Der deutsche Fußball zeichnet sich im internationalen Vergleich vor allem durch seine ausgelasteten Stadien und durch eine stimmungsvolle Atmosphäre aus. Für letzteres verantwortlich sind die vor allem Ultras auf den Stehrängen, eine besondere Form des Fandaseins. Wie das Lexem „Ultra“ aus der grammatikalischen Klasse des Präfix‘ bereits suggeriert, handelt es sich um ein extremes Verhältnis zum Verein, das weit über das bloße Fußballschauen im Stadion hinausgeht.1 Typische Mittel hierfür sind sowohl nonverbale Aspekte wie Fahnen und Choreographien oder auch prototypisch-verbal der Fangesang.2 Laut einer Studie von Kopiez/Brink kommt man während eines gewöhnlichen Fußballspiels in der 1. Bundesliga in 150 Stadionminuten auf gut hundert gesangliche Aktivitäten pro Fans beider Mannschaften.3
Dieses zum Anlass nehmend sowie die Voraussetzung, dass der Fußball mit Wettbewerbscharakter viele Emotionen verbindet, ist es aus linguistischer Sicht interessant, diese Fangesänge auf Lexik, Form und Funktion zu untersuchen.
In einem ersten Schritt soll dazu außersprachlich aufgezeigt werden, inwiefern Ultras eine Szene verkörpern. Daran anschließend kommt es zu einer theoretischen Grundlage, inwiefern Fangesänge aus ihrer Funktion heraus ein Soziolekt bildet.
Daraufhin wird der Frage nachgegangen, wie man Fangesänge in ihrer Funktion näher bestimmen kann, wozu mögliche Klassifizierungsmodelle vorgestellt werden, die in Hinblick auf die Korpusanalyse kompatibel sind.
Es folgt eine Analyse von Fangesängen der Ultras „The Unity“ von Borussia Dortmund unter strukturellen, semantischen und morphologischen Gesichtspunkten, ehe schließlich beantwortet werden kann, aus welchen Mitteln Fangesänge konstituiert sind und welche Besonderheiten sie aufweisen.
1Vgl.: Sommerey: Die Jugendkultur der Ultras, S. 61. 2Vgl.: Sommerey: Die Jugendkultur der Ultras, S. 83. 3Vgl.: Brink/Kopiez: Fußball-Fangesänge, S. 14.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ultras – eine Szenebewegung?
3. Fangesänge als Soziolekt?
4. Klassifikation von Fangesängen
5. Korpusanalyse
5.1. Bedingungen
5.2. Umsetzung
6. Fazit
7. Literatur-/Quellenverzeichnis
7.1. Literatur
7.2. Quellen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Fangesänge der Ultragruppierung „The Unity“ von Borussia Dortmund aus linguistischer Sicht. Das Hauptziel besteht darin, die Lexik, Wortbildung und Funktion dieser Gesänge zu analysieren, um Besonderheiten sowie Abweichungen von der Standardsprache zu identifizieren und die Rolle der Fangesänge als Soziolekt innerhalb der Fankultur zu beleuchten.
- Analyse der Ultrabewegung als Szene und deren soziologische Einordnung.
- Untersuchung der Fangesänge als gruppenspezifischer Soziolekt.
- Klassifizierung von Fangesängen mittels theoretischer Kommunikationsmodelle.
- Strukturelle, semantische und morphologische Korpusanalyse ausgewählter BVB-Fangesänge.
- Erforschung der identitätsstiftenden und sozialdistinktiven Funktion der Fangesänge.
Auszug aus dem Buch
5.2. Umsetzung
Bambule, Randale, Dortmund hat die Schale!27
Das Lexem „Bambule“ scheint in Kombination mit dem Lexem „Randale“ eine Übernahme aus der sogenannten Gaunersprache zu sein und bedeutet ein „in Form von Krawallen geäußerter Protest […] von Häftlingen.“28 Semantisch gesehen haben eine „Bambule“ und eine „Randale“ eine negative Denotation, konnotieren hier jedoch im Zusammenhang mit „Schale“ ins Positive. Denn bei „Schale“ liegt hier eine Kurzwortbildung in Form durch Einsparung des Anfangssegments „Meister“ vor. Inhaltlich gesehen wird dieser Fangesang zum Bejubeln der Meisterschale und somit zum Sieg über eine Ligasaison gebraucht, womit „Bambule“ und „Randale“ hier als ironisches Motiv u.a. für eine ausgelassene Freude stehen.
