Paul Celans "Todesfuge". Interpretation und Analyse, Symbolik und Hermetik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Paul Celans Todesfuge
2.1. Analyse und Interpretation
2.2. Symbolik

3. Hermetische Tendenzen

4. Schlussteil

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Gedicht Todesfuge von Paul Celan, verfasst 1948, handelt von seiner unmittelbaren Erfahrung mit dem deutschen Antisemitismus.

Um sein bedeutendstes Werk hinreichend bearbeiten zu können, empfiehlt es sich zunächst das Leben des Autors näher zu betrachten:

Paul Celan gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Lyrikern der Nachkriegszeit. Der Verfasser, 1920 im heutigen Rumänien in Czernowitz geboren, stammte aus einer ostjüdischen Familie und war mit der deutschen Sprache und Kultur von Kindheit an vertraut.[1] Zu den prägendsten Ereignissen, nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, gehörten die Internierung im Ghetto 1941 und der Aufenthalt 1943 in einem Arbeitslager, zudem wurden seine Eltern deportiert und starben beide in einem deutschen Konzentrationslager. Sein dichterisches Werk spiegelt diese Erlebnisse wieder und stellt auch eine Art der Verarbeitung der Begegnungen mit dem Antisemitismus dar.

Vermutlich am 20. April 1970 wählt der Dichter den Freitod in der französischen Seine. Bereits durch den Titel des Gedichts erhält der Leser die ersten Hinweise auf die ihn erwartende negative Thematik: Es geht um den Tod. Der Titel basiert auf dem, aus der Musik entliehenen, Begriff Fuge.

Diese Arbeit soll sich mit der Analyse und Interpretation der Todesfuge beschäftigen. Dafür werde ich zunächst notwendiges Hintergrundwissen aufbereiten, um dann eine sachgemäße Erklärung und Deutung des Werkes vornehmen zu können. Das Umgehen mit der symbolhaften Sprache Celans wird in einem eigenen Themenbereich tiefgehender behandelt, um die Bedeutsamkeit der Symbolik für sein Werk zu untermauern. Dabei erfolgt auch eine Gegenüberstellung der beschreibenden Attribute der Lagerinsassen mit denen des Lageraufsehers. Weiterführend werde ich beispielhaft auf die hermetischen Tendenzen in Celans Todesfuge eingehen. Notwendigerweise erkläre ich dafür, was Hermetik ist und wie Celan seine hermetische Lyrik konstruiert hat. Die Komplexität und die Dichte in seinem Werk erhalten so nochmals einen tieferen Sinn und der Leser erkennt die Forderung Celans, sein Gedicht nicht nur zu lesen, sondern immer wieder zu lesen und so einen Prozess des Verstehens in Gang zusetzten.

2. Paul Celans Todesfuge

Celan selbst hat sich nie weitergehend dazu geäußert wann und wo die Todesfuge entstanden ist. Die heutige Forschung vermutet aber, dass sie um 1944 in Czernowitz geschrieben worden ist, jedoch 1945 in Bukarest vollendet wurde.[2] Das Gedicht wurde erstmals in rumänischer Fassung unter dem Namen Tangoul Mortii veröffentlicht. Die i-Punkte wurden durch zwei Hakenkreuze dargestellt.[3] Tangoul Mortii wurde aus dem Rumänischen mit Todestango übersetzt und später von Celan in Todesfuge geändert. Die musikalische Anlehnung des Titels begründet Celan damit, dass er einen Artikel gelesen habe, der über Juden berichtete, die in einem Konzentrationslager Tanzmusik spielen mussten.[4] Das Gedicht begleitete ihn auf seinen Lesungen, doch seit der sechziger Jahre liest er es immer seltener.

