Beleidigungen als verbale Gewalt. Ein Diskurs über ihre sprechakttheoretischen Formen und Funktionen


Seminararbeit, 2015

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gewalt durch Sprache
2.1 Unterscheidung von sprachlicher und körperlicher Gewalt
2.2 Kontexte und Typen der kommunikativen Gewalt

3. Zur Theorie der Sprechakte - Was passiert, wenn wir sprechen?

4. Funktionen und Formen der Beleidigung
4.1 Funktionen von Beleidigungen
4.2 Formen der Beleidigungen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff „Gewalt“ lässt zumeist spontan an die physische Gewalt, also an Schlägereien, Folterungen oder an Polizeieinsätze denken. Dabei wird außer Acht gelassen, dass auch eine psychische Gewalt existiert, deren Instrument der Vermittlung häufig die Sprache ist. Doch wie kann Sprache nicht nur Gewalt androhen oder beschreiben, sondern sie auch selbst ausüben? Worte brechen einem Körper nicht die Knochen oder fügen ihm Wunden zu und trotzdem wird davon gesprochen, dass mit Sprechhandlungen Gewalt vollzogen wird.

Das Ziel der vorliegenden Seminararbeit ist es, an Hand des Beispiels der Beleidigung zu zeigen, dass man mittels Sprache Gewalt vollziehen und ausüben kann. Des Weiteren sollen die Funktionen und Formen von Beleidigungen analysiert werden. Dazu wird zunächst untersucht, was unter sprachlicher Gewalt im Allgemeinen zu verstehen ist, wie sich ihre physischen und psychischen Aspekte unterscheiden lassen, in welchen verbalen Äußerungen sie auftritt und in welchem Kontext sie zu finden ist. Anschließend wird auf die Sprechakttheorien von John L. Austin und John R. Searle eingegangen. Sie sollen zum besseren Verständnis über das dienen, was passiert, wenn wir sprechen und wie mit Hilfe von Sprache Handlungen vollzogen werden können. Dies soll in der späteren Analyse der Beleidigungen dazu dienen, die sprachlichen Daten des Sprechaktes der Beleidigung besser verorten zu können. Abschließend werden alle Ergebnisse noch einmal zusammengefasst und bewertet.

2. Gewalt durch Sprache

Sprache ist ebenso wie andere kommunikative Mittel offen für verschiedene Verwendungen, so kann sie in ihren Wirkungen auf die Adressaten sehr positiv und wohltuend bis hin zu sehr negativ und gewalttätig sein. Schon seit dem Mittelalter lassen sich Nachweise dafür finden, dass der Terminus der „Gewalt“ (mhd. „gewalt“) die fragwürdige oder unrechte Schädigung einer Person bezeichnet. Des Weiteren lassen sich Bedeutungsüberschneidungen mit den Begriffen „Macht“ und „Herrschaft“ feststellen.[1] Die Bedeutungsvielfalt des Wortes kann den Aspekt der „Gewalt durch Sprache“ in vielen verschiedenen Perspektiven erscheinen lassen. Aufgrund dessen wird im Folgenden der Begriff der „Gewalt“ definitorisch begrenzt. Elke Koch definiert den Begriff der „Gewalt“ als ein destruktives Handeln mindestens einer Person „gegenüber einer oder mehreren anderen, ohne dass diese in die Ausführung der Handlung eingewilligt hätte(n)“.[2] Diese Definition soll in dieser weiteren sprechakttheoretischen Untersuchung wegweisend sein und lässt darauf schließen, dass unter dem Ansatz „Gewalt durch Sprache“ zu verstehen ist, dass man mit der Gewalt in der Sprache eine Handlung vollzieht.[3] Letztendlich wird mit der verbalen Gewalt nicht nur etwas angedroht oder dargestellt, sondern es wird mit ihr auch etwas angetan und vollzogen. Somit stellt die Sprache eine Realität her. Durch diese Funktion der Sprache wird sie zu einem Mittel der Macht und somit auch zu einem Instrument der Gewalt. Wichtig dabei ist es zu beachten, dass Sprache als solche nicht gewalttätig ist, sondern dass sie gewalttätig werden kann in kommunikativen Akten, die in konkreten Situationen vollzogen werden.[4] Durch Gewalt in der Sprache verletzt zu werden, bedeutet der Selbstkontrolle beraubt zu werden. Dem Adressaten einer verbalen Verletzung wird die Fähigkeit genommen, die Situation des Sprechaktes zu kontrollieren und sie wird somit gesichtsbedrohend.[5]

