Literatur und Revolution. Grenzen und Möglichkeiten von "Rigoberta Menchús" Testimonio


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Testimonialliteratur
2.1 Historisch-politischer Kontext
2.2 Die Rolle der Casa de las Américas

3. Das Testimonio der „Rigoberta Menchú“
3.1 Der Umfang des Textes und die inhaltliche Tiefe der Schilderungen
3.2 Die Brisanz des Themas
3.3 Die Frage der Objektivität und Genauigkeit
3.4 Die literarische Qualität des Textes

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bei den Stichworten „Lateinamerika“ und „Literatur“ fallen einem zuerst in der Regel Namen wie Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa, Julio Cortázar oder Isabel Allende ein. Sie alle haben der lateinamerikanischen Literatur in der Vergangenheit zur Erlangung internationaler Bekannt- und Beliebtheit verholfen. Doch Lateinamerika hat noch mehr zu bieten als die Texte der genannten MeisterInnen. Ein Beispiel dafür ist die sogenannte Testimonialliteratur, welche Zeitzeugenberichte literarisch verarbeitet.

Ziel dieser Arbeit ist es einleitend darzustellen, in welchem historischen und politischen Kontext sich diese spezifisch lateinamerikanische Gattung entwickelt hat. Anschließend soll auf die Grenzen und Möglichkeiten der Testimonialliteratur eingegangen werden. Dazu wird mit Me llamo Rigoberta Menchú y así me nació la conciencia eines der bekanntesten Werke der Gattung näher betrachtet. Konkret wird dieses von Elisabeth Burgos und Rigoberta Menchú in Zusammenarbeit verfasste Testimonio anhand der Kriterien des Premio Casa de las Américas analysiert. Die Analyse wird dabei nicht nur von der Forschungsfrage geleitet, ob „Menchús“Testimonio die Kriterien erfüllt, sondern ebenso davon, ob Testimonialliteratur generell den von der Casa de las Américas an sie gestellten Ansprüchen gerecht werden kann.

Abschließend soll hier einführend noch kurz erläutert werden, warum bezugnehmend auf das untersuchte Testimonio „Menchú“ in Anführungszeichen gesetzt wird. Diese Akzentuierung soll betonen, dass Rigoberta Menchú nicht die alleinige Autorin ihres „Zeitzeugenberichtes“ ist. Es handelt sich vielmehr um ein Gemeinschaftswerk von Elisabeth Burgos und Rigoberta Menchú. Diese doppelte Autorenschaft ist typisch für die Gattung und stellt keine Besonderheit des hier behandelten Testimonios dar.

2. Testimonialliteratur

Die Testimonialliteratur kennt in der Fachliteratur mehrere Bezeichnungen wie Zeugnisliteratur, Dokumentar-Prosa, Dokumentarliteratur oder Testimonio- Literatur (siehe dazu Links 1992; Biermann 1988; Potthast 2003). Es handelt sich um literarische Werke in welchen in Lateinamerika lebende marginalisierte Menschen Zeugnis ablegen und ihre (Version der) Geschichte(n) erzählen. Marina Martínez Andrade (1999:294) listet „campesinos u obreros, guerrilleros revolucionarios o contras, presidiarios, homosexuales, habitantes de barrios miserables” beispielhaft für Gruppen von Menschen auf, die der Testimonialliteratur als ZeitzeugInnen dienen. Die ZeitzeugInnen hören somit auf bloße Objekte der Geschichte zu sein indem sie zu deren Subjekten werden (vgl. Biermann 1988:136).

