Die Stellung der Minderheiten im Osmanischen Reich des Spätmittelalters


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Osmanische Reich im Spätmittelalter
2.1 Die Gründungsphase
2.2 Der Staat und die Gesellschaft
2.3 Die Expansion nach Westen

3. Die Minderheiten im Osmanischen Reich
3.1 Die Definition einer Minderheit im Staat
3.2 Die Rechtliche Stellung
3.3 Das „Millet-System“

4. Christliche Minderheiten
4.1 Christen in Kleinasien
4.2 Christen in den Eroberten Regionen

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts entstand in Westanatolien aus dem Fürstentum des Osmans das Osmanische Reich, das sich über 600 Jahre lang als ein Vielvölkerstaat über drei Kontinente erstreckte und verschiedene Völker und Religionen vereinigte. Im Laufe seines Bestehens in Südeuropa und im Nahen Osten entwickelte sich das Osmanische Reich zu einem multikonfessionellen Gemeinwesen, auf dessen Boden Juden, Christen und Muslime ohne schwerwiegende religiöse Konflikte zusammen lebten, was wir aus unsrer heutigen Weltanschauung nicht begreifen können . Vor allem auf dem Balkan und im Nahen Osten lebten die Konfessionen in einem friedlichen Miteinander, wo heute religiöse und politische Konflikte das Leben der Menschen bestimmen.[1]

War das Osmanische Reich vielleicht der perfekteste islamische Staat, der je bestanden hatte? Wie konnte dieses Reich über 600 Jahre auf 5.200.000 km2 großen Boden (ca. 6 fache Größe der heutigen Türkei) gleichzeitig sein Streben darauf richten mit Hilfe des religiösen Rechtes die islamischen Werte hervorzubringen, während die Nichtmuslime über die liberalen Vorschriften des „Millet-Systems“[2] in der Lage waren, ihren Glauben und ihre Identität zu bewahren?

Die entscheidende Frage, wie das Zusammenleben verschiedener Konfessionen unter einem Dach möglich war, hat mich dazu bewegt „die Minderheiten im Osmanischen Reich des Spätmittelalters“ zum Thema meiner Seminararbeit zu machen. Denn die religiöse Koexistenz ist heutzutage von politischen Einflüssen bedroht und die gegenseitige Anerkennung von religiösen Werten wird nicht mehr toleriert. In der heutigen globalen Welt haben wir das friedliche Zusammenleben mehr nötiger als je zuvor. Wie funktionierte aber das System des Osmanischen Reiches, in dem die Herrscher versuchten im Namen der religiösen Toleranz Religionskonflikte zu vermeiden und die jüdische und christliche Religion in das Reich integrierten, während in Europa religiöse Intoleranz gegenüber Andersdenkenden vorherrschte?

Als erstes werden hier die Entstehung des Osmanischen Reiches und die Situation der nichtmuslimischen Minderheiten innerhalb des Reiches beschrieben. Dazu wird auch der Begriff „Minderheit“ näher analysiert, um das Verhältnis der Religionen zueinander und Situationen der Bevölkerungsgruppen kritisch hinter zu fragen. Dabei werden einerseits die an Nichtmuslime gewährten Rechte, Pflichten und Einschränkungen vorgestellt, anderseits die politische Beziehung zwischen dem Staat und den verschiedenen Glaubenszugehörigkeiten aufgezeigt.

