die Motivation der Handelnden

Während im vorherigen Kapitel die Entwicklungen, die den Lübecker Markt betrafen, aus einer rein quantitativen Perspektive betrachtet wurden, werden nun die handelnden Individuen in den Mittelpunkt gerückt. Es geht um die Motivationen und Beweggründe der Handwerker und Händler – was veranlasste diese, zum Markt oder von diesem weg zu ziehen? Welche Indikatoren geben Hinweise auf mögliche Beweggründe der Handelnden? Folgend sollen drei dieser Indikatoren und daraus gefolgerten Motivationen ausgeführt werden.

I.: Es lässt sich ein Interesse der Handwerker ausmachen, sowohl die Produktion als auch den Verkauf sowie die Familie unter einem Dach zu vereinen. Rörig stellt ausführlich dar, wie Handwerker Buden und Gebäude am Marktplatz aufkaufen. Diese Buden waren zunächst durchweg eingeschossig und wurden von den Besitzern zu zweigeschossigen Gebäuden ausgebaut. Nachdem das Immobilienangebot des Marktes erschöpft war, wurden an den Markt angrenzende Gebäude genauso erworben und ausgebaut.[40] Nach diesem Vorgang vereinten die Handwerker Familie, Produktion und Verkauf unter einem Dach. Mit Rückbezug auf die Überfüllung des Marktes wird evident, dass nicht ausreichend Buden und Räumlichkeiten für alle Handwerker zum Aufkauf und Ausbau zur Verfügung standen. Wenn diese nun auf dem Marktplatz verkaufen wollten, mussten sie von ihren Produktions- und Wohnorten in der Stadt mit ihren Waren zum offenen Marktplatz ziehen. Dort mussten sie dann von Bänken und beweglichen Tischen aus verkaufen.[41] Es ist vorstellbar, dass dies auf Dauer das Interesse nach dem Verkauf aus dem eigenen Wohn- und Produktionsort heraus verstärkte. Die zuvor beschriebene Entwicklung, dass Handwerker die Buden zu Wohnwirtschaftshäusern ausbauten, setzte erst zum Ende des 13. Jahrhunderts ein. Zuvor zog der Großteil der Handwerker noch aus allen Teilen der Stadt zum offenen Markt, um dort zu verkaufen. Begründen lässt sich das mit der wirtschaftlichen Mittelpunktfunktion des Marktes, die vor dem 14. Jahrhundert weit stärker ausgeprägt war. Diese Bedeutung war insbesondere durch die Anwesenheit der meisten wichtigen Gewerbe gegeben.[42] Erst mit den zum Ende des 13. Jahrhunderts einsetzenden Entwicklungen, die in dieser Ausarbeitung thematisiert werden, degenerierte die wirtschaftliche Mittelpunktfunktion des zentralen Marktplatzes.

[...]


[1] Vgl. Weber: Stadt S. 34ff; Isenmann: Stadt S. 231ff.; Engel: Stadt S. 82-86.; Schmieder: Stadt S. 23f. Sie geht dort auch auf den Markt als Stadtentstehungsfaktor ein.

[2] Vgl. Freitag: Städtische Märkte S. 42ff.; Slater: Space S. 228ff. für Beispielformen englischer Marktplätze.

[3] Vgl. Park: Krämer- und Hökergenossenschaften S. 37; Isenmann: Stadt S. 61f.; Samsonowicz: Gliederung S. 96-103; Lilley: Urban Life S. 223-227. Er geht ausführlicher auf Marktbildungen in Ufernähe bzw. auf Kaimauern ein.

[4] Vgl. Fritze: Bürger S. 29f.

[5] Vgl. Engel: Stadt S. 267-270; Rösener: Stadt-Land- Beziehungen S. 47; Fritze: Bürger S. 45-56. Die Ausprägung der gegenseitigen Abhängigkeit ist als diametral zu bezeichnen. Die Bauern des Landes benötigten die qualitativen Erzeugnisse des städtischen Handwerkes, waren allerdings nicht zwingend darauf angewiesen. Umgekehrt war die Nahrungsmittelversorgung für die Stadtbewohner jedoch lebensnotwendig.

[6] Vgl. Park: Krämer- und Hökergenossenschaften S. 22f; Isenmann: Stadt S. 54f, 62; Lilley: Urban Life S. 230.

[7] Vgl. Freitag: Städtische Märkte S. 49ff. Ähnliches findet sich auch in England: vgl. Davis: Symbolic Structures.

