Wirkfaktoren Pferdegestützer Psychotherapie. Hinweise auf die Wirkung und Möglichkeiten pferdegestützter Psychotherapie unter besonderer Berücksichtigung des Krankheitsbildes akuter Depression


Bachelorarbeit, 2015

66 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier
1.1 Historische Betrachtung
1.2 Wirkungen von Tieren auf den Menschen
1.2.1 Physiologische Wirkungen
1.2.2 Psychologische Wirkungen
1.2.3 Soziale Wirkungen
1.3 Erklärungsansätze der Verbindung zwischen Mensch und Tier
1.3.1 entwicklungspsychologischer und psychoanalytischer Ansatz
1.3.2 Anthropomorphismus und Du-Evidenz
1.3.4 Biophilia

2. Mensch und Pferd - Grundlagen in der Beziehung
2.1 Koevolution von Mensch und Pferd
2.2 Das Wesen des Pferdes
2.2.1 Symbolik
2.2.2 Beziehungsqualitäten des Pferdes und Wirkung auf den Menschen
2.2.3 Kommunikation

3. Psychotherapie mit dem Pferd
3.1 Anfänge pferdegestützter Psychotherapie
3.2 Pferdegestützte Psychotherapie heute
3.2.1 Praxis Pferdegestützter Psychotherapie
3.2.2 Eigenschaften Pferdegestützter Psychotherapie
3.2.3 Die therapeutische Beziehung unter Einbezug des Pferdes
3.3 Einschränkungen und Kontraindikationen

4. Krankheitsbild Depression
4.1 Symptomatik akuter Depression
4.2 Klassifikation
4.3 Epidemiologie und Risikofaktoren
4.4 Verlauf und Prognose
4.4 Ursachen und Auslöser
4.4.1 Stress als Ursache
4.4.2 Genetische Prädisposition
4.4.3 Neuroendokrinologische Ursachen
4.5 Psychologische Erklärungsmodelle
4.5.1 Kognitive Theorien
4.5.1 Interpersonelle Theorien
4.5.1 Zusammenfassung - Psychobiologisches Erklärungsmodell
4.6 Behandlung akuter Depression
4.6.1 Psychotherapeutische Interventionen
4.6.2 Physikalische Interventionen
4.2.3 Bewegung und Sport als Intervention bei Depression
4.2.3.1 physiologisch - biochemische Wirkungsebene
4.2.3.2 emotional - psychische Wirkungsebene

5. Möglichkeiten des Einsatzes und der Wirkung des Pferdes in der Behandlung von akuter Depression
5.1 Aktivierung
5.2 Entspannung
5.3 Biofeedback
5.4 Getragenwerden und Regression
5.5 Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeitserleben
5.7 Identifikation und Modellfunktion
5.8 Bezug auf die Therapieschulen
5.8.1 Verhaltenstherapie
5.8.2 Psychodynamische Therapien
5.8.3 Humanistische Psychotherapie

6. Empirischer Forschungsstand

7. Zusammenfassung

8. Fazit

Tabellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

In dieser Arbeit wird sich durchweg auf psychologische und psychotherapeutische Arbeit mit dem Pferd bezogen, wobei die Begriffe pferdegestützte Therapie, bzw. pferdegestützte Psychotherapie teilweise gleichbedeutend verwendet werden.

Auch wenn in dieser Arbeit durchweg das generische Maskulinum verwendet wird, so wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass beide Geschlechter gemeint sind, aus Gründen des Leseflusses jedoch auf das Ausschreiben verzichtet wird.

Einleitung

Seit jeher spielten Tiere im Leben des Menschen in allen Abschnitten seiner Entwicklung eine zentrale Rolle. Die Art und Weise, wie der Mensch dem Tier gegenüber stand, unterlag dabei einem ständigen Wandel angesichts religiöser, kultureller und ökonomischer Einflüsse. Heutzutage, in einer von immer weiter voran schreitender Technologisierung und Digitalisierung geprägten Umwelt, fühlt sich der Mensch in vielfältiger Weise zur Natur und den in ihr lebenden Wesen hingezogen: Als Ausgleich für das starre und technisierte Alltagsleben und als Besinnung auf die eigene Ursprünglichkeit und Herkunft sucht er die Nähe zur Natur. Vor dem Blick eines dramatischen Anstiegs psychischer Erkrankungen in den letzten Jahren und Jahrzehnten drängt sich die Frage nach einem Zusammenhang zwischen wachsender Belastung im täglichen Arbeitsund Lebensumfeld und einer Entfremdung von der Natur auf, sowie eine Therapie psychischer Leiden durch ein Entgegenwirken ebendieser Entfremdung über das Medium Tier: Der Einsatz von Tieren für therapeutische Zwecke ist bisher nicht sonderlich populär, denn erst seit wenigen Jahrzehnten wird in diesem Bereich wissenschaftlich geforscht. Ein Wissen aber um die heilende Wirkung des Kontaktes mit Tieren hat - historisch gesehen - bereits uralte Wurzeln.