Testimonialliteratur zeichnet sich insbesondere durch das Spannungsfeld aus, in welchem sie sich bewegt. Sie steht gewissermaßen „irgendwo” zwischen „realidad e imaginación, ficción y documento, oralidad y escritura, sociología y arte literario“ (Gutiérrez 1993:112). Zugleich darf eine Auseinandersetzung mit dieser spezifisch lateinamerikanischen Literaturgattung nie in einem Analyse-Container stattfinden, welcher nur die Zeugnisse selbst beachtet ohne nach der dahinterliegenden Motivation der Zeugnisablegenden zu fragen. Die Herausbildung der Testimonialliteratur ist eng an die politische Situation in Lateinamerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gebunden. Für die spätere Analyse von „Rigoberta Menchús“ Zeugnis , welches quasi zu einem Aushängeschild der Gattung geworden ist (vgl. García 2014:68), erscheint es daher sinnvoll, hier eingangs zu beleuchten, in welchem Kontext diese Form der Literatur entstanden ist.

2.1 Historisch-politischer Kontext

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es auf globaler Ebene im Zuge des Kalten Krieges zum Entstehen zweier verfeindeter Machtblöcke. Dabei standen sich mit den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion nicht einfach nur zwei militärische Großmächte gegenüber, vielmehr kam es zur Konfrontation zweier Systeme: Auf der einen Seite war dies jenes des Kapitalismus und auf der anderen jenes des Kommunismus. In Lateinamerika wirkte sich dieser Ost-West-Konflikt dahingehend aus, dass die USA durch politische und militärische Interventionen die Machtergreifung autoritärer Herrschaften in der Region unterstützen, weil sie nach dem Erfolg der Kubanischen Revolution im Jahr 1959 eine Ausweitung des Kommunismus befürchteten. Sofia Mason (2014) konstatiert in ihrer Dissertation Testimonio as counter-propaganda: a comparative analysis of Latin -American women‘s testimonial literature, dass Testimonialliteratur nicht außerhalb dieser politischen Situation gedacht werden kann, weil sie gewissermaßen eine Reaktion auf selbige darstellt. Somit ist es hier einleitend notwendig auf in Kuba stattfindende Entwicklungen einzugehen, weil dort der erste Samen der Testimonio- Literatur gesät wurde.

Im Zuge der kubanischen Revolution wurde nicht nur mit Waffen, sondern auch mit verschiedenen kulturellen Ausdrucksformen gekämpft, was John Beverley (2009:19), welcher sich eingehend mit Testimonialliteratur befasst hat, auch als eine Besonderheit des bewaffneten Kampfes in Lateinamerika betrachtet. Produkte dieser „kulturellen“ Revolution in der Region sind unter anderem das brasilianische Cinema Nova, die Nova Trova Cubana oder eben die Werke der Testimonialliteratur. Wesentlich dabei ist, dass diese neuen kulturellen Strömungen nicht nur von Einzelpersonen getragen wurden, sondern auch über Organisationen, Netzwerke und Institutionen innerhalb und außerhalb der Region gefördert und institutionalisiert wurden (vgl. ebd.:19f). Sie strebten einerseits danach einen Gegenpol zum von den USA ausgehenden imperialistischen Diskurs zu bilden (vgl. Mason 2014); andererseits verfolgten sie das Ziel ein nationales und kontinentales Selbstbewusstsein zu schaffen (vgl. Links 1992:104). Dahingehend muss allerdings, wie es Victoria García (2013) nachzeichnet, angemerkt werden, dass zunächst einmal die intellektuellen Kreise Lateinamerikas selbst die Grundproblematik ihrer Existenz begreifen mussten, um sich anschließend der Überwindung ihrer benachteiligten Lage widmen zu können. Miguel Barnet spricht in diesem Zusammenhang davon, sich von „Gewalt, Dependenz, Neokolonialismus und Verfälschung der Geschichte durch ständig wiederholte Schemata“ (2001:387) zu befreien. So sieht Barnet (vgl. ebd.:389) in der Testimonialliteratur das spezielle Potenzial nicht nur den KubanerInnen, sondern den BürgerInnen des gesamten lateinamerikanischen Kontinents, als Gründungsliteratur zu dienen, welche in Folge die Herausbildung einer eigenen Identität in der Region möglich macht. Es geht Barnet, welcher als Wegbereiter für die theoretische Fundierung Gattung der Testimonialliteratur gilt (vgl. Links 1992; Gutiérrez 1993; Huertas 1994), und anderen Testimonio -AutorInnen darum, den Stimmlosen eine Stimme, den Geschichtslosen eine Geschichte, also den Machtlosen Macht zu geben. Dies geschieht allerdings nicht wie in den zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Angehörigen der intellektuellen Elite geschriebenen Romanen oder Ethnografien über das Leben der unterdrückten indigenen Bevölkerung, in welchen die ProtagonistInnen der erzählten Geschichte(n) wie Objekte beschrieben wurden (vgl. Potthast 2003:401f). Die Marginalisierten ergreifen in der Testimonialliteratur das Wort, sprechen für sich selbst und erlangen Macht, um gegen die im folgenden Zitat erläuterte Situation anzukämpfen:

