Das System in dem wir leben, das der Bundesrepublik Deutschland, wird gewöhnlich als
pluralistische Demokratie bezeichnet. Pluralismus, im Gegensatz zu Monismus oder
Totalitarismus enthält für den Großteil der Menschen positive Konnotationen; er wird
assoziiert mit Freiheit, Opposition, Vielfalt der Meinungen und der Möglichkeit der
Einflussnahme aller Bürger. Nichtsdestotrotz wurde, verstärkt in den Siebziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts durch die Generation der Neuen Linken, Kritik laut an diesem Konzept
der Toleranz. Die Ansatzpunkte der Kritiker waren zahlreich und reichten vom Vorwurf der
Elitenherrschaft und der Oligarchisierung bis zu einer Diskreditierung des Pluralismus als
Instrument zur Verschleierung der Kapitalherrschaft.1 Viele dieser Ansätze sind heute
entweder nicht mehr in der Diskussion, widerlegt oder von der Wirklichkeit eingeholt
worden. Einige Kritikpunkte sind jedoch heute noch aktuell und sollten auch im modernen
Diskurs nicht ignoriert werden. Der wichtigste und stichhaltigste unter ihnen ist der Vorwurf
der mangelnden Chancengleichheit der Interessen, dem ich mich in dieser Arbeit widmen
werde. Noch heute haben im pluralistischen System der Willensbildung nicht alle Interessen
die gleichen Chancen, Berücksichtigung zu finden, noch immer sind es
Minderheiteninteressen am Rande der Gesellschaft, wie die Bedürfnisse Arbeitsloser, oder
allgemeine Interessen, wie Gesundheit oder Umweltschutz, die in den Mühlen der politischen
Entscheidungsfindung untergehen und in der Auseinandersetzung mit den
Interessenvertretungen der organisierten Großindustrie den Kürzeren ziehen. Insofern ist es
auch dreißig Jahre nach Formulierung der Kritik noch sinnvoll, sich mit diesem Thema
auseinanderzusetzen. In diesem Zusammenhang werde ich mich schwerpunktmäßig mit der
Kritik des deutschen Theoretikers Claus Offe beschäftigen, aber auch die Pluralismuskritik
des amerikanischen Philosophen Robert Paul Wolff in die Analyse mit einbeziehen. Das
Thema füllt insofern einen wichtigen Platz im Kontext einer Veranstaltung über
Repräsentationstheorien aus, als die pluralistische Vertretung durch Interessengruppen die
wichtigste Form der Repräsentation gesellschaftlicher Interessen im politischen Prozess
darstellt. [...]
1 Vgl. zum Elitenvorwurf: Bachrach, Peter/ Baratz, Morton S. (1970), Power and Poverty, Theory and Practice,
New York u. a., zu Verschwörungstheorien: Agnoli, Johannes/ Brückner, Peter (1986), Die Transformation der
Demokratie, Frankfurt a. M.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Ansätze linker Pluralismuskritik
2.1.1. Die Kritik Claus Offes
2.1.2. Die Kritik Robert Paul Wolffs
2.2. Positionen der Gegenkritik
2.3. Klassiker der Pluralismustheorie
2.3.1. Die Konzeption Ernst Fraenkels
2.3.2. Die Konzeption David B. Trumans
3. Konklusion
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Berechtigung der "linken" Kritik am Pluralismus, insbesondere vor dem Hintergrund mangelnder Chancengleichheit bei der Artikulation gesellschaftlicher Interessen. Ziel ist es, zu klären, ob ein völliger Interessenausgleich ein utopisches Ziel bleibt oder eine notwendige normative Vorgabe für demokratische Systeme darstellt.
- Analyse der Pluralismuskritik von Claus Offe und Robert Paul Wolff.
- Untersuchung der Gegenpositionen, primär vertreten durch Kurt Sontheimer.
- Evaluierung der klassischen Pluralismustheorien von Ernst Fraenkel und David B. Truman.
- Diskussion über die Rolle des Gemeinwohls und utopischer Zielvorstellungen in der Politik.
- Bewertung der strukturellen Mängel innerhalb pluralistischer Willensbildungsprozesse.
