Konzeptionen der Toleranz von Achim Lohmar und Rainer Forst. Ein Vergleich


Hausarbeit, 2013
14 Seiten, Note: 2,3
Kevin Witte (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung.

Die Darstellung von Rainer Forst
Die Ablehnungskomponente.
Die Akzeptanzkomponente.

Die Darstellung von Achim Lohmar
Die Abneigungskomponente.
Die Nicht-Sanktionierungs-Komponente.

Der Vergleich.

Schluss.

Literaturverzeichnis.

Einleitung

Die Toleranz als handlungswirksames Konzept hat ihren festen Platz in vielen Diskursen, in der philosophischen Umgebung gleichwie auch in der Alltagswelt. Aus dieser Omnipräsenz entsteht die Notwendigkeit sich mit den philosophischen Schwierigkeiten auseinanderzusetzen, die ein Toleranzkonzept mit sich bringt.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit Konzeptionen der Toleranz von Rainer Forst und Achim Lohmar. Die beiden Autoren erarbeiten sehr unterschiedliche Theorien darüber, wie sich Toleranz gestaltet. Gemeinsam haben sie beide, dass der Begriff der Toleranz eine positive und eine negative Seite hat. Rainer Forst´s Konzeption wird zuerst erarbeitet, seine Ausarbeitung ist von 2003. Nach einer allgemeinen Darstellung folgt seine negative Seite der Toleranz, „Ablehnungskomponente“ genannt, darauf die positive Seite, die „Akzeptanzkomponente“.

Im Anschluss daran wird Achim Lohmars Toleranzbegriff und seine Explikation erläutert, sein Text ist aus dem Jahr 2010, er geht auch direkt auf Rainer Forsts Text ein und kritisiert diesen. Einige Punkte seiner Kritik werden hier aufgegriffen. Hauptsächlich wird Achim Lohmar´s Darstellung zuerst allgemein behandelt, dann konkret seine positive und negative Seite der Toleranz, „Abneigung“ und „Nicht-Sanktionierung“.

Zuletzt wird ein Vergleich der beiden Autoren und ihrer Darstellung vorgenommen, daraus ergibt sich eine Vorstellung davon wie differenziert sich der Begriff der Toleranz und seine Konzeptionen gestalten können.

Die Darstellung von Rainer Forst

Eine wichtige Festlegung, die Forst zu Beginn in seinem Text macht betreffend der Diskussion um den Begriff der Toleranz, ist angelehnt an Rawl´s: Konzept und Konzeptionen. Während das Konzept den Bedeutungskern ausmacht, sind Konzeptionen spezielle Interpretationen von im Konzept enthaltenden Bestandteilen.[1] Daran anknüpfend arbeitet Forst sechs Bestandteile seiner Konzeption von Toleranz heraus.

Der erste Bestandteil ist der Kontext der Toleranz. Dies umfasst, wer wen toleriert, in welcher Beziehung diese zueinander stehen, was daraus folgende Gründe für oder gegen Toleranz sind und schließlich welche Handlungen durch die Toleranz gefordert sind.[2]

Die zweite und dritte Komponente der Toleranz sind Ablehnung und Akzeptanz; da diese beiden zentral herausgestellt werden und als Vergleichspunkte dienen, werden sie im nächsten Kapitel noch ausführlich besprochen. Kurz gesagt handelt es sich dabei um die negative und positive Seite der Toleranz.

Daran anknüpfend widmet sich Forst als vierten Bestandteil der Toleranz ihren Grenzen. Im Wesentlichen geht es ihm hier darum, was tolerierbar ist und was nicht. Es kann nicht alles tolerierbar sein, da sonst die „Paradoxie der Selbstzerstörung“[3] entsteht. Dies bedeutet, dass bei der Toleranz von Allem auch die Feinde der Toleranz toleriert werden müssten, was die Selbstabschaffung der Toleranz zur Folge hätte. Diese Paradoxie wird durch Forst aufgelöst, indem er zuerst aufzeigt, dass die Toleranz zu Recht begrenzt ist und anschließend ausführt, wo diese Grenzen liegen.[4]

Als fünften Bestandteil nennt Forst die notwendig freiwillig geübte Toleranz, die sich dadurch charakterisiert, dass die Tolerierenden die Möglichkeit haben müssen ihre Abneigung zu äußern. Dies impliziert laut Forst jedoch nicht, dass die Tolerierenden eine Machtposition innehaben müssen.[5]

