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Eine Analyse des Gedichtzyklus "Gottfried Benn" von Else Lasker-Schüler unter der Berücksichtigung von Biografie und Zeitkontext

Die Liebe als daseinsbewältigende Macht

Title: Eine Analyse des Gedichtzyklus "Gottfried Benn" von Else Lasker-Schüler unter der Berücksichtigung von Biografie und Zeitkontext

Bachelor Thesis , 2014 , 39 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Charlotte Hassiepen (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

"Ich bin in Theben (Ägypten) geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam im Rheinland. Ich ging bis 11 Jahre zur Schule, wurde Robinson, lebte fünf Jahre im Morgenlande, und seitdem vegetiere ich." In diesem Zitat der deutsch-jüdischen Lyrikerin Else Lasker-Schüler offenbart sich bereits die Problematik, die sich aus der Auseinandersetzung mit ihrem Leben und Werk ergibt. So tendiert sie dazu, Fakten über ihr Leben entweder gänzlich zu verschweigen oder sie in ihrem Werk und der vorgenommenen Selbstmystifizierung so stark zu poetisieren, dass die Frage nach einer Dokumentation der Realität erhebliche Schwierigkeiten aufwirft. Dieser enorme Drang nach Poetisierung und Mystifizierung ihres Lebens ist im Wesentlichen in dem Unvermögen begründet, sich in der Realität zurechtzufinden. Lediglich ihre grenzenlose Fantasie und die daraus resultierende Lyrik helfen Lasker-Schüler, den Alltag zu überstehen: „Ich sterbe am Leben und atme im Bilde wieder auf.“ Diese Tendenz konfrontiert jedoch einen jeden, der sich mit ihrem Werk auseinandersetzt, mit der Herausforderung eines nahezu grenzenlosen Übergangs zwischen Realität und Fiktion sowie Werk und Autorin.

Die vorherrschende Deutung der Forschung fokussiert sich überwiegend auf die autobiografischen Elemente ihres Werkes und interpretiert dieses als Spiegel ihres Lebens. Auch bei ihrem Gedichtzyklus Gottfried Benn, der im Zentrum dieser Arbeit steht, dominiert die Lesart, die 1917 erstmals veröffentlichten Gedichte als Dokumentation einer vermeintlichen Liebesbeziehung zwischen Lasker-Schüler und dem Dichter Gottfried Benn zu deuten. Obwohl die offenkundige Nennung Benns im Titel diese Deutung zunächst nahelegen mag, scheint mir die – in der Sekundärliteratur weniger vertretene – Vorgehensweise angemessener, verstärkt zwischen Werk und Biografie der Lasker-Schüler zu differenzieren und insbesondere bei Rückschlüssen von der Lyrik auf ihr Leben Vorsicht walten zu lassen. Dieser Ansatz sieht sich auch durch de Mans Aufsatz Autobiographie als Maskenspiel bestärkt: Ihm zufolge sei eine Unterscheidung zwischen Fiktion und Autobiografie „keine Frage von Entweder-Oder […], sondern unentscheidbar.“ Denn während jede Fiktion allein durch ihre Autorenschaft persönlich geprägt sei, gehe es in der Autobiografie umgekehrt wie bei jedem fiktionalen Buch „um das Geben und Nehmen von Gesichtern, um Maskierung und Demaskierung, Figur, Figuration und Defiguration.“

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Leben und Selbstmystifizierung der Lasker-Schüler

2.1 Die Kindheit als verlorenes Paradies

2.2 Abkehr vom bürgerlichen Leben

3 Der ‚Spielgefährte‘ Gottfried Benn

4 Mystische Welten: Die Lyrikerin in ihrem Verhältnis zur Religion

5 Einbettung der Lyrik Lasker-Schülers im Zeitkontext

5.1 Gattungsmerkmale und Lebensgefühl des Expressionismus

5.2 Lasker-Schüler – eine expressionistische Lyrikerin?

6 Das einseitige Gespräch des lyrischen Ichs mit dem lyrischen Du

7 Überwindung der Einsamkeit und Verlorenheit

8 „Der kühle Tag“: Ablehnung des irdischen Daseins

9 Gegenwelt zur Realität: auf der Suche nach dem verlorenen Paradies

9.1 Himmlische Bildbereiche als mystische Symbole

9.2 Die Bedeutung der Farbmetaphorik

9.2.1 Blau und Gold: die Farben des Himmlischen

9.2.2 Schwarz und Weiß: die Farben der irdischen Welt

9.2.3 ‚Bunt‘: die Farbe des lyrischen Ichs

9.2.4 Rot: die Farbe des Lebens und der Liebe

9.3 Die Liebe als Maske für die Gottessuche

9.4 Daseinsbewältigung reflektiert in der Naturbeschreibung

10 Das Spiel mit dem lyrischen Du als Daseinsüberwindung

10.1 Das erotische Liebesspiel

10.2 Kindliches Spiel als Eskapismus

11 Die Liebe als daseinsbewältigende Macht? Die paradoxe Beziehung zum lyrischen Du

12 Ausblick

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht den Gedichtzyklus Gottfried Benn von Else Lasker-Schüler. Ziel ist es, die These zu belegen, dass nicht eine tatsächliche Beziehung zu Gottfried Benn den inhaltlichen Kern bildet, sondern die Liebe selbst als eine daseinsbewältigende Macht fungiert, die dem lyrischen Ich die Flucht aus der als negativ empfundenen Realität in eine mystische Gegenwelt ermöglicht.