2. Das Osmanische Reich im Spätmittelalter

2.1 Die Gründungsphase

Mit dem Sieg der Seldschuken über die byzantinische Streitmacht begann das Eindringen der Türken in das Gebiet der heutigen Türkei. Im Jahre 1071 schlug Alp Arslan im östlichen Anatolien das byzantinische Heer bei Manzikert (heute: Malazgirt) und öffnete den Türken die Tore Anatoliens. Das Reich der Seldschuken expandierte bis in die westlichen Teile Kleinasiens und erreichte unter der Herrschaft von Alaaddin Kaykubad I (1220-1237) seinen Höhepunkt des Sultanats. Ende des 13. Jahrhunderts wurde das Seldschukenreich von der Invasion der Mongolen bedroht.[3] Das Reich zerfiel in kleinere Fürstentümer, die zwar weiterhin unter der Oberherrschaft der Rum-Seldschuken standen, doch ihre Gebiete selbstständig regieren konnten. Das Fürstentum des Osmans war einer von diesen Kleinfürstentümern, der das Fürstentum 1288 von seinem Vater Ertugrul Gazi übernahm und begann die im Westen Anatoliens vorhandenen Byzantinern zu bekämpfen.[4] Zwischen 1298 und 1301 fanden die ersten wichtigen Eroberungen Osmans statt, als er eine Reihe Festungen in Nordwestanatolien besetze. In diesem Zeitraum wird das Jahr 1299 als das Gründungsdatum des Osmanischen Reiches datiert. So vergrößerte er sein Herrschaftsgebiet von 1500 km2 am Marmarameer bis zu seinem Tod auf ca. 18.000 km2. Nachdem der letzte seldschukische Sultan Alaeddin Kaykubad III ermordet worden war, zerfiel das Seldschukenreich endgültig in kleinere Einheiten und Osman war von nun an der selbstständige Herrscher seines Gebiets.[5] Die Eroberten Gebiete waren überwiegend von Christen bewohnte Orte der Byzantiner. Durch den Sieg in Baphaion/Koyunhisar[6] im Jahre 1301 gegen ein 2000-Mann-Kontingent der byzantinischen Armee erlangte Osman Ruhm und hohes Ansehen von anderen Kleinfürstentümern, die sich an seine Herrschaft anschlossen und das Reich verstärkten. Damit begann der über ein Jahrhundert dauernde Feldzug zur Eroberung der oströmischen Territorien, der 1453 mit der Einnahme Konstantinopels abgeschlossen wurde.

Zwar schlugen auch immer wieder einige Angriffe auf größere befestigte Orte wie Nikaia (heute: Iznik) und Bursa fehl, doch sein Sohn Orhan konnte nach dem Tod seines Vaters 1326 Bursa, die zur Hauptstadt des Reiches wurde, erobern. Er weitete die Staatsgrenzen in der Folgezeit mehr auf und unterwarf die von seinem Vater angestrebten Städte Nikaia und Nikomedeia (heute: Izmit) in seine Herrschaft.

Durch die territorialen Eroberungen befestigte sich das Osmanische Reich bereits nach 50 Jahren nach seiner Gründung in kleinen Teilen Europas und begann mit der planmäßigen Eroberung des Balkans. Wenige Jahre später wurde Adrianopel (heute: Edirne) die Hauptstadt des Reiches auf europäischem Boden.

Die Expansion nach Westen war kein Vernichtungskampf gegen die Christen gewesen, wie die Kreuzzüge, die sich im Nahenosten gegen die muslimische Staaten richteten, sondern diente der territorialen Erweiterungen des Reiches.

Osman I war von Beginn an daran interessiert, die Christen in seinen eroberten Gebieten zu beschützen und verbündete sich mit christlichen Burgherren. Dies zeigt deutlich, dass sich das Osmanische Staatsgebilde einerseits auf die islamischen Tradition gründete, anderseits durch eine neue Gesellschaftsform in den eroberten asiatischen und europäischen Gebieten nach einer neue Weltherrschaft strebte.

2.2 Der Staat und die Gesellschaft

Die zersplitterten türkischen Stämme, die nach dem Untergang des Seldschukischen Reiches ihre Autonomie gewannen, prägten auch in der Herrschaft Osmans I. das westliche Anatolien in einer Stammesgesellschaft gegliedertes Gebiet. Die Bevölkerung bestand zum überwiegenden Teil aus Halbnomaden, die sich saisonbedingt der Viehzucht oder dem Kriegshandwerk widmeten und in geringem Maße auch Ackerbau betrieben.[7] Durch die Erweiterung der Reichsgrenzen wurden umfassende Änderungen der Gesellschaft notwendig. Der Staat musste neu strukturiert werden, um die Nahrungsmittelversorgung durch Landwirtschaft und Handel zu fördern. Dazu wurde die Schaffung eines echten Staatsgebildes mit der Einsetzung von Institutionen organisiert.[8] Mit der Einführung eines Berufsheers, dessen Soldaten mit Land belehnt wurden, sollte die Versorgung gewehrleistet werden, was zur Entstehung einer „feudalen Mittelschicht“ führte.[9]