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Die Kritik Claus Offes
Einer der bedeutendsten Ansätze der linken Pluralismuskritik ist Claus Offes Konzept der Disparität der Lebensbereiche. Im Zentrum seiner Theorie steht die These, dass Ungleichheiten bei der Befriedigung von Lebensbedürfnissen in der spätkapitalistischen Gesellschaft nicht mehr primär mit den sozioökonomischen Verhältnissen des einzelnen in Verbindung gebracht werden könnten, sondern stattdessen eine Diskrepanz bei der Befriedigung der verschiedenen Problembereiche und Bedürfnissphären des Lebens bestehe. Das „vertikale“ System der Ungleichheit von Klassenlagen“ wird „durch ein „horizontales“ System der Disparität von Lebensbereichen“ abgelöst.
Offe erkennt, dass durch die im Spätkapitalismus einsetzende umfassende Regulierungstätigkeit des Staates eine Anzahl von Lebensbedürfnissen entstehen, die nicht individuell kaufbar sind, sondern von politischen Entscheidungen abhängen. „Den Mangelerscheinungen und Defekten des Gesamtsystems sind nahezu alle Bürger wenn nicht in strikt gleicher, so doch in gleichermaßen unentrinnbarer Weise ausgesetzt.“ Dies betrifft beispielsweise wichtige Bedürfnisse der Gesamtheit aller Bürger wie Frieden, Gesundheit, Bildung, Wohnung, Umwelt oder Verkehr. Das pluralistische System der politischen Willensbildung kreiert in diesen Bereichen eine neue Form sozialer Ungleichheit, da es nicht allen Bedürfnissen gleiche Chancen zur Artikulation bietet und bestimmte Interessen von der Einflussnahme auf die politischen Entscheidungsprozesse ausschließt.
Offes Konzept zufolge wirken in den Institutionen der politischen Willensbildung des modernen Verfassungsstaates - gemeint sind insbesondere Verbände und Parteien - Filtermechanismen, die bestimmten Interessen die Chance zur Artikulation entziehen. Dazu gehören neben der Kartellbildung im Parteiensystem, der Abflachung inhaltlicher Gegensätze in den Programmen der verschiedenen Parteien und der Abschwächung innerparteilicher Opposition auch die Durchsetzungsvoraussetzungen eines Interesses in Verbänden, die später noch genauer erläutert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der pluralistischen Demokratie und Darlegung der zentralen Forschungsfrage bezüglich der Chancengleichheit.
2. Hauptteil: Detaillierte Analyse der linken Pluralismuskritik (Offe, Wolff), der Gegenargumente und der klassischen Pluralismustheorien (Fraenkel, Truman).
3. Konklusion: Synthese der Ergebnisse mit der Schlussfolgerung, dass die linke Kritik zur Aufdeckung von Strukturmängeln notwendig und berechtigt ist.
Schlüsselwörter
Pluralismus, Pluralismuskritik, Chancengleichheit, Claus Offe, Robert Paul Wolff, Ernst Fraenkel, David B. Truman, Interessengruppen, Demokratieverständnis, Spätkapitalismus, Gemeinwohl, Willensbildung, Interessenartikulation, politische Repräsentation, Utopie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Kritik an pluralistischen Demokratien und der Frage, ob das System der Interessenvertretung eine gerechte Chance zur Artikulation für alle gesellschaftlichen Gruppen bietet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf die Diskrepanz zwischen idealisierten pluralistischen Theorien und der realen politischen Praxis, in der bestimmte Interessen systematisch untergehen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist die Beantwortung der Frage, inwieweit linke Pluralismuskritik berechtigt ist und ob Chancengleichheit in einer Demokratie ein utopisches oder notwendiges Ziel ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die theoretische Ansätze der Pluralismuskritik und der klassischen Pluralismustheorie gegenüberstellt und kritisch auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Theorien von Claus Offe und Robert Paul Wolff, die kritischen Gegenpositionen, sowie die klassischen Konzepte von Ernst Fraenkel und David B. Truman analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Pluralismus, Chancengleichheit, Interessenvertretung, Gemeinwohl und politische Willensbildung.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Interessenverbänden?
Interessenverbände werden als Filtermechanismen gesehen, die zwar Interessen kanalisieren, jedoch laut Offe und Wolff bestimmten Gruppen systematisch weniger Gehör verschaffen.
Ist der Pluralismus nach Meinung der Verfasserin ein gescheitertes Konzept?
Nein, die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Kritik am Pluralismus notwendig ist, um Strukturmängel aufzudecken und das System kontinuierlich in Richtung des Ideals der Chancengleichheit zu verbessern.
- Quote paper
- Julia Rauland (Author), 2004, Fehlende Chancengleichheit und Identifikation - "linke" Kritik am Pluralismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35152