Der Unverstand der Massen? Logiken und Funktionsmechanismen von Massen und sozialen Bewegungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklung des Massebegriffs
2.1. Der alte Massebegriff nach Le Bon und Freud
2.2. Der neue Massebegriff: Soziale Bewegungen

3. Entstehung, Funktion und das Vorgehen von Massen und sozialen Bewegungen
3.1. Theoretische Ansätze zur Entstehung und zu den Mechanismen von sozialen Bewegungen
3.1.1. Der Ressourcenmobilisierungsansatz
3.1.2. Der Framing-Ansatz
3.1.3. Der Ansatz der politischen Möglichkeitsstruktur
3.1.4. Der Collective-Identity Ansatz
3.2. Wie funktionieren Bewegungen und wie sind sie aufgebaut ?
3.3. Politische Wirksamkeit von Massen und Bewegungen
3.4. Massen, soziale Bewegungen und die Neuen Medien
3.5. Politische Nutzung von Gewalt

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nur wenige Begriffe unserer Sprache sind so negativ konnotiert, wie der Begriff der Masse. Die Masse wird als bedrohlich, einschüchternd, grau, eintönig und unverständig angesehen. Selbst als Wortzusammensetzung wird der Begriff meist zur Verdeutlichung oder Erhöhung des Schlechten und Negativen verwendet: Massenarbeitslosigkeit, Massengrab, Massenpanik, alles maximale Steigerungen durch den bereits negativ behafteten Begriff.

Das wird ein Grund dafür sein, dass die Bezeichnung Masse, seit der, für ihre Zeit, bahnbrechenden Untersuchungen von Freud und Le Bon, über Art und Psychologie der Masse, vom Anfang des letzten Jahrhunderts, in der aktuellen Forschung eher seltener verwendet wird. Er ist größtenteils Begriffen, wie etwa der sozialen Bewegung, gewichen. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist natürlich, ob die Masse von damals der sozialen Bewegung von heute gleichzusetzen ist und sich nur dem Namen nach unterscheidet, oder ob es tatsächlich komplett unterschiedliche Konstrukte, mit verschiedenen Eigenschaften, Mechanismen und Vorgehensweisen, sind.

Was sind also Massen und Bewegungen und aus welcher Motivation heraus entstehen und funktionieren Sie? Auch ist in diesem Zusammenhang die Frage berechtigt, ob die Massen wirklich unüberlegt und unverständig sind oder doch einer gewissen Logik und konkreten Zielsetzung folgen.

2. Entwicklung des Massebegriffs

2.1. Der alte Massebegriff nach Le Bon und Freud

Der alte Massebegriff, der seine Wurzeln vor allem in den Werken

„Massenpsychologie und Ich-Analyse“ von Sigmund Freud1 und „Psychologie der Massen“ von Gustave Le Bon2 hat, definiert die Masse (die man nicht als numerische Zahlengröße darstellen kann, sondern den Begriff als gegeben hinnehmen muss3 ) als Menschenansammlung ohne Kultur oder Vernunft, die von Emotionen und Irrationalität gesteuert, die Zivilisation und etablierte Ordnung bedroht.4 Das Aufkommen der Masse war verknüpft mit den vielen Stand und Besitzlosen, nach dem Wegfall der alten sozialen Sicherungssysteme und der Bevölkerungsexplosion, im Übergang von der sich auflösenden Feudalgesellschaft, zum Zeitalter der Industrialisierung, Ende des 18. Jahrhunderts.5 Sie war gleichzusetzen mit dem politisch gewordenen Proletariat. Die nun wahlberechtigten Volksmassen wurden als Bedrohung der herrschenden, logisch denkenden Eliten angesehen. Es bestand jederzeit die Gefahr, dass die Leidenschaft der immer protestbereiten Masse durch innere oder äußere Impulse einer Führungspersönlichkeit gegen die Obrigkeit gelenkt werden könnte. Dies würde in Revolution und Anarchie enden und das Ende der Zivilisation darstellen.6 Diese Ansicht diente auch zur Legitimierung der Elitenherrschaft, der die Aufgabe oblag, das Volk zu kontrollieren und dafür zu sorgen, dass ihr Herdentrieb nicht über Geist und Vernunft triumphierte.7

2.2. Der neue Massebegriff: Soziale Bewegungen

In der aktuelleren Forschung wird der Begriff der Masse nur noch selten verwendet. Sicherlich auch deshalb, weil er, wie oben schon erwähnt, negativ belastet ist und damit ein bestimmtes Bild assoziieren könnte. Heutzutage ist das Massekonzept nach und nach von den Theorien über das kollektive Verhalten und die sozialen Bewegungen ersetzt worden.8 Die neuen Massen, die sozialen Bewegungen, werden in der Forschung als Netzwerke von Individuen und Organisationen angesehen, die eine kollektive Identität teilen und versuchen sozialen, ökonomischen oder kulturellen Wandel herbeizuführen, sich ihm zu widersetzen oder ganz rückgängig zu machen.9

