[G]inc an dîn bette und lege dich nider. / [W]ê mir, du wil sterben! Oder: Das Geheimnis der Macht

Analysiert an: Der begrabene Ehemann des Stricker


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Aneignung von Vorwissen auf genereller Ebene
2.1.1 Der Machtbegriff – Ein grober Umriss
2.1.2 Wie entsteht Macht? – Oder: Was lässt Macht so mächtig werden?
2.1.3 Wie äußert sich Macht?
2.2 Aneignung von Vorwissen auf spezieller Ebene – Eine Inhaltsangabe des Begrabenen Ehemanns
2.3 Anwendung des erlangten Vorwissens – Wie zeigt sich das Thema Macht innerhalb des Stricker‘schen Märe Der begrabene Ehemann ?

3. Zusammenfassung und Fazit

4. Literatur

1. Einleitung

[ G ] inc an dîn bette und lege dich nider./ [ Wmir, du wil sterben! [1]

In der vorliegenden Arbeit werden die Interpretationsmöglichkeiten eines der bekanntesten Mären des Stricker – die Verse des Begrabenen Ehemanns – in den Fokus gerückt.

Dieses Märe stellt für jedermann eine Herausforderung – so er diese denn annimmt – dar, sich unter anderem mit dem Thema des Machtbegriffs auseinanderzusetzen. Dieser Themenkomplex ist ebenso eine Hauptkomponente der vorliegenden Untersuchung.

Um das Ziel dieser Analyse genauer zu definieren, sollen vorab folgende Fragen in den Raum gestellt werden: Was ist Macht? Wie äußert sie sich? Und vor allem: Wie entsteht Macht?

– Oder besser: Was lässt Macht so mächtig werden? Diese Fragen werden sowohl auf einer allgemeinen, textexternen Ebene als auch indirekt auf der Inhaltsebene der Verse des Begrabenen Ehemanns behandelt.

Nach einer generellen Einführung in das Thema Macht anhand der oben genannten Fragen und einer Inhaltsangabe der zu behandelnden Verse, wird darauf aufbauend mit der eigentlichen Interpretation des Begrabenen Ehemanns begonnen. So folgt auf die Aneignung von Vorwissen unmittelbar deren Anwendung.

Die Methodik dieser Analyse beruht auf der des Sinnverstehens, der Hermeneutik. Es geht vorrangig darum, die Verse nicht mehr als bloßen Text zu betrachten, sondern diese „buchstäbliche Oberfläche zu durchstoßen, um dahinter einen höheren oder tieferen Sinn […] freizulegen“[2] und sich außerdem stets vom Erkenntnisinteresse leiten zu lassen. Während der Analysen einzelner Verse wird gleichzeitig die Gesamtaussage des Märe in Bezug auf das Thema Macht fokussiert werden. Auf diese Weise wird „das Textganze als Zusammenhang von Einzelnem auf[ge]fasst“[3].

Das Märe übt aufgrund seiner aberwitzigen Handlung und seines komisch-tragischen Endes eine hohe Faszinationskraft aus. Obwohl Der begrabene Ehemann bereits unzählige Male untersucht und interpretiert worden ist, ist das Verlangen groß, vielleicht noch etwas anderes herauszufinden, ja eine neue Entdeckung zu machen. Im Zusammenhang mit dem Thema Macht kann den Versen eine philosophische Note verliehen werden, die eine eigene Interpretation noch interessanter macht.

Da es sich beim Begrabenen Ehemann um eine literarische Konstruktion handelt, also ein rein fiktives Bild kreiert wird, sind die Interpretationsmöglichkeiten in ihrer Anzahl unbegrenzt. So stellt diese Arbeit nur einen Interpretationsversuch, nur eine von vielen möglichen Anschauungsweisen dar.

2. Hauptteil

2.1 Aneignung von Vorwissen auf genereller Ebene

2.1.1 Der Machtbegriff – Ein grober Umriss

Macht ist der Zustand, nach dem viele – oder gar alle? – Menschen streben. Die Macht hat zahlreiche Facetten und muss nicht zwangsläufig negativ konnotiert sein. Sie kann sowohl im Kleinen als auch im Großen ihren Platz finden. Ob es sich um Macht über sich selbst, den Alltag und die eigene Zukunft oder um Macht über ein Unternehmen, eine Situation oder gar über andere handelt – in allen Fällen wird dasselbe Ziel verfolgt: selbst das Agens des Geschehens zu sein und das/die Andere/n in der Rolle des Patiens verharren zu lassen. Das Phänomen der Macht begegnet uns also immer und überall – und besonders in der Tatsache, dass „[j]eder […] gelegentlich die Erfahrung [macht], dass manche Menschen in der Lage sind, andere dazu zu bewegen, sich ihnen zu fügen“[4].[5]

Schaut man jedoch genauer hin, so scheint sich der Machtbegriff trotz vieler Untersuchungen immer noch in einem milchigen Zustand zu befinden und schwebt nach wie vor zwischen Freiheit, Unterdrückung und Zwang, zwischen Recht, Willkür und Gewalt.[6]

Da die Untersuchung eines gestaltlosen Dings bekanntlich nicht durchführbar ist, soll der Macht mittels dieser Begrifflichkeiten ein Gesicht verliehen werden. Diese Vielzahl an Umschreibungen führte und führt in der Forschung bis heute zu Ungereimtheiten und Auseinandersetzungen – und deshalb auch zu zahlreichen verschiedenen Theorien. Die oben genannten, semantisch deutlich unterschiedlichen Begriffe können sich demnach nur sehr vage an das herantasten, was Macht im eigentlichen Sinne bedeutet. Aus diesen gilt es ansatzweise herauszufinden, welche von ihnen überhaupt mit dem Machtthema in Verbindung treten oder gar mit diesem unmittelbar korrelieren.

