Der Natureingang im Minnesang. Walther von der Vogelweide und Neidhart von Reuental im Vergleich


Hausarbeit, 2015

21 Seiten, Note: 2,00


Leseprobe

Inhaltsübersicht:

1. Einleitung

2. Allgemeines zum Natureingang im Minnesang
2.1. Stellung des Natureingangs im Lied
2.2. Funktionen des Natureingangs
2.2.1. Einleitungsoptik
2.2.2. Szenischer Natureingang
2.2.3. Minnesängerisch bewegender Natureingang

3. Walther von der Vogelweide
3.1. Allgemeines zu Walthers Minneliedern
3.2. Beispiel für einen szenischen Natureingang bei Walther
3.3. Beispiel für einen minnesängerisch bewegenden Natureingang bei Walther

4. Neidhart von Reuental
4.1. Allgemeines zu Neidharts Minneliedern
4.2. Beispiel für einen szenischen Natureingang bei Neidhart
4.3. Beispiel für einen minnesängerisch bewegenden Natureingang bei Neidhart

5. Walther und Neidhart im Vergleich
5.1. Forschungsergebnisse
5.2. Vergleich in Bezug auf den szenischen Natureingang
5.3. Vergleich in Bezug auf den minnesängerisch bewegenden Natureingang

6. Fazit

7. Quellenangaben

1. Einleitung

In meiner Seminararbeit beschäftige ich mich mit dem Natureingang bei Walther und Neidhart. Zuerst werde ich allgemein auf den Natureingang im Minnesang eingehen, u.a. auf seine Funktionen und möglichen Stellungen im Lied. Des Weiteren werde ich spezifische Merkmale von Walthers und Neidharts Minneliedern aufzeigen und einen Vergleich der beiden Minnesänger anstellen. Dazu möchte ich Lieder der beiden heranziehen, um sie bezüglich ihres Natureinganges zu interpretieren und zu vergleichen. Ich werde je ein Liedbeispiel für einen szenischen und ein Liedbeispiel für einen minnesängerisch bewegenden Natureingang der beiden Minnesänger genauer ins Auge fassen. Mein Ziel ist die Herausarbeitung der typischen Motive des Natureingangs und der Walther- bzw. Neidhart-spezifischen Merkmale in den Liedern. Darauf aufbauend möchte ich ein Fazit ziehen, inwiefern sich die beiden Minnedichter bezüglich des Natureinganges ähneln bzw. voneinander unterscheiden.

2. Allgemeines zum Natureingang im Minnesang

Es ist eine lange literarische Tradition, Naturschauspiele mit Minne in Beziehung zu setzen. Meistens wird dies so gegliedert, dass am Beginn ein oder mehrere Naturstrophen stehen, auf welche die Minnestrophen folgen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Natureingang zu gestalten. Beispielsweise kann ein Mann die Strophe mit dem Wunsch nach Teilhabe an Natur- und Minnefreuden eröffnen oder mit der Klage, dass alle außer ihm fröhlich seien. Dies sind Beispiele für Natureingänge, die sich auf den Frühling oder Sommer beziehen. Wenn bei der Liederöffnung der Herbst oder Winter thematisiert werden, gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie sich das lyrische Ich angesichts der Jahreszeit verhält. Es kann entweder positiv gestimmt sein und sich trotz der düsteren Jahreszeit auf Liebesnächte freuen oder es verbindet die Klage über die Jahreszeit mit einer Liebeskummerklage.[1]

Der Natureingang ist ein festes Gebilde, welches in verschiedenen Zusammenhängen gebraucht und auf verschiedene Sprach- und Gebrauchsebenen angewendet werden kann. Daher wurde er zu einem beliebten Stilmittel vieler mittelalterlicher Dichter.

Es gibt aber auch Dichter, die es gänzlich vermeiden, sich dem Mittel des Natureingangs zu bedienen. Dies hängt mit den Grundproblemen des Minnesangs und vor allem mit den Haltungen zur Wirklichkeit und ihrer Erfassung zusammen.[2]

2.1. Stellung des Natureingangs im Lied

Der Natureingang muss nicht unbedingt als eine Einleitungsform gesehen werden, da es sich um ein selbstständiges Element handelt, dass nicht zwangsweise an den Anfang gestellt werden muss. Trotzdem wird er meist als Einleitung verwendet.

Seine Stellung im Lied ist entscheidend für die Konzeption des Natureingangs. Es gibt diese zwei Varianten:

- Stellung am Liedanfang:

Dies ist die häufigste Form, was besonders in den Liedern des Frühen Minnesangs deutlich wird. Es gibt nur wenige Ausnahmen, bei denen der Natureingang nicht die Einleitung bildet. Im Hohen Minnesang wird diese Methode zwar eher abgelehnt, doch bei den wenigen Natureingängen die man finden kann, weisen alle eine Anfangsstellung auf. Im Späten Minnesang ist die Stellung des Natureingangs uneinheitlich.

