Gesundheitsvorstellungen von Heilpraktikern

Eine qualitative Studie über das Erfahrungswissen von Heilpraktikern. Einfluss von Arbeit auf Gesundheit


Masterarbeit, 2016
144 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Abstract

3. Vorwort

4. Theoretische Grundlagen, Begriffsklärung und Darstellung des Forschungsstands
4.1 Theoretische Grundlagen
4.1.1 Die Salutogenese als theoretische Basis
4.1.2 Gesundheitsvorstellungen: Theorie und Empirie
4.1.3 Die Modelle im Themenfeld Arbeit und Gesundheit
4.2 Das Berufsfeld der Heilpraktiker
4.2.1 Die Geschichte der Heilpraxis in Deutschland unter Beachtung rechtlicher Regelungen
4.2.2 Unterschiede zwischen konventioneller und alternativer Medizin
4.2.3 Die Akzeptanz der Heilpraxis in Deutschland
4.2.4 Die Demografie, Organisationsformen und der europäische Vergleich der Heilpraxis
4.3 Der Forschungsstand im Themenfeld Gesundheitsvorstellungen von Heilpraktikern
4.3.1 Vorgehen bei der Recherche zum Forschungsstand
4.3.2 Ergebnisse der Suchmachinenrecherche
4.3.3 Detaillierte Studienbeschreibung für den Forschungsstand

5. Die Darstellung der Fragestellung
5.1 Die primäre Fragestellung: Gesundheitsvorstellungen von Heilpraktikern
5.2 Die sekundäre Fragestellung: Der Einfluss von Arbeit auf Gesundheit aus der Sicht der Heilpraktiker

6. Methodisches Vorgehen
6.1 Qualitative Methoden (Ansatz und Designs)
6.2 Samples (Kriterien/ Zugang zum Feld/ Anzahl)
6.3 Datenerhebung und Durchführung (Leitfaden und Interviews)
6.4 Auswertungsmethoden (Transkribtion und qualitative Inhaltsanalyse)

7. Die Darstellung der Ergebnisse der Untersuchung
7.1 Die Ergebnisse der Gesundheitsvorstellungen bei Heilpraktikern
7.1.1 Die Darstellung deduktiver Ergebnisse anhand bisheriger Kategorien
7.1.2 Die Darstellung induktiver Ergebnisse anhand neuer Kategorien
7.2 Die Ergebnisse zum Einfluss von Arbeit auf Gesundheit bei Heilpraktikern
7.2.1 Die Darstellung deduktiver Ergebnisse anhand bisheriger Kategorien
7.2.2 Die Darstellung induktiver Ergebnisse anhand neuer Kategorien
7.3. Gesamtzusammenfassung der Ergebnisse

8 Diskussion
8.1 Einordnung der Forschungsergebnisse
8.2 Methodische Reflexion
8.3 (Betriebliche) Gesundheitsförderung als Potential für die Heilpraxis

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Die staatliche Administration von CAM nach Ländern

Tabelle 2: Suchbegriffe Forschungsstand

Tabelle 3: Vorgehen im stufenweisen Suchprozess

Tabelle 4: Ergebnisse der Suchmaschinenrecherce 29.07.2015

Tabelle 5: Konzeptwahl Gesundheit von Heilpraktikern in Prozent nach Klimenkoa et al. 2006

Tabelle 6: Konzeptwahl Heilung von Heilpraktikern in Prozent nach Klimenkoa et al. 2006.

Tabelle 7: Die Hauptfragen der Salutogenese mit Antworten aus Heilpraktikerperspektive

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Paradigmen und Modelle der Gesundheitswissenschaften (Faltermaier, 2005, S.52)

Abbildung 2: Das integrative Modell der Salutogenese nach Faltermaier (Faltermaier, 2005, S.148)

Abbildung 3: Das Modell demand vs. control Modell nach Karasek & Theorell 1990, eigene Darstellung

Abbildung 4: Das Modell beruflicher Gratifikationskristen nach Siegrist, 1996, eigene Darstellung

Abbildung 5: Das Job-Demand-Ressources-Modell nach Demerouti, Nachreiner, Bakker & Schaufeli, 2001,S. 502

Abbildung 6: Erlaubte Ausübung von CAM durch professionelle Anbieter, CAMDOC Alliance, 2010

Abbildung 7: Nationale Gesetzgebung bei CAM, CAMDOC Alliance, 2010

Abbildung 8: Nach Klimenkoa et al., 2006

Abbildung 9: Ablaufmodell induktiver Kategorienbildung nach Mayring, 2002, S.116

Abbildung 10: Anzahl der Kodierungen der Hauptfragestellung mithilfe MAXQDA, eigene Darstellung

Abbildung 11: Korrelation von Codes der Hauptfragestellung mithilfe MAXQDA, eigene Darstellung

Abbildung 12: Anzahl der Codierungen der Nebenfragestellung mithilfe MAXQDA, eigene Darstellung

Abbildung 13: Korrelationsmatrix der Kodierungen mithilfe MAXQDA, eigene Darstellung.

2. Abstract

Gesundheitsvorstellungen von Heilpraktikern. Eine qualitative Studie über das Erfahrungswissen von Heilpraktikern, insbesondere den Einfluss von Arbeit auf Gesundheit.

Zusammenfassung

Hintergrund: Heilpraktiker sind ein fester Bestandteil des deutschen Gesundheitssystems. Eine Überprüfung durch das Gesundheitsamt ist die Basis für die Durchführung. Auch wenn die Heilbehandlungen teilweise nicht akzeptiert werden, sind die Angebote der Heilpraktiker vielfältig und unterscheiden sich je nach Profession. Die Anwendung der alternativen Heilweisen deuten auf ein spezielles Verständnis von Gesundheit hin, das den Menschen als ganzheitlich betrachtet. Das steht insbesondere im Kontrast zum allopathischen, pathogenetischen Weltbild der Allgemeinmedizin. Die Studienlage im Themenbereich der Gesundheitsvorstellungen von Heilpraktikern ist übersichtlich. Gleichzeitig sind Heilpraktiker in Ihrer Tätigkeit mit einer Vielzahl von Patienten beschäftigt, die im Arbeitsleben stehen. Auf dieser Basis werden vereinzelt konkrete Angebote für Personen der Arbeitswelt gestaltet um den Problemlagen entgegenzuwirken.

Ziel: Diese Forschungsarbeit widmet sich der Untersuchung der Gesundheitsvorstellungen von Heilpraktikern als spezielle Zielgruppe (Nicht-Laien). Ein zweiter Schwerpunkt dieser Forschung untersucht den Einfluss der Arbeitswelt auf die Gesundheit der Patienten anhand des Erfahrungswissens der Heilpraktiker.

Methode: Im Kontext der Forschungsarbeit wurden mit neun Heilpraktikern leitfadengestützte Interviews geführt. Diese Interviews wurden nach Transkription anhand der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet.

Ergebnisse: Bei den subjektiven Gesundheitsvorstellungen lässt sich die Ausgleichs- und Balancetheorie innerhalb der subjektiven Theorien von Gesundheit deduktiv am ehesten nachweisen. Heilpraktiker haben einen Fokus auf die tatsächlichen Ursachen von Gesundheit und Krankheit. Das zeigt sich in einer umfangreichen Diagnose, dem Zurückverfolgen von Symptomen und in der individuellen Behandlung. Die Heilpraktiker sehen in den persönlichen Denkweisen und geistigen Einstellungen wichtige Hauptgründe für die Entwicklung von Gesundheit und Krankheit. Die Heilpraktiker beschreiben die konventionelle Medizin teilweise kritisch. Überwiegend wird jedoch über alle Teilnehmer der Respekt gegenüber der Ärzteschaft sowie der Wunsch nach mehr Kooperation und gegenseitiger Akzeptanz deutlich. Heilpraktiker verstehen ihre Patienten als Individuum. Nach diesem Menschenbild richtet sich auch die Behandlungsweise. Die Förderung der Eigenständigkeit und der Selbstheilungskräfte der Patienten ist eine markante Grundidee der interviewten Heilpraktiker. Die Heilpraktiker kennen die Grenzen ihrer Profession. Sie wissen aber gleichzeitig auch um ihre individuellen Stärken je nach Behandlungsschwerpunkt. Bei Bedarf empfehlen Heilpraktiker Patienten weiter an Allgemeinmediziner oder Heilpraktikerkollegen. Die Heilpraktiker nehmen sich viel Zeit für die Diagnose und Behandlung ihrer Patienten. Das ist insbesondere in Verbindung mit den Aussagen in Sachen „Ursachen von Gesundheit und Krankheit“ folgerichtig und kohärent. Es lassen sich einige Hinweise für ein Denken im Sinne des Gesundheitskontinuums der Salutogenese finden. Die Erkenntnisse in Sachen der Modelle der Gesundheit in der Arbeitswelt sind uneindeutig. Erste Angebote von Heilbehandlungen für Unternehmen geben einen Hinweis auf ein weitergehendes Potential Probleme im Ursprung zu thematisieren und vor Ort zu behandeln.

Abstract

Health believes of alternative practitioners. A qualitative study based on the experience of the alternative practitioners, with a focus on the influence of worklife on health.

Background: Alternative practitioners are an inherent part of the German Healthcare System. The examination of the public health office is the basis for offering this service. Even if the service of the healing practitioner is not widely accepted, there exist a variety of different options within the alternative medicine. The usage of alternative medicine indicates a special mindset in terms of health, including a holistic view on the patient. That is a stark contrast to the allopathic, pathogenetic worldview of the mainstream medicine. There are just a few studies in the context of health believes of alternative practitioners. The practitioners are dealing with patients, which are active in worklife. On this basis alternative practitioners offer service to people that are working, to reduce health issues, where they are originated.

Objective: This study focuses on the research of Health believes of alternative practitioners as a special focus group (non-layman). A second objective is to investigate the influence of the worklife towards the health of the patients based on the experience of the healing practitioners.

Methods: In the context of the research nine interviews of healing practitioners (topic guide) were conducted. These interviews were transcribed and analysed with the help of the qualitative content analyses of Mayring.

Conclusion: Within the subjective health believes a dominance within the balance-theory can be shown (deductive categories). Alternative practitioners have a focus on the actual causes of health and illness. That can be seen in a extensive diagnosis, tracing symptoms and individual treatment. Alternative practitioners see a root cause for the development of health and illness within the predominant individual thought pattern. Interviewpartners view conventional medicine as critical in some cases. But predominantly it can be concluded that alterative practitioners have respect in regards of the conventional medicine, while having the desire for more cooperation between the disciplines. Alternative practitioners view their patients als individuals. According to this worldview, their treatment is oriented. The support of the autonomy and the self healing mechanisms of the patients are crucial ideas of the interviewed persons. Alternative practitioners know the field of their competence and their main focus in treatments. If required, they offer their patients options for further treatment with colleges or allopathic medicine practitioners. The interviewpartners take their time for diagnosis and treatment of patients. That is especially coherent with their descriptions of the “causes of health and illness”. There can be found some hints in terms of thinking like the healthcontinuum in the model of salutogenesis. The results in terms of the models of health in the worklife are not clear. Initial offers of treatments in companies include the hint of a further potential to work on problems on the core with the people.

