Ernst Ludwig Kirchners Ölgemälde „Potsdamer Platz“ (1914). Werkbeschreibung, Werkgenese und ikonografische Aufarbeitung


Seminararbeit, 2016
27 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. WERKBESCHREIBUNG - „ POTSDAMER PLATZ “ (1914)

3. WERKGENESE
3.1. KIRCHNERS UMZUG VON DRESDEN NACH BERLIN
3.2. DER „BERLINER STIL“ - VON DER „STADTANSICHT“ ÜBER DIE „PLATZANSICHT“ ZUR „STRAßENSZENE“
3.3. DIE SKIZZEN ALS VORBEREITUNG ZUM GEMÄLDE
3.4 DER HOLZSCHNITT

4. ANNÄHERUNGEN AN EINE IKONOGRAPHIE
4.1. GROßSTADT UND KOKOTTEN - LITERARISCHE INSPIRATIONEN
4.2. DIE PROSTITUIERTE ALS BILDMOTIV
4.3. BEWEGUNG UND DYNAMIK - DIE FUTURISTEN UND FOTOGRAFISCHE EXPERIMENTE

5. ZUSAMMENFASSUNG UND STILEINORDNUNG

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1. Einleitung

Der Kunstwissenschaftler Lucius Grisebach stilisiert das Ölgemälde „Potsdamer Platz“1 aus dem Jahr 1914 zu einem der Hauptwerke Ernst Ludwig Kirchners.2 Das Gemälde ist Teil des Bilderzyklus der „Straßenszenen“, die in den Jahren 1913 und 1914 entstanden und in denen Magdalena M. Moeller die „künstlerische Entdeckung der Metropole“3 erkennt.

Kräftige und leuchtende Farben, durchwirkt von schwarzen Akzenten, rasch gesetzten Schraffuren, die Straßenzüge, Gebäude und Figuren in ihrem Volumen definieren, spitze Formen, ein kreisrundes Tableau und eine rätselhafte Perspektive dominieren den ersten Eindruck des Gemäldes.

Zunächst ist es wichtig, diese rätselhaften Impressionen, anhand einer genauen Werkbeschreibung zu ordnen und zu konkretisieren. In der darauffolgenden Werkgenese soll auf den Umzug Kirchners von Dresden nach Berlin eingegangen werden, um die Bedeutung des neuen Wahrnehmungs- und Schaffensraumes - der Großstadt Berlin - für den Künstler zu verdeutlichen. Hierbei soll ein besonderes Augenmerk auf die Entwicklung des Malstils und der Motivwahl gelegt werden. Anschließend soll auf den Entstehungsprozess des Gemäldes eingegangen werden. Hierfür dient eine genaue Betrachtung der vorbereitenden Skizzen und des, die Beschäftigung mit dem Potsdamer Platz abschließenden Holzschnittes. Die ikonografische Aufarbeitung des Gemäldes umfasst die Auswertung literarischer Inspirationen aus dem Kreis der expressionistischen Dichter, mit denen Kirchner in intellektuellem Austausch stand, sowie die avantgardistische Bewegung der italienischen Futuristen, deren Werke Kirchner in Berlin sah. Außerdem muss das Bildthema der Prostituierten auf seinen zeitgeschichtlichen Kontext und seine kunstgeschichtliche Bildtradition untersucht werden, um das Werk abschließend einer Stileinordnung zu unterziehen und es bezüglich seiner Innovativität innerhalb des Gesamtwerk Kirchners, aber auch für die Darstellung der Metropole im Allgemeinen einzuordnen.