Als leidenschaftliche Tierliebhaberin und Reiterin habe ich besonders einen Zugang zu Pferden, und kenne die Eigenschaften und Wesenheiten dieser anmutigen Tiere. Seit Beginn meines Studiums beschäftigte ich mich daher im Rahmen von Hausarbeiten mit dem Thema der tiergestützten Therapien, und absolvierte 2014 ein viermonatiges Praktikum in einem Zentrum für Reittherapie in Lima. Die Erfahrungen dieses Praktikums inspirierten mich letztlich, zu diesem Thema meine Bachelor-Thesis zu schreiben.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich klären, welche Wirkmöglichkeiten es für das Pferd in der Psychotherapie gibt und worin diese begründet liegen. Im Speziellen soll aufgezeigt werden, inwiefern depressiv erkrankte Menschen von psychotherapeutischen Konzepten mit Einbezug des Pferdes profitieren könnten, um hieraus auch potentiell Ansätze für die störungsspezifische Forschung abzuleiten. Zunächst werden dazu die Grundzüge der Beziehung zwischen

Mensch und Tier aufgezeigt, angefangen mit einem geschichtlichen Überblick, sowie eine Übersicht geben über allgemeine und nachweisliche Wirkungen von Tieren auf das Wohlbefinden des Menschen. Hiernach werden die wichtigsten theoretischen Erklärungsansätze für ebendiese Einflüsse dargestellt. Im zweiten Kapitel geht es im Speziellen um die Beziehung zwischen Mensch und Pferd, und ihre Besonderheiten und Eigenschaften, die sie von anderen Mensch-TierBeziehungen unterscheiden, auch zunächst vor dem geschichtlichen Aspekt. Im Folgenden wird das Wesen des Pferdes genauer beleuchtet, wozu seine symbolischen Bedeutungen, seine Beziehungsqualitäten im Umgang mit Menschen, sowie Aspekte der Kommunikation betrachtet werden. Kapitel 3 beschreibt daraufhin pferdegestützte Psychotherapie mit theoretischen Grundlagen und Bezügen zur praktischen Arbeit, inklusive der Einschränkungen, die diese Therapieform mit sich bringt. Im vierten Kapitel wird das Krankheitsbild der akuten Depression vorgestellt, mit einem Schwerpunkt auf der Symptomatik, Erklärungsmodellen und den gängigsten Behandlungsmethoden, ehe darauffolgend die möglichen Effekte und Wirkweisen des Pferdes auf den depressiven Patienten dargestellt, und in Kapitel 5.8 noch einmal überblicksweise in die therapeutischen Schulen eingeordnet werden. Eine Darstellung des empirischen Forschungsstandes, Problematiken diesbezüglich eingeschlossen, folgt abschließend.

Grundlage dieser Arbeit ist eine systematische Literaturrecherche.

1. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier

Wie eingangs erwähnt spielt das Streben nach Ursprünglichkeit und Naturverbundenheit eine unübersehbare Rolle im alltäglichen Leben des westlichen Menschen. So ist in den letzten Jahren ein Trend zu verzeichnen, hin zum Kauf von ökologisch angebauten Lebensmitteln (vgl., GfK, 2011), ursprünglicherer, gesünderer Ernährung (z.B. „Steinzeit-Diät“), oder aber dem Wunsch nach alternativen Heilmethoden - ob für Mensch oder (Haus-) Tier. Während im Jahr 2000 noch etwa 21,5 Millionen Heimtiere in deutschen Haushalten lebten - Aquarien mit Zierfischen nicht berücksichtigt - betrug ihre Anzahl im Jahr 2013 etwa 27,9 Millionen (Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe e.V., 2015). Den größten Anteil machen Hauskatzen aus, gefolgt von Hunden. Im europäischen Vergleich lag Deutschland 2013 auf Platz zwei der Länder mit den meisten Heimtieren (Internationaler Hunde Verband e.V., Euromonitor & Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe e.V., 2015). Die Haltung von Heimtieren ist weltweit verbreitet, weitgehend unabhängig von wirtschaftlichen Verhältnissen oder kulturellen Einflüssen, denn auch in ärmsten Regionen der Welt werden Haustiere gehalten (vgl. Prothmann, 2007). Dies macht deutlich, wie sehr Tiere den Menschen nach wie vor beschäftigen und seinen Lebensalltag prägen.

In diesem Kapitel sollen daher die Grundaspekte von Beziehungen zwischen Mensch und Tier, begonnen mit einem historischen Abriss, sowie deren Wirkung auf den Menschen dargestellt, und Erklärungsansätze zu dem noch nicht endgültig erforschten Phänomen dieser Beziehung aufgezeigt werden.

1.1 Historische Betrachtung

Die Faszination des Menschen gegenüber Tieren ist so alt, wie seine eigene Entwicklungsgeschichte: Die ältesten bekannten Abbildungen an Höhlenwänden aus der Steinzeit lassen sich laut Alistair Pike von der Bristol University auf 40.800 Jahre schätzen (vgl. Scherer, 2012). Während dieser Zeit kann der Mensch noch als ein untrennbarer Teil der Natur angesehen werden, welcher sein Überleben mit Hilfe seiner gleichwertigen Mitgeschöpfe, den Tieren als Teil seiner Nahrungsgrundlage, sicherte. Mit dem Beginn der Sesshaftigkeit und damit dem Anfang der Land- und Viehwirtschaft veränderte sich auch sein Verhältnis zur Natur und den Naturwesen: Die Domestikation von Tieren für die Nutzbarmachung und jederzeitige Verfügung für den Menschen brachte die gezähmten Tiere nun auch in eine Abhängigkeit vom Menschen, der sie unter seine Kontrolle gebracht hatte. Um eine gute Versorgung von ganzen Herden zu sichern, und damit die Lebensgrundlage der sesshaften Menschen, war es notwendig, die Tiere gut zu kennen, und etwaige Krankheitszeichen oder Mangelerscheinungen zu erkennen und zu beheben. Es entstand hierdurch also erstmals eine persönliche Beziehung zwischen Menschen und Tieren (vgl. Frömming, 2006).

