Integration des systemischen Ansatzes in die SchuldnerInnenberatung


Diplomarbeit, 2006
40 Seiten, Note: Bestanden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Spannungsfeld: Notwendiger Informationsinput vs. Systemische Haltung (der/die KlientIn als ExpertIn für sein/ihr Leben)
1.2. Zielsetzung der Arbeit

2. Juristische Grundlagen und grundsätzliche Lösungsstrategien
2.1. Außergerichtliche Schuldenregulierungsmöglichkeiten
2.1.1. Der außergerichtliche Ausgleich
2.1.2. Verhandlungsstrategien und Zieloptionen
2.2. Der Zwangsausgleich
2.3. Der Zahlungsplan
2.4. Das Abschöpfungsverfahren
2.5. Ablauf des Privatkonkurses

3. Ursachen für Überschuldung aus systemischer Sicht
3.1. Rein rationale, betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise
3.1.1. positiv bilanzierende Finanzgebarung
3.1.2. ausgeglichene, aber riskante Finanzgebarung
3.1.3. Der sichere Weg in die Überschuldung
3.2. Typologien von Schuldnerbiographien
3.2.1.Arbeitslosigkeit
3.2.2 Entwicklungsphasen der Familien
3.2.3. Scheidungen und Trennungen
3.2.4. Schulden als Funktion
3.2.5. Muster und Süchte
3.3. Themenrelevante Verhaltensmuster
3.3.1. Die Sozialisation im Umgang mit Geld in der Herkunftsfamilie
3.3.2. Spielsucht
3.3.3. Kaufsucht

4. Erarbeitung des Kontextes
4.1. Methodik
4.1.1. Reframing
4.1.2. Positive Konnotation
4.1.3. Provokation und Irritationen
4.1.4. Aufträge und Verschreibungen
4.1.5. Genogramme
4.1.6. Schuldenbiographie
4.1.7. Zeitlinienverfahren
4.2. Kontextklärung
4.3. Ressourcenarbeit
4.4. Fachlicher Input des Beraters über grundsätzlich vorhandener Lösungsansätze, basierend auf gesetzlichen Bedingungen
4.5. Zielarbeit
4.6. Erarbeitung von Schritten zur Zielerreichung
4.7. Begleitung bei der Umsetzung

5. Fallbeispiel (Herr Bert K.)
5.1. Eckdaten zur Person
5.2. Erarbeitung des Kontextes
5.3. Der Beratungsprozess

6. Abschließende Bemerkungen

7. Literaturverzeichnis
7.1. Selbständige Literatur
7.2. Unselbständige Literatur

8. Anhang
8.1. Institutionen der Schuldnerberatung
8.2. Nützliche Links
8.3. Adressen

1. Einleitung

In meiner täglichen Arbeit im arbeitsmarktpolitischen Kontext mit Personengruppen mit besonderen Einschränkungen zeigt sich die Schuldenproblematik immer wieder als Thema mit besonderer Brisanz und als ein Hindernis, welches einer Reintegration in den Arbeitsmarkt entgegensteht. Insbesondere in meiner täglichen Beratungspraxis in Einzelgesprächen ist die Erarbeitung entsprechender Lösungsansätze immer wieder Thema.

Dabei bewährt sich der systemische Beratungsansatz grundsätzlich sehr gut. Um hier jedoch zu sinnvollen Lösungsansätzen zu kommen, ist es (im Gegensatz zum rein systemischen Arbeiten, wo der Klient als „Experte für sein Leben“ gesehen wird und der Berater im Sinne von Lösungen „nichts wissen muss“) für den Berater notwendig dem Klienten Informationsinputs zu geben und grundsätzliche Lösungswege aufzuzeigen.