2.1 Unterscheidung von sprachlicher und körperlicher Gewalt

Zwischen sprachlicher und körperlicher Gewalt besteht eine enge Beziehung und inwieweit beide voneinander getrennt werden können, ist nach wie vor ungeklärt. Wenn Worte zur Deklassierung einer Person nicht mehr ausreichen, wird häufig zum Mittel der physischen Gewalt gegriffen. Auch gehen physische und psychische Gewalt oftmals in einer Nötigungssituation einher, wie zum Beispiel bei einer Folterung. Dieser enge Bezug rührt zum Beispiel daher, dass das Verständnis der verbalen Verletzungsgewalt durch die Analogie eines Gewaltbegriffes geprägt ist, der sich auf die körperliche Misshandlung bezieht. So gibt es für die sprachliche Verletzung bzw. Gewalt keine spezifische Sprache. Dadurch wird man gezwungen, das Vokabular für die sprachliche Verletzbarkeit aus dem Begriffsbereich der körperlichen Verletzung zu entlehnen. Wenn also verbale und somit auch psychische Gewalt in Erscheinung treten, verknüpfen sich ein sprachliches und ein physisches Wortfeld. Begrifflichkeiten wie „verwunden“ oder „verletzen“ suggerieren, dass man aufgrund bestimmter „Handlungsweisen der Sprache das Hervorrufen eines körperlichen Schmerzes und die Verletzung parallel setzen kann.“[6] Dass die Beschreibungen der sprachlichen Gewalt stets auf körperbezogene Metaphern zurückgreifen, zeigt, dass sie Einfluss auf das körperliche Wohlbefinden hat. Trotzdem ist die verbale von der körperlichen Gewalt zu trennen, denn nicht erst aus der Verbindung mit der körperlichen Gewalt bezieht die Sprache ihre Verletzbarkeit, sondern sie ist selbst gewalthaft, insbesondere in Form von Sprechakten, die andere deformieren.[7] Die physische Gewalt ist oft unübersehbar und laut, wohingegen die verbale Gewalt oftmals unsichtbar ist und somit schwer zu erkennen. Denn im Gegensatz zu der körperlichen verursacht die verbale Gewalt keine blutenden Wunden oder Knochenbrüche. Sie ist häufig nicht juristisch zu greifen. Sie bleibt im Verborgenen und kommt zum Einsatz bei sozialen Konflikten und Machtgefällen. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass körperliche Gewalt jemandem zurechenbar ist, wohingegen die verbale Gewalt oft der Sensibilität des Empfängers zugeschrieben wird.[8]

