Bildungsmigration in der frühen Neuzeit. Die Universität Rostock


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur Situation der Studenten in der Frühen Neuzeit

3 „Peregrinatio academica“ - die Studienreise

4 Die Konkurrenz der Universität Rostock

5 Universität Rostock
5.1 Entwicklung der Immatrikulationszahlen
5.2 Soziale Herkunft der Rostocker Studenten
5.3 Regionale Herkunft der Rostocker Studenten
5.4 Die Rolle der Fakultäten
5.5 Gründe für die Auswahl des Studienortes Rostock
5.6 Studentischer Alltag der migrierten Studenten

6 Fazit

7 Quellen- und Literaturverzeichnis
7.1 Literatur
7.2 Quellen

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Bildungsmigration von Studenten in der Frühen Neuzeit am Beispiel der Universität Rostock. Sie soll näher erläutern, ob die Universität Rostock von Beginn ihrer Gründung 1419 bis etwa 1800 als eine beliebte Anlaufstelle für Studenten gelten kann.1 Aus dieser zentralen Fragestellung ergeben sich weitere Fragen, die beantwortet werden müssen und auf die im Laufe der Arbeit auch Antwort gegeben wird. Es stellt sich beispielsweise die Frage, welche Universitäten im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation eine Konkurrenz zur Rostocker Universität darstellten und welche weiteren beliebten Anlaufstellen es in Europa in der Frühen Neuzeit gab. Welche Veränderungen gab es in der Verteilung der Studenten im Laufe der Zeit? Was zog Studenten überhaupt nach Rostock und wann und warum war die Universität beliebter oder unbeliebter als zu anderen Zeitpunkten? Schließlich stellt sich auch die Frage, was über das Leben der migrierten Studenten in Rostock bekannt ist.

Zu Beginn dieser Arbeit wird erst einmal auf die allgemeine Situation der Studenten in der Frühen Neuzeit eingegangen und einige grundlegende Informationen werden dazu angeführt. Im zweiten Gliederungspunkt wird die „Peregrinatio academica“, die Studienreise, erläutert. Sie ist in der historischen Literatur viel diskutiert worden, vor allem, weil es wenige sicher überlieferte Informationen dazu gibt, sodass viel Spielraum für Spekulationen und Vermutungen gegeben ist. Es wird versucht, den Konsens aus diesem Diskurs darzustellen. Anschließend gilt es, die bedeutendsten Universitäten der Frühen Neuzeit als Konkurrenz zur Rostocker Universität anzuführen und ihren hohen Stellenwert bei der europäischen Studentenschaft zu erklären.

Der vierte Gliederungspunkt befasst sich ausschließlich mit der Universität Rostock. Es wird darauf eingegangen, wie sich die Immatrikulationszahlen in der Frühen Neuzeit entwickelten und welche Hauptgründe es dafür gab. Außerdem wird einerseits Auskunft darüber gegeben, aus welche Gebieten bzw. Ländern die Rostocker Studenten stammten und welche Wege sie dementsprechend auf sich nahmen, um an der Universität Rostock zu studieren. Andererseits wird auf die soziale Herkunft der Studenten eingegangen, also beschrieben, welchen Schichten sie angehörten. Dadurch soll geklärt werden, bei welchen Bevölkerungsgruppen die Rostocker Hochschule besonders beliebt war.

Anschließend wird erläutert, inwiefern die drei höheren Fakultäten den Beliebtheitsgrad der Universität Rostock über den Zeitraum der Frühen Neuzeit beeinflussten. Separat werden desweiteren die möglichen Gründe ausführen, weshalb sich für den Studienort Rostock entschieden wurde und welche Faktoren eine Rolle gespielt haben. Als letzten Unterpunkt zur Universität Rostock wird auf das Leben der migrierten Studenten eingegangen, d.h. es werden mithilfe von Sekundärliteratur und Quellen aus dem Rostocker Stadtarchiv Informationen zusammentragen, welche über das alltägliche Leben der damaligen Rostocker Studenten bekannt bzw. überliefert sind.