Da das Thema Ver- bzw. Überschuldung nicht nur im arbeitsmarktpolitischen Kontext, sondern insgesamt in unserer Gesellschaft, von hoher Relevanz ist und der Autor hierbei in der Beratung mit einem systemischen Herangehen gute Erfahrungen gemacht und Erfolge erzielt hat, ist diese Thematik Inhalt der vorliegenden Arbeit.

Im Sinne einer erhöhten Anschaulichkeit für den oder die LeserIn wird im Kapitel 5 ein entsprechendes Fallbeispiel präsentiert und behandelt.

Zu Untermauerung der Sinnhaftigkeit der Integration des systemischen Ansatzes in die Schuldnerberatung sei noch folgendes Zitat angeführt. „In allen Fällen in denen Schulden Ausdrucksform einer Dysfunktionalität des ratsuchenden Systems sind oder in denen die Folgen von Verschuldung das System dysfunktional werden ließen, halten wir den systemischen Ansatz für sinnvoll, unabhängig davon, ob wir mit dem gesamten System, was wir natürlich bevorzugen oder mit Teilen des Systems oder Einzelpersonen arbeiten[1].“

1.1. Spannungsfeld: Notwendiger Informationsinput vs. Systemische Haltung (der/die KlientIn als ExpertIn für sein/ihr Leben)

Grundsätzlich wird in der systemischen Beratung der/die KlientIn als Experte für sein/ihr Leben gesehen. Dies ergibt sich aus der konstruktivistischen Philosophie auf der systemisches Arbeiten aufbaut. Mittels des systemischen Methodenrepertoires wird der zu beratenden Person zunächst geholfen seine problemorientierte Sichtweise zu Gunsten einer lösungsorientierten Betrachtungsweise zurückzustellen. Danach wird es idealtypischer Weise möglich konkrete Lösungswege zu erarbeiten und den/die KlientIn dabei zu unterstützen entsprechende Schritte zu setzen.

Schuldnerberatung kann man als 4 – Säulenkonzept verstehen[2], und enthält Hilfsangebote in folgenden Bereichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der Schuldnerberatung gilt es jedoch auch ein bestimmtes Wissen (z. B. wie funktioniert grundsätzlich ein privates Schuldenregulierungsverfahren) und Handwerkszeug (z. B. welche konkreten Vorbereitungsarbeiten gilt es zu treffen um den Privatkonkurs tatsächlich durchführen zu können) zu vermitteln. So kann beispielsweise nicht unbedingt davon ausgegangen werden, dass Laien über betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse (z. B. was ist ein Haushaltsplan und wie erstellt man einen solchen) oder juristisches Wissen (z. B. bei welchen Gericht bekomme ich eine Gläubigerliste die alle Gläubiger anführt, die gegen mich einen Exekutionstitel in der Hand haben) verfügen. Dabei geht es also um fachliche Informationen.

Klarerweise wird in jeder „klassischen Schuldnerberatung“ über all diese Fakten und das Prozedere gesprochen. Oft ist dies für die KlientIn auch ausreichend um die materielle Existenz zu sichern, die finanziellen Probleme in den Griff zu bekommen und einen wirtschaftlichen Neustart zu schaffen.

Oft werden in Schuldnerbiographien, hinter den Problemen stehende Verhaltensmuster bzw. andere Problembereiche sichtbar (Psycho-sozialer Bereich). Der Umgang mit Geld wird zu einem wesentlichen Teil schon in der Herkunftsfamilie gelernt. Auch bestimmte Formen von Süchten (z. B. Spielsucht, Kaufsucht) können einen wesentlichen Anteil daran haben, dass jemand in massive finanzielle Schwierigkeiten kommt[3]. Es liegt auf der Hand, dass nur die Vorbereitung auf, und die Begleitung am Weg zum Konkursgericht hier zu kurz greifen kann.

Im Systemischen Beratungsansatz in der Schuldnerberatung wird daher versucht komplexe Problemzusammenhänge aufzuschlüsseln. Es gilt den auf „die Schulden erstarrten“ Blick aufzuweichen um systemisches Denken zu ermöglichen[4].

