Die Bedeutung des Franz Eher Verlages für Adolf Hitler

Einflussnahme aus politische Laufbahn, finanzielle Gewinne und schriftstellerische Erfolge


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
32 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kurzbiografie Hitlers bis zum Verlagserwerb
2.1 Orientierungslose Kindheit und Jugend in Österreich
2.2 Leben in München als erfolgloser Künstler
2.3 Der Erste Weltkrieg – ein erster Halt
2.4 Beginn des politischen Engagements

3 Die Übernahme des Eher Verlages durch die NSDAP
3.1 Vorgeschichte des Eher Verlages
3.2 Erwerb des Verlages auf Initiative Hitlers

4 Hitlers Publikationen und herausgeberische Tätigkeiten im Eher Verlag
4.1 Herausgeber und Redakteur des Völkischen Beobachters
4.2 Mein Kampf: Eine gesteuerte Erfolgsgeschichte?

5 Persönlicher Vermögenszuwachs durch den Verlag
5.1 Finanzsituation Hitlers bis zur Festungshaft 1924
5.2 Hitler als finanzieller Profiteur des Verlages

6 Die politische Bedeutung des Verlages für Hitler und die NSDAP
6.1 1920-1932: Der Verlag als Instrument der politischen Stärkung
6.1.1 Aufbauphase: Propaganda und Führerkult
6.1.2 Verbot des Völkischen Beobachters
6.1.3 Neuaufbau und Wahlkampf
6.2 1933-1938: Machtsicherung und -ausbau mit Hilfe des Verlages
6.2.1 Hitlers Motive und Verlagspolitik nach der Machtergreifung
6.2.2 Monopolisierung und programmatischer Ausbau
6.3 1939-1945: Instrument der Gelenkten Kriegsberichterstattung

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis
8.1 Primärliteratur
8.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Nicht stark genug kann man betonen, daß Hitlers Aufstieg erst möglich wurde durch das einzigartige Zusammentreffen individueller und allgemeiner Voraussetzungen, durch die schwer entschlüsselbare Korrespondenz, die der Mann mit dieser Zeit und die Zeit mit diesem Mann eingingen.[1]

Unzählige Biografien und wissenschaftliche Werke beschäftigen sich dem einzigartigen Aufstieg Adolf Hitlers vom arbeitslosen Österreicher zum ‚Führer’ Deutschlands. Dabei versuchen sie noch immer die Faktoren und Umstände zu erklären, die einen solchen Aufstieg ermöglichten. Dennoch ist es bei der Lektüre dieser Werke auffällig, dass sich kaum eine Auseinandersetzung ausführlicher der Bedeutung der Franz Eher Nachfolger GmbH für Hitlers Leben und politische Laufbahn widmet.[2] Generell gibt es nur wenig Sekundärliteratur, die sich umfassend mit dem Parteiverlag, der 1920 von der NSDAP erworben wurde und im Dritten Reich das deutsche Pressewesen dominierte, auseinandersetzt.

Ziel der folgenden Arbeit ist daher eine Annäherung an die Frage, welche Bedeutung der Verlag für Hitler hatte. Dabei soll im Wesentlichen der Einfluss des Verlages auf drei verschiedenen Ebenen analysiert werden: Die Beeinflussung der schriftstellerischen Erfolge, der finanziellen Gewinne und der politischen Laufbahn Hitlers. Um diese Ebenen hinreichend untersuchen zu können, scheint es unabdingbar, zunächst sein Leben bis zum Erwerb des Verlages kurz zu beleuchten – nur so kann es gewährleistet werden, die Einflussnahme des Verlages auf seinen weiteren Lebenslauf aufzuzeigen. Es soll jedoch bereits an dieser Stelle angemerkt werden, dass diese Arbeit aufgrund des begrenzten Umfangs nicht auf seine weitere Biografie oder politische Entwicklungen eingehen kann, die nicht in unmittelbarer Kausalität zum Verlag stehen. Diese werden stattdessen als bereits bekannt vorausgesetzt. Nach der Biografie wird knapp die Vorgeschichte des Eher Verlages dargestellt sowie die Rolle, die Hitler bereits beim Erwerb des Verlages spielte. Erst auf der Basis von Biografie und Übernahmegeschichte kann schließlich ausführlich die Bedeutung des Verlages auf den drei genannten Ebenen untersucht werden.