„Grund dafür war Celans Unzufriedenheit mit der Fixierung des Publikums auf eine Komposition, die ihm fast als implizite Negation seiner poetischen Weiterentwicklung erschien- die „Todesfuge“ spielt in Bezug auf Celan eine Rolle, die man oft mit der von Picassos bedeutendem Bild „Guernica" verglichen hat- doch die Gefahr einer Banalisierung und die unleugbare Tendenz zu kritischen Floskeln innerhalb der Rezeption hatten sich […] vergrößert, da[ss] seine Vorbehalte verständlich sind.“.[5]

In dem Titel wird also auf diese musikalische, sehr strenge Form verwiesen, die dem inhaltlichen und emotionalen Chaos entgegengesetzt wird. Eine Fuge ist, eine nach strengen Regeln aufgebaute musikalische Kunstform, bei der ein Thema nacheinander durch verschiedene Stimmen vorgetragen wird. Im Konzentrationslager herrscht eiserne Disziplin, die Menschen standen gleichzeitig aber auch unter unvorstellbaren physischen und psychischen Stress, da in jeder Sekunde Lebensgefahr für sie drohte.

Thema und Gegenthema werden mehrfach variiert und laufen parallel zueinander. Hauptthema ist die Klage der jüdischen Gefangenen, denn damit beginnt das Gedicht und jede weitere Strophe. Gegenthema ist die Charakterisierung des Aufsehers, dabei sind

„Haupt- und Gegenthema […] aus mehreren Sequenzen zusammengesetzt, die im Verlauf des Gedichts, so wie das in der Fuge geschieht, aus ihrem ursprünglichen thematischen Zusammenhang gelöst und neu verbunden werden.“[6] Durch diese Art der Komposition wird bei dem Leser das Gefühl einer andauernden Aufzählung geweckt. Genauso mussten sich die Lagerinsassen fühlen, die eine endlose Qual durchlitten haben.

Celan verwendet „unzählige Anspielungen [...] aus dem jüdischen und christlichen Gemeingut, aus altem und neuem Testament, von Rilke, Trakl, aus der bukolischen Tradition usw.“[7] Dieses umfassende Sammelsurium gilt es nun zu durchdringen und zu analysieren.

2.1. Analyse und Interpretation

In seinem Gedicht befasst sich Celan mit dem Leid von Menschen jüdischen Glaubens, die ihr Leben in Konzentrations- oder Arbeitslagern verloren haben.

Rein formal betrachtet, fallen die vielen Wort- und Satzwiederholungen auf, die verdeutlichen, dass dieses lyrische Gedicht bruchstückhaft aus vielen Einzelbildern zusammengesetzt ist. Es besteht aus sechs Strophen und einer Schlussstrophe. Es wurde kein einheitliches Reimschema verwendet, man findet sowohl trochäische, wie auch daktylische Rhythmen. Ebenfalls ist auch keine einheitliche Strophenlänge festzustellen. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass Celan eine Harmonisierung verhindern will, denn sein Werk soll nicht ästhetisch oder schön sein. Die Todesfuge „sprengt […] den Schein des Schönen durch die Art der Darstellung.“[8] Allerdings kann die erste Strophe eine musikologische Definition der Stimmenexposition formal fassen.[9] „Das Subjekt der Fuge wird Dux (lat. Führer) genannt, seine Beantwortung im Quintenabstand Comes (lat. Begleiter)“[10]. Außerdem fällt auf, dass Celan komplett auf Punkt- und Kommasetzung verzichtet hat. Dadurch verstärkt sich der endlose Charakter nochmals.

Die Erzählebene wechselt auf der Seite der Gefangen zwischen einem „wir-Erzähler“ und einem „uns-Erzähler“ und verharrt auf der Seite des Aufsehers als „er-Erzähler“. Im Gedicht sprechen die Opfer, entpersonalisiert, fast schon tot, als lyrisches Wir. Ihr elend und Leid, ihre Hoffnungslosigkeit scheinen zu schreien nach stärkerer emotionaler Expression, aber durch die Wiederholung der Varianten wirkt das, was sie sagen, eher gleichmütig, fast schon schicksalsergeben („schenkt uns ein Grab in der Luft“ (V.37)[11] ).

