Die Frauenrollen in "Night, Mother" und "Alices Reise in die Schweiz" im Hinblick auf das Motiv der Selbsttötung

Ein Vergleich zweier Theatertexte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
19 Seiten, Note: 2,6
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Formulierung der Fragestellung

2 Betrachtung der Frauenrollen in Night, Mother und Alices Reise in die Schweiz im Hinblick auf das Motiv der Selbsttötung
2.1 Analyse der Figurenkonstitution in Night,Mother
2.2 Analyse der Figurenkonstitution in Alices Reise in die Schweiz
2.3 Bezug auf das Motiv der Selbsttötung
2.3.1 Jessies und Alices Selbsttötung als Folge ihrer Fremdbestimmung
2.3.2 Jessies und Alices Suizid als Folge einer narzisstisch begründeten Mutter- Tochter-Beziehung

3 Wirkung der Figuren für die Gesamtstücke

4 Ergebnis und Schlussbetrachtung

5 Quellenverzeichnis

1. Formulierung der Fragestellung

„Der Selbstmord ist ein Ereignis der menschlichen Natur, welches, mag auch darüber schon so viel gesprochen und gehandelt sein als da will, doch einen jeden Menschen zur Teilnahme fordert, in jeder Zeitepoche wieder einmal verhandelt werden muss.“1

Dieses Zitat, stammend von Goethe, benennt die beständige Wichtigkeit und Gegenwärtigkeit des Phänomens der Selbsttötung.2 Selten wurde ein anderer Gegenstand so häufig thematisiert wie die Frage nach Anspruch auf assistierten Suizid oder die Tötung auf Verlangen. Ihnen und ihrer Wirkung gilt unaufhörlich ein stetiges Interesse. Noch heute gehen die Meinungen zu diesem Thema stark auseinander. Was unter einem „menschenwürdigen, selbstbestimmten Sterben“3 zu verstehen ist, wird sowohl in der Medizin als auch in der Philosophie und Theologie unterschiedlich betrachtet. Die einen sprechen davon, dass „ im Selbstmord die Menschheit ihren höchsten Triumph feiert“4, die anderen stehen dem Freitod mit Unverständnis und Verachtung gegenüber. Auch die Literatur hat sich frühzeitig einer Auseinandersetzung mit der Selbsttötung angenommen. Sie trägt durch verschiedene Darstellungen des Sterbens zum aktuellen Erscheinungsbild des Diskurses in der Gesellschaft bei.

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit den beiden Theatertexten Night, Mother von Marsha Norman und Alices Reise in die Schweiz von Lukas Bärfuss. Dabei sollen speziell die weiblichen Hauptfiguren und deren Beziehung zu ihren Müttern betrachtet werden. Der Grund für die Wahl dieser Untersuchungsgegenstände liegt darin begründet, dass sich anhand der Frauenrollen typische Schwachstellen und Schwierigkeiten des Diskurses über die Selbsttötung erkennen lassen. Durch eine Analyse der Figuren und der literarischen Darstellungen von Ängsten und Wünschen der Hauptfiguren wird die Problematik der Debatte für den Leser zugänglich und nachvollziehbar gemacht.

Im Folgenden werden also die beiden weiblichen Hauptfiguren von Night, Mother und Alices Reise in die Schweiz mit Blick auf ihre Figurenkonstitution betrachtet. Das Ziel ist demnach, mithilfe der Beschreibung und Erläuterung der Frauenrollen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzustellen. Dabei wird darauf geachtet, dass nicht die Figurenpsychologie im Mittelpunkt der Analyse steht, sondern dass die Wirkung der Figuren auf den Leser ins Zentrum der Betrachtung gerückt wird. Dadurch soll am Ende, unter Einbezug der Figurenanalyse, geklärt werden, welche Bedeutung die Figuren für das Gesamtstück haben.

Zuletzt wird die Funktion der Mutter-Tochter-Beziehung untersucht, um deren Wichtigkeit für die beiden Dramen verständlich zu machen.

Da im Rahmen dieser Arbeit nur ein kurzer Einblick in die Figurenkonstitution der beiden Texte möglich ist, beschränkt sich die Betrachtung und Analyse der Figuren und deren Beziehungen zueinander auf einzelne Eigenschaften, die anhand von ausgewählten Beispielen aufgezeigt werden sollen.

2 Betrachtung der Frauenrollen in Night, Mother und Alices Reise in die Schweiz im Hinblick auf das Motiv der Selbsttötung

2.1 Analyse der Figurenkonstitution in Night, Mother

Das Drama Night,Mother handelt von einem Mutter-Tochter-Konflikt und dem geplanten Suizid der Tochter. Jessie, Mitte 30, leidet an Epilepsie und Depressionen. Ihr Ehemann hat sie verlassen und ihr Sohn ist ein drogensüchtiger Teenager, der von zu Hause ausgezogen ist und den Kontakt zu seiner Mutter abgebrochen hat. Daher lebt Jessie bei ihrer Mutter Thelma. Diese informiert sie zu Beginn des Stückes über ihr Vorhaben, sich am Abend das Leben zu nehmen. Daraufhin folgt eine intensive Diskussion zwischen Mutter und Tochter, in der sich beide zum ersten und letzten Mal ihrer Vergangenheit stellen, aus welcher Jessie ein endgültiges Fazit zieht.