Den Abschluss dieser Arbeit bildet ein Fazit, in welchem noch einmal die wichtigsten Fakten zusammengefasst werden, um anschließend die zentrale Fragestellung zu beantworten.

Bei der Betrachtung des Forschungsstands zur vorliegenden Thematik lässt sich feststellen, dass sich Historiker in Beziehung auf die Mobilität von Studenten vor allem auf die Kavalierstour fixiert haben. Damit liegt der Fokus vor allem auf adeligen Bildungsreisen. Die eigentliche Studienreise („peregrinatio academica“) von Studenten aller Schichten stand bisher weniger im Vordergrund der Forschung und wurde zumeist eher für Studenten aus einem bestimmten Land untersucht. Über das Universitätswesen in der Frühen Neuzeit sind dagegen eine Vielzahl von Werken geschrieben worden. Sie befassen sich nicht nur mit der Entwicklung der Universitäten, sondern auch mit dem Universitätsleben. Ein Beispiel dafür ist der Sammelband von Walter Rüegg zur Geschichte der Universität in Europa.

Es standen zudem eine Reihe von Universitäten im Fokus einzelner Untersuchungen. Zur Entwicklung der Rostocker Universität und ihrem Besucherprofil ist das Werk von Matthias Asche anzuführen. Er hat sich detailiert mit der Entstehung und dem Werdegang der Universität auseinandergesetzt aber auch ertragreiche Nachforschungen zur Immatrikulationsentwicklung und zur regionalen und sozialen Herkunft der Studenten angestellt und beschäftigte sich dementsprechend auch mit der Mobilität von Studenten. Die Geschichte der Universität Rostock hat zusätzlich Marko A. Pluns bis 1563 ausführlich in seinem Werk dargestellt. Im Vordergrund steht bei ihm die Auseinandersetzung zwischen dem Rostocker Rat, stellvertretend für die Stadt Rostock und dem jeweiligen mecklenburgischen Landesherrn um die Vormachtstellung an der Rostocker Universität. Sinnvoll komprimiert sind Informationen rund um das Universitätswesen und studentische Reisen in der Frühen Neuzeit in der Enzyklopädie der Neuzeit, herausgegeben von Friedrich Jaeger.

2 Zur Situation der Studenten in der Frühen Neuzeit

Als erstes gravierendes Merkmal der Studenten in der Frühen Neuzeit ist anzuführen, dass es lediglich Männern erlaubt war, zu studieren. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es den Frauen nach und nach ermöglicht, sich an einer Universität einzuschreiben.2 Den Beginn des europäischen Universitätswesens stellten vor allem die aufeinander folgenden Gründungen von französischen, englischen und italienischen Universitäten ab Anfang des 13. Jahrhunderts dar. Im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation startete die akademische Gründungswelle etwa ein Jahrhundert später.3 Das Interesse an akademischer Bildung stieg bereits im späten Mittelalter nicht nur dadurch an, weil sich das Angebot an Studiumsmöglichkeiten vergrößerte, sondern auch, weil sie als Voraussetzung für öffentliche und kirchliche Ämter angesehen wurde.4

Die Universitäten stellten bereits seit ihren Anfängen mehr als nur eine Möglichkeit dar, einen Bildungsabschluss der höchsten Stufe zu erhalten. Sie verkörperten ebenso ein System von sozialen Beziehungen und Interaktionen zwischen den zur Universität gehörenden Personen, die dabei zumeist getrennt nach Stand interagierten. Die sozialen Unterschiede zwischen den Studenten waren durchaus sehr groß. Ende des 15. Jahrhunderts erweiterten zunehmend auch Adelssöhne das Feld der Studenten.5 „Die größte soziale Gruppe innerhalb der Studentenschaft stellten jedoch durchgängig Angehörige der bildungsnahen Schichten, v. a. Professoren-, Pfarrer-, Beamten- und Kaufmannssöhne […].“6 Die Studierenden einer Universität stammten vor allem aus dem jeweiligen „Trägerterritorium“ oder aus den Nachbargebieten, die über keine eigene akademische Einrichtungen verfügten, sodass die studierwilligen Heranwachsenden gezwungen waren, in ein anderes Territorium oder eine andere Stadt zu reisen. Die Universität in der Frühen Neuzeit war vorrangig ein System, das den Nachwuchs der gelehrten Elite gewährleistete. Allerdings war ein Studium gleichfalls eine Möglichkeit für Mitglieder bildungsfernerer Schichten, um sich in der damaligen Gesellschaft besser zu positionieren und einen sozialen Aufstieg zu beginnen.7 Die konfessionelle Auffassung eines Studenten bzw. einer Universität spielte nach der Reformation eine entscheidende Rolle. Ein Student war größtenteils gezwungen, an einer Hochschule zu studieren, die seiner Konfession entsprach. Dadurch erfolgte eine klare Teilung der Studentenschaft im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation aber auch im restlichen Europa.8