- Stellung im Liedinneren:

Diese Methode ist wichtig, um die Bedeutung der Gestalt des Natureingangs erfassen zu können. Er kann z.B. der Einleitung einer Strophe dienen, als Vergleichsfigur, als Bedeutungschiffre in einem bestimmten Zusammenhang oder als Pointe an einer hervorgehobenen Stelle. In seltenen Fällen kann der Natureingang sogar im Refrain vorkommen. Eine weitere Möglichkeit ist, dass der Natureingang im Lied als eigenes Thema diskutiert wird.[3]

Bei Neidhart kommt der Natureingang bis auf wenige Ausnahmen immer am Beginn des Liedes vor. Walther hingegen agiert sehr viel freier bei der Anordnung des Natureingangs, er verwendet ihn auf unterschiedliche Weisen. Der Zweck der reinen Einleitung ist somit bei seinen Liedern nicht zu erkennen. Er war der erste Minnelyriker, der die Anordnung des Natureingangs so frei bestimmte.[4]

2.2. Funktionen des Natureingangs

Es gibt keine Naturdichtungen im heutigen Sinne im Mittelalter, da ihr in dieser Zeit keine große Bedeutung zukam, wie man schon in der Ablehnung der Naturwissenschaften erkennen konnte. Daher wäre es in dieser Zeit unsinnig gewesen, die Natur zum Hauptgegenstand eines Gedichtes zu machen. Somit wird klar, dass der Natureingang mit Sicherheit nicht dem einfachen Schildern der Natur dient, sondern andere Funktionen erfüllt.[5]

Man kann zwischen drei verschiedenen Funktionen differenzieren, die ich nun kurz erläutern werde.

2.2.1. Einleitungsoptik

Wenn der Natureingang rein dem Zweck der Einleitung dient, wird er dem Bereich der Rhetorik zugerechnet. In diesem Fall wird im Eingang der Anlass genannt, zu dem der Dichter das Werk verfasst hat. Der Natureingang bekommt im Minnesang eine so lebendige Funktion, dass man beinahe vergisst, dass er ursprünglich dem Zwecke der Einleitung dienen sollte. Oft wird mit einer Jahreszeitenbeschreibung begonnen; in den meisten Fällen mit dem Frühling, welcher die Zeit des Gesanges repräsentiert. Manchmal gibt es auch Winterbeschreibungen.[6]

2.2.2. Szenischer Natureingang

Dieser Funktion des Natureingangs bedient sich meist das Tagelied, bei dem das Anbrechen des Morgens geschildert wird, als Zeichen, dass die Liebenden sich nun trennen müssen.

Die Verwendung dieser Funktion lässt sich schon in frühen lateinischen Texten finden. Fraglich ist jedoch, ob es sich tatsächlich immer um einen Natureingang handelt, denn oft spielt das Geschehen in einer Naturszene, sodass sich das Natur-Motiv durch den ganzen Text zieht. Es gibt aber auch Minnelieder mit einem szenischen abgeschlossenen Natureingang, wodurch die Funktion eindeutig erkennbar wird.

Walther von der Vogelweide war der erste, der mit Naturszenen arbeitete. Somit gilt er als Begründer des szenischen Natureingangs in mittelhochdeutscher Dichtung. Die meisten seiner Lieder beginnt er jedoch mit einem minnesängerisch bewegenden Natureingang.

Als Meister des szenischen Natureingangs gilt Neidhart, bei dem sehr viele Lieder einen ausführlichen Natureingang aufweisen. Sein häufigstes Motiv ist ein Streitgespräch zwischen einer Frau und einem jungen verliebten Mädchen. Dabei wird die Beschreibung der Natur zu Beginn von der älteren Frau vorgenommen.

Bei den Winterliedern hat der Natureingang zwar ebenfalls einen szenischen Charakter, doch er dient vor allem dem Zweck, zu zeigen, dass das sich die Geschehnisse des Liedes im Winter abspielen. Generell stellt der Natureingang ein szenisches Programm dar, das einem gleichzeitig Auskunft über Ort und Zeit des Geschehens gibt. Des Weiteren stellen die Jahreszeiten Symbole dar.[7]

2.2.3. Minnesängerisch bewegender Natureingang

Dem minnesängerisch bewegenden Natureingang kommt die wichtigste der drei Funktionen zu. Hier gibt es eine stereotype Wiederkehr des Natureingangs am Liedanfang oder auch an bestimmten Stellen, was auf eine bestimmte Funktion verweisen soll. Diese Form des Natureingangs ist deshalb so wichtig, weil zu dieser Zeit die Stimmungen und Gefühle nicht so frei ausgedrückt werden konnten. Sie wurden immer an Gegenstände gekoppelt, z.B. an die Natur (im Sinne von Frühlingsfreude oder Winterleid) oder an den Frauendienst. Persönliche Stimmungen konnten nicht freistehend ausgedrückt werden, weil sie nur durch die Gesellschaft ihre Existenz erhielten. Somit tritt häufig an die Stelle einer persönlichen Gefühlsäußerung der Natureingang. Dies kann auch im Liedinneren erfolgen. Oft wird er auch so verwendet, dass sich die Stimmung des lyrischen Ichs von der Stimmung der Gesellschaft unterscheidet. Z.B. könnte damit eingeleitet werden, dass alle gute Laune haben, weil Frühling ist und nur das lyrische Ich aufgrund einer unerfüllten Liebe Trauer empfindet.