2 Kurzbiografie Hitlers bis zum Verlagserwerb

Um die Bedeutung des Verlages für Hitler nachvollziehen zu können sowie den persönlichen Profit, den er aus diesem ziehen konnte, soll zunächst sein Leben bis zum Erwerb des Verlages betrachtet werden. Besondere Schwerpunkte liegen hierbei auf seiner finanziellen Situation, seinem künstlerischen Bestreben und seiner politischen Motivation. Dabei lässt sich sein Werdegang bis zum Erwerb in vier Abschnitte einteilen, die im Folgenden kurz behandelt werden sollen. Das weitere Fortschreiten Hitlers Biografie wird in der übrigen Arbeit vernachlässigt, soweit diese nicht in unmittelbare Beziehung zu dem Verlag gesetzt werden kann.

2.1 Orientierungslose Kindheit und Jugend in Österreich

Adolf Hitler wurde am 20. April 1889 in Braunau als Kind des Zollbeamten Alois Hitler (1837-1903) und dessen dritter Frau Klara Pölzl (1860-1907) geboren. Gemeinsam mit der Familie lebten zwei jüngere Geschwister und zwei ältere Halbgeschwister aus der zweiten Ehe des Vaters.[3] Hitlers Vater wurde unehelich geboren und über dessen wahren Vater gab es immer wieder Spekulationen, weswegen Hitler später versuchte das öffentliche Interesse an seiner Abstammung abzuwenden und 1932 einen Genealogen beauftragte, um seinen guten Stammbaum zu belegen.[4]

Wegen häufiger Umzüge der Familie besuchte Hitler zwischen 1895 und 1899 verschiedene Volksschulen, in denen er sich zunächst als guter Schüler zeigte. Ab 1900 ging er auf eine Realschule in Linz und wurde zunehmend lernunwillig, so dass er zweimal nicht versetzt wurde. Hitlers Vater, der die Beamtenlaufbahn für seinen Sohn vorgesehen hatte, bestrafte dessen schlechte Leistung häufig, aber wirkungslos, mit Prügeln.[5] Auch nach einem Schulwechsel schaffte es Hitler aufgrund schlechter Noten nicht in die Folgeklasse versetzt zu werden und kehrte schließlich ohne Schulabschluss nach Linz zurück.[6]

Nach dem Tod des Vaters bezog er ab 1903 Halbwaisenrente und als 1907 seine Mutter verstarb, erhielt er eine Waisenrente sowie ein kleines Erbe. Noch im selben Jahr bewarb er sich erfolgslos für ein Kunststudium an der Wiener Kunstakademie. Da er einen sogenannten ‚Brotberuf’ verachtete und sich als Künstler verstand, gab er sich in den Folgejahren vor Behörden und der Familie als Kunststudent und Schriftsteller aus, um sich weiterhin die spärliche Waisenrente zu sichern. Bei einem zweiten Bewerbungsversuch für die Kunstakademie wurde er nicht einmal mehr zum Probezeichnen zugelassen.[7]

In diesen orientierungslosen Jahren verfügte Hitler über keinen festen Erwerb und auch die geringe Waisenrente konnte ihn nicht vor wachsenden Geldnöten bewahren. Diese reichten soweit, dass er 1909 über mehrere Monate nicht behördlich gemeldet war und zeitweise ein Obdachlosenasyl bewohnte. Wenige Zeit später bezog er ein Männerwohnheim – nach der Machtergreifung ließ er jedoch alle Dokumente hierzu vernichten.[8] In den folgenden drei Jahren verdiente er sich unregelmäßiges Geld durch das Nachzeichnen von Wiener Ansichtskarten, welche er über Mitbewohner verkaufen ließ. Nach einer Anzeige wegen unberechtigten Führens des Titels eines ‚akademischen Malers’ durfte er diesen fortan nicht mehr verwenden.[9]

Es ist anzunehmen, dass Hitlers Weltbild wesentlich von diesen teils frustrierenden Jahren als mittelloser und missachteter Künstler in Wien geprägt wurde. Hier hörte er den populären Wiener Bürgermeister Karl Lueger, der sich für die Germanisierung Wiens stark machte und als antisemitischer sowie antisozialer Redner die Massen bewegte. Auch begann er Schriften und Zeitungen von Alldeutschen, Deutschnationalen und Antisemiten zu lesen und die Juden für seine missliche Situation verantwortlich zu machen.[10]