In den meisten Kulturen nahm das Tier - und nimmt es auch heute noch eine besondere Stellung ein, als dass es für seine Wichtigkeit für das Überleben des Menschen geschätzt, für seine Eigenschaften wie Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Schönheit oder Stärke bewundert, oder sogar als Götter- oder Heiligensymbol verehrt wurde und wird. Im Seelenglauben der Kelten beispielsweise konnten Verstorbene die Gestalt von Tieren annehmen, in griechischen Sagen gab es eine große Anzahl an mystischen Mischwesen - halb Mensch, halb Tier - denen besondere Fähigkeiten oder Phänomene zugeschrieben wurden. Eine deutliche Trennung zwischen Mensch und Tier erfolgte erst mit dem Aufkommen des Christen- und Judentums: Der Mensch machte sich als Krone der Schöpfung die Erde untertan, wie es in der Schöpfungsgeschichte der Bibel beispielsweise beschrieben ist.

Zum ausgehenden Mittelalter schlug die Haltung gegenüber Tieren erneut eine veränderte Richtung ein: Der Glaube an die gottgewollte Herrschaft über Tiere wurde ein Stück weit durch die aristotelische Philosophie ersetzt, die besagt, dass sich alle Dinge in eine Stufenfolge einordnen ließen, je nach den ihnen innewohnenden Verstandesmöglichkeiten (vgl. Frömming, 2006). Die anthropozentristische Haltung hielt sich jedoch noch weitaus länger und erreichte mit René Descartes (1596 - 1650) und dem Cartesianismus vorerst einen Höhepunkt in der Annahme, Tiere seien mechanische Apparate ohne Gefühle und Verstand (vgl. ebenda). Erst die 1859 veröffentlichte Evolutionstheorie von Charles Darwin stellte Mensch und Tier in ein damals völlig neues Verhältnis: Der Mensch als Primat, und damit auf einer Stufe mit den höheren Säugetieren stehend, ganz entgegen dem christlichen Schöpfungsglauben. Die Entwicklung eines Verständnisses hin zur Natur und den Lebewesen in ihr hat seither großen Einfluss auf das Denken in unserem Kulturkreis genommen und vollzieht sich auch weiterhin. Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielte auch Albert Schweizer (1875 - 1965) mit seiner universellen Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“, die alles Lebendige - Pflanzen und Tiere gleichermaßen - mit einbezieht. „Als Wille zum Leben inmitten von Willen zum Leben erfasst sich der Mensch in jedem Augenblick, in dem er über sich selbst und über die Welt um sich herum nachdenkt.“ (Albert Schweitzer, zit. nach Wyss, 2015, o.S.) und habe jedem Lebewesen so mit Achtung und Ehrfurcht gegenüber zu treten, und Tiere als seine Mitgeschöpfe zu schützen.

Die Symbolik von Tieren bleibt aber keinesfalls nur auf Epochen der Antike oder des Mittelalter beschränkt: Auch heute in unserem westlichen Kulturkreis sind Tiere noch immer präsent. So schreiben wir bestimmten Tieren spezifische Eigenschaften zu: Der „schlaue Fuchs“, die „dumme Gans“, oder die „listige Schlange“ geben einen Eindruck davon, was wir mit diesen Tieren implizit assoziieren. Sichtbar ist dies auch in Emblemen und Wappen, und findet auch in der Werbung große Verwendung, um gezielt menschliche Eigenschaften auf Produkte oder Organisationen zu übertragen (vgl. Frömming, 2006).

1.2 Wirkungen von Tieren auf den Menschen

Die Wirkung von (Heim-) Tieren auf den Menschen ist äußerst vielschichtig und kann, je nach Profession, von unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtet werden. Hauptsächlich können drei Wirkungsebenen unterschieden werden: Die physiologische Ebene, die noch am besten und einfachsten wissenschaftlich mess- und nachvollziehbar ist, die psychologische und eine soziale Ebene. Prothmann (2007) betont, dass unbedingt beachtet werden muss, dass Wirkungseffekte meist nicht ausschließlich auf einer einzelnen Ebene auftreten, sondern dass sie ein sich untereinander beeinflussendes System darstellen. Beispielsweise sind Wirkungen auf der physiologischen Ebene zumeist auch mit Effekten auf das psychische Befinden eines Menschen verbunden. Wichtig ist es weiterhin, stets vor Augen zu halten, dass bei der Untersuchung von MenschTier-Interaktionen in der Regel keine „[…] einfachen Ursache-WirkungsZusammenhänge, sondern systematische Wechselwirkungen“ (Prothmann, 2007, S. 22) vorliegen, deren Kontext berücksichtigt werden muss.

1.2.1 Physiologische Wirkungen

Neben der Tatsache, dass Tiere in der Lage sind mit ihren hoch ausgebildeten Sinnesleistungen dem Menschen fehlende oder beeinträchtigte Sinnesfunktionen auszugleichen und teilweise zu ersetzen, können Tiere auch in verschiedenen weiteren Kontexten die Lebensqualität von Menschen immens erhöhen. Nachweislich senkt die bloße Anwesenheit eines ruhenden Tieres Blutdruck und Herzfrequenz in einem Ausmaß, das vergleichbar ist mit dem einer 40 minütigen Hypnose (Katcher, Segal & Beck zit. nach Prothmann 2007). Aus diesem Grund sind beispielsweise Aquarien in Wartezimmern von Ärzten für ihren entspannenden Effekt als positiv zu bewerten. Der Anblick eines entspannten Tieres vermittelt auch dem Menschen Sicherheit und kann zur Muskelentspannung beitragen. Solche messbaren Effekte auf das HerzKreislaufsystem sind auf endokrine Prozesse zurückzuführen, wie beispielsweise die reduzierte Ausschüttung von Stresshormonen.