3 „Peregrinatio academica“ - die Studienreise

Der Begriff „peregrinatio academica“ entstand mit der Entwicklung der ersten Züge des Universitätswesens ab etwa dem 11. Jahrhundert. Er umfasst die Reisen von Studenten ins Ausland oder zu inländischen Orten, welche vor allem dem gelehrten Studium dienen sollten. Der wesentliche Unterschied einer Studienreise zu einer Gelehrtenreise bestand in der Immatrikulation an der jeweiligen Universität. Damit verbunden war somit eine angestrebte Entwicklung von zusätzlichen akademischen Qualifikationen für das spätere Berufsleben.9 Ein Anstieg der Studentenzahlen und damit verbunden auch ein Anstieg der Studienreisen konnte bereits im späten Mittelalter verzeichnet werden, da immer mehr Universitäten gegründet wurden und sich im 16. und 17. Jahrhundert auch zentrale, konfessionsabhängige Landes- und Provinzuniversitäten etablierten. Zu einer „peregrinatio academica“ gezwungen waren solche studierwilligen Männer, deren Herkunftsgebiete bzw.

-länder keine geeigneten Bildungseinrichtungen aufzuweisen hatten, sodass zur Wissensaneignung eine Reise in eine andere Stadt oder in ein anderes Land notwendig war. Andererseits galt die „peregrinatio academica“ als Möglichkeit, das bereits angeeignete Wissen zu erweitern und um den Bildungsidealen vom Adel und dem gelehrten Bürgertum zu entsprechen. Ziele einer solchen Bildungsreise waren dementsprechend vor allem Universitäten und andere geistige Zentren wie zum Beispiel Bibliotheken. Wie genau sich eine Studienreise gestaltete und wie lange sie andauerte, war abhängig von den heimischen Bildungsmöglichkeiten und der finanzielle Lage der Studenten. Eine Veränderung der „peregrinatio academica“ brachte die Reformation und die damit einhergehende konfessionelle Aufteilung der Universitäten mit sich. Ziel einer Studienreise musste nun oft zwangsläufig eine konfessionell akzeptable Universität sein, sodass die Studenten je nach Konfession getrennt wurden. Das bedeutete gleichwohl, dass religiöse Minderheiten wenig Auswahl für die Ziele ihrer Studienreisen hatten und zumeist darauf angewiesen waren, mobil zu werden, um einen geeigneten Studienort zu erreichen. Ende des 17. Jahrhunderts und im Verlauf des 18. Jahrhunderts entstanden mehr und mehr der Druck und Anordnungen, dass studierwillige Männern an landeseigenen Universitäten studieren mussten, um ihren Beruf später in ihrem Heimatland oder Heimatterritorium ausüben zu können. Hinzu kam eine Reduzierung von Auslandsstipendien. Damit sollte die Abwanderung von gut ausgebildeten Arbeitskräften verhindert werden. Gleichzeitig wurde dadurch die Mobilität der Studenten stark eingeschränkt. Vor allem ärmere Studierwillige waren auf finanzielle Unterstützung in Form von Stipendien angewiesen, was ihre Studienmöglichkeiten begrenzte.10