2.2 Leben in München als erfolgloser Künstler

Das österreichische Bildungs- und Gesellschaftssystem, als dessen Opfer sich Hitler sah, war vermutlich mitverantwortlich dafür, dass er am 25. Mai 1913 als 24-jähriger Berufsloser nach München umzog. So betonte er in seiner späteren Laufbahn mehrfach, in Wien auf die ‚soziale Frage’ aufmerksam geworden zu sein und sich dort mit dem Problem des Judentums und Marxismus konfrontiert gesehen zu haben.[11]

Obwohl Hitler selbst in Mein Kampf später diesen Grund nennen sollte und insbesondere seinen Wunsch, politisch aktiv zu werden, lagen die wahren Beweggründe für seinen Umzug vermutlich anderswo. Zwar gibt es nur wenige verlässliche Quellen, fest scheint jedoch zu stehen, dass er insbesondere auf der Flucht vor dem österreichischen Militärdienst nach München kam. Bereits als 20-Jähriger hätte er sich in Wien zur Musterung stellen müssen, jedoch tauchte zu dieser Zeit als Obdachloser ab. Nachdem ihn aber die Münchner Kriminalpolizei im Januar 1914 aufgegriffen hatte, wurde er im Februar des gleichen Jahres in Salzburg gemustert, aber schließlich als waffenunfähig beurteilt und vom Wehrdienst zurückgestellt.[12]

Auch in München ging er keiner geregelten Beschäftigung nach, sondern versuchte weiterhin sein Glück als Künstler – dies geht auch aus einem Meldebogen von 1913 hervor, in welchem er als Beruf ‚Kunstmaler und Schriftsteller’ angab. Er finanzierte sein Leben erneut mit Postkartenkopien und Architekturgemälden, die er teilweise an Privatpersonen und Geschäfte verkaufen konnte. Das Geld, so sagte er, benötige er, um sich die Kosten für seine Studienbücher zu finanzieren. Auch vor Freunden und Bekannten hielt er den Schein eines angehenden Künstlers stets aufrecht, so täuschte er nicht nur ein intensives Studium der Kunst vor, sondern auch eine Bildung, die er in Wahrheit nicht besaß.[13]

2.3 Der Erste Weltkrieg – ein erster Halt

Als der Zweite Weltkrieg 1914 ausbrach meldete sich Hitlers Zimmergenosse sofort in Wien für den Militärdienst – Hitler hingegen blieb zunächst in München. Eigenen Schilderungen zufolge schrieb er jedoch am 3. August 1914 ein Gesuch an König Ludwig III., in welchem er darum bat, als Freiwilliger im bayerischen Herr dienen zu dürfen. Tatsache ist, dass er am 1. September 1914 dem bayerischen Reserve Regiment 16 zugeteilt wurde und schließlich im Oktober mit dem Heer ausrückte.[14]

Seine Kameraden schilderten ihn später als Sonderling oder Spinner, seine Schweigsamkeit und fehlende Kontakte standen schließlich auch der Beförderung zum Unteroffizieren entgegen. Gleichzeitig zeigte sich Hitler jedoch anders als in den letzten Jahren als besonders pflichtbewusst und tapfer. Mehrere Auszeichnungen wie das Eiserne Verdienstkreuz II. Klasse oder das Militär-Verdienstkreuz III. Klasse bezeugten seine Wandlung. Tatsächlich waren der Krieg und die Kameradschaft im Regiment für ihn die ersten positiven Erfahrungen seit langem. Aus diesem starken Fronterlebnis und der zuvor erworbenen Angst vor Überfremdung entwickelte er zahlreiche Thesen, die auch seine spätere Politik stark beeinflussen sollten.[15] Die wahren Schrecken des Krieges wurden von ihm größtenteils verdrängt, was ihm bleiben sollte, war die nostalgische Erinnerung an das einzigartige Gefühl der Gemeinschaft und das ausgeprägte Obrigkeitsdenken.[16]

Als Hitler am 14. Oktober 1918 eine Gasverletzung erlitt und vorrübergehend erblindete, wurde er in das preußische Reserve-Lazarett Pasewalk überführt. Hier erfuhr er von dem Kriegsende und der Kapitulation Deutschlands, was ihn als schweren Schock traf. Geheilt, aber dennoch stark verunsichert, kehrte er am 19. November 1918 zurück zu seiner Einheit nach München.[17]