3. Vorwort

Diese Masterarbeit widmet sich der Untersuchung der Gesundheitsvorstellungen von Heilpraktikern, insbesondere dem Erfahrungswissen in Sachen des Einflusses der Arbeit auf die Gesundheit. Die Arbeit entwächst aus einer Grundmotivation innerhalb des Studiengangs Prävention und Gesundheitsförderung ganzheitlich auf die Ursachen von Gesundheit und Krankheit zu blicken und einem daraus abgeleiteten Angebot von konkreten Alternativen innerhalb des Gesundheitssystems, in dem die allopathischen Methoden derzeit eine große Akzeptanz genießen. Das generelle ethische Ziel ist damit ein Beitrag für eine praktisch umgesetzte Prävention von Krankheit und Förderung von Gesundheit. Das Arbeitsfeld der Heilpraktiker lässt sich in diesem Themenbereich wiederfinden, was eine genaue Untersuchung dieser Zielgruppe interessant macht. Somit besteht im Sinne der Gesundheitswissenschaften die Chance aus dieser speziellen Zielgruppe der Nicht-Laien neue Erkenntnisse in Sachen Gesundheitsvorstellungen zu gewinnen. Das führt zu den unterschiedlichen Denkmodellen der Salutogenese und der Pathogenese, auf die in der Untersuchung an späterer Stelle weiter eingegangen wird. Die folgende Arbeit geht zunächst auf theoretische Konzepte ein, untersucht dann den aktuellen Stand der Forschung, beschreibt in Folge dessen die Forschungsmethoden und hat einen Schwerpunkt auf der Beschreibung der Forschungsergebnisse anhand von Heilpraktikerinterviews. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst, mit dem aktuellen Stand der Forschung verglichen und ausführlich diskutiert, um auf Basis der Erkenntnisse praktische Empfehlungen abzuleiten.

An dieser Stelle möchte ich all jenen danken, die mich im Rahmen dieser Masterarbeit begleitet haben. Ganz besonders möchte ich mich bei Frau Prof. Dr. Nadja Milewski und Prof. Dr. Karl Lauterbach bedanken. Sie gaben mir wichtige inhaltliche Impulse, auf deren Basis ich das Studium im Fach „Prävention und Gesundheitsförderung“ aufgenommen habe. Darüber hinaus möchte ich mich bei meinen Eltern Heike und Thorsten bedanken, die mir durch ihre Unterstützung mein Studium ermöglicht haben.

4. Theoretische Grundlagen, Begriffsklärung und Darstellung des Forschungsstands

Die Begrifflichkeiten zum Thema „Gesundheit“ können sehr unterschiedlich definiert sein. Gesundheit meint im Kern das Wohlbefinden und Abwesenheit von Beschwerden. So entwickeln sich subjektive Vorstellungen zu dem Thema aus der Sozialisation des Einzelnen (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S. 15 ff.). Die Wahrnehmung körperlicher Beeinträchtigungen wird durch die soziale und individuelle Einschätzung beeinflusst. Die Wahrnehmung von persönlichen und sozialen Ressourcen hat einen entscheidenden Einfluss auf die subjektive Befindlichkeit und das gesundheitsbezogene Verhalten des Einzelnen. Orientiert an Lazarus beschreibt Antonovsky ein Stesskonzept, welches nicht mehr ausschließlich als „krankmachend“ gilt (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S. 20). Stimuli können einen Zustand der Anspannung erzeugen, der nicht unbedingt zu Stress führen muss. Laut Antonovsky ist die WHO-Definition von Gesundheit beispielsweise eine Idealnorm, die einen Zustand der Vollkommenheit beschreibt, was allerdings unerreichbar bleibt. Nicht zuletzt werden über die Art und Weise der Definition des Gesundheitsbegriffs auch die Möglichkeiten der Wiederherstellung von Gesundheit und die Rolle des Patienten bei der Heilung implizit definiert. Häufig sind die Begriffsbestimmungen im Themenfeld Gesundheit zudem Negativbestimmungen (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S. 15 ff) .

4.1 Theoretische Grundlagen

In diesem Abschnitt werden die theoretischen Grundlagen für die se vorliegende Arbeit beschrieben. Es wird dabei explizit auf die Salutogenese, die Gesundheitsvorstellungen und die Theorien im Themengebiet von Arbeit und Gesundheit eingegangen.

4.1.1 Die Salutogenese als theoretische Basis

In die gesundheitswissenschaftliche und gesundheitspolitische Diskussion hat Aaron Antonovsky diesen Begriff eingebracht. Er kritisiert zunächst die rein pathogenetisch- kurative Betrachtungsweise, das ihn zu seiner Hauptfrage leitet: Wie die Menschen es schaffen trotz ungünstiger Bedingungen gesund zu bleiben? (Faltermaier T. , 2005, S. 50) Die Salutogenese fragt nach den Bedingungen von Gesundheit und Faktoren, die diese schützen. Das hat Vorrang vor der Suche nach Ursachen von Krankheiten und Risikofaktoren. Somit erfolgt ein Paradigmenwechsel in dem von einem krankheitszentrierten Modell der Pathogenese hin zu einem gesundheitsbezogenen, ressourcenorientieren Modell der Salutogenese (ebenda). In folgender Übersicht werden nach Faltermaier die grundlegenden Paradigmen der beiden Modelle Salutogenese und Pathogenese zusammengefasst:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Paradigmen und Modelle der Gesundheitswissenschaften (Faltermaier, 2005, S.52).

In zwei Hauptwerken von Antonovsky wird das Modell genauer beschrieben: „Health, stress and coping. New perspectives on mental and physical well-beeing“. (1979) und “Unraveling the mystery of health. How people manage stress and stay well” (1987) (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S. 11).

Hauptfragen der Salutogenese (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S. 10):

- Warum bleiben Menschen - trotz vieler potentiell gesundheitsgefährdender Einflüsse- gesund?
- Wie schaffen sie es, sich von Erkrankungen wieder zu erholen?
- Was ist das Besondere an Menschen, die trotz extremster Belastungen nicht krank werden?

Der Begriff Salutogenese ist ein Neologismus aus „Salus“ (lat.für Unverletztheit, Heil, Glück) und Genese (griech. für Entstehung) (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S. 24). Salutogenese ist nicht nur das Gegenteil der pathogenetischen Sichtweise, die sich auch mit den Ursachen und der Behandlung von Krankheiten beschäftigt. Die Salutogenese sagt aus, dass alle Menschen mehr oder weniger gesund und gleichzeitig mehr oder weniger krank zu betrachten sind. Damit entsteht die Kernfrage: Wie wird ein Mensch mehr gesund und weniger krank? Antonovsky bezieht sich dafür auf die Metapher mit dem Fluss:

„ ,.. meine fundamentale philosophische Annahme ist, dass der Flußder Strom des Lebens ist. Niemand geht sicher am Ufer entlang. Darüber hinaus ist für mich klar, dass ein Großteil des Flusses sowohl im wörtlichen als auch imübertragenen Sinn verschmutzt ist. Es gibt Gabelungen im Fluss, die zu leichten Strömungen oder in gefährliche Stromschnellen und Strudel führen. Meine Arbeit ist der Auseinandersetzung mit folgender Frage gewidmet: „ Wie wird man, wo immer man sich in dem Flußbefindet, dessen Natur von historischen, soziokulturellen und physikalischen Umweltbedingungen bestimmt wird, ein guter Schwimmer? ( Antonovsky, Übersetzung nach Franke, 1997, S.92, zit nach Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S. 25 )

Damit bringt Antonovsky vielfältige Grundannahmen zum Ausdruck:

- Gesundheit ist ein labiles, aktiv und dynamisch regulierendes Geschehen.
- Das Grundprinzip menschlicher Existenz ist nicht Gleichgewicht und Gesundheit, sondern Ungleichgewicht, Krankheit und Leiden.
- Unordnung und die Tendenz zur Entropie sind allgegenwärtig.
- Die individuelle Fähigkeit zu „schwimmen“ entspricht den vielfältigen Eigenschaften und Einstellungen der Person („Kohärenzgefühl“).
- „Der salutogentische Ansatz betrachtet den Kampf in Richtung Gesundheit als permanent und nie ganz erfolgreich“ (Antonovsky, 1993, S.10., in A. Franke, & M. Broda, S. 3-14, zit. nach Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S.26)

In der Betrachtungsweise der Salutogenese ist für Antonovsky interessant, dass der Organismus im Fall einer Krankheit seine Ordnung nicht mehr aufrecht erhalten kann. Dabei ist Antonovsky nicht interessiert an einzelnen Symptomen oder die Bekämpfung von Bedingungen. Die Salutogenese zielt auf die Stärkung von Ressourcen, um den Organismus widerstandsfähiger zu machen (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S. 27). Das ressourcenorientierte Denken betrachtet die Lebensgeschichte der Person und das gesamte System in der sie lebt. So ist die individuelle Geschichte der Person wichtig, weil mit der Kenntnis aller Lebensaspekte einer Person die Ressourcen finden lassen, die zur Genesung der Person beitragen können (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S. 27). Ein salutogenetischer Ansatz betrachtet Erkrankung eher unspezifisch. Das leitet zu der Frage, warum Menschen gesund bleiben und welche Eigenschaften und Fähigkeiten sie auszeichnen. Hierzu müssen viel mehr Informationen zur Person erfasst werden, als nur die krankheitsbezogenen. Antonovsky hat keine Gesundheitsdefinition formuliert (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S. 28). Er ist nicht an der Erklärung von Gesundheit als absolutes oder idealistisches Konzept interessiert, da dies nicht den realen Gegebenheiten entspräche (Antonovsky, 1979, zit. nach Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S. 28). Zudem geht eine Gesundheitsdefinition einher mit der Festlegung von Normen, womit die Gefahr bestehe andere Menschen an Werten zu beurteilen, die für sie gar nicht zuträfen (Antonovsky, 1995, zit. nach Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S. 28). Trotzdem gibt es in der Salutogenese eine Reihe von Unterkategorien, die im Folgenden erklärt werden sollen. Das Kernstück des Modells ist das Kohärenzgefühl.