Der Soziologe Niklas Luhmann zum Beispiel ist der Ansicht, dass physische Gewalt keine Anwendung von Macht sei, „sondern der Ausdruck ihres Scheiterns – oder allenfalls symbolische Darstellung der überlegenen Möglichkeit, immer wieder Sanktionen anwenden zu können[7]. Auch Pierre Bourdieu – so Byung-Chul Han – behaupte, dass die Macht dort am mächtigsten sei, „wo sie das Gefühl der Freiheit erzeug[e], wo sie keiner Gewalt [bedürfe]“[8].

Trotz der vielfältigen Rollen der Macht, die uns eine große Fülle von verschiedenen Theorien liefern, wird sie beispielsweise von Max Weber als ‚soziologisch amorph‘[9] bezeichnet; er geht also von einem völlig form- und gestaltlosen Phänomen eo ipso aus. Diesbezüglich meint er: „Alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen können jemand[sic!] in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen.“[10] Das ‚amorphe‘ Phänomen der Macht umschreibt er folgendermaßen:
„M a c h t bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen“[11].

Einen anderen Ansatz liefert Han, der davon ausgeht, dass die Macht nur bei fehlender Vermittlung zwischen Regierendem und Regiertem „auf Verbote oder Befehle zurückgreifen“[12] müsse.[13] Bei einer gelungenen Vermittlung hingegen erfahre der Einzelne (der Regierte) das Ganze (das Regierende) „als seine eigene [positive] Bestimmung“[14].[15] So fielen bei einer intensiven Vermittlung „Macht und Freiheit zusammen“[16] ; in dieser Konstellation sei „die Macht am stabilsten“[17].

Bei Friedrich Nietzsche nimmt die Macht sogar einen höheren Stellenwert als das Sein an sich ein; er spricht deshalb von einem fortwährenden ‚Willen zur Macht‘[18] aller Menschen. Laut Wilhelm Berger ist dieser Wille als das „reine Faktum des Existieren-Wollens“[19] zu verstehen.

Andreas Anter schreibt zusammenfassend, dass „man Macht als die Fähigkeit verstehen [könne], Einfluss auf seine Umgebung zu nehmen, die Dinge so zu beeinflussen, wie man sie gern hätte“[20].

Nach diesen Eindrücken bleibt festzuhalten, dass das Thema Macht ein wohl nicht direkt greifbares, nicht zur Gänze fassendes Phänomen darstellt – oder wie es Luhmann in Anlehnung an James G. March ausdrückt: „Die Macht der Macht scheint im wesentlichen[sic!] auf dem Umstand zu beruhen, da[ss] man nicht genau weiß, um was es sich eigentlich handele.“[21] Trotz dieser unliebsamen Tatsache ist sie vor allem aus den Sozialwissenschaften nicht wegzudenken; deshalb spricht Berger bezüglich der Macht von einer „inter- und transdisziplinäre[n] Kategorie par excellence[22].

[...]


[1] Zitiert nach: Der Stricker: DIZ MÆRE IST WIE EIN WÎP IREN MAN LEBENDIC BEGRUOP IESAN. In: Novellistik des Mittelalters. Texte und Kommentare, hg., übers. u. kommentiert v. Klaus Grubmüller. Berlin 2011, S. 30-43; hier: S. 40, Vers 182f. Im Folgenden zitiert nach dieser Ausgabe.

[2] Selbmann, S. 36.

[3] Ebd., S. 38.

[4] Anter, S. 11.

[5] Auf diesem Aspekt liegt das Hauptaugenmerk dieser Arbeit.

[6] Vgl. dazu u.a. Han, S. 7.

[7] Luhmann (1987), S. 119.

[8] Han, S. 57.

[9] Weber, S. 28.

[10] Ebd., S. 28f.

[11] Ebd., S. 28.

[12] Han, S. 30.

[13] Als Beispiel nennt Han hier den totalitären Staat, in welchem „der Einzelne das Ganze als eine ihm fremde Bestimmung“ erleide. (Ebd., S. 30).

[14] Ebd., S. 30.

[15] Als Beispiel nennt Han hier den Rechtsstaat, in welchem „die Rechtsordnung vom einzelnen Bürger nicht als fremder Zwang empfunden“ würde, sondern „seine eigene Bestimmung“ darstelle. (Ebd., S. 30).

[16] Ebd., S. 30.

[17] Ebd., S. 30.

[18] Vgl. Nietzsche, S. 146.

[19] Berger, S. 9.

[20] Anter, S. 15.

[21] Luhmann (1969), S. 149.

[22] Berger, S. 8.

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Details

Titel
[G]inc an dîn bette und lege dich nider. / [W]ê mir, du wil sterben! Oder: Das Geheimnis der Macht
Untertitel
Analysiert an: Der begrabene Ehemann des Stricker
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V351936
ISBN (eBook)
9783668383135
ISBN (Buch)
9783668383142
Dateigröße
951 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
oder, geheimnis, macht, analysiert, ehemann, stricker
Arbeit zitieren
Tanja Schill (Autor), 2016, [G]inc an dîn bette und lege dich nider. / [W]ê mir, du wil sterben! Oder: Das Geheimnis der Macht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351936

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