Der Kunstwissenschaftler Lucius Grisebach stilisiert das Ölgemälde „Potsdamer Platz“ aus dem Jahr 1914 zu einem der Hauptwerke Ernst Ludwig Kirchners. Das Gemälde ist Teil des Bilderzyklus der „Straßenszenen“, die in den Jahren 1913 und 1914 entstanden.
Kräftige und leuchtende Farben, durchwirkt von schwarzen Akzenten, rasch gesetzten Schraffuren, die Straßenzüge, Gebäude und Figuren in ihrem Volumen definieren, spitze Formen, ein kreisrundes Tableau und eine rätselhafte Perspektive dominieren den ersten Eindruck des Gemäldes.
Zunächst ist es wichtig, diese rätselhaften Impressionen, anhand einer genauen Werkbeschreibung zu ordnen und zu konkretisieren. In der darauffolgenden Werkgenese soll auf den Umzug Kirchners von Dresden nach Berlin eingegangen werden, um die Bedeutung des neuen Wahrnehmungs- und Schaffensraumes – der Großstadt Berlin – für den Künstler zu verdeutlichen. Hierbei soll ein besonderes Augenmerk auf die Entwicklung des Malstils und der Motivwahl gelegt werden. Anschließend soll auf den Entstehungsprozess des Gemäldes eingegangen werden. Hierfür dient eine genaue Betrachtung der vorbereitenden Skizzen und des, die Beschäftigung mit dem Potsdamer Platz abschließenden Holzschnittes.
Die ikonografische Aufarbeitung des Gemäldes umfasst die Auswertung literarischer Inspirationen aus dem Kreis der expressionistischen Dichter, mit denen Kirchner in intellektuellem Austausch stand, sowie die avantgardistische Bewegung der italienischen Futuristen, deren Werke Kirchner in Berlin sah. Außerdem muss das Bildthema der Prostituierten auf seinen zeitgeschichtlichen Kontext und seine kunstgeschichtliche Bildtradition untersucht werden, um das Werk abschließend einer Stileinordnung zu unterziehen und es bezüglich seiner Innovativität innerhalb des Gesamtwerk Kirchners, aber auch für die Darstellung der Metropole im Allgemeinen einzuordnen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. WERKBESCHREIBUNG – „POTSDAMER PLATZ“ (1914)
3. WERKGENESE
3.1. KIRCHNERS UMZUG VON DRESDEN NACH BERLIN
3.2. DER „BERLINER STIL“ - VON DER „STADTANSICHT“ ÜBER DIE „PLATZANSICHT“ ZUR „STRAßENSZENE“
3.3. DIE SKIZZEN ALS VORBEREITUNG ZUM GEMÄLDE
3.4 DER HOLZSCHNITT
4. ANNÄHERUNGEN AN EINE IKONOGRAPHIE
4.1. GROßSTADT UND KOKOTTEN - LITERARISCHE INSPIRATIONEN
4.2. DIE PROSTITUIERTE ALS BILDMOTIV
4.3. BEWEGUNG UND DYNAMIK – DIE FUTURISTEN UND FOTOGRAFISCHE EXPERIMENTE
5. ZUSAMMENFASSUNG UND STILEINORDNUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das 1914 entstandene Ölgemälde „Potsdamer Platz“ von Ernst Ludwig Kirchner und analysiert dessen Einordnung innerhalb der Kunstgeschichte, insbesondere im Kontext des Großstadtexpressionismus. Ziel ist es, die Entstehungsgeschichte des Werkes, die Bedeutung des Motivwechsels nach Kirchners Umzug nach Berlin sowie die ikonografischen Einflüsse durch Literatur und Futurismus kritisch zu beleuchten.
- Die künstlerische Bedeutung von Ernst Ludwig Kirchners Berliner Phase.
- Die Entwicklung des „Berliner Stils“ und der Motivik der „Straßenszenen“.
- Der Entstehungsprozess durch Skizzen, Holzschnitt und Malerei.
- Ikonografische Einflüsse durch den literarischen Expressionismus und den Futurismus.
- Die Darstellung von Prostituierten und Großstadtdynamik als zentrales Thema.
Auszug aus dem Buch
3.2. Der „Berliner Stil“ - Von der „Stadtansicht“ über die „Platzansicht“ zur „Straßenszene“
Die Bedeutung des Ortswechsels für Kirchners künstlerische Arbeit und deren Weiterentwicklung ist unbestritten. Man sollte jedoch zwischen den Analysefeldern der Motivwahl und des malerischen Stils unterscheiden. Von den stilistischen Einflüssen anderer Künstler, wie beispielsweise der französischen Fauvisten, deren flächigen Farbauftrag er in seinen Gemälden verwendete, die vor 1911 entstanden, löste Kirchner sich bereits in seinem letzten Jahr in Dresden 1911. Prägend für Kirchner war in dieser Zeit vor allem die Beschäftigung mit außereuropäischer Kunst während der ersten Hälfte des Jahres 1911. In der Zentralen Kunstbibliothek Dresdens studierte er in dieser Zeit Bücher und Reproduktionen frühzeitlicher Malerei und Plastik. Nach seiner Ankunft in Berlin wurde Kirchner, so schreibt er später, in der Figurenausarbeitung maßgeblich von den Körpern seiner neugewonnenen Modelle inspiriert. Diese Modelle waren die Schwestern Gerda und Erna Schilling, welche bis zu seinem Tod im Jahr 1938 seine Lebensgefährtin ist.