Bei den beiden weiblichen Hauptfiguren, Thelma und Jessie, handelt es sich außerdem auch um die einzigen Charaktere, die als Figuren in Night, Mother auftreten. Beide verlassen das Haus, in dem sie gemeinsam wohnen, nur selten und ungern. Dabei werden beide von völlig unterschiedlichen Beweggründen bestimmt: Jessie, weil ihre Krankheit ihr verbietet, alleine raus zu gehen, Thelma, weil sie es sich zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hat, sich um ihre Tochter zu kümmern. Doch auch charakterlich könnten die beiden Frauen nicht unterschiedlicher sein:

Thelma Cates ist auf den ersten Blick eine sehr neugierige und selbstbewusste Frau. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sie, wie auch ihre Tochter Jessie, unsicher ist und selbst Anzeichen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung aufweist. Beispielsweise reagiert sie sehr empfindlich auf Kritik: „Nothing I ever did was good enough for you and I want to know why.“5 Sie neigt dazu, andere entweder zu idealisieren oder zu degradieren. Das zeigt sich auch in der beschriebenen Beziehung zu ihrem verstorbenen Mann; auch hier versucht sie Probleme schön zu reden und gesteht sich selbst keine Fehler zu.6 Darüber hinaus scheint es, als empfinde sie ihr Leben als nicht lebenswert. Gleich am Anfang des Stückes stellt sie fest: “We don´t have anything anybody´d want, Jessie. I mean, I don´t even want what we got, Jessie.“7 Aber anstatt zuzugeben, dass sie unglücklich ist, verdrängt sie Probleme mit Versuchen, sich abzulenken. Sie beschönigt das Verhalten ihres Enkelsohns und verleugnet die Krankheit ihrer Tochter. Es lässt sich daher sagen, dass Thelma nicht genug Kontrolle über ihre eigene Realität hat. Das Ergebnis ihrer „ mangelnden Realitätskontrolle“ 8 ist das Verlangen nach Zuneigung, das sie als überfürsorgliche Mutter auftreten lässt. So versucht sie, Kontrolle zu gewinnen und ihr Selbstvertrauen zu stärken. Dass sie dabei ihre Tochter entmündigt und daran hindert, zu einer eigenständigen Persönlichkeit heranzureifen nimmt sie hin.9 Somit versucht sie, ihr wenig gefestigtes Selbstwertgefühl durch äußere Bestätigung in Form von der Abhängigkeit ihrer Tochter zu kompensieren.

Besonders anhand der Epilepsie ihrer Tochter wird Thelmas Einflussnahme deutlich: „You never hurt yourself. I never let you out of my sight. I caught you every time.“. 10 Es wird deutlich, wie Jessie hierbei jede Möglichkeit genommen wird, eigenständig zu handeln. Mit Recht gibt Jessie zurück, „ that was mine to know, Mama, not yours.“11 Denn anstatt ihrer Tochter zu helfen, trifft sie wichtige Entscheidungen über ihren Kopf hinweg. Da Jessie, aufgrund ihre Krankheit, schon als Kind von ihren Eltern abhängiger war als andere, ist sie auch als erwachsene Frau einfacher zu manipulieren und somit anfälliger für die Bedürfnisse der Mutter.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jessie die Anerkennung bieten muss, nach der Thelma sich sehnt. In diesem Prozess spielen Jessies Gefühle und Bedürfnisse keine Rolle. Thelma ist davon überzeugt, als fürsorgliche Mutter zu handeln, aber die Wahrheit ist jedoch, dass sie die ständige Gegenwart ihrer Tochter braucht, um selbst zu überleben.

Bei Jessie handelt es sich um eine ruhige Frau, die nicht gerne viel redet, dem Leser in ihrem Verhalten als zurückhaltend vorgestellt wird und nur wenig Emotionen zeigt. Das wird vor allem in der beschriebenen Mimik und Gestik deutlich, die gemäßigt („shaking her head, quietly“12 ) und zurückhaltend („ calmly“13 ; „Jessie, firm and quiet, smiles, or laughs quietly“14 ) ist. Selbst als Jessies Mutter in Tränen ausbricht und anfängt zu schreien, nachdem sie erkennt, dass ihre Tochter nicht von ihrem Vorhaben abzubringen ist, reagiert sie gefasst und zeigt keine Gefühle. Selbst als sie die Zimmertür zuzieht, um sich anschließend zu erschießen, wirkt sie eher versteinert und ausdruckslos, als emotional und expressiv.