1.2. Zielsetzung der Arbeit

Der Autor ist in seiner täglichen Arbeit mit überschuldeten Personen immer wieder mit Aspekten konfrontiert wie sie im vorherigen Unterpunkt beschrieben sind. Auf der Suche nach Literatur wurde offensichtlich, dass bisher sehr wenig über systemisches Arbeiten in der Schuldnerberatung publiziert wurde. So fand sich bei intensiven Recherchen nur das Buch von Lindner et al aus dem Jahr 1998[5], welches sich im Speziellen mit der Integration des systemischen Ansatzes in die SchuldnerInnenberatung beschäftigt. Ziel dieser Arbeit soll es sein eine kompakte Übersicht über die rechtlichen Grundlagen und eine Einführung in die Thematik zu bieten. Die angegebenen Quellen sind über das Internet zugänglich, sodass jederzeit ein Zugriff auf das entsprechende Faktenwissen möglich ist[6]. Dem/der interessierten LeserIn kann als weiterführende Literatur das genannte Werk nur wärmstens empfohlen werden. Weiters sollen durch die Arbeit praktische Anregungen gegeben werden um diese in der täglichen Beratungsarbeit mit betroffenen Klientinnen umzusetzen. Die Thematik Schulden und dahinter liegende Problemkomplexe, damit verbundene Dysfunktionalitäten und Krisen fallen absolut in den Arbeitsbereich von Lebens– und SozialberaterInnen.

Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass die Schulderberatungsstellen mit ihrem klassischen Beratungsansatz ausgezeichnete und professionelle Arbeit leisten, und sie Menschen gut auf dem Weg zur Umsetzung eines Privatkonkurses vorbereiten und begleiten bzw. den Betroffenen eine echte Stütze sein können. Oft sind persönliche Problemlagen aus so gelegen, dass dies völlig ausreichend ist[7]. Nicht zuletzt aus zeitlichen Gründen ist es in Schuldnerberatungsstellen (selbst wenn die dort tätigen einzelnen BeraterInnen systemisch ausgebildet sind) jedoch oft nicht möglich, die systemischen Hintergründe näher zu beleuchten um zu wirklich nachhaltigen Lösungen für ihre Klientinnen zu kommen.

2. Juristische Grundlagen und grundsätzliche Lösungsstrategien

Durch die Novellierung der österreichischen Konkursordnung wurde seit 1. Jänner 1995[8] für natürliche Personen die Möglichkeit geschaffen mittels eines Insolvenzverfahrens vor Gericht einen gangbaren Weg aus der Schuldenfalle zu finden. Dafür wurde diesem Gesetz ein dritter Teil hinzugefügt, wobei in den §§ 181 bis 216[9] die vorgesehenen Bestimmungen angeführt sind. Im Folgenden werden wichtige Begriffe erläutert und der Ablauf eines Privatkonkurses schematisch skizziert.

2.1. Außergerichtliche Schuldenregulierungsmöglichkeiten

Grundsätzlich besteht für SchuldnerInnen seit je her die Möglichkeit eine Verhandlungslösung mit den GläubigerInnen zu suchen. Ziel derartiger Verhandlungen ist es eine teilweise Schuldenbefreiung zu erreichen um einerseits die Ansprüche der GlaübigerInnen zumindest partiell zu befriedigen und andererseits längerfristig wieder zahlungsfähig und wirtschaftlich voll handlungsfähig zu werden. Erzielt man eine entsprechende Verhandlungslösung so spricht man von einem Ausgleich. Was es dabei zu beachten gilt, wird im nächsten Unterpunkt erläutert. Die Schaffung der Möglichkeit eines gerichtlichen Schuldenregulierungsverfahrens hat die Verhandlungsposition von SchuldnerInnen in Ausgleichsverhandlungen jedenfalls wesentlich verbessert.[10]