2. Werkbeschreibung - „Potsdamer Platz“ (1914)

Das Ölgemälde „Potsdamer Platz“ präsentiert dem Betrachter eine von Ernst Ludwig Kirchner im Jahr 1914 fertiggestellte Arbeit auf einer Leinwandgröße von 200 x 150 cm und ist im Besitz der Staatlichen Museen zu Berlin.4

Der dunkle Himmel am oberen Bildrand, unterstützt durch die Uhr am Bahnhofsportal, die die Mitternachtsstunde markiert, lässt die Szene in der Nacht verorten, jedoch scheinen Vorder- und Mittelgrund hell erleuchtet, was für eine künstliche Lichtquelle wie Straßenlaternen außerhalb des Bildausschnittes spricht. Die Gebäude im Mittelgrund des Bildes, vor allem das Bahnhofsportal im Zentrum, geben Aufschluss über den topografischen Standort - den Potsdamer Platz in Berlin. Für seine Darstellung des damaligen Verkehrsknotenpunktes verbannt Kirchner Autos und Droschken aus dem gewählten Bildausschnitt, wohl, um die Konzentration auf Komposition, Farbeinsatz und Figurendarstellung zu richten.

Etwas links von der horizontalen Bildmitte stehen zwei weibliche Figuren auf einem kreisrunden, grauen Tableau - vermutlich eine Verkehrsinsel - die dem Betrachter entgegengeklappt zu sein scheint. Eine Straße isoliert die beiden von den Figuren und Gebäuden im Hintergrund, die somit als Staffage der Szene erscheinen, deren Hauptakteure die beiden weiblichen Figuren im Vordergrund sind. Die Bestimmung des Mittel- und Hintergrundes zur Staffage der Bildszene leitet sich aus der relativen Eindimensionalität der architektonischen Elemente und der wenig ausdifferenzierten Darstellung der weiteren Figuren ab. Der verschlungene Straßenzug, der auf der rechten Seite in den Bildhintergrund verschwindet, suggeriert zwar eine Öffnung des Raumes, dominiert das Bildgeschehen jedoch nicht.

Allein die proportionale Dominanz der beiden weiblichen Figuren, die sich in der Erstreckung in der Vertikalen ausdrückt, treibt den Betrachter geradezu unweigerlich zu einer näheren Auseinandersetzung mit ihnen.

Sie tragen markante Hüte mit aufwendigem Federschmuck und Schleiern, sowie knöchellange, spitzenbesetzte Kleider. Das durch einen halbtransparenten Schleier verdeckte Gesicht der linken Figur, die ganz in Schwarz gekleidet ist, richtet seinen Blick im Profil über den linken Bildrand hinaus. Ihr Kleid verhindert, aufgrund des pastosen, monochrom schwarzen Farbauftrags, nähere Spekulationen über anatomische Besonderheiten. Einzig ihre auf Hüfthöhe angehobene Hand und das kantige Gesicht mit einem roten Haaransatz verraten dem Betrachter Details ihres Körpers. Auch ihre Schuhe mit hohen Absätzen heben sich farblich nicht von ihrem Kleid ab, suggerieren aber in ihrer Stellung eine schreitende Bewegung, die von der leicht nach vorne gebeugten Körperhaltung der Figur unterstützt wird. Die weibliche Figur zur Rechten richtet ihr teilweise durch einen weißen Schleier verdecktes Gesicht direkt zum Betrachter. Der Körper, gehüllt in ein blaues Kleid, wirkt in die Länge gestreckt, der den Hut bekrönende Federschmuck verstärkt diesen Eindruck weiterhin. Auffällig ist die Konturierung des Kleides mittels schwarzer Schraffuren und weißer Höhungen, die explizit auf ihre weiblichen Geschlechtsmerkmale der Brüste und der Scham hinweisen. Ihr Gesicht, in welches die Fransen einer Kurzhaarfrisur fallen, erscheint aufgrund der schwarzen und somit leeren Augenhöhlen maskenhaft. Hierdurch wird der Fokus auf ihre Lippen gelegt, die Kirchner mit schwungvollem Pinselstrich ausgestaltet. Die Lippen heben sich durch ihr kräftiges Rot farblich vom grün-gelben Teint ihres Gesichts ab. Auch die Beine könnten anhand ihrer Stellung eine Bewegung andeuten. Es ist jedoch schwierig, diese Vermutung zu untermauern, da die Verkehrsinsel in ihrer Darstellung eine perspektivische Mehrdeutigkeit zulässt und die Beschaffenheit des Bodens, auf dem die beiden Figuren stehen, somit nur schwer zu bestimmen ist. Desweiteren stehen die Beinstellungen der Frauen, die auf eine Bewegung hindeuten, im Gegensatz zur Verschränkung ihrer Beine, die einen statischen Eindruck begünstigen.