Die verschiedenen Netzwerke kommunizieren und interagieren miteinander. Die Beziehungen zwischen ihnen und den ihnen angehörigen Individuen müssen wiederholt neu ausgehandelt und aktiviert werden. In diesem Prozess müssen auch Ziele, Mittel und Handlungsfeld geklärt werden. Durch diese Vorgänge der Kommunikation und die ständige Investition von Emotionen, erlangen die Gruppen eine kollektive Identität.10 Diese kollektive Identität ist Schwerpunkt der Forschung und unabdingbar um die Gemeinschaft zusammenzuhalten, umgekehrt ist sie für die Einzelpersonen auch ein wichtiger Bestandteil deren sozialer Identität im täglichen Leben. Hier liegt eine Wechselwirkung oder sogar Symbiose vor.11 Auch gelten heutzutage nicht mehr die bildungsfernen und finanziell schwächeren Teile der Bevölkerung als Hauptträger von Bewegungen, sondern ihre Impulsgeber kommen meist aus der neuen Bildungsschicht und der Mittelklasse. Viele Bewegungen weisen spätestens seit den 1960er Protesten eine direkte Nähe zu Bildungseinrichtungen und Universitäten auf. In manchen Fällen scheinen spezielle Ideen und Bewegungen sogar nur an solchen Hochschulorten präsent zu sein.12

Einer der größten Unterschiede in der Definition der sozialen Bewegungen, im Vergleich zu den alten Massen, ist allerdings die weitgehend fehlende Nachfrage nach Führern. Begriffe wie Suggestion, Verführung oder Ansteckung durch eine Führerfigur, gelten in der heutigen Forschung eigentlich kaum noch als Teil des modernen Massediskurses.13 Auch wenn im Hinblick auf manche Gruppen und Bewegungen, vor allem in letzter Zeit, dabei Zweifel aufkommen könnten. Es wird heutzutage wieder mit Ängsten gespielt und starke Meinungsschöpfung betrieben und es sind durchaus Vorgehensweisen der Suggestion oder Aufstachelung ersichtlich, um Gruppen zu mobilisieren.14 Allerdings geschieht dies, der Forschung nach, heutzutage weniger durch einen speziellen Anführer der Gruppe, sondern durch die Wechselwirkungen und Befruchtungen innerhalb der Gemeinschaft und der kollektiven Identität. Die alten Massenpsychologieansätze nach Freud und Le Bon, mit ihren Führer-Masse- Beziehungen, wurden abgelöst durch die Erforschung von Gruppennormen für Verhaltenskonformitäten. Diese neue Forschungsrichtung wird zusammengefasst unter dem Label der Bewegungsforschung. In dieser Forschungsrichtung geht es nicht mehr darum eine abwehrende und abwertende Außensicht zu etablieren und zu definieren, sondern Ziel der neuen Forschung ist es, unter anderem, die Motive und Ziele auch aus der Perspektive der handelnden Einzelakteure zu sehen. Die Bewegungsforschung versucht Entstehung, Formen, Dynamik und Auswirkungen sozialer Bewegungen mithilfe unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Theorien zu erklären.15

Herauszuheben ist ebenfalls, dass in der modernen Forschung kaum noch von den irrationellen Massen gesprochen wird, da zum Beispiel Protestbewegungen oftmals höchst rationale Hintergründe haben können. Für sie ist disruptiver, die öffentliche Ordnung störender oder die öffentliche Meinung erreichender, Protest eine gute und oftmals effektive Möglichkeit ihre Forderungen mit Ausblick auf politischen Erfolg einzubringen.16

Im aktuellen öffentlichen Diskurs der letzten Jahrzehnte haben sich positive und negative Konnotationen der Begriffe Masse und Bewegung abgewechselt, es herrscht jedoch nach wie vor ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den von Emotionen mobilisierten politischen Mengen.17

3. Entstehung, Funktion und das Vorgehen von Massen und sozialen Bewegungen

In der Bewegungsforschung werden mehrere theoretische Hauptansätze zur Entstehung, zum Aufbau und zum Vorgehen sozialer Bewegungen verfolgt, die wichtigsten werden im folgenden Bereich kurz vorgestellt werden.