Kohärenzgefühl

Antonovsky widmete sich beim Kohärenzgefühl der Frage wie die Verbindung von vorhandenen Widerstandsressourcen und der konkreten Bewältigung von Spannungen organisiert ist (Faltermaier, 2005, S. 164 ff). Laut Faltermaier ist mit dem Kohärenzgefühl gemeint, dass Menschen ihr Leben im Wesentlichen trotz vieler Schwierigkeiten und Hindernisse als verstehbar, sinnvoll und bewältigbar erlebt wird. Mit diesem Gefühl der Zuversicht, das als „durchgehend, überdauernd und dynamisch“ beschrieben wird, welches viele Aspekte des Lebens betrifft und ansonsten relativ stabil ist. Antonovsky unterscheidet drei Kategorien des Kohärenzgefühls (Antonovsky 1987, zit. nach Faltermaier, 2005, S.165):

Gefühl der Verstehbarkeit

Dies stellt die kognitive Komponente des Kohärenzgefühls dar, die die Wahrnehmung der inneren und äußeren Umwelt einschließt (Faltermaier T. , 2005, S. 165). Wenn die Person ihre Lebenswelt als klar, geordnet und strukturiert betrachtet, kann von einer hohen Verstehbarkeit ausgegangen werden. Bei einem Empfinden von Chaos, Beliebigkeit und Zufälligkeit ist das Gefühl der Verstehbarkeit gering ausgeprägt.

Gefühl der Bewältigbarkeit

Das beschreibt die Empfindung der subjektiv wahrgenommenen Kontrollierbarkeit von Anforderungen des Lebensalltags (Faltermaier T. , 2005, S. 165). „Eine Person hat dann ein hohes Gefühl der Bewältigbarkeit, wenn sie ihre Ressourcen als angemessen wahrnimmt, um mit diesen Anforderungen umzugehen.“ (ebenda). Dies ist somit eine kognitive Einschätzung der persönlichen Möglichkeiten Einfluss auf die Bewältigung einer Anforderung nehmen zu können oder sich auf einen positiven Ausgang auch ohne aktives Zutun zu berufen.

Gefühl der Sinnhaftigkeit

Bei diesem Teil des Kohärenzgefühls geht es um den motivationalen Anteil, bei dem die Bedeutung des eigenen Lebens und der Umwelt eingeschätzt wird. Es werden bei diesem Gefühl die Anforderungen des Lebens als Herausforderungen betrachtet, die als sinnvoll erlebt werden. Es lohnt sich, sich für bedeutsame Bereiche des Lebens einzusetzen, die persönlich als sinnvoll erachtet werden. (Faltermaier T. , 2005, S. 165)

Mit der von Antonovsky entworfenen SOC-Skala werden diese Anteile des Kohärenzgefühls gemessen. Dabei stellt sich eine besonders hohe Korrelation zu psychischer Gesundheit dar, nicht aber zu körperlicher Gesundheit. (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S. 46). Es wird klar, dass die Grenze zwischen diesen Konstrukten fließend verläuft. Trotzdem wird das Gefühl der Sinnhaftigkeit von Faltermaier als der wichtigste Teil des Kohärenzgefühls beschrieben, da sonst die Bereiche „Verstehbarkeit“ und „Bewältigbarkeit“ leer erscheinen (Faltermaier T. , 2005, S. 166). Ein gut ausgeprägtes Kohärerenzgefühl sorgt dafür, dass ein Mensch flexibel auf Anforderungen reagieren kann und in der Lage ist in entsprechenden Situationen angemessene Ressourcen abzurufen. Laut Antonovsky selbst ist das Kohärenzgefühl:

„ .. eine globale Orientierung, die das Ausmaßausdrückt, in dem jemand ein durchdringendes,überdauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass erstens die Anforderungen aus der inneren undäußeren Erfahrenswelt im Verlauf des Lebens strukturiert, vorhersagbar und erklärbar sind und dass zweitens die Ressourcen verfügbar sind, die nötig sind, um den Anforderungen gerecht zu werden. Und drittens, dass diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Investition und Engagement verdienen. “ (Antonovsky, 1993, S.12., in A. Franke, & M. Broda, S. 3-14, zit. nach Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001, S.30)

Ein weiteres wesentliches Element des Konzeptes der Salutogenese bezieht sich auf das Gesundheits- Krankheits-Kontinuum. Hier wird die starre Trennung zwischen gesund und krank aufgelöst und durch ein Kontinuum mit den Polen „Gesundheit“ und „Krankheit“ ersetzt. Dabei sind allerdings die Extreme der Pole nicht für lebende Menschen zu erreichen: „Wir sind alle terminale Fälle. Aber solange wir einen Atemzug Leben in uns haben, sind wir alle bis zu einem gewissen Grad gesund“ (Antonovsky, 1989, S.53, zit. nach Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung, 2001, S.32). Hier wird erstmalig anerkannt, dass jeder Mensch sowohl gesunde als auch kranke Anteile in sich hat und im Einzelfall lediglich die Frage gestellt werden muss, wie weit er von den Endpunkten Gesundheit und Krankheit entfernt ist. Eine weitere Begrifflichkeit, auf die Antonovsky Bezug nimmt, sind Stressoren. Er definiert sie als „eine von innen oder außen kommende Anforderung an den Organismus, die sein Gleichgewicht stört und die zur Wiederherstellung des Gleichgewichtes eine nicht automatische und nicht unmittelbar verfügbare, energieverbrauchende Haltung erfordert“ (Antonovsky, 1979, S.72, zit. nach Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung, S.32.) Stressoren gelten somit als Reize, die Stress (Spannung) erzeugen. Die Spannungsbewältigung ist eine zentrale Aufgabe des Organismus. Bei erfolgreicher Spannungsbeseitigung hat das gesundheitsförderliche Wirkung. Bei misslingender Spannungsbewältigung bedeutet das für das Individuum eine Belastung mit all den darauf folgenden Belastungsfolgen. Antonovsky geht davon aus, dass wir in den westlichen Industrienationen eher psychosoziale Stressoren im Vordergrund stehen. Der Kohärenzsinn hilft schließlich bei der Bewertung der Stressoren. Für die Bewältigung der Stressoren werden die sogenannten generalisierten Widerstandsressourcen benötigt. Diese Variablen sind individuell (Intelligenz, Bewältigungsstrategien, körperliche Faktoren), oder sozial (soziale Unterstützung, finanzielle Absicherung, kulturelle Stabilität). So sind finanzielle Mittel beim Vorhandensein eine Ressource, beim Fehlen stellt dies ein Widerstandsdefizit dar. Die Widerstandressourcen und deren Funktionen können folgendermaßen zusammengefasst werden Faltermaier, 2005, S.158 ff):

1. Personal-psychische Ressourcen
2. Sozial-interpersonale Ressourcen
3. Körperlich-institutionelle Ressourcen
4. Sozio-kulturelle Ressourcen
5. Materielle Ressourcen

Auf eine detaillierte Auflistung der verschiedenen Anteile innerhalb der Kategorien soll hier verzichtet werden. Trotzdem lässt sich festhalten, dass bei den materiellen Ressourcen Geld exemplarisch angeführt werden kann. Bei den Personal-psychischen Ressourcen ist es das erlernte Wissen als Beispiel zur Veranschaulichung gelten (Faltermaier, 2005, S.158 ff).

Das integrative Modell der Salutogenese unter Einbezug subjektiver Gesundheitsvorstellungen

Die Erweiterung des Modells der Salutogenese entwächst an der Kritik am Modell. So wird dabei bemängelt, dass die aktive Rolle des Subjektes, das Gesundheitsverhalten oder das Gesundheitshandeln im Alltag nicht berücksichtigt werden (Faltermaier, 2005, S.205 ff.). Ebenso merkt Faltermaier an, dass die soziostrukturellen Einflüsse auf Gesundheit zu wenig systematisch eingearbeitet sind, trotz der Beachtung der generalisierten Widerstandsressourcen, die soziale Faktoren einschließen. So wird das Modell um zwei grundlegende Elemente erweitert und ergänzt:

1. Den Begriff des Gesundheitsverhaltens, der durch verschiedene Theorien beschrieben werden kann („Health Belief Modell“).
2. Die Erweiterung durch den sozialwissenschaftlichen Ansatz. Hier tritt das aktiv handelnde Subjekt, seine Vorstellungen und soziale Bedingungen als Grundlage für Gesundheit in den Vordergrund.

Faltermaier fasst in seinem Modell die Verbindungen der Elemente der Salutogenese nach Antonovsky zusammen und erweitert es um neue Elemente.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Das integrative Modell der Salutogenese nach Faltermaier (Faltermaier, 2005, S.148)

Das Grundmodell der Salutogenese wird um folgende Begriffe aufgrund subjektiver, sozialer und aktionaler Einflüsse auf Gesundheit erweitert (Faltermaier, 2005, S. 147). Einige Erweiterungen werden in den folgenden Begriffen aufgeführt:

- Gesundheitsressourcen
- Gesundheitsvorstellungen
- Gesundheitshandeln
- Gesundheitsverhalten
- Bewältigungshandeln
- Gesundheitskontinuum

Laut Faltermaier geht mit der Untersuchung von Gesundheitsvorstellungen auch ein breiterer und offenerer Gesundheitsbegriff einher, der Gesundheit und Krankheit enthält und in Form von subjektiven Theorien und Konzepten untersucht (Faltermaier, 2005, S.206). Der Autor sieht in der Salutogenese eine Möglichkeit der Integration eines Begriffes, der auch explizit auf die positiven Aspekte von Gesundheit eingeht. Somit wird die starre Grenze zwischen der dichotomen Betrachtungsweise von Gesundheit und Krankheit aufgeweicht, obwohl diese Perspektive in anderen Forschungsgebieten erhalten bleibt (ebenda).

4.1.2 Gesundheitsvorstellungen: Theorie und Empirie

Subjektive Gesundheitsvorstellungen allgemein

Als Basis für die Heranführung an den Begriff der Gesundheitsvorstellungen soll der Buchabschnitt von Bengel und Belz-Merk „Subjektive Gesundheitsvorstellungen“ im Buch von Schwarzer „Gesundheitspsychologie. Ein Lehrbuch.“ von 1997 als Grundlage dienen (Bengel & Belz-Merk, 1997). Hiermit wird das Wesen der theoretischen Grundlage der Gesundheitsvorstellungen, losgelöst von aktueller Forschung, detailliert beschrieben. Damit bietet es sich als Leitlinie für dieses Kapitel an und stellt die ideale Basis dar, dem Leser einen grundsätzlichen Einblick in die der Theorie hinter dem Begriff „Gesundheitsvorstellungen“ zu ermöglichen. Entlang der Beschreibung von Bengel und Belz-Merk gibt es beim Herantreten an den Begriff zunächst den Begriff der „Gesundheit“ zu beschreiben (Bengel & Belz-Merk, 1997, S. 23). Die Autoren stellen fest, dass der Begriff unter anderem vom gesellschaftlichen Kontext, dem Laiensystem und dem Expertensystem beeinflusst sind. Diese Beschreibungen definieren auch, in welchem Rahmen die betreffende Person verantwortlich ist und Einfluss auf seine Gesundheit ausüben kann (Bengel & Belz-Merk, Subjektive Gesundheitsvorstellungen, 1997, S. 24). Eine vollständige Definition, die von allen Seiten mitgetragen wird, ist kaum erreichbar. Meist sind es Expertendefinitionen und Negativbestimmungen und sehen Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit (Bengel & Belz-Merk,,1997, S. 23). Bei der subjektiven Definition von Gesundheit ist die Einschätzung des Gesundheitszustandes durch die betreffende Person selbst im Mittelpunkt.

