Besonders nach schweren Unglücken, Großschadenslagen oder anderen, potentiell belastenden Einsätzen, sind es die Einsatzkräfte der Feuerwehren und Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz oder der Johanniter Unfallhilfe, die den Erstkontakt zu Überlebenden haben.
Die Notwendigkeit psychosozialer Notfallversorgung und Nothilfe von Betroffenen, also der Betrachtung und der Behandlung der Psyche eines Menschen, kann inzwischen als unbestritten angesehen werden und „sollte schon aus rein humanen Gründen [...] berücksichtigt werden“ (Lasogga & Okoniewski 2013, S.72). Jede Notfallsituation stellt für alle Betroffenen, also die direkten Notfallopfer, aber auch deren Angehörige, einen direkten Eingriff in das Leben dar. Auf einen Schlag kann sich der gesamte Alltag der Opfer ändern und weitere Konsequenzen für die Zukunft haben.
„Auch die Belastungen der Helfer, insbesondere die der Rettungsdienstmitarbeiter und Ärzte sowie die daraus resultierenden Folgen wurden in den 1980-er und 90-er Jahren zunehmend thematisiert [...]“ (Gasch & Lasogga 2011, S. 5). Dass auch Helfer nach Notfällen und Einsatzlagen Hilfe benötigen können, ist, Bernd Gasch zufolge, eine Ansicht, die sich immer weiter durchsetzt. So förderte beispielsweise das BMI Forschungsprojekte, welche der Prävention der Einsatzkräfte dienen sollen. Auch Frank Lasogga und Annalena Okoniewski stellten 2013 fest, dass es zwar Strukturen, Pläne und Konzepte für die PSNV von Notfallopfern nach Großschadenslagen und auch bei Individualnotfällen gibt, deren Umsetzung erfolgt in Deutschland aber zum Teil nur mangelhaft. Dies deckt sich mit den Eindrücken des Autors dieser Arbeit im Bereich der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr, die er durch eigene Tätigkeit in der Wasserrettung und durch Gespräche gewann. Seit Beginn der 2000er Jahre spricht die Berichterstattung in den Medien auch von den möglichen Belastungen der Helfer. Dennoch ist es fraglich, inwieweit die Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen im Land Brandenburg mit den Möglichkeiten der Psychologischen Ersten Hilfe und deren Anwendung vertraut sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorgehensweise
3. Psychische Erste Hilfe und Psychosoziale Notfallversorgung
3.1. Psychische Erste Hilfe
3.2. Psychosoziale Notfallversorgung
3.3. PSNV und Einsatznachsorge im Land Brandenburg
4. Helfergruppen
4.1. PTBS-Prävalenzen verschiedener Helfergruppen
4.1.1. Spontanhelfer
4.1.2. Ehrenamtliche Helfer im Bevölkerungsschutz
4.1.3. Professionelle Kräfte im Bevölkerungsschutz
4.1.4. Zusammenfassung
4.2. Psychologische Aspekte in der Ausbildung von Helfern
4.2.1. Psychologische Aspekte in der Grundausbildung ehrenamtlicher Helfer
4.2.2. Psychologische Aspekte in der Ausbildung zum Rettungssanitäter
4.2.3. Psychologische Aspekte in der Ausbildung zum Notfallsanitäter
4.3. Fazit
5. Diskussion
6. Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit liefert eine Bestandsaufnahme der psychosozialen Unterstützungssituation für Helfer des nichtpolizeilichen Bevölkerungsschutzes in Brandenburg, um Schwachstellen in der Versorgung aufzuzeigen und Lösungsansätze zur Erhöhung der Akzeptanz dieser Angebote zu formulieren.
- Unterscheidung und Definition von Psychischer Erster Hilfe (PEH) und Psychosozialer Notfallversorgung (PSNV).
- Analyse der PTBS-Prävalenzraten bei verschiedenen Helfergruppen (Spontanhelfer, Ehrenamtliche, Profis).
- Evaluierung der psychologischen Inhalte in der Aus- und Fortbildung für Rettungsdienste und Katastrophenschutz.
- Darstellung der bestehenden Strukturen der Einsatznachsorge (ENT) im Land Brandenburg.
- Ableitung von Empfehlungen für eine niedrigschwelligere und besser integrierte Einsatznachsorge.