Ihr Bruder Dawson, ihr Ehemann, von dem sie geschieden ist, und vor allem ihre Mutter, versuchen ihr zu sagen, was am besten für sie ist. Das erweckt bei Jessie den Eindruck, dass die Leute um sie herum mehr wissen, als sie über sich selbst weiß. Auf Seite 19 erklärt sie:

“They know things about you, and they learned it before you had a chance to say wether you wanted him to know that or not. They where there when it happened and it don´t belong to them”.15 Daran wird deutlich, wie verletzend die Krankheit auch für Jessies Psyche und ihr emotionales Wohlbefinden ist. Dass sie so reagiert wie sie reagiert, ist nicht nur auf ihre allgemeine Unsicherheit zurückzuführen, sondern vor allem auf ihre Krankheit, die sie nur als Spiegelbild ihrer Umgebung wahrnimmt. Mehrmals versucht sie ihrer Mutter zu erklären, wie sehr die Epilepsie ihr Leben beeinflusst: „Most of the time I wouldn´t even know I had one, except I wake up with different clothes on feeling like I´ve been run over.”16 Als eine Folge davon verliert Jessie vollständig die Kontrolle über ihre körperlichen und geistigen Funktionen. Nicht nur ist sie auf die Hilfe anderer angewiesen, sondern ist den Augen Fremder regelrecht ausgeliefert. Mithilfe einer Metapher versucht sie ihrer Mutter zu beschreiben, wie sich die Epilepsie für sie anfühlt: „I know you used to take the bus. Riding the bus and it´s hot and bumpy and crowded and too noisy and more than anything else in the world you want to get off and the only reason in the world you don´t get off is it´s still 50 blocks from where you´re going? I can get off right now, because even if I ride 50 more years and get off then, it´s the same place when I step down to it.“17 Mit diesem Zitat drückt Jessie bildlich ihre Gefühle aus und versucht ihr Innenleben für ihre Mutter verständlich zu machen. Jessie handelt nicht aus einem Impuls heraus, sondern jeder Tag verläuft ebenso monoton wie all die anderen. Ihre Tat ist von Anfang an geplant und Jessie handelt bestimmt und überlegt.18 Daher kann ihr Selbstmord als Selbstschutz interpretiert werden: Mit der Tötung ihrer Selbst will Jessie ihren freien Willen manifestieren und sich von fremden Einflüssen loslösen. Es ist ihr letzter Versuch, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Der Tod ist für sie berechenbar und somit attraktiv. Es ist der Ausdruck ihres tiefen Bedürfnisses nach Selbstbestimmung; das grundlegende menschliche Bedürfnis nach einer eigenen Identität. “So quiet I don´t know it´s quiet. So nobody can get me”19, erklärt sie ihrer Mutter ihre Definition von Tod.

Nach diesen Erkenntnissen kann Jessies Selbstmord als ihr persönlicher Triumph interpretiert werden. Sie findet zu ihrer eigenen Identität. Selbstmord bedeutet hier nicht Verlust oder Zerstörung des eigenen Lebens, sondern Gewinn von Kontrolle und Selbstbestimmung. Aus dieser Perspektive ist der Schuss der Pistole der Höhepunkt ihres Triumphs.

[...]


1 Goethe, Johann Wolfgang von, Dichtung und Wahrheit. Dritter Teil, Dreizehntes Buch, S.129

2 vgl. Meinen, Iris, Das Motiv der Selbsttötung im Drama des 18. Jahrhunderts, S.11

3 Welsh, Caroline, Sterbenarrative in gegenwärtiger Literatur und Medizin, S.70

4 Henseler, Heinz, Narzisstische Krisen, S.9

5 ebd. S.38

6 vgl. ebd. S.34

7 ebd. S.12

8 Prexl, Lydia, Zwischen Selbstbehauptung und Eskapismus, S.238f

9 vgl. ebd. S.238f

10 Norman, Marsha, S.46

11 ebd.

12 Norman, Night, Mother, S.28

13 ebd. S.35

14 ebd. S.15

15 ebd. S.19

16 ebd. S.42

17 ebd. S.24

18 vgl. Prexl, S.240

19 ebd. S.16

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Frauenrollen in "Night, Mother" und "Alices Reise in die Schweiz" im Hinblick auf das Motiv der Selbsttötung
Untertitel
Ein Vergleich zweier Theatertexte
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Neuere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Sterbenarrative in gegenwärtiger Literatur und Medizin
Note
2,6
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V351861
ISBN (eBook)
9783668381896
ISBN (Buch)
9783668381902
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauenrollen, night, mother, alices, reise, schweiz, hinblick, motiv, selbsttötung, vergleich, theatertexte
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Die Frauenrollen in "Night, Mother" und "Alices Reise in die Schweiz" im Hinblick auf das Motiv der Selbsttötung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351861

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