Der Begriff „subjektive Theorie“ soll dabei dem Alltagswissen, Laienvorstellungen, Laientheorien, naiven Theorien, subjektiven Konzepten und subjektiven Vorstellungen gleich gesetzt werden und redundant verwendet werden, wobei die Gemeinsamkeit in den kognitiv-emotionalen Vorstellungsinhalten und Strukturen von Gesundheit und Krankheit von Laien besteht. (Bengel & Belz-Merk, 1997, S. 24). Wichtig zu betonen, dass die Heilpraktiker als spezielle Zielgruppe aufgrund ihres medizinischen Fachwissens (vgl.4.2.1) als Nicht-Laien zu bezeichnen sind. Die Autoren selbst diskutieren darüber hinaus die begriffliche Redundanz von „Vorstellung“ und „subjektiv“ (ebenda). Geschichtlich gesehen hat die Ethnologie sich erstmalig den subjektiven Vorstellungen von Gesundheit gewidmet (Bengel & Belz-Merk, 1997, S. 25). Dabei war die Selbstsicht oft wenig reflektiert, was in Ergebnissen mit eurozentristischer Perspektive mündete. Laut der Autoren Bengel und Belz-Merk werden Vorstellungen über einen gesunden Körper in der nicht-industrialisierten Welt in der Regel durch Gleichgewichtstheorien geprägt. So wird das „gesunde Funktionieren“ des Körpers als Resultat eines harmonischen Gleichgewichts zwischen einem oder mehreren Elementen aufgefasst, wie beispielsweise in der Traditionellen Chinesischen Medizin (ebenda).

Subjektive Gesundheitsvorstellungen aus soziologischer Perspektive

Die grundlegende Arbeit zu den Gesundheitsvorstellungen in der Soziologie stammt aus Frankreich von Claudine Herzlich aus dem Jahre 1973. So schreibt Flick:

„ Diese Studie gilt [ … ] als klassische Studie zum Verständnis von Gesundheit und Krankheit aus der Sicht des Subjektes und als eine der aufschlussreichsten Studienüber die gesellschaftliche Rolle, aber auch der sozialen Konstruktion dieser beiden Phänomene. Daneben ist sie immer noch eines der gelungensten Beispiele der empirischen Umsetzung der Forschungsperspektive der sozialen Repräsentationen. “

(Flick, 1998, S. 22).

In der Untersuchung geht es um soziale Repräsentationen von Gesundheit und Krankheit. Diese sozialen Repräsentationen sind im gesellschaftlichen Kontext erzeugte und geteilte Erkenntnisse, die in individuelle und kollektive Repräsentationen unterschieden werden können (Bengel & Belz-Merk, 1997, S. 27). Herzlich hat dabei eine Untersuchung zur sozialen Repräsentation von Gesundheit durchgeführt indem sie achtzig Mittelschichtsangehörige aus Paris und einem Dorf der Normandie mit offenen Interviews befragte (Flick, 1998, S. 21). Dabei konnten drei Typen der sozialen Repräsentation von Krankheit herausgearbeitet werde (Herzlich 1973, S.104 ff., zit. nach Flick , 1998, S. 22):

1. „Krankheit als Destruktion“

Krankheit als Destruktion ist von einem Rollenverlust und sozialer Isolation bei gleichzeitiger Abhängigkeit von anderen geprägt und wird als etwas erlebt, das dem Betroffenen zugefügt wird, womit ihm Gewalt angetan wird und führt zu Inaktivität.

2. „Krankheit als Befreiung“

Krankheit als Befreiung wird als Ruhepause und Chance für den Ausstieg aus belastenden Situationen erlebt, die neue Möglichkeiten eröffnet (z.B. stärkere intellektuelle Betätigung als sonst.). Krankheit wird dabei zu einem Mittel der Verteidigung gegen Anforderungen der Gesellschaft und mit einer Wiederentdeckung des eigenen Selbst und der Möglichkeit einer persönlichen Reifung verbunden.

3. „Krankheit als Aufgabe“

Krankheit als Aufgabe ist durch den aktiven Kampf gegen die Krankheit, durch Angst vor ihr, aber auch durch die Akzeptanz der Krankheit geprägt. Der Patient sieht hier Möglichkeiten der Teilhabe am Prozess der Heilung und Beziehungen zum Arzt als Austausch und Kooperation. Dabei werden die sozialen Werte der Gesundheit auch in der Krankheit aufrechterhalten. Krankheit wird als Lernsituation und Heilung als deren normales Ergebnis aufgefasst, während bei chronischen Krankheiten Möglichkeiten der Anpassung und adaptiven Bewältigung gesehen werden.

Andere Grundlagenforschungen aus den Achtzigerjahren ergaben nach einer Befragung von 4000 Personen nach dem Konzept der Gesundheit zehn Hauptüberschriften (D´Houtaud & Field, 1984, zit. nach Bengel & Belz-Merk, 1997, S. 28):

- Hedonistischer
- Gesundheitsbegriff
- Gleichgewicht
- Körperbezug
- Vitalität
- Psychologisches Wohlbefinden
- Hygiene
- Gesundheitswert
- Prävention
- Physisches Funktionieren
- Abwesenheit von Krankheit

In dieser Übersicht fällt auf, dass arbeitende Berufsgruppen Gesundheit eher als darin sehen gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen. Dahingegen beschreiben nicht manuell tätige Gruppen Gesundheit mit expressiven Begriffen als persönliches Ziel (Bengel & Belz-Merk, 1997, S. 28). Darüber hinaus fand Calnan (1987) mit einem ethnomethodologischen Ansatz heraus, dass bei der Frage, warum jemand als gesund gilt, der jeweilige Gesundheitsstand von Bedeutung und keine Korrelation mit der Schichtzugehörigkeit festgestellt werden konnte (Calnan 1987, zit. nach Bengel & Belz- Merk, 1997, S.28). Trotzdem scheinen Sozialstruktur, sozioökonomische Bedingungen und individuelle Erfahrungen als Moderatorvariablen zu fungieren (Bengel & Belz-Merk, 1997, S. 29).

Subjektive Gesundheitsvorstellungen aus psychologischer Perspektive

In diesem Abschnitt sollen subjektive Gesundheitsvorstellungen analog zum vorrangehenden Abschnitt aus psychologischer Perspektive betrachtet werden. Dazu werden exemplarisch einige Grundlagenstudien aus dem Feld aufgeführt. Die Beschreibungen aus dem Buch von Bengel und Belz-Merk „Subjektive Gesundheitsvorstellungen“ von Schwarzer „Gesundheitspsychologie. Ein Lehrbuch.“ von 1997 sollen hier weiterhin als Leitlinie für diese Beschreibung gelten. Die Psychologie hat sich relativ spät mit den subjektiven Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen befasst (Bengel & Belz-Merk, 1997, S. 29). Gesundheitspsychologie macht subjektive Vorstellungen von Gesundheit zum Thema, indem die Analyse der subjektiven Vorstellungen von Gesundheit zum Thema gemacht werden, was wiederum die Planung und Fundierung präventiver und rehabilitativer Maßnahmen verbessert. (Bengel 1993, Faltermaier 1995, zit. nach Bengel und Belz-Merk, 1997, S.24). Die Ergebnisse der Studie „Salute“ aus der Arbeits- und Organisationspsychologie zeigen drei Gruppen auf (Udiris et. al., 1992, zit. nach Bengel und Belz-Merk, 1997, S.31):

1. Die Gruppe der „normal-gesunden“ - machen sich wenig Gedanken und sind bisher nicht krank gewesen
2. Gruppe der präventiv-gesunden Personen - Sie tun aktiv etwas für ihre Gesundheit. Vermeiden Risikofaktoren, sorgen für eine aktive Stabilisierung des Organismus. Sie haben ein lustbetontes, zielgerichtetes Leben.
3. Gruppe Gesunde nach Lebenskrisen: Diese Personen haben schwere Belastungen bewältigt. Sie haben die Gesundheit wieder herstellen können.

In der Untersuchung von Strittmatter (1995) kommt zutage, dass bei der Untersuchung des Alltagswissens von Gesundheit keine Typenbildung möglich ist, und Gesundheit für den Einzelnen als eigenständiges Thema nicht existiert (Strittmatter, 1995, zit. nach Bengel und Belz-Merk, 1997, S.32). Trotzdem kam bei der Untersuchung zutage, dass von den Befragten Gesundheit als ein Produkt für die Fähigkeit sich mit sich selbst kritisch auseinanderzusetzen und selbstverantwortlich zu handeln angesehen wird. Gleichzeitig können anhand der Interviewergebnisse Risikofaktoren wie ungünstige Arbeitsbedingungen, Einschränkungen der persönlichen Unabhängigkeit o.ä. durch interne Protektivfaktoren (Optimismus) ausgeglichen werden (ebenda). Zu Beginn der 90er-Jahre gab es diverse Übersichtsarbeiten, meist qualitativ, wobei selektiv folgende Zusammenfassungen gemacht werden können (Bengel & Belz-Merk, 1997, S. 32 ff.):

- Gesundheit ist im Vergleich zu Krankheit wenig fassbar und abstrakt.
- Verbalisierung von Gesundheitsvorstellungen schwieriger als die von Krankheitsvorstellungen.
- Subjektive Gesundheitsvorstellungen: komplexe und multidimensionale Phänomene. Die verknüpften verbalisierten Themenbereiche ergeben ein umfassendes biopsychosoziales Gesundheitsmodell.
- Gesundheit ist im Alltag kein Thema. (Selbstvergessenheit).
- Positivdefinitionen von Gesundheit überwiegen. Hauptdimensionen sind subjektives Wohlbefinden, die Betonung einer Körper-Geist-Einheit und die Leistungsfähigkeit.
- Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit ist nur eine und nicht die bedeutsamste der repräsentierten Definitionen.
- Die Häufigkeit der Nennungen der Gesundheitsdefinitionen variiert mit der Lebenssituation, dem Gesundheitszustand und soziodemografischen Variablen (Geschlecht, Bildungsniveau, Alter, allgemeine Lebenssituation, Berufstätigkeit). Das gilt insbesondere für die Definition von Gesundheit als Leistungsfähigkeit und als Körper-Geist-Einheit.
- Subjektive Vorstellungen über gesundheitsförderliches Verhalten gehen über die Aspekte der Gesundheitsaufklärung (Risikoverhaltensweisen) hinaus und betonen die Aspekte des psychosozialen Wohlbefindens.
- Mit den subjektiven Gesundheitsvorstellungen interagieren andere subjektive Repräsentationen: körperbezogene Selbstrepräsentation/ Vorstellungen von der Anatomie und Physiologie eines gesunden Körpers/ Leistungsbezogene und soziale Selbstrepräsentationen.