2.1.1. Der außergerichtliche Ausgleich

Als Vorstufe der gerichtlichen Schuldenregulierung ist der außergerichtliche Ausgleich zu betrachten. Dabei bietet die SchuldnerIn den GläubigerInnen eine Einmalzahlung oder einen regelmäßig zu zahlenden Betrag über einen längeren Zeitraum an. Diese Zahlung bzw. die Summe der Teilzahlungen machen einen gewissen Prozentsatz des insgesamt aushaftenden Betrags aus (z. B. sind € 2.000,-- 20% von einer Gesamtschuld von € 10.000,--). Dieser Prozentsatz wird auch als Quote bezeichnet. Für einen außergerichtlichen Ausgleich ist es zwingend, dass alle Gläubiger beteiligt sind und voneinander bzw. vom Angebot informiert sind. Ein außergerichtlicher Ausgleich gilt dann als angenommen, wenn alle einzelnen GläubigerInnen zustimmen. Tätigt die SchuldnerIn alle Zahlungen wie vereinbart, sind nach Ablauf der Zahlungen alle Forderungen erlassen (Restschuldbefreiung).

2.1.2. Verhandlungsstrategien und Zieloptionen

Prinzipiell war es auch für private SchuldnerInnen seit je her möglich Verhandlungslösungen mit ihren GläubigerInnen anzustreben. Da vor dem 1. Jänner 1995 in Österreich jedoch kein gerichtliches Schuldenregulierungsverfahren existiert hat, war die Verhandlungsposition für SchuldnerInnen schlechter als es sie nun mit der Möglichkeit des Privatkonkurses ist. Früher konnten SchuldnerInnen allenfalls ihr Einkommen unter der Pfändungsgrenze der Exekutionsordnung halten (z. B. bewusst arbeitslos bzw. im Notstand bleiben oder nur einen Halbtagsjob ausüben, mit der Konsequenz, dass nie eine Pfändung möglich wird) und ihren GläubigerInnen anbieten, wenn diese auf das Ausgleichsangebot eingehen wieder einen Ganztagesjob anzunehmen und die Ausgleichsquote zu bezahlen.

Mit der Möglichkeit des Privatkonkurses besteht für GläubigerInnen ein weiteres Risiko. Kommt es zu keinem außergerichtlichen Ausgleich, Zwangsausgleich oder Zahlungsplan, kann ein Abschöpfungsverfahren eingeleitet werden. Für die Einleitung des Abschöpfungsverfahrens ist keine Zustimmung der Gläubiger erforderlich[11]. Laut § 199 Abs. 2 KO dauert das Abschöpfungsverfahren 7 Jahre. Dabei sind zumindest 10% der Forderungen zu begleichen[12]. GläubigerInnen droht somit ein Verlust in der Höhe von 90% ihrer Forderungen. Vor diesem Hintergrund können SchuldnerInnen nun entsprechend mehr anbieten (z. B. 25%). Wird dieses Angebot angenommen kann sich für SchuldnerInnen folgender, wesentlicher Vorteil ergeben:

Ihr frei verfügbares Einkommen kann dadurch die Pfändungsgrenzen übersteigen. Dies ist vor allem auch dann attraktiv, wenn im Zeitraum wo die Ausgleichsquote abbezahlt wird das Einkommen steigt.[13]

2.2. Der Zwangsausgleich

Dabei müssen SchuldnerInnen ihren GläubigerInnen eine Quote von mindestens 20% innerhalb von 2 Jahren oder 30% innerhalb von 2 bis 5 Jahren anbieten. Zu Annahme des Zwangsausgleiches kommt es, wenn eine Gläubigermehrheit (Kopf- und Summenmehrheit, bei der Tagessatzung der Abstimmung anwesende Gläubiger) zustimmt. Ein wesentlicher Vorteil des Zwangsausgleiches ist, dass vorhandenes Vermögen erhalten bleibt. Nehmen die GläubigerInnen den Zwangsausgleich nicht an, kann ein Zahlungsplan beantragt werden.[14]