„Aber eine Fuge ist eben ein entsubjektivierendes Formprinzip. Das Grauen des Konzentrationslagers spiegelt sich darin weit wirkungsmächtiger als in individueller Aussprache. Konsequent deshalb auch die Wahl des kollektiven Wir.“[12]

Das auffälligste Stilmittel der Todesfuge ist die Wiederholung, so beginnt das Gedicht mit dem Klagen der Juden über die „schwarze Milch der Frühe“ (V 1). Dabei findet ein Umlauf der Tageszeiten statt. In jeder Strophe findet sich ein anderer Umlauf wieder, sodass es ein „Gesamtbild der horizontalen und vertikalen Tauschungen [ergibt].“[13] Vermutlich unterstreicht dies, dass es kein Entkommen vor dem Tod gibt, es ist das unausweichliche Schicksal der jüdischen Gefangenen. Die gesamte Thematik der ersten Strophe befasst sich mit Lagervorgängen, wie die Demütigung und Misshandlung von Juden, „die sich, insbesondere vor Massenerschießungen, ihr eigenes Grab schaufeln mussten“[14] (vgl. V 4). Die ständigen Wiederholungen des Satzes: „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie“ (vgl. V. 1, 12, 23, 31) verdeutlichen, dass die Inhaftierten vermutlich nichts anderes zu essen bekommen haben, als den Tod selbst. Diese von Celan gewählte Anapher findet sich in allen Strophen wieder und unterstreicht die Monotonie des Lageralltags.

Im Zentrum der Todesfuge steht ein seiner Frau schreibender Mann, der zugleich als Henker des Konzentrationslagers vorgeführt wird. Kunstvoll hat Celan hier die beiden widersprüchlichen Wesen des Mannes aneinandergefügt:

Tritt er vor das Haus, so „pfeift [er] seine Rüden herbei, […] pfeift seine Juden hervor lä[ss]t schaufeln ein Grab in der Erde“ (V.8-10). Die Rüden heben die Brutalität der Szenerie hervor, denn wenn die Gefangen nicht gehorchen, werden die ihm untergebenen Aufseher auf sie gehetzt. Durch die Verwendung des Wortes Rüden werden die Juden mit den Tieren auf eine (niedere) Ebene gestellt. Untermauert wird es durch den Parallelismus in der Satzstruktur, welcher noch durch eine Anapher gestärkt wird (vgl. V 8/9).

[...]


[1] Vgl. Buck, Theo: Todesfuge. In: Interpretationen. Gedichte von Paul Celan. Hg. Speier, Hans-Michael. Stuttgart: Reclam 2002. S.13

[2] Vgl. Hurna, Myron : Einführung in die Lyrik und Poetik Paul Celans. Oberhausen: Athena 2011. S. 52

[3] Vgl. Ebenda S. 52

[4] Vgl. Felstiner, John : Paul Celan. Eine Biographie. Übersetzt von Holger Fliessbach. München: Beck 1997. S. 56

[5] Morello, Riccardo: Paul Celan: Todesfuge. S.1 (http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/nullpunkt/pdf/celan-todesfuge.pdf besucht am: 25.10.2015, 10 Uhr)

[6] Morello, Riccardo: Paul Celan: Todesfuge. S.3 (http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/nullpunkt/pdf/celan-todesfuge.pdf besucht am: 25.10.2015, 10 Uhr

[7] Ebenda. S. 1

[8] Buck, Theo: Todesfuge. In: Interpretationen. Gedichte von Paul Celan. Hg. Speier, Hans-Michael. Stuttgart: Reclam 2002. S.12

[9] Vgl. Hurna, Myron : Einführung in die Lyrik und Poetik Paul Celans. Oberhausen: Athena 2011. S. 53

[10] Ebenda. S.53

[11] Hier und im Folgenden alle Zitate mit Versangabe aus: Hurna, Myron: Einführung in die Lyrik und Poetik Paul Celans. Oberhausen: Athena 2011

[12] http://www.mel-art.com/_webbrain/231110/slides/Paul%20Antschel_web.pdf

[13] Hurna, Myron : Einführung in die Lyrik und Poetik Paul Celans. Oberhausen: Athena 2011. S.54

[14] Ebenda. S.53

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Paul Celans "Todesfuge". Interpretation und Analyse, Symbolik und Hermetik
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (NDL)
Veranstaltung
Hermenetik
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V352210
ISBN (eBook)
9783668386174
ISBN (Buch)
9783668386181
Dateigröße
866 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
paul, celans, todesfuge, interpretation, analyse, symbolik, hermetik
Arbeit zitieren
Annika Börnsen (Autor), 2015, Paul Celans "Todesfuge". Interpretation und Analyse, Symbolik und Hermetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352210

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