  • Analyse der Interdependenz von Biografie, Werk und Zeitkontext des Expressionismus.
  • Untersuchung des lyrischen Ichs als einsames, nach Geborgenheit suchendes Subjekt.
  • Deutung von Farbmetaphorik und Naturmotiven als Chiffren für eine spirituelle Gegenwelt.
  • Interpretation des Spielmotivs (erotisches und kindliches Spiel) als Mittel der Daseinsüberwindung.
  • Hinterfragung der Liebesauffassung als paradoxes Konstrukt zwischen Wunsch und Desillusionierung.

Auszug aus dem Buch

3 DER ‚SPIELGEFÄHRTE‘ GOTTFRIED BENN

Die Begegnung zwischen Else Lasker-Schüler und dem Lyriker Gottfried Benn ist ebenso mythenumwoben wie das Leben der Schriftstellerin. Wo die Liebe beginnt und wie sie verläuft, scheint genauso rätselhaft wie die Frage, ob sie überhaupt je existiert hat. Wenn man über das Verhältnis dieser großen Dichter schreibt, bleibt man daher letztlich auf Vermutungen angewiesen, was insbesondere der Tatsache geschuldet ist, dass keine glaubwürdigen Zeugnisse wie Briefe oder Fotodokumente existieren. Die einzigen Hinweise auf eine mögliche Liebesbeziehung liefern gegenseitige Widmungen und textinterne Hinweise in ihren Gedichten. In der Sekundärliteratur besteht angesichts dieser Dokumente häufig die Neigung, eine romantische und höchst tragische Liebesgeschichte hinter den Gedichten zu vermuten, was aufgrund der mangelnden Beweise jedoch reine Spekulation bleibt. Daher sollen hier lediglich die wenigen bekannten Fakten dargelegt werden.

Ende 1912 lernen sich die beiden Dichter kennen. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die 43-jährige Lasker-Schüler bereits einen Namen als Lyrikerin gemacht. Der 26-jährige Benn arbeitet als Assistenzarzt der Pathologie und obgleich als Lyriker bis dahin kaum bekannt, hat er gerade seine Morgue Gedichte veröffentlicht. Der große Altersunterschied ist ihm wohl nicht bewusst, da sich Lasker-Schüler im Kreise der jungen Expressionisten erheblich jünger gibt. Nachdem sie Benns Morgue Gedichte gelesen hat, schreibt sie einen geradezu enthusiastischen Brief an ihren Verleger Kurt Wolf, in dem sie ihn bittet, Benns Gedichte zu verlegen: „Er ist halb Tiger, halb Habicht und steht im Keller seines Krankenhauses und öffnet die Leichen. Er ist ebenso herb wie derb ebenso zart wie weich. König, ihr dürft nicht zögern […] Sprich!!! König!! Ich stehe Dr. Benn nicht was Liebe betrifft nah – tue es Ehrenwort hinterrücks, tue es aus Weltordnung nicht mal aus Cultur. Ich der Prinz!“

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Problematik der Abgrenzung von Fiktion und Biografie im Werk Else Lasker-Schülers und führt in die zentrale Fragestellung der Liebe als daseinsbewältigende Macht ein.

2 Leben und Selbstmystifizierung der Lasker-Schüler: Dieses Kapitel skizziert die biographischen Eckpunkte Lasker-Schülers und erläutert ihre Tendenz, ihr Leben als Mythos zu inszenieren, was die Interpretation ihrer Werke erschwert.

3 Der ‚Spielgefährte‘ Gottfried Benn: Hier werden die Hintergründe der Begegnung mit Gottfried Benn analysiert, wobei das Verhältnis der beiden als mythenumwobene Spielbeziehung charakterisiert wird.

4 Mystische Welten: Die Lyrikerin in ihrem Verhältnis zur Religion: Das Kapitel untersucht Lasker-Schülers synkretistisches Religionsverständnis und ihre Identifikation mit biblischen Figuren wie Joseph.

5 Einbettung der Lyrik Lasker-Schülers im Zeitkontext: Es erfolgt eine Einordnung in den literarischen Expressionismus, wobei die Schnittmengen ihrer Ästhetik mit dem Lebensgefühl dieser Strömung diskutiert werden.