Als letzter Punkt ist für Forst die Differenzierung zwischen der Haltung (eines Individuums) und der Praxis (des Staates) hinsichtlich des Begriffs der Toleranz von Bedeutung. „[Es] ist möglich, dass es in einem Staat eine >>Politik der Toleranz<< […] gibt, obwohl die Mehrheit der Bürger dies ablehnt […].“[6] Er merkt dabei an, dass die Praxis der Toleranz auch lediglich „machtpolitisches Kalkül“[7] sein kann. Die zentrale Frage dieses Bestandteils, mit dem Ziel „[…] der Herstellung einer friedlichen Koexistenz kultureller Gruppen […].“[8], ist die Frage nach der wechselseitigen Erwartung von Individuen an die Toleranz als Tugend.[9] […]

Die Ablehnungskomponente

Damit Toleranz überhaupt möglich ist, muss ein Bestandteil der Toleranz darin bestehen, dass irgendeine Überzeugung, Haltung oder Praxis als falsch verurteilt wird um als Objekt der Toleranz zu dienen. Forst bezeichnet dies als „Ablehnungskomponente“.[10] Methodisch dient dieser Begriff dazu, eine Unterscheidung zwischen der Ablehnung als notwendige Komponente für Toleranz, und der Indifferenz und Bejahung zu machen. Die beiden Letztgenannten führen nicht zur Toleranz, können diese auch nicht ausmachen. Wenn man einer ­Überzeugung zustimmt oder einer Haltung neutral gegenübersteht, dann können diese auch nicht als Objekt der Toleranz dienen.[11]

Forst konstruiert seine Ablehnungskomponente als wesentlichen Bestandteil der Toleranz. Dabei muss die Ablehnung nicht zwingend moralisch sein für eine allgemein aufgefasste Konzeption der Toleranz, er bezeichnet es als „eine unnötige Verengung“[12]. Gemäß Forst muss die Ablehnungskomponente vor allem normativ gehaltvoll sein für die Toleranz, was für die Betrachtung der Toleranz als individuelle Tugend einige Probleme mit sich bringt.[13] Für ihn ist es daher auch notwendig näher auf den Begriff „normativ gehaltvoll“ einzugehen, sieht er doch hier einige Probleme, verdeutlicht an der Paradoxie des toleranten Rassisten:

Das Beispiel skizziert einen Menschen mit rassistisch begründeten Ablehnungen. Dieser Mensch könnte immer toleranter werden, je mehr diskriminierende Ansichten er hat, wenn er diese nur handlungswirksam beschränkt. Ebenso wäre eine Toleranzforderung dahingehend gefährlich, dass sie diese rassistischen Urteile (welche die Ablehnungskomponente sein würden) als gerechtfertigt annehmen würde. Der Mensch würde aufgefordert Toleranz zu üben gegenüber Dingen, deren Ablehnung rassistisch begründet ist.[14]

Um diesem Problem zu begegnen formuliert Forst eine Rahmenbedingung für die Ablehnungsgründe, das heißt, er stellt fest, dass vernünftige Gründe eine gewisse moralische Schwelle nicht unterschreiten dürfen. Zum einen dient diese minimale Bedingung dazu unmoralische und irrationale Gründe, wie rassistische Vorstellungen etwa, auszuschließen. Zum anderen bezieht er mit ein, dass Ablehnungsgründe in der Regel auch aus individuellen Überzeugungssystemen stammen können, jedoch in gewisser Weise universell nachvollziehbar bleiben müssen. Dies können moralische Minimalbedingungen leisten. Diese Bedingung bezieht sich auf das Toleranzkonzept, das Toleranz als individuelle Tugend skizziert, diese erwähnte Schwelle bedarf einer moralischen Begründung, was sich durch die Auflösung der Paradoxie des toleranten Rassisten zeigt.[15]

Die Akzeptanzkomponente

Die zweite wesentliche Komponente für Forsts Toleranzkonzeption ist die der „Akzeptanzkomponente“.[16] Sie wird von ihm dadurch charakterisiert, dass „[…] [tolerierte] Überzeugungen oder Praktiken zwar als falsch oder schlecht verurteilt werden, doch nicht in einem solchen Maße als falsch oder schlecht, dass nicht andere, positive Gründe für ihre Tolerierung sprechen.“[17] Dies bedeutet: Eine Überzeugung oder Praktik wird nicht gut geheißen, es wird ein Negativurteil gebildet und es kommt primär zur Ablehnung. Dennoch gibt es genügend positive Gründe, die eine Akzeptanz rechtfertigen würden, beispielsweise moralische, was dann sekundär zur Toleranz führt.

Ein wichtiger Punkt hierbei ist: Die positiven Urteile dürfen die negativen nicht überwiegen, sie werden diesen gegenübergestellt, dürfen sie aber nicht aufheben.[18] Andernfalls gäbe es auch keinen Anlass mehr zur Toleranz, wenn man mehr positive Urteile über eine Handlung hat als negative.