It must be observed that the situation of Indigenous communities in Latin America is unique, immersed in the histories of brutal domination by multinational corporations amid the muscle of U.S. military operations. (Marker 2003:364)

Genau hier, wo nun der Aspekt der Macht ins Spiel gebracht wurde, ist es unabdingbar auch darauf zu verweisen, dass es sich bei den Zeugnissen um eine Textform handelt, die sich aus dem Bereich der Anthropologie und des Journalismus heraus entwickelt hat (vgl. Links 1992; Potthast 2003; Biermann 1988). Als Vorläufer der Testimonio- Literatur wird beispielsweise Ricardo Pozas 1948 erschienener und auf anthropologischen Befragungsprotokollen basierender Lebensbericht über einen mexikanischen Chamula-Indio oder Rodolfo Walshs von journalistischen Darstellungsformen inspirierter Tatsachenbericht Operación Masacre genannt (vgl. Links 1992:89f). Barnet spricht bezugnehmend auf die Nähe der Gattung zur Anthropologie in einem Interview mit Rosa M. de Lahaye (2008:00:05:30-00:08:00) davon, dass seine Testimonio- Romane Hybride sind, also Mischwesen mit literarischen und anthropologischen Elementen.

Der Einfluss der Anthropologie auf die Begründung der Testimonialliteratur verwundert wenig, denn eines der zentralen „Forschungsobjekte“ des Faches war immer schon das „Fremde“ und „Unbekannte“ gewesen, also jene Menschen, für die und mit denen die Literaturgattung quasi geschaffen wurde. Nachdem westliche WissenschaftlerInnen in der Beschreibung dieses „Fremden“ zunächst immer gerne den exotischen Charakter der untersuchten „Naturvölker“ hervorhoben, versuchten sie im Laufe der Zeit diesen kolonialen Blick zu überkommen und für die Schwachen der Gesellschaft zu sprechen (Marker 2003:367, 372f). Konkret fingen ForscherInnen und JournalistInnen in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vermehrt an sich „für das Leben der marginalisierten Menschen zu interessieren und ihnen Gehör zu verschaffen“ (Potthast 2003:400). Sich vom kolonialen Blick zu lösen fiel/fällt allerdings nicht leicht, denn die Folge der Überwindung dieser Sichtweise ist die Infragestellung und Brechung bestehender Machthierarchien und Vorstellungen des „Fremden“ (vgl. Arias 2002:503). Das „Fremde“ wird in der Testimonialliteratur der Natur entzogen, bricht sein Schweigen und wird aktiver Teil der Kultur(geschichtschreibung). Möglich wurde dies, weil Teile des „Eigenen“ sich mit dem „Fremden“ solidarisierten um gemeinsam gegen das imperialistische System und seine kolonialen Strukturen anzukämpfen. So sieht Beverley (1999:83) ein gemeinsames Interesse von den ZeitzeugInnen der Testimonialliteratur und ihren UnterstützerInnen – Intellektuelle und Wissen-schaftlerInnen, welche den Subalternen Gehör verschaffen wollen – in der Bildung einer neuen Form des Staates und der Gründung neuer transnationaler politischer und wirtschaftlicher Institutionen. Um diese gegenseitige Abhängigkeit aus der Sicht der Subalternen noch einmal zu verdeutlichen, gilt es hervorzuheben, dass die Zeugnisablegenden meist MittlerInnen bedürfen, um ihre Geschichte zu verschriftlichen bzw. überhaupt veröffentlichen zu können (vgl. Potthast 2003:400). Barnet weist in den einleitenden Worten zu seinem Testimonialroman Canción de Rachel auf den Einfluss dieser Mittlerrolle hin, wenn er mit Bezug auf seine Zeitzeugin Rachel festhält: „Canción de Rachel habla de ella, de su vida, tal y como ella me la contó y tal como luego se la conté a ella” (Barnet 1988:8).