2.4 Beginn des politischen Engagements

Glaubt man eigenen Angaben Hitlers, fasste er bereits den Beschluss, Politiker zu werden, als er im Lazarett erfuhr, „daß das Vaterland ›Republik‹ geworden sei.“ [18] Dies ist jedoch eher als unwahrscheinlich zu bewerten, da ihn mit dem Ende seines Soldatendienstes wohl primär Existenzfragen und die Angst vor erneuter Orientierungslosigkeit plagten.[19]

Zurück in München wurde Hitler dem Aufklärungskommando der Nachrichtenabteilung des Bayerischen Gruppenkommando Nr. 4 zugeteilt. Leiter der Abteilung war Karl Mayr, ein bekannter Antisemit und Republikgegner, der großen Einfluss auf die politische Entwicklung in München ausübte.[20] Er ließ unter anderem begabte Soldaten als ‚antibolschewistisch geprägte Propagandisten’ ausbilden und erkannte in Hitler einen geeigneten Vertrauensmann. Auf sein Raten absolvierte dieser 1919 einen Kurs an der Universität München und begann seine Fähigkeiten als Redner und Propagandist auszubauen. Schon damals wurde er für seine Redekunst sowie Überzeugungskraft gelobt.[21]

Zeitlich etwas früher begannen sich der Schlosser Anton Drexler und der Journalist Karl Harrer regelmäßig in einem ‚politischen Arbeiter-Zirkel’ zu treffen. Als sich dieser Runde immer mehr Gleichgesinnte anschlossen, kamen die 24 Mitglieder im Januar 1919 überein, an die Öffentlichkeit zu treten und die ‚Deutsche Arbeiterpartei’ (DAP) zu gründen. Mit dieser wollten sie Arbeiter für die deutsch nationale Bewegung gewinnen. Bis zum Sommer 1919 hielt die neugegründete Partei mehrere Mitgliederversammlungen, die für Interessierte geöffnet waren. Am 12. September 1919 erhielt Hitler von Mayr den Auftrag, sich eine solche Versammlung anzusehen und gegebenenfalls den Kontakt zu suchen. Hitler brachte sich mit den angeeigneten Schlagwörtern gekonnt in die Diskussion ein, was Drexler sofort den potenziellen Wert des begabten Redners für die Partei erkennen ließ.

Auch Hitler erkannte seine Chance und willigte mit der Unterstützung Mayrs ein, der Partei beizutreten. Er wurde als ‚Werbeobmann’ tätig und wurde binnen kürzester Zeit zum Parteifunktionär und Propagandist.[22] Als seine Hauptaufgabe sah es der mittlerweile arbeitslose Hitler, die Menschen für die Ideen der Partei zu gewinnen, und erkannte schnell, dass es unabdingbar war, die breite Masse der Arbeiter zu erreichen und zu überzeugen. Daher drängte er zu einer Parteipropaganda im größeren Stil. Draxler unterstütze Hitlers Bestreben, so dass er 1919 auf mehreren Massenveranstaltungen seine Redefähigkeit testen konnte und sein Talent bestätigt sah. Unter Beifall behandelte er immer wieder die Hauptthemen wie Kriegsschuld, Demütigung durch den Friedensvertrag von Versailles, Erfüllungspolitik und wetterte gegen Regierung und Judentum. Zugleich gewann er in der Partei zunehmend an Einfluss und Ansehen. Im Februar 1920 erfolgte auf Initiative Hitlers und Draxlers die Umbenennung der Partei in ‚Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei’ (NSDAP), gleichzeitig entwarfen sie das ‚25 Punkteprogramm’ der Partei und stellten es kurz darauf in einer ersten großen Veranstaltung im Hofbräuhaus der Öffentlichkeit vor. Dabei gelang es Hitler, den völkisch-nationalen Gedanken erfolgreich unter Arbeitern, Soldaten, Angestellten und kleinen Geschäftsleuten zu verbreiten.[23]

Gerade in diesem Aspekt war das Hauptziel der Propaganda Hitlers zu dieser Zeit verankert – die Partei und ihre Parolen so bekannt wie möglich zu machen und möglichst viel Aufsehen zu erregen, lautete seine Devise. Dabei zeigten sich erste Erfolge: Von 195 Mitgliedern Ende 1919 stiegen die Mitgliederzahlen im Juli 1920 auf 1.100 und auf über 2.000 Ende 1920. Allerdings erkannte Hitler, dass für eine erfolgreiche Entwicklung der Partei größere Mittel nötig seien und ein eigenes Parteiorgan von unermesslichem Wert für den weiteren Werdegang sei.[24]