2.3. Der Zahlungsplan

Für einen gültigen Zahlungsplan ist es laut § 194 Abs. 1 notwendig, dass die AntragsstellerIn den GläubigerInnen mindestens eine Quote anbietet, die der Einkommenslage in den folgenden fünf Jahren entspricht. Die Zahlungsfrist darf dabei sieben Jahre nicht übersteigen. Mit den Gläubigermehrheiten zur Annahme des Zahlungsplanes verhält es sich gleich wie beim Zwangsausgleich. Werden die Vereinbarungen des Zahlungsplanes von SchuldnerInnenseite eingehalten, erlöschen nach Ablauf der Laufzeit die Restforderungen der GläubigerInnen. Falls der vorgelegte Zahlungsplan nicht die erforderliche Mehrheit findet, kann das Gericht, auf Antrag des Schuldners, zur Vorlage eines neuen Zahlungsplanes (verbesserter Zahlungsplan) eine Frist von maximal zwei Jahren festsetzen (Zins- und Exekutionsstop).

Verschlechtert sich die Einkommenssituation der SchuldnerIn soweit, dass der Zahlungsplan nicht mehr eingehalten werden kann und findet ein entsprechend abgeänderter Zahlungsplan keine Mehrheit, muss in das Abschöpfungsverfahren gewechselt werden.

2.4. Das Abschöpfungsverfahren

Wenn der angebotene Zahlungsplan keine Mehrheit findet, wird vom Gericht, sofern keine Einleitungshindernisse[15] vorliegen, das Abschöpfungsverfahren eingeleitet. Für die Einleitung ist keine Zustimmung der Gläubiger erforderlich. Das Verfahren dauert normalerweise 7 Jahre, außer es werden 50% der Forderungen nach 3 Jahren erstattet. Für diese Zeit wird ein Treuhänder bestellt, dem der pfändbare Teil des Einkommens abzutreten ist und der die Zahlungen an die GläubigerInnen verteilt. Während des Abschöpfungsverfahrens hat die SchuldnerIn ihre Obliegenheiten laut § 210 zu erfüllen. Kommt es zu keinen Obliegenheitsverletzungen, kommt es zur Restschuldbefreiung. Verletzt jedoch die SchuldnerIn ihre Verpflichtungen kommt es laut § 211 zum Abbruch des Abschöpfungsverfahrens. In der Folge kann in den nächsten 20 Jahren ohne kostendeckendes Vermögen kein neuerliches Konkursverfahren eingeleitet werden.[16]

2.5. Ablauf des Privatkonkurses

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Ursachen für Überschuldung aus systemischer Sicht

3.1. Rein rationale, betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise

3.1.1. Positiv bilanzierende Finanzgebarung

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht führt nur folgende Finanzgebarung mit Sicherheit nicht zur Überschuldung (auf die Dauer und im Durchschnitt). Dies gilt auch wenn in den Fixkosten beispielsweise Kreditraten für die eigene Wohnung (Zinsen und Tilgung) enthalten sind. Auf die Dauer von Jahrzehnten betrachtet, führt ein derartiges Verhalten, selbst bei geringem Einkommen, langfristig zu einem gewissen Wohlstand (v. a. unter der Berücksichtigung von Habenszinsen).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: positiv bilanzierende Finanzgebarung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Langfristig ergibt sich hier folgende Vermögensentwicklung, durch den Zinseszins – Effekt steigt die Kurve progressiv, wegen der relativ geringen Habenszinsen steigt die Kurve jedoch relativ flach.