Rechts von den beiden eröffnet der spitzwinklig auf den rechten Bildrand zulaufende Bürgersteig einen Blick in den sich in den Hintergrund verlaufenden Straßenzug. Links von ihm präsentiert Kirchner die Gebäude, die eine topografische Verortung der Szene zulassen - das Bahnhofsportal, dessen rötliche Farbe eine Backsteinmauer andeuten könnte und die Fassade des Gebäudes zur Rechten, das anhand des Standortes, der grob skizzierten Schmuckelemente und seiner markanten Rundbogenfenster als „Haus Potsdam“ bestimmt werden kann. Vor den Gebäuden bevölkern malerisch wenig ausdifferenzierte männliche Figuren in schwarzen Anzügen mit Hüten und weibliche Figuren, deren Körper in roten Pastelltönen gestaltet sind, den Bürgersteig.

Auch hier scheint die Bewegung für Kirchner ein wichtiges Element der Figurengestaltung zu sein. Besonders die männliche Figur rechts von den beiden Frauen drückt dies aus. Er scheint von dem, in den Vordergrund dringenden, spitz zulaufenden Bürgersteig auf die Straße zu treten. Sein rechtes Bein ist bereits auf die Straße gestreckt, wodurch sich zwischen seinen Beinen eine spitze Dreiecksform ergibt, die der Form des Bürgersteiges gleicht. Auch das Gebäude rechts von dem in den Hintergrund führenden Straßenzug greift diese Form auf.

Die giftgrüne Farbe der Straße ist unregelmäßig durch Schraffuren heller und dunkler grüner Akzente durchsetzt und trennt das Geschehen in Vorder- und Hintergrund räumlich voneinander. Für diese räumliche Trennung sprechen auch die Proportionen der Figuren, die gemäß der Zentralperspektive im Vordergrund größer und im Hintergrund kleiner dargestellt sind. Weiterhin scheint die Straße aber auch eine inhaltliche Grenze zwischen den Akteuren darzustellen, was sich aus den zögerlichen Versuchen einiger männlicher Figuren die Straße zu beschreiten herleiten lässt.

3. Werkgenese

Im Folgenden soll die Entstehung des Werkes „Potsdamer Platz“ nachvollzogen werden. Hierfür ist es wichtig, den Umzug Kirchners von Dresden nach Berlin biografisch einzuordnen und seine Bedeutung für das künstlerische Werk zu bestimmen. Desweiteren soll die nach seiner Ankunft in Berlin intensivierte Beschäftigung mit der Stadt als Bildmotiv beleuchtet werden, deren Entwicklung anhand ausgewählter Bildwerke Kirchners illustriert werden kann. Um den Arbeitsprozess am Gemälde „Potsdamer Platz“ nachvollziehbar zu machen, eignet sich eine Betrachtung der Vorstudien in Form von Skizzen, auf denen Kirchner grundlegende kompositorische Überlegungen notierte.

Zum Abschluss der Beschäftigung mit dem Bildthema des Gemäldes fertigte Kirchner einen Holzschnitt an, der zwar maßgebliche bildkompositorische Elemente des Gemäldes übernimmt, durch seine Erscheinungsform als Holzschnitt und den damit einhergehenden materialbedingten Besonderheiten in der Gestaltung jedoch als eigenständiges Werk zu werten ist und deswegen beschrieben und mit dem Gemälde verglichen werden soll.