Rainer Forst geht in seinen weiteren Ausführungen nun darauf ein, welcher Natur die Gründe für Ablehnung und Akzeptanz sein können. Zuerst einmal stellt er fest, dass Gründe für Ablehnung und Akzeptanz unterschiedlicher Natur sein können. „So kann eine ästhetische Negativbewertung von einer […] moralischen Positivbewertung ausbalanciert werden […].[19] Die Probleme beginnen da, wo die Urteile gleicher Natur sind, denn dort entsteht eine Paradoxie des Widerspruchs; wie nämlich können aus derselben Sache gleichzeitig Akzeptanz und Ablehnung generiert werden?

Einen Lösungsentwurf für die Paradoxie zeichnet Forst anhand eines Beispiels, in dem eine religiöse Überzeugung die Natur der Gründe für Ablehnung und Akzeptanz ist.[20] Allgemeiner formuliert liest sich das Beispiel so: Eine Religion X hegt dadurch, dass nur eine Religion möglich ist, automatisch Ablehnung gegeben gegenüber Religion Y. Gleichzeitig ist in der Religion X aber auch geboten, andere Religionen wie Y zu dulden. Dadurch wird die Akzeptanzkomponente erfüllt. Dieses Beispiel zeigt, dass es möglich ist, eine Art Ordnung von Gründen herzustellen, durch welche die Paradoxie der Gründe gleicher Natur gelöst wird.[21]

Ein spezielleres und schwieriger zu lösendes Problem ist das der Paradoxie moralischer Toleranz. Bei diesem Fall ist sowohl die Natur der Ablehnung moralisch, als auch die der Akzeptanz. „[Die Frage,] wie es moralisch richtig oder gar geboten sein kann, das moralisch Falsche oder Schlechte zu tolerieren.“[22] Forsts Lösungsansatz, wie hier noch eine (moralisch) begründete Akzeptanzkomponente möglich ist, legt fest, dass die genaue Natur der Ablehnungsgründe eine Rolle spielt und in diesem Zusammenhang die Unterscheidung zwischen moralischen und ethischen Gründen.[23]

Daran schließt sich auch ein erkenntnistheoretisches Problem an: Man geht davon aus, dass die eigenen Überzeugungen richtig sind, folglich müssen andere, widersprechende Ansichten falsch sein. Dies würde zu einer Ablehnung führen. Gleichzeitig erfordert die dann für die Toleranz nötige Akzeptanzkomponente es aber auch, dass die abgelehnten Überzeugungen wahr sein könnten.[24] Forst spricht von der „Paradoxie der Wahrheitsrelativierung.“[25] und formuliert das Problem prägnant: „[Die Paradoxie] erhebt die Forderung nach einer Art der Relativierung und Begrenzung der eigenen Überzeugungen, die das Überzeugtsein von ihrer Wahrheit nicht grundsätzlich in Frage stellt – einer Relativierung ohne Relativismus sozusagen.“[26]

[...]


[1] Forst, R.: Toleranz im Konflikt. Geschichte, Gehalt und Gegenwart eines umstrittenen Begriffs, Frankfurt a. M. 2003. S. 30.

[2] Vgl. Forst S. 31.

[3] Forst S. 37.

[4] Vgl. Forst S. 37ff.

[5] Vgl. Forst S. 40f.

[6] Forst S. 41.

[7] Forst S. 41.

[8] Forst S. 41.

[9] Vgl. Forst S. 41.

[10] Forst S. 32.

[11] Vgl. Forst S. 32.

[12] Forst S. 32.

[13] Vgl. Forst S. 32.

[14] Vgl. Forst S. 32f.

[15] Vgl. Forst S. 34.

[16] Forst S. 34.

[17] Forst S. 34.

[18] Vgl. Forst S. 34f.

[19] Forst S. 35.

[20] Vgl. Forst S. 35.

[21] Vgl. Forst S. 35.

[22] Forst S. 35.

[23] Vgl. Forst S. 36.

[24] Vgl. Forst S. 36f.

[25] Forst S. 37.

[26] Forst S. 37.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Konzeptionen der Toleranz von Achim Lohmar und Rainer Forst. Ein Vergleich
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V350999
ISBN (eBook)
9783668374621
ISBN (Buch)
9783668374638
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konzeptionen, toleranz, achim, lohmar, rainer, forst, vergleich
Arbeit zitieren
Kevin Witte (Autor), 2013, Konzeptionen der Toleranz von Achim Lohmar und Rainer Forst. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350999

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