Bei vielen Winterliedern fehlt die szenische Wirkung, es geht lediglich um eine Vermittlung von Stimmungen. In solchen Fällen könnte man den Natureingang als Stimmungsträger betrachten. Für den Minnesang ist der Natureingang von so großer Bedeutung, da er die persönliche Minneklage mit etwas Gegenständlichem verbindet und sie dadurch existent macht.[8]

Der minnesängerisch bewegende Natureingang lässt sich grob in zwei historische Abschnitte teilen, die man jeweils nochmals in ausgeführte und freiere Formen unterteilen kann.

- Vorklassik und Klassik bis Neidhart:

Die ausgeführte Form zeichnet sich durch einen einfachen, schlichten und knappen Stil aus. Dann gibt es noch freiere Formen und Abstraktionen des Natureingangs. Hierbei handelt es sich um Abweichungen von der ursprünglichen Funktion, Persönliches und Allgemeines in Beziehung zu setzen.

- Nachklassischer Minnesang:

Bei der ausgeführten Form kommen viele Bilder vor. Erst bei genauerer Betrachtung wird ersichtlich, dass es sich trotzdem um eine sprachliche Aufzählung handelt. Auch hier gibt es freiere Formen.[9]

3. Walther von der Vogelweide

3.1. Allgemeines zu Walthers Minneliedern

Walther gilt als größter und vielseitigster Lieddichter der Minnelyrik. Seine Minnelieder weisen keine einfach zu beschreibende Grundstruktur auf, manches widerspricht sich sogar. Man geht davon aus, dass man sein Werk erst durch eine chronologische Ordnung versteht, da er seinen Stil im Laufe der Zeit weiterentwickelt hat. Lieder, die anfänglich wirken, sind stark am Modell der Hohen Minne und den Liedern Reinmars orientiert. Dann gibt es Lieder, die bereits sehr fortgeschritten wirken und ebenfalls Motive der Hohen Minne aufweisen, in denen man jedoch eine Abgrenzung zu Reinmars Liedern erkennen kann. Im weiteren Verlauf kreiert Walther eine sogenannte „Gegenpoesie“ zu den Liedern der Hohen Minne. Diese Lieder werden als „Mädchenlieder“ bezeichnet. Hier wird das Werben von einer adeligen Dame zu einem einfachen Mädchen verlagert. Im nächsten Schritt wird die gegenseitige Liebe zum Thema von Walthers Liedern. Nun muss die Frau die Liebe erwidern, ansonsten gilt sie als „unweiblich“.[10]

Durch Walther erfuhr der Minnesang eine entscheidende Wende. Er führte die Abkehr des Werbens um eine adelige Dame zugunsten des Werbens um ein einfaches Mädchen ein. Damit ergaben sich neue Wirklichkeitsbereich und es kam zu einer Neubelebung des Natureingangs.[11]

3.2. Beispiel für einen szenischen Natureingang bei Walther

Ein sehr bekanntes Beispiel für einen szenischen Natureingang ist Walthers Lied „Under der linden“. (39,11) Es lässt sich eindeutig als ein Minnelied mit einem szenischen Natureingang identifizieren, da der Natureingang weder rein der Einleitungsoptik dient, noch die Natur das zentrale Motiv ist, das sich durch den ganzen Text zieht. Die Natur kommt zwar auch im späteren Verlauf noch vor, da sich das Geschehen eben in der Natur vollzieht, doch sie steht nicht im Mittelpunkt. Sie schmückt die Erzählung nur aus, z.B. indem von einem Bett aus Blumen oder von einem Vögelchen als Beobachter berichtet wird.

[...]


[1] Vgl. Bein (1997), S. 107f

[2] Vgl. Wulffen (1963), S. 9, 72

[3] Vgl. Wulffen (1963), S. 9, 15ff

[4] Vgl. Wulffen (1963), S. 15, 20

[5] Vgl. Wulffen (1963), S. 80

[6] Vgl. Wulffen (1963), S. 19

[7] Vgl. Wulffen (1963), S. 27ff

[8] Vgl. Wulffen (1963), S. 37ff

[9] Vgl. Wulffen (1963), S. 52ff

[10] Vgl. Brunner (1997), S. 180ff

[11] Vgl. Wulffen (1963), S. 75f

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Natureingang im Minnesang. Walther von der Vogelweide und Neidhart von Reuental im Vergleich
Hochschule
Universität Salzburg
Note
2,00
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V352120
ISBN (eBook)
9783668385474
ISBN (Buch)
9783668385481
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
natureingang, minnesang, walther, vogelweide, neidhart, reuental, vergleich
Arbeit zitieren
Sanja Leitner (Autor), 2015, Der Natureingang im Minnesang. Walther von der Vogelweide und Neidhart von Reuental im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352120

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