Allgemein lässt sich festhalten, dass anhand der Untersuchungen subjektive Vorstellungen von Gesundheit mehr sind als die Begriffsklärung von Gesundheit, zumal die meisten Untersuchungen zu dieser Zeit atheoretisch sind (Bengel & Belz-Merk, 1997, S. 34). Laut Autoren wird der Bedarf gesehen in der Erstellung eines Rahmenmodells für subjektive Gesundheitsvorstellungen. Dies führt zu dem aktuellen Modell der Gesundheitsvorstellungen nach (Faltermaier T. , 2005, S. 191). Er fasst die Erkenntnisse der sozialen Konstruktion von Gesundheit unter dem Begriff der Gesundheitsvorstellungen seit den 70er Jahren unter den folgenden Begriffen zusammen:

- Subjektive Konzepte von Gesundheit: Meint Vorstellungen und Begriffe, mit denen Menschen (ihre eigene) Gesundheit beschreiben und bestimmen.
- Subjektive Theorien von Gesundheit: darüber hinausgehende Vorstellungen über positive und negative Einflüsse auf die Gesundheit. (Laientheorien)
- Subjektive Krankheitstheorien: Vorstelligen über ein Krankheitsbild, über die Ursachen, Konsequenzen, den zeitlichen Verlauf sowie über die Behandlungsmöglichkeiten.
- Soziale Repräsentationen von Gesundheit und Krankheit: sozial und kulturell geteilte Vorstellungen im Begriff „Gesundheitsvorstellungen“

Diese Bereiche stellen Untergruppen der Gesundheitsvorstellungen dar, die zur empirischen Erfassung und Untersuchung dienen. Im Folgenden soll sich in der Untersuchung auf die Subjektiven Konzepte von Gesundheit und die Theorien von Gesundheit beschränkt werden. Subjektive Konzepte von Gesundheit wurden unter anderem untersucht von (Faltermaier & Kühnlein, 2000 zit. nach Faltermaier, 2005, S.194). wobei die Vorstellungen und Begriffe, mit denen Menschen (ihre eigene) Gesundheit beschreiben und bestimmen im Fokus stehen (Faltermaier, 2005, S. 191f.). Die Grundaussage ist, dass unterschiedliche Gruppen der Bevölkerung Inhalte von Gesundheit sowohl positiv als auch negativ betrachten. So beruht die Positivdefinition von Gesundheit auf einem psychischen und körperlichen Befinden, innerer Kraft und Stärke sowie einem seelischen Gleichgewicht und Harmonie in sozialen Beziehungen. Ebenso wird die Perspektive des Aktionspotentials gesehen, die sich in körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit äußert, sowie der Fähigkeit den sozialen Erwartungen an berufliche Leistung zu entsprechen. Die Negativdefinition von Gesundheit greift das Fehlen von körperlichen und physischem Leiden auf, ein geringes Ausmaß an Schmerzen und die Abwesenheit einer Erkrankung. In den biografischen Studien ist zudem der dynamische Prozess bedeutsam (Faltermaier & Kühnlein, 2000 zit. nach Faltermaier, 2005, S.194):

- On-off-Dynamik: bei dieser Beschreibung gibt es nur zwei Zustände: entweder Gesundheit oder Krankheit. Der Vorgang wird als übergangslos erlebt (Schalter-Modell).
- Reduktionsprozess: Die Gesundheit verändert sich über den Zeitverlauf. Das maximale Potential der Jugend wird im Lebenslauf durch ungünstige Einflüsse und Alterung in unterschiedlichem Tempo abgebaut. (Batterie-Modell).
- Regenerationsprozess: Die Gesundheit kann im Lebenslauf abnehmen, aber durch günstige Einflüsse auch wieder zunehmen (Akkumulator-Modell).
- Expansionsprozess: Gesundheit als Potential kann sich unter günstigen Umständen erweitern (Generator-Modell).

Die Kombinationen von diesen Idealtypen ergeben differenzierte Laienkonzepte von Gesundheit. Diese Schemata sind die Basis für die Selbstwahrnehmung von Menschen in gesundheitlichen Fragen. Allgemein lässt sich sagen, dass die über die Studien befragten Menschen Gesundheit als differenziert wahrnehmen und mehrdimensional beschreiben, was körperliche, geistige und soziale Aspekte betrifft (Faltermaier, 2005, S.193 ff). Subjektive Theorien von Gesundheit sind Vorstellungen über positive und negative Einflüsse auf die Gesundheit der Befragten. Dabei ist die Grenze zu den Konzepten von Gesundheit, die die grundsätzlichen Begriffe zur Beschreibung von Gesundheit untersucht, nicht starr (Faltermaier, 2005, S. 191ff.). Subjektive Theorien von Gesundheit und Krankheit basieren auf dem individuellen Gesundheitskonzept der betreffenden Person (Faltermaier, 2005, S.195). Die subjektiven Theorien sind bei den Laien mit komplexen gedanklichen Konstruktionen verbunden, mit einer Kombination von inhaltlichen Faktoren und dynamischen Prozessen (Faltermaier et al., 1998, zit. nach Faltermaier, 2005, S.195). Es konnten anhand einer Untersuchungsgruppe erwachsener Menschen aus Handwerk und Verwaltungsberufen vier allgemeine Typen von subjektiven Gesundheitstheorien rekonstruiert werden (Faltermaier, 2005, S.195 ff):

- Risikotheorien: Annahme der Belastung der Gesundheit durch Risiken, Belastungen und Schadstoffe. Externe Risiken und interne Risiken werden unterschieden. Zu den Externen Risiken gehören Schadstoffe (Luft) sowie physische und psychische Belastungen am Arbeitsplatz. Die Möglichkeiten der Kontrolle werden hier als schwierig, aber möglich erlebt. Bei den internen Belastungen wird das eigene Verhalten thematisiert (Bewegung, Konsum von Genussmitteln) Die personale Kontrolle wird hier als möglich erlebt.
- Ressourcentheorien: Die Haupteinflüsse werden auf die Gesundheit werden in der Verfügbarkeit von Ressourcen gesehen. Dazu gehören die eigene Disposition (Konstitution und Persönlichkeit), Lebensweise (berufliche Tätigkeiten und Erfolgserlebnisse, ein guter Umgang mit Belastungen), die soziale Umgebung (vertrauensvolle Beziehungen). Wer über diese Ressourcen verfügt, der bleibt gesund.
- Ausgleichs- und Balancetheorien: Hier wird der Wechsel von Einflüssen, die die Gesundheit erhalten und solchen, die sie gefährden thematisiert. So sind viel Ruhe und Entspannung der Ausgleich für Belastung. Ärger und soziale Konflikte können beispielsweise durch einen Besuch in der Natur ausgeglichen werden. Die Balance kann aber im Verständnis des einzelnen auch die Aspekte zwischen körperlichen, psychischen und sozialen Kräften hergestellt werden kann. Die Balance dieses Systems muss aber immer wieder neu hergestellt werden, weil es durch Anforderungen von außen aus dem Gleichgewicht kommen kann. Hierbei ist die personale Kontrolle möglich. Im Vordergrund stehen dabei die positive Gestaltung von sozialen Beziehungen und innerer Zufriedenheit.
- Schicksalstheorien: Diese Theorie geht davon aus, dass die Gesundheit dann verloren geht, wenn eine Krankheit schicksalshaft oder altersbedingt eintritt. Die Ursachen von Krankheiten werden vor allem in biologischen Alterungsprozessen und in schicksalshaften Ereignissen gesehen. Hier greift die Vorstellung einer körperlichen Disposition mit ein. Ein personaler Einfluss scheint hier nicht möglich.

Allgemein wird in diesen Kategorien die Vielfalt und die Komplexität der subjektiven Gesundheitstheorien gesehen, die mit den individuellen Erfahrungen der Befragten Personen untermauert werden (Faltermaier, 2005, S.197). Es wird hierbei die feste Verankerung der Ideen betont (ebenda). In Sachen der zukünftigen Forschung heißt es: „Die zukünftige Forschung muss diese ersten Ergebnisse aber noch durch ähnliche Studien in anderen sozialen Gruppen bestätigen oder ergänzen.“ (Faltermaier, 2005, S.197). Genau das soll hiermit passieren. Mit dieser Arbeit wird durch die qualitative Untersuchung der Gesundheitsvorstellungen von Heilpraktikern ein Beitrag zur Bestätigung (deduktiv) und Ergänzung (induktiv) der bisherigen Typen subjektiver Gesundheitsvorstellungen geleistet.

4.1.3 Die Modelle im Themenfeld Arbeit und Gesundheit

In diesem Kapitel wird der Zusammenhang zwischen dem Themenfeld der Arbeit und dem der Gesundheit kurz beleuchtet. Es geht um die Frage, wie Arbeit die individuelle Gesundheit beeinflussen kann. Bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von Erwerbstätigen von durchschnittlich 35 Stunden in der Woche ist davon auszugehen, dass dieser Faktor einen Einfluss auf die Gesundheit des Arbeitnehmers hat (Statistisches Bundesamt, 2015). Die Einflussmöglichkeiten sind grundsätzlich polar denkbar. Es ist eine positive Einflussnahme von Arbeit auf die individuelle Gesundheit denkbar. Zur selben Zeit ist es möglich, dass Arbeit eine negative Einflussnahme auf die individuelle Gesundheit haben kann. Somit stehen sich die Themenbereiche „Arbeit als Ressource“ und „Arbeit als Belastung“ diametral gegenüber, wobei der Zusammenhang zwischen chronischer Arbeitsbelastung und Krankheit ist relativ lange und gut untersucht (Faltermaier, 2005, S. 94 ff.). Das bedeutet für den Einzelfall, dass sich diese Themenbereiche nicht einander ausschließen müssen, sondern beide Betrachtungsweisen möglich sind. Das soll mit der kurzen Vorstellung von drei theoretischen Grundlagen passieren, die diese Verbindungen beleuchten. Einerseits das Modell „demand vs. control“ von Karasek & Theorell 1990, das Modell der Gratifikationskrisen nach Siegrist, 1996 und das Modell Job-Demand- Ressources von Bakker und Demerouti, welches Arbeit als eine potentielle Ressource und Belastung beschreibt. Diese drei Modelle sind üblich in der Psychologie der Arbeitswelt (Bakker & Demerouti, 2007, S. 309). Mit dieser Zusammenstellung ist die Grundlage geliefert den Einfluss von Arbeit auf Gesundheit im Interview differenziert zu erfragen und interpretieren. Es bleibt zu vermuten, dass Elemente der Theorien in den Beschreibungen der Heilpraktiker wiederkehren. Das gibt die Chance den Zusammenhang von Arbeit und Gesundheit auf Basis des Erfahrungswissens der Heilpraktiker zu verstehen.