[8] Vgl. Mitterauer: Zollfreiheit; Scheper: Institutionen S. 169-193; Lilley: Urban Life S. 223, 230; Park: Krämer- und Hökergenossenschaften S. 32ff., 52-63. Er beschreibt hier nicht nur allgemein die rechtliche Regulation des Marktgeschehenes, sondern stellt auch pointiert die Verdrängung des Vogtes und die Etablierung der städtischen Ratsherrschaft heraus. Für Lübeck vgl.: Hoffmann: Lübeck S. 216-225. Für Lübeck und in der fraglichen Zeit lag der Großteil der Rechtsprechung und Verwaltung beim Rat der Stadt – das jedoch war kein Lübecker Spezifikum.

[9] Vgl. Park: Krämer- und Hökergenossenschaften S. 51f; Isenmann: Stadt S. 232-235; Köhler: Einzelhandel S. 103-117; Engel: Stadt S. 87ff.; Lilley: Urban Life S. 227ff.; Slater: Space S. 231f.

[10] Vgl. Freitag: Städtische Märkte S. 46f.

[11] Vgl. Isenmann: Stadt S. 232ff.

[12] Auf allgemeine Ausführungen etwa zur Stadtentstehungsgeschichte Lübecks – insofern sie keine Rolle für die Fragestellung der Arbeit spielen – wird verzichtet. Vgl. zu diesem Thema: Hammel: Anfänge Lübecks S. 6-49; Fehring: Topographie; Hoffmann: Lübeck S.79-339; Schmieder: Stadt S. 30f; Engel: Stadt S. 31ff.; Ebel: Recht S. 17-22, 135-168; Kap. 4.3.

[13] Vgl. Hoffmann: Lübeck S. 325; Mührenberg: Markt S. 20-24. Der Marktplatz hatte die Mittelpunktfunktion, die sich schon in der Beschreibung eingangs über den mittelalterlichen Markt findet. Lübeck hatte neben dem zentralen Marktplatz einige weitere Spezialmärkte beispielsweise für den Handel mit Vieh (der sogenannte Pferdemarkt am Klingenberg), Kohle auf dem Kohlmarkt oder den Salzmarkt am Klingenberg.

[14] Vgl. Fritze: Bürger S. 29-45. Nahmarkt dient als Begriff zur Verdeutlichung des Einzugsgebietes des Marktes.

[15] Vgl. Christensen: Lübecker Markt S. 52; Hammel: Entwicklung S. 50; Abbildung 1.

[16] Vgl. Isenmann: Stadt S. 357f. Detailwaren und -handel oder auch Einzelhandel kann als Gegenstück zum Großhandel gesehen werden. Die Rede ist vor allen Dingen von Gegenständen des Alltagsbedarfes, die von den Bewohnern der Stadt aufgekauft werden.

[17] Anders als in vielen anderen Städten des Mittelalters wurde in Lübeck der zentrale Markt mit der Zeit nicht mit Buden und festen Bauten angefüllt. Abgesehen von der städtischen Waage blieb der offene Marktplatz unbebaut. Vgl. Mührenberg: Markt. Beispiele zur Bebauung englischer Marktplätze etwa vgl. Slater: Space S. 233-236.

[18] Vergleiche dazu auch die Abbildung 1.

[19] Vgl. Hoffmann: Lübeck S. 325f. Diese Produktion lässt sich durch archäologische Funde – etwa von Tonscherben oder Produkte aus der Metallverarbeitung - nachweisen. Vgl. Mührenberg: Kontroverse S. 342f.

[20] Vgl. Park: Krämer- und Hökergenossenschaften S. 76-85. In dieser Ausarbeitung wird generell von Handelnden gesprochen; darunter zu fassen sind alldiejenigen, die auf dem Markt verkaufen oder kaufen. Es umfasst also sowohl die berufsmäßigen Detailhändler, als auch die semiprofessionellen Handwerker, die ihre Waren auf dem Markt absetzen, neben den Bauern, städtischen Beamten usw. usf. Vgl. allgemein dazu: Irsigler: Kaufmannstypen.

[21] Vgl. Rörig: Markt S. 81.

[22] Vgl. Christensen: Lübecker Markt S. 52; Mührenberg: Markt S. 20.

[23] Vgl. Erdmann: Lübecker Plätze S. 16f. Gerichtet wurde in der Gerichtslaube, die an das Rathaus auf dem Markt um 1250 angebaut wurde. Hoffmann: Lübeck S. 235f.; Mührenberg: Markt S. 20; Ebel: Recht S. 307-328. Bei den so genannten Burspraken mussten die Bürger erscheinen um wichtige Mitteilungen des Rates anzuhören. Beim Echteding zog der Rat und Bürgermeister in feierlicher Prozession von der Marienkirche auf den offenen Markt. Es wurden dort die rechtlichen Institute der Stadt und ihre Gültigkeit proklamiert.