3.1.2. Ausgeglichene, aber riskante Finanzgebarung

Das nächste Beispiel zeigt ein Verhalten wo sich Einkommen und Ausgaben die Waage halten. Weder werden Überschüsse erwirtschaftet, noch werden Schulden gemacht, d. h. es werden keinerlei finanzielle Reserven geschaffen. Problematisch wird dies erst, wenn unvorhergesehene Ausgaben zu leisten sind (z. B. Krankheitskosten, Reparaturen etc.) oder sich die Einkommenssituation verschlechtert (z. B. Arbeitslosigkeit).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: ausgeglichene, aber riskante Finanzgebarung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Hier ist die monatliche Finanzgebarung durchschnittlich ausgeglichen. Durch ein unvorhergesehenes (hypothetisches) Schadensereignis entsteht jedoch eine Verschuldung. Werden danach weder das Einkommen erhöht, noch die Ausgaben verringert, fallen langfristig Sollzinsen an. Man beachte die stärkere Steigung der Kurve als in Abb. 3., die daraus resultiert, dass Sollzinsen im Allgemeinen höher sind als Habenszinsen (von der Differenz leben Banken).

3.1.3. Der sichere Weg in die Überschuldung

Die nächste Form der Finanzgebarung führt auf die Dauer und im Durchschnitt mit Sicherheit zu einer Überschuldung. Zu berücksichtigen ist, dass der monatlich anwachsende Schuldenberg natürlich einer Sollverzinsung unterliegt, kommen Exekutionen hinzu ist zusätzlich mit Gerichts -und Anwaltskosten zu rechnen. Dieser Mechanismus funktioniert, völlig unabhängig davon wie hoch das Einkommen und wie klein das monatliche Defizit ist!

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Der sichere Weg in die Überschuldung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Auch hier entsteht kein Vermögen, sondern Schulden. Die Steigung der Kurve entspricht jener im vorigen Beispiel.

Sowohl in der klassischen SchuldnerInnenberatung, als auch bei einem systemischen Zugang zur SchuldnerInnenberatung liegt es hier auf der Hand zu hinterfragen wie es zum monatlichen Defizit kommt. In der klassischen SchuldnerInnenberatung lässt man zu diesem Zweck durch die KlientIn einen Haushaltsplan (Gegenüberstellung des monatlichen Einkommens und der Ausgaben) erstellen. Danach wird jede Ausgabenposition genau betrachtet und hinterfragt, welche man verringern oder eliminieren kann. Weiters kann es sinnvoll sein darüber zu reflektieren ob sich nicht auch das Einkommen erhöhen kann.

Bringt man eine systemische Haltung in die Beratung ein, ist es beispielsweise denkbar zu hinterfragen, ob dysfunktionale Verhaltensmuster, andere Problemstellungen (z. B. Spielsucht) dahinter stehen und ob nicht auch die Schulden eine Funktion für das System der KlientIn haben (z. B. Paarbeziehung wird nur noch durch die gemeinsam abzubezahlenden Schulden zusammengehalten). Es geht also um Einstellungen, Muster und Schulden als Symptom oder Schulden als Funktion. Hier wird deutlich, dass der systemische Ansatz über das Angebot der klassischen SchuldnerInnenberatung hinausgeht.

3.2. Typologien von Schuldnerbiographien

Exemplarisch werden im Folgenden „typische“ Ereignisse bzw. Zustände im Leben von SchuldnerInnen beschrieben, die in der Arbeit mit überschuldeten Personen immer wieder im Zusammenhang mit der Überschuldung auftreten. Als SystemikerInnen ist uns bewusst, dass mit Kausalitäten sehr vorsichtig umzugehen ist, da diese BeraterInnen leicht in die „Falle tappen“ können. Keinesfalls soll in diesem Abschnitt der Eindruck erweckt werden, dass sich Menschen bzw. KlientInnen in Schubladen einteilen lassen bzw. dies für eine Beratung förderlich wäre. Dennoch finden sich die folgenden Thematiken in der Arbeit mit überschuldeten Personen relativ häufig. Die Themen Arbeitslosigkeit und Scheidung werden hier nicht zuletzt deswegen angeführt, da sie häufig in diesem Zusammenhang vorkommen[17]. Lebensübergänge sind Phasen in denen sich Krisen häufig manifestieren, massive finanzielle Probleme können daher Inhalt von Lebensübergangskrisen sein. Schulden können im System auch eine Funktion haben. Auch auf diesen Umstand geht dieser Abschnitt ein.