Auszug aus dem Buch
3.1. Psychische Erste Hilfe
„‘Psychische Erste Hilfe‘ ist der regelgeleitete psychologisch angemessene Umgang mit direkten und indirekten Opfern von Notfällen. Psychische Erste Hilfe wird von Laienhelfern und professionellen nicht-psychologischen Helfern (Einsatzkräften) geleistet.“ (Lasogga 2011)
Die von Gasch und Lasogga beschriebenen 11 Regeln der Psychischen Ersten Hilfe für professionelle nicht-Psychologische Helfer, also für Einsatzkräfte und schildern die ersten Maßnahmen, die von Helfern im Umgang mit Betroffenen angewandt werden sollen. Diese Regeln beschreiben wünschenswertes Auftreten der eingesetzten Kräfte, welches von Betroffenen überwiegend als positiv wahrgenommen wird (Lasogga 2011, S.73&74). Die PEH kommt dann zum Einsatz, wenn professionelle psychologische Helfer noch nicht eingetroffen sind. Bei der PEH fließen auch Erfahrungen aus dem Rettungsdienst ein, wie zum Beispiel, dass sich Einsatzkräfte erst einmal einen Überblick verschaffen, sich dem Betroffenen mit Namen und Funktion vorstellen oder versucht wird, den Betroffenen von Zuschauern abzuschirmen. Des Weiteren wurden in die Regeln Wahrnehmungen von Betroffenen aufgenommen, die bestimmte Handlungsmuster von Rettungskräften als hilfreich oder angenehm in ihrer Notlage empfanden. Hierzu zählen zum Beispiel das Aufnehmen des vorsichtigen Körperkontakts zum Betroffenen, kompetentes Auftreten, das Weitergeben von Informationen und das aktive Zuhören. Der Betreuungsansatz wird besonders durch die Regeln verdeutlicht, dass die Selbstkontrolle des Betroffenen zu stärken ist und für psychischen Ersatz gesorgt werden soll. Hiermit soll sichergestellt werden, dass der Betroffene stets durch eine Einsatzkraft betreut wird. Wichtig ist auch, sich vom Patienten oder den Betroffenen zu verabschieden. Auch sollen sich Rettungskräfte bei den Laienhelfern bedanken (ebd. S.76-83).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Notwendigkeit psychosozialer Unterstützung für Einsatzkräfte nach belastenden Ereignissen und stellt die Forschungsfrage zur Vertrautheit der Brandenburger Einsatzkräfte mit PEH und PSNV.
2. Vorgehensweise: Es wird die Methodik der Bestandsaufnahme erläutert, die auf der Analyse von Statistiken des Einsatznachsorgeteams, Fachliteratur und einem Vergleich von Ausbildungsinhalten basiert.
3. Psychische Erste Hilfe und Psychosoziale Notfallversorgung: Dieses Kapitel definiert die Begrifflichkeiten, erläutert die Präventionsstufen und beschreibt die Strukturen der Notfallseelsorge sowie des Einsatznachsorgeteams in Brandenburg.
4. Helfergruppen: Die Arbeit differenziert zwischen Spontanhelfern, ehrenamtlichen und professionellen Helfern und untersucht deren spezifische PTBS-Risiken sowie die psychologischen Inhalte ihrer jeweiligen Ausbildungscurricula.
5. Diskussion: Hier werden die Ergebnisse kritisch reflektiert, insbesondere die Diskrepanz zwischen der Belastungssituation und der relativ geringen Inanspruchnahme des Einsatznachsorgeteams.
6. Ausblick: Das Kapitel schlägt ein dreistufiges Unterstützungssystem vor und fordert eine stärkere Sensibilisierung sowie verbesserte Ausbildung der Einsatzkräfte für ihre psychische Gesundheit.
Schlüsselwörter
Psychische Erste Hilfe, PSNV, Einsatznachsorge, Notfallpsychologie, PTBS, Bevölkerungsschutz, Einsatzkräfte, Spontanhelfer, psychologische Ausbildung, Stressbewältigung, Traumafolgestörungen, Krisenintervention, Einsatznachsorgeteam, Brandenburg, Psychohygiene
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der psychischen Gesundheit von Helfern im nichtpolizeilichen Bevölkerungsschutz in Brandenburg und der Bedeutung der Psychosozialen Notfallversorgung für diese Zielgruppe.
Welche Helfergruppen stehen im Fokus der Untersuchung?
Analysiert werden Spontanhelfer (ungebundene Helfer), ehrenamtliche Helfer in Hilfsorganisationen sowie professionelle Kräfte bei Berufsfeuerwehren und Rettungsdiensten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll der Kenntnisstand und die Anwendung von Psychischer Erster Hilfe und PSNV bei Einsatzkräften im Land Brandenburg ermittelt werden, um Schwachstellen zu identifizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine Bestandsaufnahme durch, die auf der Auswertung von Einsatzstatistiken des ENT Brandenburg, Literaturanalysen und dem Vergleich von Ausbildungscurricula beruht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung von PSNV und PEH, eine detaillierte Prävalenzanalyse von PTBS bei den Helfergruppen sowie eine Untersuchung psychologischer Lehrinhalte in der Ausbildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere PSNV-E, Psychische Erste Hilfe, Einsatznachsorgeteam (ENT), PTBS-Prävalenz, Bevölkerungsschutz und Psychohygiene.
Wie unterscheidet sich die Nutzung des ENT zwischen den Helfergruppen?
Die Daten zeigen, dass das ENT im Jahr 2015 nur selten alarmiert wurde, wobei hauptamtliche Kräfte trotz hoher Belastung eine hohe Hemmschwelle gegenüber offiziellen Hilfsangeboten zeigen.
Welchen konkreten Verbesserungsvorschlag macht der Autor im Ausblick?
Der Autor schlägt ein dreistufiges System der Unterstützung vor, das von telefonischer Beratung über Fachberatung vor Ort bis hin zum Einsatz des gesamten Nachsorgeteams bei Großereignissen reicht.
- Arbeit zitieren
- Michael Meister (Autor:in), 2016, Psychologische Erste Hilfe für Helfer des nichtpolizeilichen Bevölkerungsschutzes im Land Brandenburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351218