Überdies konnten epidemiologische Studien kulturübergreifend zeigen, dass ein Zusammenhang zwischen Gesundheit und Tierhaltung besteht: Eine Längsschnittstudie von Heady, Na, Grabka & Zheung aus dem Jahr 2004 erhob Daten in Deutschland, Australien und China. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass Tierbesitzer oder solche, die sich in der Zeit der Untersuchung ein Tier anschafften, weniger häufig Arztbesuche vornehmen mussten als die, die kein Haustier besaßen. Die Ergebnisse würden sich mit vorangegangenen Quer- und Längsschnittstudien decken (Prothmann, 2007, S. 22-23). Weitere Studien zeigten messbar bessere physiologische Parameter bei Tierbesitzern als Indikatoren für eine bessere Gesundheit und höhere Überlebenschance im Krankheitsfall. An dieser Stelle soll beispielhaft auf Arbeiten von Erika Friedmann (1980) zu diesem Thema verwiesen werden, da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, den vorhandenen Forschungsstand genauer auszuführen.

1.2.2 Psychologische Wirkungen

Die im vorigen Teilkapitel beschriebenen physiologischen Effekte auf Heimtierbesitzer sind schwer von ihren psychologischen Zusammenhängen zu trennen, da eine gute körperliche Gesundheit auch ein wachsendes psychisches Wohlbefinden zulässt. Die physiologischen Effekte aus den Längsschnittuntersuchungen seien vorrangig zurückzuführen auf die aktivere und gesündere Lebensweise der Tierhalter, die durch die Pflege ihrer Schützlinge regelmäßiger in Bewegung und bestrebter seien, sich gesund zu ernähren sowie einen geregelteren Tagesablauf hätten, als nicht Heimtierbesitzer (Prothmann, 2007). Auch Alkohol- und Nikotinkonsum würden in der Regel eingeschränkt. Ein Tier kann aber auch die Motivation steigern, nach einer Operation oder Krankheit möglichst schnell wieder mobil zu werden, um die Pflege fortzuführen, was im Genesungsprozess verschiedenster Erkrankungsbilder einen positiven Einfluss haben kann.

In einem Themenheft des Robert-Koch-Institutes in Berlin von 2003 werden Chancen und Risiken von Heimtierhaltung gegeneinander aufgewogen. Es wird betont, wie wichtig eine sinnvolle Lebensaufgabe, ein gutes soziales Umfeld, sowie die funktionale Bewältigung von Stressfaktoren für Gesundheit und Wohlbefinden des Menschen seien. Die Versorgung eines Haustieres gebe das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun und gebraucht zu werden. Die im Umgang mit dem Tier erworbenen pflegerischen Fähigkeiten würden zur Stärkung von Selbstvertrauen und Selbstachtung beitragen (Rosenkoetter 1991, zit. nach Robert-Koch-Institut, 2003). Die Versorgung eines Tieres und die damit verbundene Aufmerksamkeit auf dessen Bedürfnisse könne auch die Sensibilität für eigene Bedürfnisse und Ressourcen erhöhen und den Druck hin zu aktiver Problembewältigung steigern (vgl. Prothmann, 2007a, S. 26). Zu einem besseren Selbstwertgefühl beitragen könne weiterhin die Tatsache, dass Tiere sich an ‚ihren‘ Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozioökonomischen Status binden. Ihre Zuneigung ist bedingungslos und nicht gebunden an Leistung oder bestimmte Charaktereigenschaften.

Von der flexiblen Verfügbarkeit eines Haustieres profitieren insbesondere Kinder und Jugendliche, wie Bergler und Hoff in einer Untersuchung über das Erleben von Kindern und Jugendlichen in der Großstadt beschreiben, da „[…] Bedürfnisse nach Harmonie, Zuwendung und sozialer Unterstützung [werden] von den eigenen Eltern nur in begrenztem Ausmaß befriedigt […]“ (Bergler & Hoff, 2000). Weiterhin führte Bergler (2003) eine Untersuchung mit Katzenhaltern durch, und stellte fest, dass die Tierbesitzer eine Lebenskrise deutlich lebenszugewandter bewältigten und mehr sozialen Kontakt zu anderen Menschen suchten als Personen ohne Hauskatze. Das Wahrnehmen der Lebensfreude und Vitalität eines Tieres gepaart mit der Vertrautheit könne Trost spenden. In Kombination mit der aktivierenden Wirkung könne dies eine antidepressive, beziehungsweise antisuizidale Wirkung erzeugen (Prothmann, 2007).