Sehr oft treffen bei überschuldeten Personen mehrere entsprechende Faktoren zusammen, sodass sich ein multifaktorielles Bild ergibt.

3.2.1.Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit trifft Menschen oft unerwartet. Damit verbunden ist eine wesentliche Reduktion des monatlichen Einkommens, dieses reduziert sich von einem Monat auf das andere um fast die Hälfte. Die Laufenden monatlichen Fixkosten (z. B. für Wohnen) lassen sich meist jedoch nicht (zumindest nicht kurzfristig) entsprechend reduzieren. Dauert die Arbeitslosigkeit nur kurz an (wenige Wochen bis Monate), verkraften die Betroffenen das Defizit meist recht gut, sodass sie sich ohne wesentliche Verschuldung wieder in den Arbeitsmarkt integrieren können. Problematischer wird die Situation dann, wenn die Arbeitslosigkeit zum Dauerzustand wird, die Person also langzeitarbeitslos wird.

Langzeitarbeitslosigkeit kann viele verschiedene Ursachen haben:

- Psychische oder physische Einschränkungen
- Krankheiten
- Berufskrankheiten, diese verunmöglichen oft die Rückkehr in den erlernten Beruf
- Mangelnde, oder veraltete Qualifikation
- Strukturwandel in der Region (Textilindustrie)
- Zu geringe Mobilität, z. B. Führerscheinverlust, da die Person ein Alkoholproblem hat
- Zu hohes Alter
- Mangelnde zeitliche Flexibilität (alleinerziehende Mutter)
- Etc.

Langfristig kann zwar oft gegengesteuert werden (Umzug in eine kleinere Wohnung, Wohnbeihilfe etc.), oft gelingt es aber dennoch nicht die Ausgaben – auch bei bescheidenster Lebensführung – soweit zu senken, dass der Einkommensverlust damit kompensiert werden könnte. Daher werden zunächst oft die vorhandenen Reserven verzehrt. Danach wird „deficit spending“ betrieben, das Konto wird überzogen oder Kredite werden aufgenommen um die Subsidenzkosten tragen zu können. Kommt es letztlich zur Überschuldung, stellt diese durch die damit verbundenen Drittschuldnerexekutionen, selbst ein wesentliches Hindernis für die Reintegration in den Arbeitsmarkt dar[18].

3.2.2 Entwicklungsphasen von Familien

Im Gegensatz zu ruhigeren Lebensphasen steigt in Situationen, in denen sich die Lebenssituation wesentlich ändert, das Risiko dass es zu Krisen kommt (Übergangskrisen). Für die Einzelperson und/oder das System ist „das Alte“ nicht mehr gültig und „das Neue“ hat sich noch nicht etabliert bzw. ist noch nicht klar. Der einzelne Mensch und/oder das System müssen erst lernen mit der neuen Situation umzugehen. Daher muss auch eine Familie als offenes System, welches sich in ständiger Wandlung befindet immer bereit sein seinen (auch neuen) Aufgaben gerecht zu werden[19]. Auch in materieller Hinsicht sind einzelne Lebensphasen bzw. die Übergänge zwischen diesen relevant. Folgende Abbildung zeigt die entsprechenden Zusammenhänge auf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Phasen in der Entwicklung einer Familie und damit verbundene, mögliche finanzielle Konsequenzen[20].