3.1. Kirchners Umzug von Dresden nach Berlin

Nach Jahren des wachsenden Erfolges der „Brücke“ in Dresden suchten die Mitglieder der Künstlervereinigung einen neuen Standort für ihr Schaffen. Das Vorhaben, nach Paris zu ziehen, verwarf Ernst Ludwig Kirchner im Jahr 1911 zugunsten von Berlin. Die Reichshauptstadt war innerhalb weniger Jahrzehnte zur drittgrößten Metropole Europas gewachsen und versprach mit der gerade entstandenen, reichhaltigen Kulturszene neue künstlerische Möglichkeiten und wirtschaftlichen Durchbruch.5 Kirchner folgte Max Pechstein, der bereits 1908 nach Berlin umsiedelte und den Brücke-Mitgliedern bis zu ihrem kollektiven Standortwechsel 1911 wiederholt Quartier in Berlin bot.6 Der damals 31-jährige Kirchner bezog eine Atelierwohnung in Berlin-Wilmersdorf, die sich in direkter Nachbarschaft zu Max Pechsteins Arbeitsstätte befand.7 Angeregt vom kulturellen Treiben der Metropole gründeten Kirchner und Pechstein noch im selben Jahr eine Schule für Malerei - das „MUIM-Institut“.8 Der erhoffte Erfolg blieb jedoch aus. Insgesamt zählte das Institut nur zwei Schüler und litt unter staatlichen Repressionen, da der Berliner Akademiedirektor Anton von Werner die Schule durch einen Spitzel überwachen ließ.9 Einen weiteren harten Einschnitt in Kirchners künstlerischem Werdegang stellt die Auflösung der „Brücke-Vereinigung“ im Jahr 1913 dar. Offizieller Grund hierfür war die, von Kirchner im selben Jahr verfasste „Brücke- Chronik“, die von den anderen Mitgliedern der Künstlervereinigung, aufgrund der Selbstdarstellung Kirchners, abgelehnt wurde.10 Andauernde Streitigkeiten innerhalb der Brücke und die künstlerische Emanzipation der einzelnen Mitglieder, welche als Produkt ihrer Umsiedlung nach Berlin betrachtet werden kann, kündigten das nahe Ende der Gruppe bereits seit 1911 an.11 Scheinbar unbeeinflusst von diesen Rückschlägen verarbeitete Kirchner mit großem Elan die neugewonnenen Eindrücke aus der Großstadt in zahlreichen Zeichnungen, Graphiken und Gemälden. In den Sommermonaten der Jahre 1912 und 1913 jedoch zog sich Kirchner nach Fehmarn zurück, wohl um der Hektik der Großstadt für einige Zeit zu entkommen.12

[...]


1 Siehe Abbildungsverzeichnis: Abbildung 1.

2 GRISEBACH, Lucius: Ernst Ludwig Kirchner, Salzburg 2009, S.146.

3 MOELLER, Magdalena M.: Ernst Ludwig Kirchner in Berlin, München 2008, S.312.

4 HENKEL, Katharina/ MÄRZ, Roland: Der Potsdamer Platz. Ernst Ludwig Kirchner und der Untergang Preußens; Berlin 2001,S.297.

5 GRISEBACH, Lucius: Kirchner, Köln 1995, S.112.

6 BRANDMÜLLER, Nicole: Der Expressionist in Berlin (S. 99 - 151) in: KRÄMER, Felix (Hrsg.): Kirchner (Ausst.Kat.), Frankfurt a. Main 2010, S.99.

7 HURTIG, Marcus Andrew: Dresden und Berlin - Das Stadtleben (S.87 - 143) in: HAMBURGER KUNSTHALLE (Hrsg.): Kirchner (Ausst. Kat.), Hamburg 2010, S.88.

8 Brandmüller 2010, S.99.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Moeller 2008, S.13.

12 Grisebach 2009, S.138.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Ernst Ludwig Kirchners Ölgemälde „Potsdamer Platz“ (1914). Werkbeschreibung, Werkgenese und ikonografische Aufarbeitung
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
„Die Brücke“
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
27
Katalognummer
V351308
ISBN (eBook)
9783668376236
ISBN (Buch)
9783668376243
Dateigröße
10619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ernst, ludwig, kirchners, ölgemälde, potsdamer, platz, werkbeschreibung, werkgenese, aufarbeitung
Arbeit zitieren
Laszlo Rupp (Autor), 2016, Ernst Ludwig Kirchners Ölgemälde „Potsdamer Platz“ (1914). Werkbeschreibung, Werkgenese und ikonografische Aufarbeitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351308

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