2.2 Kontexte und Typen der kommunikativen Gewalt

Austragungsorte der sprachlichen Gewalt sind zumeist alltägliche gesellschaftliche Interaktionen.[9] Der Ansatz „Gewalt durch Sprache“ sieht Gewalt nicht intrinsisch mit der Sprache verbunden, sondern als eine Form des Handels mit der Sprache. Gewalt in der Sprache wird demzufolge dadurch vollzogen, dass man mit Worten etwas tut.[10] Dementsprechend tritt verbale Gewalt in verschiedenen Formen von Beleidigungen, Verleumdungen, Beschimpfungen, Diskreditierungen, Herabminderungen, Missachtungen und Demütigungen auf.[11] Aber man findet sie auch in der Form des Schimpfens, des Fluchens oder beim Mobbing.[12] Ein wichtiger Parameter bei der Untersuchung von sprachlicher Gewalt ist, ob ein aggressiver Sprechakt gerichtet oder ungerichtet ist, d.h., ob ein kommunikativer Akt an jemanden adressiert ist. Dabei wird noch die Unterscheidung getroffen, ob der Sprechakt sich gegen einen Angehörigen einer Gruppe oder gegen ein Individuum richtet.[13] Flüche mit einer sexistischen oder vulgären Ausdrucksweise können beispielsweise einen Zuhörer belästigen oder verletzen, dennoch kann man in diesen Fällen nicht immer von einer Verletzung sprechen, denn die Äußerung ist ungerichtet. Hingegen sind Akte wie Beschimpfungen und Verleumdungen gerichtet und stellen somit eine sprachliche Gewalttätigkeit dar. Es ist auch zu unterscheiden, ob der Hörer bzw. die Hörerin eines aggressiven Sprechaktes auch gleichzeitig der Adressat bzw. die Adressatin ist.[14] Viele linguistische Beiträge zur verbalen Gewalt beziehen sich auf konventionalisierte Mittel (z.B. Schimpfwörter). Konventionale Schimpfwörter sind kultur- und teilweise sprachspezifisch, so werden im Deutschen niedere Tiere (z.B. „Drecksau“) und Wörter aus dem Fäkalienbereich (z.B. „Scheißkerl“) benutzt, um andere zu diffamieren.[15] Des Weiteren beruht sprachliche Gewaltausübung auf dem Zusammenspiel von verschiedenen kontextuellen Faktoren, z.B. müssen bei einem Adressaten bzw. einer Adressatin Vorurteile oder negative Stereotypen aktiviert werden, wenn bei einer Redewendung jemand oder etwas abgewertet werden soll (z.B. „Wir sind hier in Deutschland“).[16] Zu den relevanten kontextuellen Dimensionen für eine Typologie sprachlicher Gewalt gehört auch die Beziehung zwischen dem Sender bzw. Sprecher und dem Empfänger bzw. Zuhörer. Dabei spielt es eine Rolle, ob ihr Verhältnis symmetrisch oder asymmetrisch ist. Die Wahrheit, wenn sie auch eher zur semantischen Eigenschaft von Äußerungen gehört, kann eine Verletzung darstellen. Dabei handelt es sich zumeist um offensichtliche Wahrheiten, so dass sie zu kommunizieren keinen informativen Zweck hat, sondern eine Verletzung darstellt. Die Verletzung beruht also darauf, dass eine vermeintliche Wahrheit generell ausgesprochen wird, nicht auf dem was sie beinhaltet.[17] Viele Termini für verbale Aggression im Deutschen, wie „bloßstellen“, „demütigen“, „lächerlich machen“, etc. nehmen auf die Dimension der Öffentlichkeit Bezug. Die Anwesenheit eines Publikums kann bei einer verbalen Verletzung besonders verletzend sein, denn dadurch wird unsere Existenz als soziales Wesen bedroht.[18] Bei verbalen Verletzungen durch Mobbing ist es von Bedeutung, ob diese sich wiederholt. Wenn sie einmalig geäußert wird, ist dies keine sprachliche Gewalt. Des Weiteren kann verbale Gewalt auch zum Ausdruck gebracht werden, indem man eine kommunikative Handlung, in Kontexten, in denen sie erwartet wird, unterlässt.[19]

[...]


[1] S. Koch 2010:11

[2] Koch 2010:12

[3] Vgl. Hermann / Kuch 2007:16

[4] S. König / Stathi 2010:46

[5] Vgl. Butler 2006:13-14

[6] Butler 2006:14

[7] Vgl. Koch 2010:12

[8] Vgl. Hermann / Kuch 2007:8

[9] S. Hermann / Kuch 2007:7

[10] S. Hermann / Kuch 2007:17

[11] Vgl. Trömel-Plötz 1984:50

[12] Vgl. Herrmann Kitty / Kuch 2007:17

[13] Vgl. König / Stathi 2010:50-52

[14] Vgl. König / Stathi 2010:51-52

[15] Vgl. König / Stathi 2010:54

[16] S. König / Stathi 2010:54

[17] Vgl. König / Stathi 2010:54-57

[18] S. König / Stathi 2010:56

[19] Vgl. König / Stathi 2010:58-59.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Beleidigungen als verbale Gewalt. Ein Diskurs über ihre sprechakttheoretischen Formen und Funktionen
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V351995
ISBN (eBook)
9783668384033
ISBN (Buch)
9783668384040
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verbale Gewalt, Sprechakttheorie, Linguistik, Pragmatik
Arbeit zitieren
Insa Schindler (Autor:in), 2015, Beleidigungen als verbale Gewalt. Ein Diskurs über ihre sprechakttheoretischen Formen und Funktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351995

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