Über die eigentliche Reise zum Studienort ist wenig genauer bekannt. Adlige Studenten reisten aus Sicherheitsgründen nie allein und nicht selten mit umfangreichem Gefolge. Sie nutzten weniger die üblichen Transportmittel, sondern bewegten sich zumeist zu Pferd oder in der Kutsche.11 Ärmere Studenten schlossen sich dagegen eher zu Gruppen zusammen oder begleiteten Kaufleute oder Gesandtschaften, um die Kosten und Gefahren der Reise zu verringern.12 Bestimmte Risiken galten für Studenten genauso wie für andere Reisende in der Frühen Neuzeit. Krankheiten waren für Adelige wie für ärmere Reisende eine Gefahr, die lediglich eingeschränkt aber nicht gänzlich verhindert werden konnte. Die Gesundheit konnte jedoch auch auf anderen Wegen gefährdet werden. Zu kriegerischen Zeiten kam es nicht selten zu gewaltsamen Übergriffen und auch Banditen und Umherstreifende stellten ein Risiko dar.13 Außerdem ist festzustellen, „[…] dass es für Reisende keine Personalität des Rechts mehr gab, sondern dass sie, wo immer sie sich aufhielten, der Gewalt der Territorialherrscher und Stadtregierungen unterworfen waren.“14 Während der Reise hielten sich die Studenten bzw. Studierwilligen zunehmend an Regeln und Vorgaben, um das Reisen zu vereinfachen. Sie planten scheinbar auch ihre Routen, kalkulierten die Kosten der Reise und überdachten die Fortbewegungsmöglichkeiten.15 Eine Studienreise beinhaltete selten den Besuch von mehr als einer Hochschule.

[...]


1 Pluns, A. Marko: Die Universität Rostock 1418-1563. Eine Hochschule im Spannungsfeld zwischen Stadt, Landesherren und wendischen Hansestädten. Köln 2007 (Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte 58), S. 31.

2 Jacobi, Juliane: Mädchen - und Frauenbildung in Europa. Von 1500 bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main 2013, S. 13.

3 Berns, Jochen: Peregrinatio academica und Kavalierstour. Bildungsreise junger Deutscher in der frühen Neuzeit. In: Wiedemann, Conrad (Hrsg.): Rom - Paris - London. Erfahrung und Selbsterfahrung deutscher Schriftsteller und Künstler in den fremden Metropolen. Stuttgart 1988, S. 155-181, hier: S. 158f.

4 Asche, Matthias: Von der reichen hansischen Bürgeruniversität zur armen mecklenburgischen Landeshochschule. Das regionale und soziale Besucherprofil der Universitäten Rostock und Bützow in der Frühen Neuzeit (1500-1800). Stuttgart 2010, S. 160.

5 Asche, Matthias/Gerber, Stefan: Universität. In: Jaeger, Friedrich (Hrsg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 13, Stuttgart 2011, Sp. 1009-1035, hier: Sp. 1023-1025.

6 Ebd., Sp. 1025.

7 Asche/Gerber, Sp. 1025.

8 Ebd., Sp. 1018.

9 Siebers, Winfried: Bildung auf Reisen. Bemerkungen zur Peregrinatio academica, Gelehrten- und Gebildetenreise. In: Maurer, Michael (Hrsg.): Neue Impulse der Reiseforschung. Berlin 1999, S. 177-188, hier: S.180.

10 Giese, Simone: Peregrinatio academica. In: Jaeger, Friedrich (Hrsg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 9, Stuttgart 2009, Sp. 951-955, hier: Sp. 951-955.

11 Berns, S. 165.

12 Giese, Peregrinatio academica, Sp. 953-955.

13 Kleinschmidt, Harald: Menschen in Bewegung. Inhalte und Ziele historischer Migrationsforschung. Göttingen 2002, S. 116f.

14 Ebd., S. 118.

15 Kleinschmidt, S. 120.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Bildungsmigration in der frühen Neuzeit. Die Universität Rostock
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V351576
ISBN (eBook)
9783668388840
ISBN (Buch)
9783668388857
Dateigröße
798 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildung, Migration, Frühe Neuzeit, Studenten, Rostock, Peregrinatio Academica, Bildungsreise, Entwicklung der Universität Rostock
Arbeit zitieren
Marc Damrath (Autor), 2016, Bildungsmigration in der frühen Neuzeit. Die Universität Rostock, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351576

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