6 Das einseitige Gespräch des lyrischen Ichs mit dem lyrischen Du: Analyse der einseitigen Kommunikationssituation der Gedichte und der Rolle des lyrischen Ichs als suchendem Subjekt.

7 Überwindung der Einsamkeit und Verlorenheit: Untersuchung der Motive Einsamkeit und Heimatlosigkeit sowie der Hoffnung auf deren Aufhebung durch die Macht der Liebe.

8 „Der kühle Tag“: Ablehnung des irdischen Daseins: Analyse der bewussten Abgrenzung von der realen Welt und der Sehnsucht nach einer imaginierten, poetischen Gegenwelt.

9 Gegenwelt zur Realität: auf der Suche nach dem verlorenen Paradies: Vertiefung der Suche nach dem verlorenen Kindheitsparadies durch himmlische Symbole, Farbe und Gottessuche.

10 Das Spiel mit dem lyrischen Du als Daseinsüberwindung: Analyse der Bedeutung des Spielmotivs als Instrument, um die Realität zu transzendieren und in ein mystisches Paradies einzutreten.

11 Die Liebe als daseinsbewältigende Macht? Die paradoxe Beziehung zum lyrischen Du: Kritische Reflexion der These, wobei das Paradoxon zwischen dem Liebeswunsch und der Unmöglichkeit seiner dauerhaften Erfüllung im Zentrum steht.

12 Ausblick: Zusammenfassung der Ergebnisse und Anregung für weiterführende Fragestellungen bezüglich der Entwicklung von Lasker-Schülers Liebeskonzept in ihrem Gesamtwerk.

Schlüsselwörter

Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn, Expressionismus, Lyrik, Daseinsbewältigung, Liebesgedichte, Mystik, Religion, Identität, Selbstmystifizierung, Paradies, Realität, Gegenwelt, Spielmotiv, Transzendenz.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Bachelorarbeit analysiert den Gedichtzyklus "Gottfried Benn" von Else Lasker-Schüler und hinterfragt, inwiefern die Liebe in diesen Texten als Mittel zur Überwindung einer als belastend empfundenen Realität eingesetzt wird.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Die zentralen Themen umfassen die Suche nach Transzendenz, das Spannungsfeld zwischen Biografie und Werk, die expressionistische Ästhetik sowie die Bedeutung von Symbolik, Religion und Spiel in der Lyrik Lasker-Schülers.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu belegen, dass die Liebe nicht nur als Ausdruck einer persönlichen Beziehung zu Benn dient, sondern eine universelle, daseinsbewältigende Macht darstellt, mit der die Dichterin versucht, in eine Gegenwelt zu entfliehen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit folgt einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die den Textzyklus systematisch anhand von Motiv-, Farb- und Metaphernanalysen untersucht und in den historischen Kontext des Expressionismus einbettet.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine biographische und zeitgeschichtliche Kontextualisierung, gefolgt von einer detaillierten Analyse der gedichtimmanenten Symbole, der Spielmotive und der Frage nach der tatsächlichen Erfüllbarkeit dieses Liebeskonzepts.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den prägenden Schlüsselwörtern zählen Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn, Daseinsbewältigung, mystische Gegenwelt, Expressionismus, Liebeslyrik, Selbstmystifizierung und Transzendenz.

Welche Rolle spielt die Figur des „Prinz Jussuf“ in der Interpretation?

Die Figur des Prinzen Jussuf verdeutlicht Lasker-Schülers Tendenz zur Selbstmystifizierung und ihre Identifikation mit biblischen Motiven, die ihr als Maske dienen, um eine eigene, mystisch-orientalische Identität zu schaffen.

Inwiefern beeinflusst das Spielmotiv die Deutung der Gedichte?

Das Spielmotiv fungiert als entscheidendes Instrument zur Daseinsüberwindung. Durch das erotische oder kindliche Spiel erschafft das lyrische Ich eine Welt, die jenseits rationaler Logik liegt und eine spirituelle Vereinigung ermöglicht.

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Details

Title
Eine Analyse des Gedichtzyklus "Gottfried Benn" von Else Lasker-Schüler unter der Berücksichtigung von Biografie und Zeitkontext
Subtitle
Die Liebe als daseinsbewältigende Macht
College
LMU Munich  (Germanistik)
Grade
1,0
Author
Charlotte Hassiepen (Author)
Publication Year
2014
Pages
39
Catalog Number
V351185
ISBN (eBook)
9783668376496
ISBN (Book)
9783668376502
Language
German
Tags
eine analyse gedichtzyklus gottfried benn else lasker-schüler berücksichtigung biografie zeitkontext liebe macht
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Charlotte Hassiepen (Author), 2014, Eine Analyse des Gedichtzyklus "Gottfried Benn" von Else Lasker-Schüler unter der Berücksichtigung von Biografie und Zeitkontext, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351185
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