3 Die Übernahme des Eher Verlages durch die NSDAP

In seiner rund 25-jährigen Geschichte entwickelte sich der Eher Verlag von einem „armseligen Lokalblatt zur größten politischen Tageszeitung Deutschlands“ – zumindest stellte es die nationalsozialistische Literatur dementsprechend dar.[25] Tatsächlich kann der NSDAP nicht aberkannt werden, dass sie aus einem einst kleinen rechtsorientierten Lokalblatt das wichtigste Presseorgan des Dritten Reichs schufen. In dem folgenden Punkt soll zunächst die Vorgeschichte des Verlages bis zum Erwerb durch die Nationalsozialisten geschildert werden. Dieser Punkt ist nicht nur interessant, da er den Grundstein der Bedeutung des Verlages für Hitler legt, sondern auch weil bereits der Erwerb wesentlich auf die Initiative Hitlers zurückgeführt werden kann. Schon damals schien er zu erkennen, dass er von einer Parteizeitung wesentlich profitieren würde – die tatsächlichen Ausmaße waren ihm jedoch wohl kaum bewusst.

3.1 Vorgeschichte des Eher Verlages

Die Geschichte des Eher Verlages fundiert in der Gründung des Münchner Beobachters, einem Vorstadtblatt, das der Druckereibesitzer Johann Naderer am 2. Januar 1887 gründete.[26] Dieser wollte in der bereits völkisch ausgerichteten Wochenzeitung alle Interessen der bayerischen Hauptstadt rechts der Isar vertreten. 1900 wurde das Blatt von dem Österreicher und späteren Namensgeber Franz Eher erworben und am 2. Dezember in das Münchner Handelsregister eingetragen.[27]

Nach dessen Tod übernahm die Thule-Gesellschaft, eine der zahlreichen völkischen Gruppierungen der Nachkriegszeit, der viele der späteren NSDAP-Mitglieder angehörten, im Jahr 1918 den Verlag.[28] Im Mai des Folgejahres trennte der verantwortliche Redakteur Rudolf von Sebottendorff den Verlag von der Gesellschaft ab, in dem Versuch, das Blatt zu einem allgemeinen völkischen Organ auszubauen.

Seit August 1919 lief ein Teil der Auflage bereits unter dem Namen Völkischer Beobachter und noch im gleichen Jahr wurde der Verlag in die Franz Eher Nachfolger GmbH umgewandelt.[29] Dieser Umwandlungsprozess diente dem Versuch, den drohenden Konkurs des Verlages abzuwenden.[30] Ab Januar 1920 erhielt auch die Münchner Ausgabe den neuen Namen Völkischer Beobachter.[31] Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Blatt inhaltlich bereits ganz dem völkischen Gedanken und dem Kampf gegen die jüdische Bevölkerung gewidmet. Schon damals wurde es „zum wichtigsten Publikumsorgan völkischer Extremisten in München.“ [32] Der vorrübergehende finanzielle Ruin des Verlages konnte jedoch nicht abgewehrt werden und erst die Nationalsozialisten sollten ihm zu neuer Größe verhelfen.

3.2 Erwerb des Verlages auf Initiative Hitlers

Als der Verlag aufgrund wachsender Schulden und sinkender Einnahmen schließlich am Rande des Bankrotts stand, wurde in einer Krisensitzung 1920 der Verkauf beschlossen.[33] Gleichzeitig hegte Hitler, wie bereits erläutert, seit längerem den Wunsch, ein Parteiorgan für die gemächlich an Bedeutung gewinnende NSDAP zu erwerben, da er überzeugt war, eine Propaganda im größeren Stil sei notwendig, um den Erfolg der Bewegung zu sichern.[34]