Welche Macht die privilegierten AutorInnen und HerausgeberInnen der Zeugnisse innehaben, macht außerdem Michael Marker (2003) in seiner Diskussion zum Wahrheitsgehalt von „Menchús“ Zeugnis deutlich. In seinem Beitrag geht Marker hart mit dem anthropologischen Wissenschaftlerkreis ins Gericht indem er danach fragt inwiefern AnthropologInnen nicht vor allem im eigenen Interesse und zu ihrem eigenen Nutzen Forschung betreiben. Die Interessen, die hinter den Werken der Zeugnisliteratur stehen, in den Blick zu nehmen, ist von Bedeutung, weil es eines der Besonderheiten dieser Gattung ist, bewusst Partei zu ergreifen und eine Alternative zur bis zu diesem Zeitpunkt vom männlichen, weißen Westen geschriebenen Geschichte zu bieten:

América lucha descarnadamente contra sí misma, contra la imagen que el europeo pretendió endilgarle. Por eso la literatura americana, latinoamericana […] Tiene que por naturaleza luchar, oponerse, romper. (Barnet 1991:507)

Zur Erreichung dieses politischen Ziels war es entscheidend Institutionen zu schaffen, welche ebendiese Intentionen förderten und auf diesem Weg die Wahrheit der neu geschriebenen Geschichte(n) bestätigten. Mit der Casa de las Américas wurde in Kuba 1959 von Haydée Santamaría eine Kulturinstitution gegründet, die sich dieser Aufgabe widmete.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Literatur und Revolution. Grenzen und Möglichkeiten von "Rigoberta Menchús" Testimonio
Hochschule
Universität Passau  (Lehrstuhl für Romanische Literaturen und Kulturen)
Veranstaltung
Hauptseminar Kulturwissenschaft Lateinamerika
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V351838
ISBN (eBook)
9783668381933
ISBN (Buch)
9783668381940
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Testimonialliteratur, Testimonio, Literatur, REvolution, Kubanische REvolution, Casa de las Américas, Rigoberta Menchú, Friedensnobelpreis, Guatemalas, Guatemala Bürgerkrieg, Zeitzeugenliteratur, Dokumentarliteratur, Zeitzeugenberichte, Marginalisierte, Lateinamerika, Spanisch, Miguel Barnet, doppelte Autorenschaft, Oral history, Anthropologie, engagierte Wissenschaft, Elisabeth Burgos, Feldforschung, lateinamerikanische LIteratur, Premio Casa de las Américas, Me llamo Rigoberta Menchú y así me nació la conciencia, Bartow, Canción de Raquel, John Beverley, kulturelle Revolution, Protestliteratur, politisch engagierte Literatur, Subalternität, Spivak, Can the Subaltern Speak?, Stimmlosen eine Stimme geben, Geschichte von unten
Arbeit zitieren
Eva Schöttl (Autor), 2016, Literatur und Revolution. Grenzen und Möglichkeiten von "Rigoberta Menchús" Testimonio, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351838

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