Der Beziehungsaspekt lässt sich als sozialstiftend und die Selbstoffenbarung als euphorisch beschreiben. Der Appell hingegen liegt in der Aufforderung zum Feiern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung von Fangesängen im Fußball ein und formuliert das Ziel, diese aus linguistischer Sicht hinsichtlich Lexik, Form und Funktion zu untersuchen.
2. Ultras – eine Szenebewegung?: Dieses Kapitel untersucht, inwiefern Ultragruppierungen die Definition einer Szenebewegung nach Klaus Farin erfüllen und welche Hintergründe zur Entstehung dieser Bewegung führten.
3. Fangesänge als Soziolekt?: Hier wird die These diskutiert, ob Fangesänge als gruppenspezifische Varietät (Soziolekt) fungieren, wobei die soziale Identitätstheorie als Erklärungsmodell dient.
4. Klassifikation von Fangesängen: Dieses Kapitel stellt verschiedene wissenschaftliche Modelle zur Klassifizierung von Fangesängen vor und begründet die Wahl des Vier-Seiten-Modells von Schulz von Thun für die weitere Analyse.
5. Korpusanalyse: Der Hauptteil analysiert spezifische Fangesänge der BVB-Ultragruppierung „The Unity“ unter strukturellen, semantischen und morphologischen Gesichtspunkten.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Fangesänge Entlehnungen und Wortneubildungen nutzen, um soziale Distinktion und Identität zu erzeugen.
7. Literatur-/Quellenverzeichnis: Dieses Kapitel listet sämtliche verwendete Fachliteratur sowie die digital abgerufenen Quellen auf.
Schlüsselwörter
Fangesänge, Ultras, Borussia Dortmund, Soziolekt, Linguistik, Korpusanalyse, Fußballfankultur, Sprachanalyse, Wortbildung, Identitätsstiftung, Kommunikation, Stadionatmofäre, Gruppensprache, Entlehnungen, The Unity
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der linguistischen Untersuchung von Fangesängen der Ultragruppierung „The Unity“ von Borussia Dortmund.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit umfasst die soziologische Einordnung der Ultras, die Theorie der Soziolekte sowie die linguistische Analyse der Sprache in Fangesängen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Lexik, Wortbildung und Funktion der Gesänge zu erforschen, um Besonderheiten gegenüber der Standardsprache aufzuzeigen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Es erfolgt eine theoretische Einordnung mittels soziologischer Begriffe und eine detaillierte Korpusanalyse auf Basis des Kommunikationsmodells von Schulz von Thun.
Was wird im Hauptteil der Arbeit konkret behandelt?
Der Hauptteil analysiert ausgewählte Fangesänge von Borussia Dortmund unter strukturellen, semantischen und morphologischen Aspekten.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Soziolekt, Fangesänge, Identitätsstiftung, Ultras, BVB und Korpusanalyse.
Warum wird das Vier-Seiten-Modell von Schulz von Thun verwendet?
Es wird als besonders geeignet angesehen, um die verschiedenen Ebenen wie Sachinhalt, Beziehungsaspekt, Selbstoffenbarung und Appell innerhalb der Fangesänge präzise zu erfassen.
Welche Rolle spielt die Ironie in den untersuchten Gesängen?
Die Analyse zeigt, dass Fangesänge oft selbstironische Elemente enthalten, etwa wenn negative Begriffe (wie „Randale“ oder „pöbeln“) in einen positiven Kontext zur Identitätsstärkung gesetzt werden.
Wie gehen die Ultras mit der Kommerzialisierung des Fußballs um?
Die Arbeit verdeutlicht, dass viele Gesänge eine kritische Reaktion auf die zunehmende Kommerzialisierung darstellen und der Pflege von Traditionen dienen.
- Arbeit zitieren
- Daniel Sebastian (Autor:in), 2016, Lexik, Form und Funktion von Fangesängen am Beispiel von Borussia Dortmund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351612