Schon seit dem Sommer 1920 spielte er mit dem Gedanken, den nahezu bankrotten Verlag zu erstehen. Doch erst als ein anderer Anbieter ernsthaftes Interesse an dem Verlag zeigte, wurde Hitler aktiv. Laut unterschiedlicher Schilderungen erschien er im erregten Zustand am Morgen des 17. Dezember 1920 in Anton Drexlers Wohnung – angeblich mit der Begründung, der Verlag würde in die Hände von bayerischen Separatisten fallen. Noch am frühen Morgen beschloss man, Drexler solle am nächsten Tag die nötigen Finanzmittel durch Dietrich Eckarts Hilfe besorgen und auch Hitler werde potenzielle Gönner aufsuchen.[35]

So kam es, dass Eckart noch am gleichen Tages mit Haus und Grundbesitz für die 60.000 Mark bürgte, die ihm Franz Ritter von Epp aus Reichswehrmitteln zusammenstellte. Aus weiteren Quellen flossen weitere 30.000 Reichsmark und die restlichen Schulden von 113.000 Reichsmark übernahm Drexler selbst.[36] Die finanziellen Mittel kamen somit aus reaktionären Kreisen, von NSDAP Mitgliedern und Teilen der bayerischen Reichswehr – lag der Kaufpreis des Verlages zuzüglich der angehäuften Schulden doch weit über den finanziellen Möglichkeiten der jungen Partei.[37] Auch in den kommenden Jahren warf die Finanzierung des Verlages noch große Probleme für die Partei auf, welche nur durch aufwändige Sammelaktionen und großzügige Gaben privater Geldgeber bewältigt werden konnten.[38]

Obwohl Hitler die treibende Kraft hinter diesem riskanten Schritt war, brachte sich der unvermögende Arbeitslose finanziell nicht ein. Wenn er später über den Verlagskauf redete, sagte er oft, ihm seien Teile des Verlages geschenkt worden und den Rest habe er selbst käuflich erworben – dadurch ließ er den Anschein erwecken, er selbst sei der Besitzer des Verlages. Eintragungen im Handelsregister bestätigen jedoch, dass es keinen Privatbesitz an dem Verlag gab.[39]

Noch am Abend des 17. Dezembers 1920 wurde der Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Verein als gesetzliche Vertretung der NSDAP als handelsrechtlicher Besitzer des Verlages eingetragen.[40] Bereits am nächsten Tag kommentierte Hitler die Übernahme im neu erworbenen Völkischen Beobachter:

Die nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei hat den ›Völkischen Beobachter‹ unter schwersten Opfern übernommen, um ihn zur rücksichtslosen Waffe für das Deutschtum auszubauen gegen jede feindliche undeutsche Bestrebung. [41]

Somit ging Ende 1920 Hitlers langersehnter Wunsch nach einem eigenen Parteiorgan in Erfüllung: Die NSDAP hatte nun eine Zeitung in der Hand, mit der sie auf sich aufmerksam machen, ihre Ideologie verbreiten und gegen die Regierung und andere Feindbilder wettern konnte.

4 Hitlers Publikationen und herausgeberische Tätigkeiten im Eher Verlag

Wie bereits dargelegt, bezeichnete sich Hitler schon in jungen Jahren als Schriftsteller und Künstler – der gewünschte Erfolg und die ersehnte Anerkennung blieben jedoch bisher aus.[42] Durch den Erwerb des Verlages verfügte er nun erstmals über ein Instrument, durch welches er seinem selbst zugeschriebenen Talent eine breite Bühne bieten konnte.

Durch die enge Beziehung zwischen Partei und Verlag und insbesondere durch seine wachsende Machtposition profitierte der Schriftsteller Hitler enorm von dem Verlag. Im Folgenden soll dies zunächst anhand seiner Tätigkeiten für den Völkischen Beobachter dargelegt werden. Anschließend wird mittels seines schriftstellerischen Hauptwerkes Mein Kampf aufgezeigt, welchen Profit er als Schriftsteller aus dem Verlag zog.

4.1 Herausgeber und Redakteur des Völkischen Beobachters

Bereits vom Tag der Übernahme an, nahm Hitler großen Anteil an der redaktionellen und geschäftlichen Leitung des Völkischen Beobachters. [43] Darüber hinaus konnte er nun erstmals seinen schriftstellerischen Ambitionen gerecht werden und veröffentlichte am 1. Januar 1921 seinen ersten Artikel Die völkische Idee und die Partei in dem Blatt. Insbesondere zwischen den Jahren 1921 und 1923 folgten regelmäßig weitere von Hitler verfasste Leitartikel, in welchen er die politische Ideologie der Partei kundtat, für weitere Mitglieder warb und seinem Unmut gegenüber der Regierung, dem Marxismus und den Juden Luft machte.[44]