1.2.3 Soziale Wirkungen

Tiere können ein breites Spektrum an sozialen Interaktionsmöglichkeiten eröffnen: Zunächst einmal kann ein Tier ein fundamentales Bedürfnis des Menschen nach Nähe befriedigen, welche in unserer westlichen Welt im sozialen Kontext kaum noch erfahren wird, da mehr Berührung als ein Händeschütteln zu Begrüßung und Abschied in der Regel weit über die gesellschaftlichen Konventionen hinaus ginge. Noch extremer ist diese Beklommenheit häufig im Umgang mit physisch oder psychisch kranken Personen. An dieser Stelle könne ein Tier den interpersonalen Kontakt erleichtern, Menschen ein Gefühl von Geborgenheit und Gemeinsamkeit geben (Prothmann, 2007). Doch nicht nur das Tier selbst gebe dem Menschen das Gefühl von Gesellschaft und Kontakt, und hebt dadurch Gefühle von Isolation und Einsamkeit auf. Es macht gleichzeitig notwendig, aktiver zu sein, und erleichtert die Aufnahme von sozialen Kontakten, denn indem es Gesprächsstoff bietet, erfüllt es eine „Eisbrecher“ - Funktion, in der Literatur auch häufig als sozialer Katalysator bezeichnet. Hierbei spielt auch die soziale Attribution eine Rolle, die einem Haustier zugeschrieben wird: Es kann als ein „Statussymbol“ oder aber als „Sympathiebonus“, angesehen werden, welches zwanglosere und offene Interaktionen ermöglicht (vgl. Tab. S. 29, Prothmann, 2007).

1.3 Erklärungsansätze der Verbindung zwischen Mensch und Tier

Die Thematik der Mensch-Tier-Beziehung beschäftigt Wissenschaftler aus Soziologie, Psychologie und Philosophie und kann seither nicht allgemeingültig erklärt werden. Die gemeinsame Entwicklungsgeschichte der Säugetiere, die eine evolutionär bedingte, archaische Verbindung von Mensch und den Tieren mutmaßen lässt, scheint ein logischer, und grundlegender Punkt zu sein, jedoch besteht an dieser Stelle noch eine große Kluft zwischen dieser These und der offensichtlichen Wichtigkeit des Tieres für den Menschen; ganz zu schweigen von der positiven Wirkung, die der Umgang mit Tieren auf das Wohlbefinden von menschlichen Individuen haben kann. Im Folgenden sollen daher weitere Erklärungsansätze aufgezeigt werden.

1.3.1 entwicklungspsychologischer und psychoanalytischer Ansatz

Mensch und Tier teilen Eigenschaften, die alle Säugetiere miteinander verbinden: Zweifelsohne gibt es gewisse physiologisch-morphologische Gegebenheiten, wie die Anordnung von Mund, Nase und zwei Augen, die eine gewisse Identifikation mit manchen Tierarten möglich machen können und unter Umständen ein Gefühl von Verbundenheit und Nähe erzeugen, trotz der arttypischen Distanz. Die Ähnlichkeit in der Aufzucht von Nachkommen ist Förster zufolge ein wichtiger Punkt in der Erklärung des schnellen Aufbaus emotionaler Beziehungen zu anderen Säugetieren. Vor allem die Aufzucht von kleinen Säugetieren werde daher so gerne verfolgt und gefördert (Förster, 2005; Klüwer, 2005). Überdies bringen McCormick und McCormick (2000) auch den Aspekt der neurophysiologisch ähnelnden Gegebenheiten als Basis für das Gefühl von Verwandtschaft und Identifikation an: Zwar ist die Großhirnrinde beim Menschen am höchsten entwickelt, jedoch entsprechen tiefere Schichten in Struktur und Funktionalität denen anderer Spezies. Dies könnte grundlegend für eine Erklärung von Parallelen von Instinkten und Sozialverhalten sein (ebenda).

Gebhard (1993; 1994) betrachtete die Beziehung zwischen Mensch und Tier aus psychoanalytischer und entwicklungspsychologischer Sicht. Es ließe sich feststellen, dass am Anfang des menschlichen Lebens eine umfassende Verbundenheit des Kindes mit allen Aspekten der Umwelt beobachtbar ist. Dies sehe er begründet in dem Fehlen von Reflexionen des jungen Menschen über seine Umwelt in gesellschaftlich vorgegebenen Schemata. Erst durch die Entwicklung von hohen kognitiven Fähigkeiten und der Entwicklung des Bewusstseins für sich selbst, sowie auch durch zivilisatorische Prägungen geschehe die Trennung des Menschen von der Natur (vgl. Olbrich, 1997). Auch Sigmund Freud habe 1930 bereits in „Das Unbehagen der Kultur“ beschrieben, dass die Trennung zwischen dem Ich der Person und ihrer Umwelt bedingt sei durch zivilisatorische und kulturelle Gegebenheiten . In der Psychoanalyse wird die Verbundenheit des Kindes durch eine anfängliche, symbiotische Verschmelzung mit der Mutter erklärt. Sie kann auch auf „die nichtmenschliche Umgebung“, also auf sonstige primäre Objekt in der Umwelt des kleinen Kindes bezogen werden, wobei es hierbei um positive Erfahrungen aus Beziehungen zu ebendiesen Objekten geht. Tiere, mit denen ein Mensch in Kontakt tritt, könnten diesem in gewisser Weise vermitteln, dass die ursprüngliche Verbundenheit mit der Welt auch noch weiter existent ist, und ihm so ein „basales Heimatgefühl“ vermitteln (Olbrich, 2002, S. 5). Letztlich ist auch auf kognitiver Ebene erkennbar, dass ein Individuum ständig in Verbindung zu seiner Umwelt steht. Beim Kind kann dies durch die durch Jean Piaget beschriebenen reflexartigen Prinzipien von Assimilation, also die Adaption von neuen Erfahrungen in bereits bekannte Schemata, und Akkommodation, der Anpassung eines Schemas an neue Gegebenheiten, beobachtet werden (vgl. Olbrich, 2002).