1. Das Modell demand vs. control (Karasek & Theorell 1990)

Dieses Modell des Soziologen fasst die spezifische Verbindung zwischen hohen Anforderungen und den Kontrollmöglichkeiten zusammen. Insbesondere hohe psychomentale Anforderungen und geringe Kontrollmöglichkeiten scheinen einen hohen Distress zu erzeugen. (Karasek & Theorel, 1990, zit nach Faltermaier, 2005, S.97). Empirische Studien untermauern diese Theorie. Eine Aussage ist, dass diese Anforderungen in den unteren sozialen Schichten häufiger vorkommen, weil dort mehr Arbeitsplätze mit hohen Anforderungen und geringen Entscheidungsspielräumen vorkommen würden. Entsprechend von Karaseks Modell können Berufe mit hohen Anforderungen und hohem Kontrollspielraum die Gesundheit fördern (ebenda). Die nachfolgende Grafik veranschaulicht diese Konstellation.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Das Modell demand vs. control Modell nach Karasek & Theorell 1990, eigene Darstellung.

Eine Modifizierung dieser Theorie durch subjektive Bewertung ist nicht geklärt (Karasek & Theorel, 1990, zit nach Faltermaier, 2005, S.97). Allerdings scheint klar, dass sich der fehlende soziale Rückhalt am Arbeitsplatz besonders dann gravierend auswirkt, wenn er mit geringer Kontrolle über die Arbeitsbedingungen verbunden ist.

2. Das Modell der beruflichen Gratifikationskrisen (Siegrist 1996)

Das Modell von Siegrist verbindet viele Elemente der bereits genannten Belastungsfaktoren. Seine zentrale Hypothese ist, dass berufliche Gratifikationskrisen im mittleren Erwachsenenalter den entscheidenden psychosozialen Einfluss auf die Entstehung von Herz- und Kreislauferkrankungen darstellen würden (Faltermaier, 2005, S.98). Bei beruflichen Gratifikationskrisen stellen eine chronifizierte Form sozialer Krisen dar und liegen dann vor, „wenn ein Missverhältnis zwischen (hoher) erbrachter Arbeitsleistung und (vergleichsweise niedriger) erhaltener Belohnung vorliegt.“ (Siegrist, 1996, S.97, zit. nach Faltermaier, 2005, S.98). Für die berufliche Verausgabung kann es jedoch äußere Belastungen geben oder intrinsische Bestrebungen. Gratifikationskrisen können auf der Ebene des Einkommens, der sozialen Anerkennung oder des beruflichen Status zum Ausdruck kommen. Die nachstehende Grafik veranschaulicht das Verhältnis der beiden Kernelemente der Theorie.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Das Modell beruflicher Gratifikationskristen nach Siegrist, 1996, eigene Darstellung.

Eine Längsschnittstudie zur Erforschung von psychosozialen Ursachen von Herzinfarkten an 416 Metallarbeitern bestätigt die Annahmen der Theorie (Faltermaier, 2005, S.98). So sind beispielsweise Personen, die jahrelang im Schichtbetrieb arbeiten risikobehaftet. Das relative Risiko an einem Herzinfarkt zu erkranken ist bei Industriearbeitern etwa 3- 4-mal erhöht, wenn sie chronische Gratifikationskrisen erlebt haben, unabhängig von anderen Risikofaktoren (Siegrist, 1996, zit. nach Faltermaier, 2005, S.98).

3. Job-Demand-Ressources (Bakker & Demerouti, 2007)

Das Job- Demands-Ressources- Modell trifft die Erwartungen an verschiedene Arten von Anforderungen und Ressourcen, abhängig vom Kontext der Studie (Bakker & Demerouti, 2007). Die nachfolgende Grafik veranschaulicht diese Problematik, bei Beachtung der Haupteffekte von Job-Anforderungen und Ressourcen. Hier werden bei Beanspruchungen beispielsweise Zeitdruck, Schichtarbeit und physische Belastung genannt, die als Anforderungen zur Erschöpfung führen können. Gleichzeitig stellen beispielsweise Feedback, Kontrollmöglichkeiten und Jobsicherheit wichtige Job-Ressourcen dar, die zur Loslösung des Individuums führen können. Die nachfolgende Grafik visualisiert das Modell.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Das Job-Demand-Ressources-Modell nach Demerouti, Nachreiner, Bakker & Schaufeli, 2001,S. 502.

Die Studienmacher gehen davon aus, dass wenn die Verfügbarkeit von (mehreren) Job- Ressourcen gegeben ist, die Motivation des Arbeitnehmers hoch ist. Dies ist ungeachtet der Höhe der Arbeitsbelastung (Bakker & Demerouti, 2007, S. 320 f.). Die klassischen Hypothesen, dass berufliche Anforderungen berufliche Belastung erzeugen und Job- Ressourcen die Motivation des bestimmen, können laut der Autoren durch diverse Studien belegt werden (ebd.). Eine weitere Theorie ist, dass die Personen, die Stress im Beruf erleben, dazu neigen durch ihr Verhalten zusätzliche Anforderungen und geringere Ressourcen zu erschaffen. Zur Feststellung dieser Hypothesen wurden diverse strukturelle Analysen angefertigt, welche die Selbstberichte und Beobachter- Berichte zusammenführen. Diese Analysen bestätigen starke und konsistente Belege für die Validität dieses Modells (Demerouti, Nachreiner, Bakker, & Schaufeli, 2001).

4.2 Das Berufsfeld der Heilpraktiker

4.2.1 Die Geschichte der Heilpraxis in Deutschland unter Beachtung rechtlicher Regelungen

Um die Entwicklung der Heilpraxis in Deutschland zu verstehen, muss ein Blick in die Geschichte geworfen werden. Dabei soll ein kurzer Verlauf der politischen und juristischen Rahmenbedingungen geschildert werden, um die heutige Heilpraxis verstehen zu können. Diese Beschreibung basiert im Wesentlichen auf den Ausführungen des Fachartikels „Heilpraktiker und öffentliches Gesundheitswesen. Gesetzliche Grundlagen sowie Erfahrungen aus den Überprüfungen der Heilpraktikeranwärter und der infektionshygienischen Überwachung von Heilpraktiker-Praxen im Rhein-Main-Gebiet 2004-2007.“, welcher im Bundesgesundheitsblatt 2010 von Heudorf, Carstens und Exner veröffentlicht wurde (Heudorf, Carstens, & Exner, 2010). Dieser Artikel beinhaltet eine Abhandlung der relevanten Stationen, die für das Verständnis des heutigen Systems notwendig sind. Ergänzend werden weitere Quellen zitiert.

Laut Fachverband Deutscher Heilpraktiker ist „von der Entwicklung ausgebildeter, weltlicher Ärzte […] in Deutschland erst ab dem 12. Jahrhundert sprechen. Ursprünglich waren laut Autoren die Berufe von Arzt und Apotheker vereint und erst mit der Entstehung der Universitäten gab es eine fachliche Disziplin der Medizin (Fachverband Deutscher Heilpraktiker, 2015). Im deutschen Reich wurde später im 19. Jahrhundert eine Gewerbeordnung eingeführt, die das Prinzip der Gewerbefreiheit auch auf medizinische Berufe ausdehnt und explizit mithilfe der sogenannten „Kurierfreiheit“ auch nicht approbierten Personen Heilbehandlung erlaubte (Heudorf, Carstens, & Exner, 2010, S. 245). Die „Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung des Kurpfuschertums (DGBK)“, ist laut Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften ein Vorläufer der sogenannten „Skeptikerorganisationen“ (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V., 2016). Die DGBK, im Wesentlichen durch Ärzte zusammengesetzt, bekämpfte dieses Gesetz bis 1939. Dabei wurden berufspolitische Bedenken laut, sowie die Kritik an der Befähigung von Naturheilern und Homöopathischen Ärzten. Unterschiedliche Vorstöße zur Beseitigung der Kurierfreiheit, inklusive Gesetzesinivitativen, scheiterten (Heudorf, Carstens, & Exner, 2010, S. 245). Durch andere Gesetzgebungen waren in der Weimarer Republik bestimmte Heilpraktiken nur durch Fachleute erlaubt. So zum Beispiel:

- die Abgabe verschreibungspflichtiger Arzneimittel und Betäubungsmittel
- die Ausübung der Geburtshilfe
- die Ausübung der Zahnheilkunde

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es 1934 zu einer „Gleichschaltung“ aller zuvor bestehenden Heilpraktikerverbände, die im „Heilpraktikerbund Deutschlands Reichsverband e.V.“ mündete (Heudorf, Carstens, & Exner, 2010, S. 245). 1939 wurde daraufhin das sogenannte Heilpraktikergesetz erlassen. Das Gesetz definierte die bisherigen Heilpraktiker mit einer neuen Gesetzgebung. Mit diesem juristischen Schritt, der die Schließung der Ausbildungsstätten der Heilpraktiker vorsah, sollte die sukzessive Aufhebung der Kurierfreiheit durch das Verhindern von Ausbildungsmöglichkeiten erreicht werden. Nach der ersten Durchführungsverordnung vom 18.2.1939 war die Erlaubniserteilung an folgende Bedingungen geknüpft:

- Alter über 25 Jahre (a),
- deutsche Staatsbürgerschaft (b),
- deutschen oder artsverwandten Blutes (c),
- mindestens abgeschlossene Volksschulbildung (d),
- Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte (e),
- politische und sittliche Zuverlässigkeit insbesondere keine strafrechtlichen oder sittlichen Verfehlungen (f),
- körperliche und geistige Eignung, Abwesenheit von Sucht (g),
- Angabe, dass die Heilkunde nicht neben einem anderen Beruf ausgeübt wird (h).