3.2.3. Scheidungen und Trennungen

Scheidungen können aufgrund von Auseinandersetzungen (die oft auf gerichtlichem Wege ausgetragen werden) zwischen den sich trennenden Partnern zu erheblichen finanziellen Belastungen führen. Oft wird so lange gestritten, bis alle gemeinsamen Güter zur Kostendeckung der juristischen Auseinandersetzung aufgebraucht sind. Auch Unterhaltszahlungen für die ehemalige (meist sind diese an die Frau zu leisten) Partnerin können existenzgefährdende Ausmaße erreichen. Dazu kommen oft noch Alimentationsleistungen für das Kind bzw. die Kinder. Die Gerichte gehen bei der Bemessung der Alimentationsverpflichtungen oft nicht von der tatsächlichen Einkommenshöhe des/der Verpflichteten aus, sondern von einem für die Person theoretisch erreichbaren also fiktiven Einkommen.

[...]


[1] Vgl. R. Lindner, I. Steinmann-Berns, Systemische Ansätze in der Schuldnerberatung, 1998, S.152

[2] Vgl. A. Braune, Schuldnerberatung und Mediation, Möglichkeiten und Grenzen der Beratungsansätze, 2004, S. 68

[3] Vgl. R. Lindner, I. Steinmann-Berns, Systemische Ansätze in der Schuldnerberatung, 1998, S.152

[4] Vgl. A. Braune, Schuldnerberatung und Mediation, Möglichkeiten und Grenzen der Beratungsansätze, 2004, S. 68

[5] Vgl. Literaturverzeichnis, Kap. 7.

[6] Vgl. Kap. 7. und 8.

[7] Vgl. R. Lindner, I. Steinmann-Berns, Systemische Ansätze in der Schuldnerberatung, 1998, S. 26

[8] Vgl. http://wien.arbeiterkammer.at/www-1525.html

[9] Vgl. http://www.eu-insolvenz.at/konkursordnung.html, hier findet sich die österreichische Konkursordnung als Download

[10] Vgl. A. Janovsky, Handlungsfeld SchuldnerInnenhilfe, 2004, S. 30

[11] Vgl. A. Janovsky, Handlungsfeld SchuldnerInnenhilfe, 2004, S. 32

[12] Vgl. § 213 Abs. 1 Z. 2 KO

[13] Vgl. A. Janovsky, Handlungsfeld SchuldnerInnenhilfe, 2004, S. 31

[14] Vgl. A. Janovsky, Handlungsfeld SchuldnerInnenhilfe, 2004, S. 32

[15] Vgl. § 201 Abs. 1 u. 2 KO

[16] Vgl. A. Janovsky, Handlungsfeld SchuldnerInnenhilfe, 2004, S. 29ff

[17] Vgl. R. Lindner, I. Steinmann-Berns, Systemische Ansätze in der Schuldnerberatung, 1998, S. 33

[18] Vgl. Michaela Moser, Schuldnerberatung stoppt Schuldenspirale, Schuldenregulierung erhöht Arbeitsmarktchancen, 2005

[19] Vgl. R. Lindner, I. Steinmann-Berns, Systemische Ansätze in der Schuldnerberatung, 1998, S. 31

[20] Vgl. R. Lindner, I. Steinmann-Berns, Systemische Ansätze in der Schuldnerberatung, 1998, S. 32

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Integration des systemischen Ansatzes in die SchuldnerInnenberatung
Veranstaltung
Diplomarbeit für den systemischen Fachlehrgang zum diplomierten Lebens- und Sozialberater
Note
Bestanden
Autor
Jahr
2006
Seiten
40
Katalognummer
V351510
ISBN (eBook)
9783668381971
ISBN (Buch)
9783668381988
Dateigröße
1119 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemische Lebens- und Sozialberatung, Schuldnerberatung, Schulden, Schuldenregulierung, Typologien von Schuldnerbiographien, Überschuldung, Arbeitslosigkeit, Fallbeispiel
Arbeit zitieren
Mag. MSc Andreas Zrim (Autor), 2006, Integration des systemischen Ansatzes in die SchuldnerInnenberatung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351510

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