1.3.2 Anthropomorphismus und Du-Evidenz

Unter Anthropomorphismus versteht man die Übertragung menschlicher Eigenschaften auf Nichtmenschliches, insbesondere auf Vorstellungen von Gott als menschenähnliches Wesen oder auf beseelte Naturereignisse, sowie die Vermenschlichung von Tieren (Brockmann, 2002). Unterschieden werden hierbei im Speziellen die Anthropomorphisierung von Naturphänomenen von jener von Tieren, da er im Tier ein Objekt sieht, welches dem Menschen tatsächlich physiologisch und psychologisch ähnlich ist (s. Kapitel 1.3.1). Er bezeichnet diesen Prozess somit als einen durchaus berechtigten Vorgang der Einfühlung.

Sich auf Serpell (1990) beziehend könne davon ausgegangen werden, dass auch höherentwickelte Tiere den Menschen ebenfalls als ihre Artgenossen konzeptualisieren, was in Anlehnung an den Begriff der Anthropomorphisierung als „Zoomorphisierung“ bezeichnet wird (Brockmann, 2002, S. 132). Dem Prozess des anthropomorphisierenden Verhaltens unweigerlich voran gestellt gilt ein spezielles Erlebnismoment des subjektiven Du-Erlebens, also die Wahrnehmung des Tieres als autonomes Wesen, als gleichwertiger Partner im geteilten Lebensraum. Hierzu soll ein weiterer Begriff eingeführt werden: Die Du- Evidenz. Der Begriff der Du-Evidenz wurde erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts von Karl Bühler in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen eingeführt. Etwa zehn Jahre später wurde er von Geiger und unabhängig 1965 von Konrad Lorenz auf die Mensch-Tier-Begegnung bezogen. Du-Evidenz beschreibt den Aspekt der Beziehung zwischen Mensch und Tier, der es erlaube, Bindungen zu knüpfen, die sonst nur typisch für Menschen, oder zumindest Angehörige der gleichen Spezies seien (Brockmann, 2002). Die Sonderstellung, die dem du-evidenten Tier zukomme, spiegelt sich laut Förster (2005) vor allem in der Vergabe eines Namens wider, welcher es von allen anderen Tieren der gleichen Art abhebt, und ihm somit eine übergeordnete Stellung als signifikanten Anderen zuschreibt. Von der Evidenz eines den höher entwickelten Tieren innewohnenden Zoomorphismus ausgehend, kann hieraus nach einer möglichen biologischen, beziehungsweise genetischen Präformation für diese Art der Konzeptualisierung anderer Lebewesen gefragt werden. Ein Denkansatz dazu ist die Biophilie -Hypothese.

1.3.3 Biophilia

Der Name der sogenannten Biophilie-Hypothese vom Soziobiologen Edward O. Wilson (1984) lässt sich ableiten von den altgriechischen Wörtern bios ‚Leben‘ und philia ‚Liebe‘, und bedeutet damit so viel wie ‚Liebe zum Leben‘. Die Hypothese bezieht sich im Kern auf die vielen Lebenszyklen der Koevolution und Bezogenheit aufeinander von Menschen mit den Arten in seiner Umwelt. Im darwinistischen Sinne sei der heutige Mensch ein an seine spezifische Umwelt angepasstes Produkt seiner Evolution. Seine Phylogenese sei im Wesentlichen Anpassung an sein Biotop gewesen. Hieraus ließe sich eine „komplexe Bezogenheit der Menschen auf eine reich gegliederte lebendige Welt“ (Brockmann, 2002, S. 135) logisch schließen. Seine Abhängigkeit von der Natur sei ihm instinktiv bewusst, indem er sich von Geburt an mit der Natur und den darin beheimateten Wesen verbunden fühle. Der Mensch nehme folglich Informationen über von der Umwelt ausgehende Sicherheit oder Gefahr mitunter durch ihn umgebende Tiere wahr, die mit ihren hoch differenzierten Sinneswahrnehmungen in der Lage sind, Gefahren weitaus frühzeitiger zu erkennen. Daraus resultiert demnach die eigene Entspannung beim Anblick eines entspannten Tieres (Vernooij & Schneider, 2008, S. 5). BIOPHILIA geht hin bis zu der Annahme, dass diese Verbindung zwischen Mensch und Natur notwendig sei zur Aufrechterhaltung der Gesundheit des einzelnen Menschen. Die Entwicklung zu einem Kulturwesen löste den Menschen allerdings in vielen Teilen von seiner Instinktgebundenheit ab, bedingt durch seine neue, zivilisatorische Lebensart. Dies erfolge zu einem Preis, den der Mensch mit seiner Leistungsfähigkeit, seinem Wohlbefinden, und im extremsten Falle auch mit seiner Gesundheit zu bezahlen habe. (Hierzu soll auf Kapitel 1.2.1 und 1.2.2 verwiesen werden, in denen bereits die bessere physische und psychische Gesundheit von Tierhaltern gegenüber Nichttierhaltern beschrieben wurde). Wenn höher entwickelte Tiere nun die Fähigkeit haben, sich nicht nur die eigene, sondern auch andere Arten bezüglich ihrer körperlichen und psychischen Verfassung verständlich zu machen, um ihre Fitness im darwinistischen Sinne zu erhöhen und ursprünglich das Überleben auf der Savanne zu gewährleisten, so ist das mit dem Begriff des animal minding beschreibbar zu machen (vgl. Shepard, 1993). Es müsse davon ausgegangen werden, dass dieser Vorgang genetisch fixiert sei, denn er entziehe sich auch beim Menschen dem Bewusstsein, und beginne schon in frühester Kindheit. Brockmann bringt hierzu in seinem Aufsatz über „Anthropomorphisierung und Du-Evidenz in der MenschTier-Beziehung“ das Beispiel eines Pferdeflüsterers an, dem das Pferd spielerisch und annähernd zeitgleich durchaus komplexe Bewegungsmuster nachahmt (vgl. Brockmann, 2002, S. 139). Die grundlegende Fähigkeit zur Einfühlung in Individuen anderer Arten, begleitet von Nachahmungsprozessen, erwecke im Menschen das Gefühl von Ähnlichkeit zwischen ihm und einem ihm gegenüber stehenden Tier, was wiederum die Erfahrung der Du-Evidenz vertiefe. Wie weiter oben bereits erwähnt führt die kulturell implizierte Grenzziehung zwischen Tier und Mensch zu der ebenfalls bereits beschriebenen Trennung dieser ursprünglichen und gesundheitsförderlichen Verbindung. Es erscheint daher nicht verwunderlich, dass das Tier doch wieder im Alltag des Menschen in Erscheinung tritt: In einer kulturell akzeptierten Form, als ‚Heim- oder Kuscheltier‘ oder eben als ‚Sportpartner‘ (vgl. Brockmann, 2002).