3.1. Theoretische Ansätze zur Entstehung und zu den Mechanismen von sozialen Bewegungen

3.1.1. Der Ressourcenmobilisierungsansatz

Der „Ressourcenmobilisierungsansatz“ sieht die Existenz von verfügbaren Ressourcen als Voraussetzung für die Entstehung, Entwicklung und den Fortbestand von sozialen Bewegungen an. Um einen Protest durchführen zu können, eine Gemeinschaft zu bilden, oder eine Bewegung zu mobilisieren, ist immer ein Mindestmaß an Ressourcen, in Form von investierter Zeit und/oder Geld nötig. Jede Versammlung braucht die Zeit der Teilnehmer, jedes Protestplakat die Investition von Geldmitteln. Die Anhänger der Bewegung müssen dazu animiert werden, diese Ressourcen der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Dieser Vorgang des Einwerbens von Mitteln nennt sich Ressourcenmobilisation. Dabei muss beachtet werden, dass nicht nur die Mittel von Individuen, sondern auch von anderen Gruppen oder Institutionen eingeworben werden können. Das Einwerben und Animieren erfolgt durch soziale Organisationen innerhalb der Bewegung, die gewisse Steuerungselemente darstellen.18 Der Ansatz ist ein gutes Beispiel für die modernen Bewegungen in Abgrenzung zum alten Massebegriff, da er auf der Annahme der politischen Rationalität aufbaut und so den zielgerichteten Einsatz von Ressourcen propagiert.19

[...]


1 Freud, Sigmund: Massenpsychologie und Ich-Analyse, Leipzig 1921.

2 Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen, 15. Aufl., Stuttgart 1982.

3 Vgl. König, Helmut: Wiederkehr des Massethemas?, in: Masse - Macht - Emotionen. Zu einer politischen Soziologie der Emotionen, hrsg. von Ansgar Klein und Frank Nullmeier, Opladen 1999, S. 29.

4 Vgl. Le Bon 1982, S. 4f. und König 1999, S. 32.

5 Vgl. König 1999, S. 28.

6 Vgl. Demirovic, Alex: Kritische Theorie bürgerlicher Herrschaft und die Widersprüchlichkeit der Massen, in: Masse - Macht - Emotionen. Zu einer politischen Soziologie der Emotionen, hrsg. von Ansgar Klein und Frank Nullmeier, Opladen 1999, S. 169 und Le Bon 1982, S. 4.

7 Vgl. Roth, Roland: Bewegung statt Masse. Der Massendiskurs aus Sicht der Bewegungsforschung, in: Masse - Macht - Emotionen. Zu einer politischen Soziologie der Emotionen, hrsg. von Ansgar Klein und Frank Nullmeier, Opladen 1999, S. 241 und Demirovic 1999, S. 169.

8 Vgl. König 1999, S. 33 und Roth 1999, S. 242.

9 Vgl. Kolb, Felix: Soziale Bewegungen und politischer Wandel, Lüneburg 2002, S. 9f.

10 Vgl. Klandermans, Bert: Identität und Protest. Ein sozialpsychologischer Ansatz, in: Masse - Macht - Emotionen. Zu einer politischen Soziologie der Emotionen, hrsg. von Ansgar Klein und Frank Nullmeier, Opladen 1999, S. 261.

11 Vgl. Ebenda, S. 266ff.

12 Vgl. Roth 1999, S. 251f.

13 Vgl. Ebenda, S. 247.

14 Vgl. Vorländer, Hans u.a.: Pegida. Entwicklung, Zusammensetzung und Deutung einer Empörungsbewegung, Wiesbaden 2016, S. 21ff.

15 Vgl. Roth 1999, S. 248 und Kolb 2002, S. 21.

16 Vgl. Roth 1999, S. 249.

17 Vgl. Klein, Ansgar u.a.: Einleitung, in: Masse - Macht - Emotionen. Zu einer politischen Soziologie der Emotionen, hrsg. von Ansgar Klein und Frank Nullmeier, Opladen 1999, S. 9.

18 Vgl. Hofstätter, Peter Robert: Gruppendynamik. Kritik der Massenpsychologie, Hamburg 1957, S. 23f.

19 Vgl. Kolb 2002, S. 25f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Unverstand der Massen? Logiken und Funktionsmechanismen von Massen und sozialen Bewegungen
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Seminar für Europäische Ethnologie)
Veranstaltung
Hauptseminar Mobilisierungen
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V351289
ISBN (eBook)
9783668376090
ISBN (Buch)
9783668376106
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Masse, Massen, soziale Bewegungen, Soziologie, freud, le bon, neue medien, Psychologie der Massen
Arbeit zitieren
Niels Rauter (Autor), 2016, Der Unverstand der Massen? Logiken und Funktionsmechanismen von Massen und sozialen Bewegungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351289

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