Zudem wurde in dieser Durchführungsverordnung verlangt, dass die Heilpraktiker einen Verband mit entsprechender Rechtsordnung errichten sollen. 1941 gab es eine Ergänzung der Durchführungsverordnung, die eine Erlaubniserteilung als fachliche Bedingung vorsah (Heudorf, Carstens, & Exner, 2010, S. 246). Entlang der Beschreibung durch den Gesetzestext der Durchführungsverordnung ist die Erlaubnis nicht zu erteilen, „wenn sich aus einer Überprüfung der Kenntnisse und Fähigkeiten des Antragstellers durch das Gesundheitsamt ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für die Volksgesundheit bedeuten würde“ (Heudorf, Carstens, & Exner, 2010, S. 246).

Der Alliierte Kontrollrat hob die Klauseln „deutschen oder artsverwandten Blutes“ und „politische Zuverlässigkeit“ nach dem zweiten Weltkrieg auf. Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurden bestimmte Punkte wegen Unvereinbarkeit mit dem Grundgesetz gestrichen, ansonsten galt das Heilpraktikergesetz fort. Gleichzeitig wurde der Beruf des Heilpraktikers durch das neu gefasste Heilpraktikergesetzes rechtlich definiert und gesichert. (ebenda). In der aktuellen Fassung der Durchführungsverordnung werden folgende Kriterien für die Ablehnung einer Zulassung zusammengetragen (Bundesministerium der Justiz und für Verrbraucherschutz, 2002):

- „wenn der Antragsteller das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet hat,
- wenn er nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt,
- wenn er nicht mindestens abgeschlossene Volksschulbildung nachweisen kann,
- wenn sich aus Tatsachen ergibt, daß [sic] ihm die ... sittliche Zuverlässigkeit fehlt, insbesondere, wenn schwere strafrechtliche oder sittliche Verfehlungen vorliegen,
- wenn er in gesundheitlicher Hinsicht zur Ausübung des Berufs ungeeignet ist,
- wenn mit Sicherheit anzunehmen ist, daß [sic] er die Heilkunde neben einem anderen Beruf ausüben wird,
- wenn sich aus einer Überprüfung der Kenntnisse und Fähigkeiten des Antragstellers durch das Gesundheitsamt ergibt, daß [sic] die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für die Volksgesundheit bedeuten würde.“

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass dem Gesundheitsamt aktuell mit der Überprüfung der kommenden Heilpraktiker eine wichtige Rolle zukommt. Die Prüfung der fachlichen Eignung zum Ausschluss einer Gefährdung für die Volksgesundheit stellt allerdings keine fachliche Prüfung dar. So werden beispielsweise Homöopathen nicht explizit auf ihre Fachkenntnisse in diesem Gebiet befragt. Die einmalige Kontrolle durch das Gesundheitsamt bleibt die einzig vorgeschriebene medizinische Prüfung durch eine staatliche Instanz. Bei der Kontrolle durch das Gesundheitsamt wird in einen theoretischen Teil (Multiple Choice) und einen mündlichen Überprüfungsanteil gegliedert. Länderspezifisch wird die Zulassung der Personen geregelt, die sich als heilpraktischer Psychotherapeut betätigen wollen (Heudorf, Carstens, & Exner, 2010, S. 248). Die Befugnisse in der Behandlung und Diagnose sind in diesem Gebiet eingeschränkt. So sind Körperkontakt und bestimmte Behandlungsarten hier nicht erlaubt (Heilpraktikerausbildung Hamburg, 2015). Entsprechend ist der Umfang der Prüfung im Vergleich zur Überprüfung der regulären Heilpraktiker geringer.

Ethische und berufsrechtliche Grundlagen sind oft umfangreich in den Berufsverbänden erklärt, zu denen sich der Heilpraktiker bei Eintritt verpflichtet. Damit werden ethische und handlungspraktische Standards geschaffen, die den Behandelnden und den Heilpraktikern selbst in der Behandlungspraxis eine Orientierung geben (Freie Heilpraktiker e.V., 2015). Die Mitgliedschaft in einer solchen Organisation ist allerdings für den Einzelnen freiwillig.

4.2.2 Unterschiede zwischen konventioneller und alternativer Medizin

In diesem Abschnitt soll auf die unterschiedliche Betrachtungsweise von alternativer und konventioneller Medizin eingegangen werden. Die weltanschaulichen Unterschiede lassen sich teilweise in subtilen Gepflogenheiten und Handlungsnormen ablesen. Auf Basis des Buches „Heilpraktiker - Die alternativen Mediziner - Geschichte, Erfolge, Ausbildung, Kosten“ von Werner Commandeur W. und Neumann B. sollen hier einige der Unterschiede zwischen den Professionen deutlich gemacht werden (Commandeur & Neumann, 1991). Ergänzende Nachweise sind entsprechend ausgewiesen. Bei dem Vergleich beider Disziplinen ist zu beachten, dass hier nicht der Anspruch einer umfänglichen Unterscheidung entlang von Behandlungsstandards gilt. Vielmehr soll über die Prüfung der Grundannahmen von konventioneller und heilpraktischer Medizin ein Verständnis der Denkweise beider Disziplinen erlangt werden. Laut Commandeur und Neumann ist die allopathische Perspektive materialistisch. Dies bedeutet, dass alle gesundheitlichen Beschwerden aus ihren materiellen Grundlagen heraus begründbar und erklärbar seien (Commandeur & Neumann, 1991, S. 37). Die Autoren betrachten diese Perspektive nicht als grundsätzlich falsch, bezweifeln allerdings deren Fähigkeit der ganzheitlichen Erklärung von Phänomenen. Des Weiteren werden die Grenzen dieser mechanischen Denkweise betont. Insbesondere die Individualität der Psyche sei der springende Punkt bei Diagnosen, Voraussagen und Beschwerden. Grundsätzlich sei die Reaktion zweier Menschen auf dieselbe Situation bestenfalls ähnlich oder sogar völlig konträr zueinander (Commandeur & Neumann, 1991, S. 43):

„ Der Heilpraktiker bemüht sich, so viele dieser Faktoren als irgend möglich bei Diagnose und Therapie einzubeziehen, den Menschen nicht als defekte Maschine, sondern als Individuum mit Leib, Seele und Geist zu sehen, das in vielfältigen Beziehungen zu seiner natürlichen und künstlichen Umwelt steht. “ (Commandeur & Neumann, 1991, S.43)

In diesem Bild gehen die Autoren davon aus, dass bei einem kranken Menschen irgendetwas in einem komplizierten Gefüge aus dem Gleichgewicht geraten sei. So sehe der Heilpraktiker es als seine Aufgabe mit individuellen Maßnahmen das gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen. „Der Heilpraktiker will nicht die Krankheit, er will den Patienten behandeln.“ (Commandeur & Neumann, 1991, S. 43). Eine wichtige Unterscheidung liegt in der Diagnose, bei der sich die Heilpraktiker entlang der Autoren etwa 60 Minuten für den Patienten Zeit ließen. Dies stellt einen wichtigen Kontrast zur konventionellen Medizin dar. In der DETECT-Studie, einer bundesweiten Studie in 3500 Hausarztpraxen kam zutage, dass sich die Ärzte lediglich „durchschnittlich 3 Minuten pro Patient für diagnostische, therapeutische und labortechnische Aufgaben“ aufwendeten (Wittchen et al., 2014). Für die Diagnose sei für einen Heilpraktiker bereits wichtig, wie ein Patient zur Tür hereinkommt. Vermeintlich kann der gut ausgebildete Heilpraktiker viele Erkenntnisse aus diesen ersten Eindrücken gewinnen, woraufhin dann die körperliche Untersuchung folgen würde (Commandeur & Neumann, 1991, S. 46). Entlang Commandeur und Neumann ist es für den Heilpraktiker von entscheidender Bedeutung, dass er das Vertrauen des Patienten gewinnt. Dies will er nicht über ein autoritäres, aber über freundschaftliches und menschliches Verhalten erreichen. Laut Autoren bemüht er sich um ein symmetrisches Kommunikationsverhältnis zu seinen Patienten und erklärt die Zusammenhänge ihrer Erkrankung (Commandeur & Neumann, 1991, S. 47). Allerdings wird der Patient auch gefordert. Der Patient soll so, um zu einer wirklichen Heilung zu gelangen, mithelfen falsche Lebensgewohnheiten aufgeben und aktiv an seiner Gesundung mitwirken (Commandeur & Neumann, 1991, S. 49). Heilpraktiker scheinen ihren Beruf tatsächlich als Berufung zu sehen, konkret die Berufung anderen zu helfen (Commandeur & Neumann, 1991, S. 57).

4.2.3 Die Akzeptanz der Heilpraxis in Deutschland

Die Heilpraktiker werden in verschiedenen Belangen kritisiert. Sei es, weil einzelne Anwender ihre Kompetenzen überschreiten (Süddeutsche Zeitung, 2015), oder weil hygienische Standards nicht eingehalten werden (Heudorf, Carstens, & Exner, 2010). Die Bundesärztekammer kritisiert unter anderem die Wissenschaftlichkeit der alternativen Heilmethoden (Haustein, Höffler, Dietrich, Lasek, & Müller-Oerlinghausen, 1998). Dabei stellt sich die Frage nach der Art der Kritik aus dem Standpunkt konventioneller Medizin, die sich, wie bereits angedeutet, in den Grundgedanken und ihrem Wesen von der komplementären Medizin unterscheidet. Lediglich eine genaue Analyse von Kompetenzüberschreitung und Hygienemängeln in beiden Professionen kann hier klären in welcher Relation die Vorwürfe zu den Problemen im konventionellen Teil des Gesundheitswesens stehen. Ein Beispiel sind die Vorwürfe der teilweise mangelnden Einhaltung von Hygienestandards in Heilpraktikerpraxen (Heudorf, Carstens, & Exner, 2010). Relativierend zu dieser Thematik kann die die dauerhaft latente Infektionsgefahr in Krankenhäusern dagegengestellt werden. Diese sieht selbst eigene Vorschriften in der Kategorisierung, Meldung und Behandlung vor (Robert Koch-Institut, 2010). In einer Untersuchung von Stiftung Warentest aus dem Jahr 2008 wird klar, dass trotz der Kritik an den Heilpraktikern der Gesamteindruck der Testpersonen positiv war. So fühlen sich die Testpersonen ernst genommen: „Die Frage, ob sie bei einer Erkrankung in Zukunft auch einen Heilpraktiker konsultieren würden, bejahten sie nach dem Test übereinstimmend.“ (Stiftung Warentest, 2008). Darüber hinaus scheint Komplementär- und Alternativmedizin in Europa zunehmend populär zu sein. So sagen bis zu 65 Prozent der Bevölkerung, dass sie diese Form der Medizin bereits genutzt haben. 10-20 % der Europäischen Bevölkerung hat einen Arzt oder Heilpraktiker im letzten Jahr besucht (CAMDOC Alliance, 2010).