[24] Vgl. Christensen: Lübecker Markt S. 52.

[25] Vgl. Rösener: Stadt-Land- Beziehungen S. 43. Er geht an dieser Stelle beispielsweise auf den Zuzug der Landbevölkerung in die Stadt ein.

[26] Im Detail dazu: Kap. 4.1 & 4.2.

[27] Ich gehe dabei davon aus, dass eine Korrelation zwischen Bevölkerungszahlen und Bedarf an Verkaufsmöglichkeiten besteht und in deren diametraler Entwicklung eine Ursache für die Überfüllung zu finden ist.

[28] Vgl. Ahasver: Knochenhaueraufstände S. 133-143; Ahasver: Gesellschaftliche Struktur S. 209-231. Damit zählt unter Berücksichtigung von Isenmann: Stadt S. 29-32 Lübeck zu den ca. 0,5% der Gruppe der Großstädte – gegenüber 99% deutlich kleinerer (deutscher) Städte mit Bevölkerungszahlen von unter 200 bis höchstens 2000 Bewohnern. Jedoch sei auch hier nachdrücklich auf den kritischen und vorsichtigen Umgang mit solchen Zahlen zu verweisen, da Quellengrundlagen für diese allerhöchstens dürftig sind, vgl. dazu ebenso Isenmann, ebd. An dieser Stelle geht es darum, näherungsweise Größenverhältnisse aufzuzeigen.

[29] Vgl. Ahasver: Knochenhaueraufstände S. 137f.

[30] Vgl. Rörig: Markt; Abbildung 1.

[31] Vgl. Rörig: Markt S. 80f.

[32] Vgl. Isenmann: Stadt S. 357f. Handwerker treten als semiprofessionelle Gelegenheitshändler auf, um ihre Waren zu veräußern. Händler meint die professionellen Berufshändler, die sich auf den Einzelhandel spezialisiert haben; im gewissen Sinne also Krämer. Höker handeln mit kleinsten Mengen an Waren, insbesondere Lebensmittel und Gegenständen des täglichen Bedarfes. Ausführlich dazu: Park: Krämer- und Hökergenossenschaften S. 76-85, 150-187. Allgemein zum Einzelhandel: Köhler: Einzelhandel.

[33] Vgl. Rörig: Markt S. 79ff.

[34] Christensen: Markt S. 53. Derartige Ausbaumaßnahmen und die generelle Möglichkeit dazu wird in Kapitel 3.2 entscheidend. Rörig betont in seiner Ausarbeitung, dass nie alle Handwerker auf dem Markt vertreten waren. Vgl. Rörig: Markt S. 88; Hoffmann: Lübeck S. 326 reißt ebenso an, dass von manchen Gewerben nur einige Vertreter auf dem Markt zugegen waren – eine Überfüllung jedoch spätestens im beginnenden 14. Jahrhundert stattfand.

[35] Vgl. Abb. 1.

[36] Vgl. Rörig: Markt S. 94f., 101.

[37] Vgl. Tab. 1.

[38] Diese Vermutung äußere ich auf Basis von zwei Annahmen: Erstens wird die anderweitige Nutzung (Kapitel 4.1) zu einer Verknappung der freien Verkaufsmöglichkeiten geführt haben. Zweitens handelt es sich bei den marktumgebenden Gebäuden um begehrte Immobilien. Nehmen Fernhändler, Ratsmitglieder und andere Nicht-Marktteilnehmer diese Häuser in Beschlag, so stehen diese nicht mehr zur Marktnutzung (beispielsweise für die Handwerker) zur Verfügung. Somit führt dies bereits dann zu einer Überfüllung, selbst wenn die Bevölkerungszahlen nicht signifikant stiegen.

[39] Vgl. Hoffmann: Lübeck S. 326

[40] Vgl. Christensen: Lübecker Markt S. 52; Rörig: Markt S. 94-101. Rörig spricht hier gar von einer ganz allgemeinen Entwicklung.

[41] Vgl. Christensen: Lübecker Markt S. 53.

[42] Vgl. Rörig: Markt S.94. Rörig verortet als wichtige Gewerbe die Schuster, Gewandschneider, Bäcker, Fleischer und Krämer auf den Marktplatz.

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Details

Titel
Vom Platz zum Viertel. Die Entwicklung des Lübecker Marktes im 14. Jahrhundert
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
39
Katalognummer
V350995
ISBN (eBook)
9783668374720
ISBN (Buch)
9783668374737
Dateigröße
4408 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
platz, viertel, entwicklung, lübecker, marktes, jahrhundert
Arbeit zitieren
Kevin Witte (Autor), 2016, Vom Platz zum Viertel. Die Entwicklung des Lübecker Marktes im 14. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350995

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