Wie schon beim Erwerb des Verlages war ihm auch in seinen Artikeln vorrangig an einer Propaganda im großen Ausmaß gelegen. Ziel sollte stets eine Bekanntmachung und das stetige Wachsen der Partei sein. Dies zeigt sich exemplarisch an einem typisch hitzigen Leitartikel Hitlers von 1921, in welchem er seine Parteigenossen aufrief:

Wohl die gehaßteste aller deutschen Zeitungen ist unser ‚Völkischer Beobachter’. Er führt seit drei Jahren ewig-gleich unermüdlich den Kampf gegen die Brut unserer wirtschaftlichen Ausbeuter und seelischen Mörder. Er hat versucht, in das Herz unseres Volkes wieder die Liebe zu unserem Vaterland und den Glauben an eine Zukunft unseres Volkes hineinzugießen und zu festigen. Daß das gelang, zeigt der fanatische Haß unserer Gegner gegen unser Blatt am besten. Nicht Hunderttausende, nein, Millionen von Juden und Judenfreunden, von Landesverräter und Volksbetrügern erhoffen, nein, ersehnen auch das Ende dieses Mahners. Ihre Hoffnung und ihre Sehnsucht soll und muß zuschanden werden! Alle unsere Freunde, alle unsere Anhänger müssen das Opfer bringen, nicht nur dieses Blatt der Bewegung und damit dem deutschen Volke zu erhalten, sondern es mehr und mehr zu verbreiten, bis daß unser unverrückbares Ziel einer Tageszeitung dennoch durchführbar wird.[45]

[...]


[1] Fest, Joachim: Hitler. Eine Biographie. Frankfurt 1989, S. 22.

[2] In der Sekundärliteratur wird die Franz Eher Nachfolger GmbH gängiger Weise als Franz Eher Verlag bezeichnet und zudem häufig mit Eher Verlag abgekürzt. Der Einfachheit halber wird auch in dieser weiteren Arbeit lediglich vom Eher Verlag die Rede sein.

[3] Vgl. Fest: Hitler, S. 34.

[4] Vgl. Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. München 1998, S. 68-75.

[5] Vgl. Keller, Gustav: Der Schüler Adolf Hitler. Die Geschichte eines lebenslangen Amoklaufs. Münster 2010, S. 32.

[6] Vgl. Hamann: Hitlers Wien, S. 23-27.

[7] Vgl. Hamann: Hitlers Wien, S. 58 und 62.

[8] Vgl. ebd., S. 206 f.

[9] Vgl. Kershaw, Ian: Hitler 1889-1936. München 2002, S. 55.

[10] Vgl. Hamann: Hitlers Wien, S. 303-307.

[11] Vgl. Miesbeck, Peter: Hitler und München 1913 bis 1918. In: Bauer, Richard / Hockerts, Hans G. / Schütz, Brigitte et alt. (Hrsg.): München – »Hauptstadt der Bewegung«. Bayerns Metropole und der Nationalsozialismus. München 1993, S. 20.

[12] Vgl. Kershaw: Hitler 1889-1936, S. 105 f.

[13] Vgl. Miesbeck: Hitler und München 1913 bis 1918, S. 20 f.

[14] Vgl. Miesbeck: Hitler und München 1913 bis 1918, S. 22 f.

[15] Vgl. ebd., S. 23 f.

[16] Vgl. Tavernaro, Thomas: Der Zentralverlag der NSDAP. Franz Eher Nachf. Ges. Mbh im Vergleich. Münchner Verlage und der Nationalsozialismus. Eine Mentalitätsgeschichte. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie eingereicht an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Wien 1997, S. 87.

[17] Vgl. Miesbeck: Hitler und München 1913 bis 1918, S. 24.

[18] Völkischer Beobachter vom 3. August 1934 zitiert nach Joachimsthaler, Anton: Hitlers Eintritt in die Politik und die Anfänge der NSDAP. In: Bauer, Richard / Hockerts, Hans G. / Schütz, Brigitte et alt. (Hrsg.): München – »Hauptstadt der Bewegung«. Bayerns Metropole und der Nationalsozialismus. München 1993, S. 71.