4.2.4 Die Demografie, Organisationsformen und der europäische Vergleich der Heilpraxis

Wie viele Heilpraktiker gibt es in Deutschland?

Klar ist, dass die Heilpraktiker eine relativ kleine Berufsgruppe darstellen. Die Zahlen offizieller Angaben zur Anzahl der Personen in diesem Berufsfeld sind dabei uneindeutig. So zeigt sich, dass auf Basis des Mikrozensus 2006 rund 23.000 Heilpraktiker in Deutschland zu finden waren. Davon waren 96 Prozent selbstständig (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 2006). Der 2011 erscheinende Bericht des Statistischen Bundesamtes zum Thema „Gesundheit“, ergab eine Schätzung von 35.000 Heilpraktikern für Deutschland ( (Statistisches Bundesamt, 2011). Auch wenn die beiden Stichproben untereinander eine Differenz von rund 12.000 Personen aufweisen, stehen die Zahlen relativ dicht beieinander, vor allem im Vergleich zur Anzahl der Ärzte in Deutschland: 342.000 (ebenda.) Allerdings verwundert die Angabe des Statistischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Bayern in dieser Sache.

So wurden für das Jahr 2014 allein in Bayern 21.000 Heilpraktiker registriert. Ausgehend von der Schätzung für die gesamte Bundesrepublik ist die Konzentration der Verteilung der Berufsgruppe in Frage zu stellen. Es ist zu bezweifeln, dass sich mehr als zwei Drittel aller Heilpraktiker Deutschlands in Bayern aufhalten (Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, 2014). Als eine weitere Quelle, die Fragen über die tatsächliche Zahl der Heilpraktiker in Deutschland aufwirft, ist erneut das Statistische Bundesamt zu zitieren: „Insgesamt waren im Jahr 2010 im Wirtschaftszweig Heilpraktikerpraxen 4 050 Personen tätig. Dabei beschäftigte der Durchschnitt der Unternehmen 3,1 Personen.“ (Statistisches Bundesamt, 2010).

Auf die Verteilung des Berufszweiges Heilpraktiker in Deutschland soll hier nicht weiter eingegangen werden. Es geht in dieser Arbeit nicht um das Erreichen einer repräsentativen Stichprobe im Sinne der quantitativen Forschung. Im Folgenden Abschnitt soll ein genauerer Blick auf die Organisation der Heilpraktikerverbände geworfen werden.

Wie sind Heilpraktiker in Verbänden organisiert?

Heilpraktiker sind in Deutschland in verschiedenen Verbänden auf der Bundesebene organisiert. Hinzu kommen eine Vielzahl von Verbänden auf Landes und Ortsebene, die eine weitverzweigte Struktur aufzeigen.

Der DACHVERBAND DEUTSCHER HEILPRAKTIKERVERBÄNDE e.V. (DDH) ist eine Gemeinschaftsinitiative der fünf großen bundesweiten Heilpraktikerberufs- und Fachverbände in Deutschland. Er möchte damit laut Selbstbeschreibung mit den Einzelverbänden zusammen der Ansprechpartner für Politik, Medien, Versicherungen sowie andere Gesundheitsberufe sein (Wilms, 2015). Der Dachverband vertritt rund 70 % der in Verbänden organisierten Heilpraktiker (Freie Heilpraktiker e.V., 2015). Die fünf großen Heilpraktikerverbände sind laut DHH (DHH, 2016):

- Fachverband Deutscher Heilpraktiker e.V. (FDH)

Entlang der Selbstbeschreibung des Fachverband Deutscher Heilpraktiker mit über 7000 Mitgliedern nehmen sich Heilpraktiker „Zeit für die Patienten, die sie brauchen um die Gesamtzusammenhänge von Krankheitsursachen erfassen.“ Dabei sollen nicht nur die spezifischen naturheilkundlichen Heilmethoden Einsatz finden, sondern auch die Selbstheilungskräfte des Körpers stimuliert werden (Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker e.V., 2015) .

- Freie Heilpraktiker e.V. (FH)

Der Verband möchte die Gemeinwohlverpflichtung, Selbstkontrolle und die Eigenverantwortlichkeit für Mitglieder verbindlich machen. Die Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker stehen laut dem Verband hierbei in besonderer Verantwortung und haben sich als vertrauenswürdig zu erweisen (Freie Heilpraktiker e.V., 2015) .

- Freier Verband Deutscher Heilpraktiker e.V. (FVDH)

Dieser Berufs- und Fachverband sieht ein Verhältnis zwischen Patient und Heilpraktiker, das von „gegenseitigem Respekt und Achtung“ geprägt ist, während der zu Behandelnde als die Bewahrung der Integrität einer Persönlichkeit in seiner Geist-Körper-Seele-Einheit beschreibt. Ferner sieht die Satzung des Verbandes vor, dass sich die Mitglieder der internen Fachaufsicht unterwerfen erteilen und auf Verlangen berufsbezogene Auskünfte zu erteilen haben (Freier Verband Deutscher Heilpraktiker e.V., 2015).

- Union Deutscher Heilpraktiker, Bundesverband e.V. (UDH)

Laut Satzung sieht der Verband seine Aufgaben in der Sicherung des Heilpraktikerberufes, in der Beratung zu berufsbezogenen Fragen, in der Sorge um ein gutes Verhältnis mit den Heilpraktikern untereinander, die Betätigung und Förderung von Volksgesundheitsbewegungen, der Zusammenarbeit mit anderen Heilpraktikerverbänden, dem Führen eines Heilpraktiker-Verzeichnis, dem Erstellen und der Kontrolle der Einhaltung einer Berufsordnung sowie dem Bekämpfen von Wettbewerbsverstößen im Heilwesen (Union Deutscher Heilpraktiker, Bundesverband e.V., 2016).

- Verband Deutscher Heilpraktiker (VDH)

Der im Jahre 1963 gegründete Verein hat über 3000 Mitglieder und möchte für ein „gutes Verhältnis der Heilpraktiker untereinander und zu den übrigen Berufen des Gesundheitswesens“ sorgen. Darüber hinaus ist die „Sicherung des Fortbestandes der naturheilkundlichen Medizin und ihrer Entwicklung und Förderung eines zeitgemässen [sic] Berufsbildes auf der Basis einer in der Tradition verwurzelten Heilkunde“ ein Kernanliegen des Profils des Verbandes (Verband Deutscher Heilpraktiker e.V. , 2015).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es nach erster Untersuchung der Heilpraktikerverbände mehr Übereinstimmungen, Parallelen und Gemeinsamkeiten im Vergleich zu Unterschieden in den Grundideen aufzufinden sind. Die einzelnen Profile der Heilpraktierverbände heben ggf. einzelne Grundideen mehr hervor. Dies benötigt weitere Forschung.

Wie ist die Zulassung in Europa geregelt?

In diesem Abschnitt wird der regulative Status komplementär- und alternativer Medizin diskutiert. Grundsätzlich ist dabei zu beachten, dass der Begriff „Heilpraktiker“ im deutschen Kontext nicht in jedem Fall synonym mit dem Begriff „CAM-practitioner“ oder „alternative physician“ verwendet werden kann. Der unterschiedliche regulative Status erschwert somit die Vergleichbarkeit internationaler Studien. Eine Studie der CAMDOC Alliance (Ein Zusammenschluss von 132 europäischen Assoziationen medizinischer Doktoren, die Komplementär- und Alternativmedizin anbieten) gibt eine Übersicht über den regulativen Status in Europa und dient als Grundlage für dieses Kapitel (CAMDOC Alliance , 2010).

Die Regellungen für Heilpraktiker sind von Land zu Land verschieden. So wird in Mittel- und Südeuropa Komplementärmedizin in der Regel von Ärzten angeboten. Das Praktizieren dieser Art von Medizin außerhalb des auf medizinisch-fachlicher Ausbildung basierten Gesundheitsystems ist illegal und wird geahndet (ebd.). Dahingehen stellen nicht medizinisch ausgebildete Anbieter den Kern der Komplementär- und Alternativmedizin im nördlichen Europa dar. In Ungarn und Slowenien erlaubt das Gesetz die Durchführung einiger CAM-Angebote für nicht-medizinisch qualifizierte Anbieter, andere nur durch medizinische Doktoren. So tun sich kulturelle Unterschiede in der Anwendung auf, die sich auch in unterschiedlicher Akzeptanz der Methoden wiederspiegeln. Es können drei verschiedene Formen der Zulassung unterschieden werden (CAMDOC Alliance, 2010):

- Direkt Staatlich-verwaltete Regulation

In den meisten europäischen Ländern autorisiert, registriert und überwacht eine staatliche Institution die professionellen Anbieter. Die Autoritäten können die Befugnis für Fachleute im Gesundheitswesen zurückziehen, wenn ein Gesetz verletzt wurde. Das bedeutet, dass die Regierungsautoritäten entscheiden in welchem Rahmen die Anwendung von CAM als verantwortungsvolle professionelle Durchführung gilt.

- Staatlich-sanktionierte Selbstregulation

In einigen Ländern delegiert das Gesetz die Aufgaben der Autorisierung, Registrierung und Überwachung der professionellen Anbieter im Gesundheitssystem an die nationalen Medizinischen Verbände. Das impliziert, dass die medizinischen Verbände entscheiden in welchem Umfang die Nutzung von CAM durch autorisierte Anbieter als verantwortungsvolle, professionelle Durchführung gilt.

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Ende der Leseprobe aus 144 Seiten

Details

Titel
Gesundheitsvorstellungen von Heilpraktikern
Untertitel
Eine qualitative Studie über das Erfahrungswissen von Heilpraktikern. Einfluss von Arbeit auf Gesundheit
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Institut für Gesundheits-, Ernährungs- und Sportwissenschaften, Abteilung Gesundheitspsychologie und Gesundheitsbildung)
Veranstaltung
Prävention und Gesundheitsförderung
Note
2,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
144
Katalognummer
V351507
ISBN (eBook)
9783668381865
Dateigröße
2392 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die kompletten transkribierten Interviews sind nicht im Lieferumfang enthalten. Auszüge der Interviews werden jedoch innerhalb des Textes aufgeführt.
Schlagworte
Heilpraktiker, Heilpraxis, Alternative Heilmethoden, Gesundheitsvorstellungen, Salutogenese, Mayring, Aaron Antonovsky, Qualitative Methoden, Interviews, Arbeit und Gesundheit, Gesundheit, Patienten, Gesundheitssystem, Konventionelle Medizin, Geist und Körper, Symptome, Ursachen, Heilung, Ganzheitlich, Holistisch, Psychische Faktoren von Gesundheit
Arbeit zitieren
Kevin Kockot (Autor), 2016, Gesundheitsvorstellungen von Heilpraktikern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351507

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