Letzen Endes sei überdies auch die Frage nach der Identität des Menschen an die Frage nach derer des Tieres gebunden. Die Tatsache, dass der Mensch ein Gattungswesen ist, mache es ihm unmöglich, sich ohne das Tier zu begreifen (Böhme, 2010). Die Sprache sei der Aspekt, der den Menschen am stärksten vom Tier unterscheide. In der Annahme, dass das Sprechen den Menschen vom Tier unterscheidet, und gleichzeitig „Werkzeug“ der Auseinandersetzung mit ihm ist, scheint es nicht verwunderlich, dass ein Tier eben das Sprechen anstoßen kann (Brockmann, 2002, S. 145). Sei es im sozialen Kontakt mit anderen Menschen (s. Kapitel 1.2.3) oder als spontaner Auslöser für Äußerungen eines Kindes. Unter diesem Aspekt lässt sich spätestens eine Brücke zum Thema ‚Psychotherapie mit dem Tier‘ herstellen.

2. Mensch und Pferd - Grundlagen in der Beziehung

Nachdem in den vorangegangenen Kapiteln Grundzüge der Mensch-TierBeziehung aufgezeigt wurden, soll es in diesem Teil um die spezielle Beziehung zwischen Mensch und Pferd und die aus ihr resultierenden Aspekte für potentielle heilsame Interaktionen gehen. Generell nimmt das Pferd unter den Mensch-TierBeziehungen eine gesonderte Stellung ein, weil durch seine Fähigkeit, den Menschen zu tragen, ein weiteres, vielfältiges Erfahrungsfeld eröffnet wird. Begonnen wird an dieser Stelle wieder mit einem historischen Blick auf die enge Koevolution dieser beiden Spezies. Im Weiteren geht es um Spezifitäten des Pferdewesens, wozu zunächst auf den Aspekt der Symbolik, die das Pferd für den Menschen hat, geblickt wird. In den folgenden beiden Teilkapiteln werden die Beziehungsqualitäten, sowie die eng damit verknüpften Besonderheiten in der Kommunikation mit dem Pferd dargestellt, welche grundlegend für heilende Tätigkeiten sind.

2.1 Koevolution von Mensch und Pferd

Mitte des 19. Jahrhunderts in Nordamerika gefundene Fossile des sogenannten ‚Ursprungspferdes‘ lassen sich entwicklungsgeschichtlich etwa 75 Millionen Jahre zurückverfolgen. Diese frühen Equiden von der Größe eines mittelgroßen Hundes erhielten den Namen ‚Eohippus‘, was aus dem Griechischen etwa ‚Pferd der Morgenröte‘ bedeutet. Sie entwickelten in Anpassung an die sich zu einer Steppe hin verändernde Umwelt längere, kräftige Beine zum schnellen Laufen, und ihre Zehen wuchsen zu Hufen zusammen. Die Augen befanden sich weit seitlich am Kopf, um auf der Steppe eine gute Rundumsicht zu gewährleisten (vgl. Förster, 2005, S. 57). Die ersten domestizierten Pferde gab es laut Experten der Cambridge Universität vor bereits 6000 Jahren in den östlichen Steppengebieten Eurasiens (Warmuth et al., 2012). Archäologische Funde im heutigen Kasachstan lassen darauf schließen, dass Pferde dort bereits seit 5500 Jahren gezielt gezüchtet, geritten und gemolken wurden. Dies zeigt, dass die Tiere bereits über den reinen Lebenserhalt als Fleisch- und Felllieferanten hinaus, eine gesellschaftliche Rolle spielten (Frater, 2009). Durch die Pferde erlangte der Mensch mehr Mobilität, indem er es als Lasten- und als Reittier nutzen konnte. Mit der zunehmenden landwirtschaftlichen Entwicklung konnten Pferde gezielter ernährt und für bestimmte Zwecke gezüchtet werden und erhielten unter wirtschaftlichen und militärischen Gesichtspunkten große Wichtigkeit. Letztlich waren die Eroberung der Welt, und die Kriegsführung jene Bereiche in der Geschichte, in denen das Pferd dem Menschen zur Seite stand. Ohne die Domestikation und Nutzung der Equiden, so lässt es sich annehmen, hätte die Menschheitsgeschichte wohl nicht den gleichen Verlauf genommen (Förster, 2005).