[19] Vgl. Rudloff, Wilfried: Zwischen Revolution und Gegenrevolution. München 1918 bis 1920. In: Bauer, Richard / Hockerts, Hans G. / Schütz, Brigitte et alt. (Hrsg.): München – »Hauptstadt der Bewegung«. Bayerns Metropole und der Nationalsozialismus. München 1993, S. 31.

[20] Vgl. Schütz, Brigitte: Kriegserschütterung. Der erste Weltkrieg. In: Bauer, Richard / Hockerts, Hans G. / Schütz, Brigitte et alt. (Hrsg.): München – »Hauptstadt der Bewegung«. Bayerns Metropole und der Nationalsozialismus. München 1993, S. 29.

[21] Vgl. Joachimsthaler: Hitlers Eintritt in die Politik und die Anfänge der NSDAP, S. 72.

[22] Vgl. Joachimsthaler: Hitlers Eintritt in die Politik und die Anfänge der NSDAP, S. 72.

[23] Vgl. ebd., S. 77 f.

[24] Vgl. ebd., S. 78.

[25] Plewnia, Margarete: Völkischer Beobachter (1887-1945). In: Fischer, Heinz- Dietrich (Hrsg.): Deutsche Zeitungen des 17. bis 20. Jahrhunderts. Pullach 1972, S. 381.

[26] Münchner Beobachter. München 1887-1920.

[27] Vgl. Plewnia: Völkischer Beobachter (1887-1945), S. 381.

[28] Vgl. Weidisch, Franz: Der »Völkische Beobachter«. Zentralorgan der NSDAP. In: Bauer, Richard / Hockerts, Hans G. / Schütz, Brigitte et alt. (Hrsg.): München – »Hauptstadt der Bewegung«. Bayerns Metropole und der Nationalsozialismus. Herausgegeben von. München 1993, S. 139.

[29] Völkischer Beobachter. München 1920-1945.

[30] Vgl. Schütz, Sabine: Die Anfänge der NSDAP. In: Bauer, Richard / Hockerts, Hans G. / Schütz, Brigitte et alt. (Hrsg.): München – »Hauptstadt der Bewegung«. Bayerns Metropole und der Nationalsozialismus. München 1993, S. 88.

[31] Vgl. Weidisch: Der »Völkische Beobachter«, S. 139.

[32] Engelmann, Tanja: »Wer nicht wählt, hilft Hitler«. Wahlkampfberichterstattung in der Weimarer Republik. In: Wilke, Jürgen (Hrsg.): Medien in Geschichte und Gegenwart. Köln 2004, S. 29.

[33] Vgl. Tavernaro: Der Zentralverlag der NSDAP, S. 174.

[34] Vgl. Hale, Oron J.: Presse in der Zwangsjacke 1933 – 1945. Düsseldorf 1965, S. 28.

[35] Vgl. Vgl. Kershaw: Hitler 1889-1936, S. 202.

[36] Vgl. Kershaw: Hitler 1889-1936, S. 202.

[37] Vgl. Weidisch: Der »Völkische Beobachter«, S. 138.

[38] Vgl. Schütz: Die Anfänge der NSDAP, S. 88.

[39] Vgl. Hale: Presse in der Zwangsjacke, S. 29 f.

[40] Vgl. Tavernaro: Der Zentralverlag der NSDAP, S. 174.

[41] Weidisch: Der »Völkische Beobachter«, S. 139.

[42] Vgl. 2.2.

[43] Vgl. Hale: Presse in der Zwangsjacke 1933-1924, S. 31.

[44] Vgl. ebd., S. 38.

[45] Adolf Hitler im Völkischen Beobachter 1921 zitiert nach Dresler: Geschichte des „Völkischen Beobachters“ und des Zentralverlages der NSDAP Franz Eher Nachf. München 1937, S.85 f.

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Details

Titel
Die Bedeutung des Franz Eher Verlages für Adolf Hitler
Untertitel
Einflussnahme aus politische Laufbahn, finanzielle Gewinne und schriftstellerische Erfolge
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Germanistik)
Veranstaltung
Der Franz Eher Verlag
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
32
Katalognummer
V351183
ISBN (eBook)
9783668376434
ISBN (Buch)
9783668376441
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz Eher Verlag, Adolf Hitler, Buchwissenschaft, Einfluss
Arbeit zitieren
Charlotte Hassiepen (Autor), 2016, Die Bedeutung des Franz Eher Verlages für Adolf Hitler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351183

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