Er selbst schreibt hierüber 1925 im Rückblick: „[...] die schönen architektonisch geformten strengförmigen Körper dieser beiden Mädchen lösten die weichen sächsischen Körper ab.“
Die stilistischen Merkmale, die zur einfacheren Bestimmung von der Fachliteratur als „Berliner Stil“ bezeichnet werden, betreffen vor allem den Farbauftrag, die Modellierung der Figuren und die Farbwahl. Statt der flächig nebeneinandergesetzten Farbfelder seiner Dresdner Residenzzeit modellierte Kirchner Gegenstände und Figuren von nun an mithilfe von Schraffuren und wählte für seine Bildkompositionen schwächere Farbkontraste, anstelle der vormals häufig gegenübergestellten Komplementärkontraste. Hierdurch lässt sich eine klare Entwicklung des Stils erkennen, die jedoch nicht allein im Bezug zum Standortwechsel Kirchners steht, sondern vielmehr als Produkt der künstlerischen Experimente und Erkenntnisse des Malers gedeutet werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Bedeutung des Gemäldes als Hauptwerk Kirchners und Skizzierung der methodischen Herangehensweise an das Thema.
2. WERKBESCHREIBUNG – „POTSDAMER PLATZ“ (1914): Detaillierte visuelle Analyse der Komposition, Farbgebung und Motivik des Gemäldes.
3. WERKGENESE: Untersuchung des biografischen Hintergrunds, des stilistischen Wandels nach dem Berlin-Umzug sowie des künstlerischen Arbeitsprozesses anhand von Skizzen und Grafik.
4. ANNÄHERUNGEN AN EINE IKONOGRAPHIE: Erläuterung der Einflüsse durch Literatur, Futurismus und der kunstgeschichtlichen Tradition des Bildmotivs der Prostituierten.
5. ZUSAMMENFASSUNG UND STILEINORDNUNG: Synthese der Ergebnisse und Verortung des Werkes im Großstadtexpressionismus als individuelle Bilderfindung.
Schlüsselwörter
Ernst Ludwig Kirchner, Potsdamer Platz, Expressionismus, Großstadt, Straßenszene, Berliner Stil, Prostituierte, Futurismus, Kunstgeschichte, Holzschnitt, Skizzen, Moderne, Metropole, Malerei, Urbanität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert das Gemälde „Potsdamer Platz“ von Ernst Ludwig Kirchner (1914) als zentrales Werk des Großstadtexpressionismus.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themen umfassen die Entstehungsgeschichte des Bildes, den Einfluss des städtischen Umfelds auf den Stil sowie die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen literarischen und künstlerischen Strömungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die künstlerische Innovativität Kirchners in Berlin zu bewerten und die ikonografischen Wurzeln seines Stils und seiner Motivwahl aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt kunsthistorische Methoden wie die Werkbeschreibung, die Geneseanalyse sowie die ikonografische Kontextualisierung.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil befasst sich mit Kirchners Umzug nach Berlin, der stilistischen Weiterentwicklung, der Vorbereitung durch Skizzen und Grafik sowie der Analyse inspirierender Einflüsse durch den Futurismus und expressionistische Literatur.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kirchners „Berliner Stil“, das Bildmotiv der Prostituierten, die Großstadt als Schaffensraum und die Abgrenzung zum klassischen Futurismus.
Warum spielt der Holzschnitt eine Rolle für das Verständnis des Gemäldes?
Der Holzschnitt dient als komplementäres Werk, das durch seine Vereinfachung die Bildidee „kristallisiert“ und Kirchner als eigenständiges künstlerisches Ausdrucksmittel dient.
Inwiefern beeinflusste die Literatur der damaligen Zeit das Werk?
Durch den Kontakt zu Dichtern des „Neuen Clubs“ und die Lektüre von Alfred Döblin entwickelte Kirchner ein Bewusstsein für die Prostituierte als „Ikone der Großstadt“.
- Arbeit zitieren
- Laszlo Rupp (Autor:in), 2016, Ernst Ludwig Kirchners Ölgemälde „Potsdamer Platz“ (1914). Werkbeschreibung, Werkgenese und ikonografische Aufarbeitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351308