Die physischen Leistungen des Pferdes wurden im Zuge der Industrialisierung entbehrlich für den Menschen. Die Nutzung im Sport allerdings blieb und bildete sich weiter aus. Erstaunlich ist, dass das Pferd nach wie vor seine „Daseinsberechtigung“, wie Förster es beschreibt, in erster Linie in der „‘Verwendbarkeit‘ im Dienste des Menschen erhält“ (ebenda, S.59), indem es als Statussymbol für sportlichen Ehrgeiz und wirtschaftlichen Erfolg steht, und Werte wie Tierliebe oder Experimentierfreudigkeit verkörpere, und nicht zuletzt einen wachsenden Stellenwert für Therapiezwecke innehat.

2.2 Das Wesen des Pferdes

Pferde gelten weithin als liebens- und achtenswert, lernfreudig und gutmütig. Es wird ihnen, über einen allein mystischen Aspekt hinaus, eine liebevolle, von Zuneigung und Liebe geprägte Grundhaltung zugeschrieben, die allein dadurch bestätigt werden kann, dass es Pflanzenfresser und Fluchttier ist: Es hat weder scharfe Zähne, noch Klauen und sein weiches Fell, lässt es eher wie ein riesiges „Streicheltier“ wirken (Hanneder, n.d.; Klüwer, 2008). Das Pferd begegnet dem Menschen, im Gegensatz zu anderen Tieren, auf Augenhöhe, was Respekt ihm gegenüber abfordert, aber gleichzeitig Vertrautheit schafft (Hanneder, n.d.). „Seine Größe und Präsenz zwingen uns dazu, körperlich, geistig und spirituell bewusster […] zu sein. Dieser erhöhte Bewusstseinszustand führt zu erneuerter Einfühlsamkeit und Erregung, und bringt uns buchstäblich wieder zu Sinnen.“

(McCormick & McCormick, 2000, S. 29). Im Gegensatz zu Hunden wollen Pferde nicht so sehr gefallen, weil sie „einen großen Teil ihrer ursprünglichen Wildheit“ (ebd., S. 29) behalten haben. Sie wirken dadurch willensstärker und unabhängiger. Diese Wildheit in Kombination mit der dem Menschen in enormem Maße überlegenen Stärke, macht es notwendig, dass der Mensch ihm mit Respekt und Wachsamkeit begegnet und sich ihnen geistig präsent nähert (ebenda).

2.2.1 Symbolik

Der ausgeprägte Symbolwert des Pferdes für den Menschen, der wohl entwicklungsgeschichtliche Ursprünge hat, spiegelt sich deutlich in Überlieferungen und Mythen wider. Als Fluchttier Aggressivität und Kampf nach Möglichkeit vermeidend, entstand seit jeher das Bild von Reinheit und Frieden, welches symbolische Pferdegestalten wie Einhörner oder Pegasoi verkörperten. Wie auch andere Tiere, wurde das Pferd - vor allem weiße Exemplare - vielfach mit Göttern in Verbindung gebracht, entweder als Boten zwischen den Welten der Lebenden und der Toten, oder selbst als Gottheiten verehrt, wie zum Beispiel die keltische - weiße - Stutengöttin „Epona“. Götterhafte Pferde wurden häufig mit telepathischen und prophetischen Eigenschaften dargestellt, die ihre Reiter vor Gefahren warnten. Halb Pferd im Unterkörper stellt der Zentaur in der Mythologie die wilde, tierische Natur des Menschen dar, verbunden mit der Kultivierung dieser Triebe im menschlichen Haupt, als Versuch der Aufhebung ebendieser Trennung (vgl. McCormick & McCormick, 2000). Auch in der analytischen Psychologie C. G. Jungs stehen im Speziellen junge Pferde für ebendiese Triebhaftigkeit im Menschen. Jung sieht dies verankert in der archetypischen Symbolik, die das Pferd im kollektiven Unbewussten des Menschen innehabe. Ferner ist das Pferd auch heutzutage mit positiven Eigenschaften besetzt, die sich auf seine physischen Eigenschaften wie Kraft, Schnelligkeit und Eleganz beziehen und es in Verbindung mit Macht, Majestät und Freiheit bringen, oder es sogar in die Rolle eines „Statussymbols“ bringen (vgl. Förster, 2005, S. 59-61).

[...]

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Wirkfaktoren Pferdegestützer Psychotherapie. Hinweise auf die Wirkung und Möglichkeiten pferdegestützter Psychotherapie unter besonderer Berücksichtigung des Krankheitsbildes akuter Depression
Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Stendal
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
66
Katalognummer
V351983
ISBN (eBook)
9783668384828
ISBN (Buch)
9783668384835
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tiergestützte Therapie, Psychotherapie, Depression
Arbeit zitieren
Elina Herrmann (Autor), 2015, Wirkfaktoren Pferdegestützer Psychotherapie. Hinweise auf die Wirkung und Möglichkeiten pferdegestützter Psychotherapie unter besonderer Berücksichtigung des Krankheitsbildes akuter Depression, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351983

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