Die Gesellschaft des Osmanischen Reiches wurde durch das „ Millet-System “ neu organisiert, worauf im nächsten Abschnitt näher eingegangen wird. Die nicht-muslimische Glaubensgemeinschaften konnten ihre herkömmliche Lebensweise beibehalten, was vor allem den Christen auf dem Balkan und in Ungarn, sowie den schiitischen Moslems zu Gute kam. Die Lebensweise der in Westanatolien lebenden Türken wurde nicht als oberster Grundsatz im ganzen Reich durchgesetzt, sondern die Gesellschaftsstrukturen der Nichtmuslime konnte intern weitergeführt werden, sofern sie nicht der osmanischen Staatsmentalität widersprachen. Neben der Errichtung von staatlichen Organisation zur Verwaltung des Reiches, erließ Osman I. auch ein allgemeingültig Recht, mit dem er das Lehenswesen, das Erbrecht und die Wehrpflicht regelte.[10]

Die Bevölkerungszahl im Osmanischen Reich liefert uns ein Register erst nach der Eroberung Konstantinopels. Man nimmt an, dass sich 16326 Familien (hane) – darunter 9517 muslimische, 5162 christliche (in der Minderheit) griechisch-orthodoxe und 1647 jüdische Haushalte – auf ca. 80-100.000 Einwohnern hochrechnen lassen.[11] Zwischen 1500 und 1580 hat ein starkes Wachstum der Bevölkerung gegeben, das auf eine bessere Erfassung, vor allem der Nomaden, zurückzuführen ist.

[...]


[1] Vgl. Yazici, Nasimi: İlk Türk-İslam Devletleri Tarihi, Istanbul, 2007, S.243.

[2] Auf die Bedeutung und Funktion des „Millet-Systems“ werde ich im Folgenden noch genauer eingehen.

[3] Vgl. Kreiser, Klaus: Der Osmanische Staat 1300-1922, München, 2001, S. 4.

[4] Vgl. Gülen, Salih: Rüyadan Devlete Osman Gazi, Istanbul, 2011, S. 8.

[5] Vgl. Ferenc Majoros, Bernd Rill, Das Osmanische Reich 1300 – 1922. Die Geschichte einer Großmacht, Augsburg 1999, 93.

[6] Vgl. Ferenc Majoros, Bernd Rill, Das Osmanische Reich 1300 – 1922, 95.

[7] Vgl. Gülen, Salih: Rüyadan Devlete Osman Gazi, Istanbul, 2011, S. 20/21.

[8] Vgl. Ferenc Majoros, Bernd Rill, Das Osmanische Reich 1300 – 1922, 96.

[9] Vgl. Ferenc Majoros, Bernd Rill, Das Osmanische Reich 1300 – 1922, 97.

[10] Vgl. Ferenc Majoros, Bernd Rill, Das Osmanische Reich 1300 – 1922, 99.

[11] Vgl. Kreiser, Klaus: Der Osmanische Staat 1300-1922, München, 2001, S. 4.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Stellung der Minderheiten im Osmanischen Reich des Spätmittelalters
Hochschule
Universität Paderborn
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V351952
ISBN (eBook)
9783668382831
ISBN (Buch)
9783668382848
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stellung, minderheiten, osmanischen, reich, spätmittelalters
Arbeit zitieren
Mustafa Güclü (Autor), 2014, Die Stellung der Minderheiten im Osmanischen Reich des Spätmittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351952

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Stellung der Minderheiten im Osmanischen Reich des Spätmittelalters



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden