Das kollektive Gedächtnis. Die Notwendigkeit von Autobiographien wie „Mein Leben“ von Marcel Reich-Ranicki für die kollektive Vergangenheitsaufarbeitung


Hausarbeit, 2014
19 Seiten, Note: 1,3
Markus Schmidt (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die deutsche Erinnerungsgeschichte
2.1 Das kollektive Gedächtnis
2.2 Individuelles und kollektives Gedächtnis
2.3 Kollektive Vergangenheitsbewältigung
2.4 Individuelle Biographien

3. „Mein Leben“ von Marcel Reich-Ranicki
3.1 Hintergrund
3.2 Handlung von „Mein Leben“
3.3 Perzeption
3.4 Notwendigkeit

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema des kollektiven Gedächtnisses, wobei ein Fokus auf die deutsche Erinnerungsgeschichte gelegt werden soll. Des Weiteren soll anhand des Buches „ Mein Leben “ von Marcel Reich-Ranicki untersucht werden, inwiefern eine Autobiographie zur kollektiven Vergangenheitsaufarbeitung der Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges auf Seiten der Deutschen beitragen kann. Um dieses Thema adäquat zu behandeln, wird in erster Linie, sprich im zweiten Kapitel, das kollektive Gedächtnis (2.1) diskutiert. Neben der Herkunft und Definition dieses Begriffes, wird auch eine Verbindung zwischen dem kollektiven Gedächtnis und dem nationalen Denken hergestellt. Im Unterpunkt 2.2 thematisiert diese Arbeit den Unterschied zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis, um folglich den Begriff der kollektiven Vergangenheitsbewältigung (2.3) zu thematisieren. Es wird der Begriff definiert und herausgearbeitet, welche Maßnahmen (wissenschaftliche, zivilgesellschaftliche, etc.) zur Vergangenheitsbewältigung gezählt werden können. Es soll ebenfalls geklärt werden, weshalb die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland eine besonders intensiv geführte Debatte ist, sowie welche Ängste mit dieser Debatte verbunden sind. Im Unterkapitel 2.4 wird besprochen, ob individuelle Biographien es schaffen können, einen Teil zur Vergangenheitsaufarbeitung beizutragen. Zu diesem Zweck werden zwei Positionen erläutert, die von Theodor W. Adorno und Uwe Timm.

Das dritte Kapitel widmet sich der Autobiographie „Mein Leben“ von Marcel Reich-Ranicki. Zu diesem Zweck wird einführend der Hintergrund (3.1) zu diesem Buch geschildert. Es werden die ideologischen Ideen des Dritten Reichs besprochen, um ein besseres Verständnis zu erlangen, wie es in Deutschland zu einem derart menschenverachtenden, kollektiven Hass gegen Juden kommen konnte. Im Unterkapitel 3.2 wird in Kürze die Handlung des Buches „Mein Leben“ skizziert, bevor die Wirkung (3.3) des Buches thematisiert wird. Es soll die Frage beantwortet werden, ob das Buch von Reich-Ranicki einen Teil zur Vergangenheitsaufarbeitung leisten kann. Im Unterkapitel 3.4 wird die Notwendigkeit von Büchern wie „Mein Leben“ besprochen, wobei ein Blick auf die aktuelle, rechtsextreme Szene in Deutschland gelegt werden soll. Im fünften Kapitel wird ein Fazit aufgestellt.

2. Die deutsche Erinnerungsgeschichte

2.1 Das kollektive Gedächtnis

Das kollektive Gedächtnis wurde erstmals vom französischen Philosophen und Soziologen Maurice Halbwachs definiert. Betrachtet man die Definition dieses Begriffes kann festgestellt werden, dass ein kollektives Gedächtnis zwar nicht direkt mit dem individuellen vergleichbar ist, jedoch trotzdem vorhanden und auch empirisch messbar ist. Nationen, Firmen oder Kirchen besitzen kein Gedächtnis, sie produzieren und nutzen vielmehr eines, welches durch Zeichen, Symbole, Riten, Orte, etc. entsteht. Halbwachs ist der Meinung, dass „ das gesellschaftliche Denken wesentlich ein Gedächtnis ist, und dass dessen ganzer Inhalt nur aus kollektiven Erinnerungen besteht, dass aber nur diejenigen von ihnen und nur das an ihnen bleibt, was die Gesellschaft in jeder Epoche mit ihrem gegenwärtigen Bezugsrahmen rekonstruieren kann.[1]

Dieses Gedächtnis kann in unterschiedlichen Nationen anders ausfallen, somit können ein und dieselben Ereignisse unter verschiedenen Geschichtspunkten einer Gruppe in Erinnerung verbleiben. Das nationale Gedächtnis steht im Zentrum der Überlegungen hinsichtlich des Entstehens von kollektiven Erinnerungen. Eine Nation ist oft darauf bedacht, das Geschichtsbild mit für die Bevölkerung positiv belegten Erinnerungen zu besetzen, um das Selbstbild der Nation zu stärken. Gerne werden Ereignisse vergessen, die dieses positive Selbstbild einer Gruppe, somit auch der Individuen dieser Gruppe, stören. Der perspektivische Charakter des kollektiven Gedächtnisses ist offenkundig, dazu muss man sich nur die Namen der U-Bahn-Stationen Europas ansehen. In Paris erinnern einige dieser Namen an Siege von Napoleon, keiner an eine Niederlage dessen. Ganz anders ist es in London, wo eine U-Bahn-Station den Namen Waterloo trägt, ein Name der an die Niederlage Napoleons erinnert.[2]Aber nicht nur ruhmreiche Siege, auch tragische Niederlagen werden im nationalen Gedächtnis kommemoriert, wo eine Nation ihre Identität auf ein Opfer-Bewusstsein gründet, das wachgehalten werden muss, um Widerstand zu legitimieren und heroische Gegenwehr zu mobilisieren.[3]

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Art, wie auf das kollektive Gedächtnis geblickt wird, verändert. Durch nationales Denken verursachte Gräueltaten, wie es der Holocaust war, gilt es zu vermeiden und stattdessen das kollektive Gedächtnis in eine Richtung zu lenken, die das Therapieren von vergangenen Ereignissen ermöglicht. Das Bewusstsein für die Auswahl der Erinnerungen, sowie die Folgen der Auswahl dieser, birgt eine Chance Täter und Opfer näher aneinander zu bringen. Wenn Täter und Opfer kommunizieren und einen gemeinsamen Blickwinkel auf ihre Erinnerungen teilen, dann ist dies in Hinsicht auf eine gemeinsame Zukunft von großem Vorteil. „ Die heilende Kraft des Vergessen - "perpetua oblivio et amnesia" lautete noch die Formel im Westfälischen Friedensvertrag - ist der ethischen Forderung der gemeinsamen Erinnerung gewichen.“[4]

2.2 Individuelles und kollektives Gedächtnis

Es gilt zwischen dem kollektiven und dem individuellen Gedächtnis zu unterscheiden, wobei diese beiden Gedächtnisformen nicht voneinander getrennt betrachtet werden können, da sie miteinander verbunden sind. „ Jedes individuelle Gedächtnis konstituiert sich in der Kommunikation mit anderen. Diese anderen sind aber keine beliebige Menge, sondern Gruppen, die ein Bild oder einen Begriff von sich selbst, d. h. ihrer Einheit und Eigenart haben und dies auf ein Bewußtsein gemeinsamer Vergangenheit stützen.[5] Jeder Mensch ist für sich ein Individuum, welches nicht teilbar ist, welches aber wohl mehr als die Summe der eigenen Gedanken ist. Der Mensch ist in ein soziales Umfeld eingebunden, ohne welches er nicht überleben könnte. Das individuelle Bewusstsein eines jeden Menschen impliziert stets ein kollektives Bewusstsein, von dem ein Individuum wichtige Elemente der eigenen Identität bezieht. So wie die individuellen Gedanken eines Menschen, so ist auch das Wir-Gefühl eines jeden Individuums unterschiedlich.

Das kollektive Gedächtnis, sowie das kollektive Bewusstsein, basieren auf einer Vielzahl an Wir-Gruppierungen, zu denen ein Individuum entweder unfreiwillig oder freiwillig beitritt. Der unfreiwillige Beitritt zu einer Gruppierung beginnt schon bei der Geburt. Faktoren wie die Generation in der man geboren ist, die Familie, beziehungsweise die gesellschaftliche Schicht in der sich die Familie befindet, die Ethnie der ein Individuum angehört, oder das Land in dem man geboren ist, sind zu einem hohen Maß dafür verantwortlich, wie sich ein Individuum entwickelt. Im Verlauf eines Lebens kann sich ein Individuum auch freiwillig dazu entscheiden, weiteren Gruppierungen beizutreten, die ebenfalls sein individuelles Gedächtnis aufgrund des kollektiven Gedächtnisses prägen können. Zu derartigen Gruppen zählen Parteimitgliedschaften, Abschlüsse in Universitäten, und so weiter. Das individuelle Gedächtnis steht somit in einem Zusammenhang mit dem kollektiven Gedächtnis von Wir-Gruppen, obwohl diese Verbindung dem Einzelnen oft verborgen bleibt. „ Die Selbstwahrnehmung einer Person, zumindest in westlichen Kulturen, ist aber begrenzt auf die individuelle Prägung seines Fühlens, Denkens und Handelns, also auf die erfahrbaren Unterschiede' zu den Mitmenschen, während ihr die ebenso bedeutsame kollektive Prägung verborgen bleibt.[6]

Sowohl in kleinen Gruppen wie der Familie, wie auch in großen Gruppen wie in ganzen Ländern, bleiben in erster Linie emotionale Erinnerungen im kollektiven Gedächtnis. Diejenigen Erinnerungen, welche als bedeutsam eingestuft werden, werden innerhalb der Gruppe beibehalten, durch Emotionen verstärkt und zur Stärkung der Identität einer Gruppe verwendet. Das kollektive Gedächtnis ist im Unterschied zum individuellen Gedächtnis darauf ausgelegt, längere Zeiträume zu überdauern. Eine Erinnerung des kollektiven Gedächtnisses besteht so lange, bis sie von einer Gruppe nicht mehr gebracht wird. Sie erlischt nicht gemeinsam mit dem Tod von Individuen, sondern wenn sie keinen Nutzen mehr für die Identität einer Gruppe besitzt. „ Das kollektive Gedächtnis vereinfacht; es sieht die Ereignisse aus einer einzigen, interessierten Perspektive; duldet keine Mehrdeutigkeit; reduziert die Ereignisse auf mythische Archetypen.[7] Das Individuum erlangt ein kollektives Gedächtnis indem es an Riten teilnimmt. Zum Beispiel, wird die nationale Identität durch eine Teilnahme an Feiertagen wie dem Nationalfeiertag gestärkt, aber auch durch die Teilnahme an Klassenfahrten, die Konzentrationslager wie Auschwitz besuchen, um sich die kollektive Schuld während dem Zweiten Weltkrieg zu vergegenwärtigen.

2.3 Kollektive Vergangenheitsbewältigung

Die Aufarbeitung der Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges dauert bis heute an, auch wenn die Waffen schon am 8. Mai 1945 niedergelegt wurden. „ Die zweite Geschichte des Nationalsozialismus hatte schon begonnen: Es ist der bis heute andauernde, konfliktreiche Prozess der Schuldbewältigung, des politischen Wandels, des trauernden Gedenkens, des öffentlichen Erinnerns und Vergessens, der historiographischen Deutung und Umdeutung, des Erfindens und Erzählens.[8] Die Vergangenheitsbewältigung hat sowohl eine individuelle, wie auch eine kollektive Bedeutung. Da der Begriff der Vergangenheitsbewältigung mittlerweile durch den Begriff der Vergangenheitsaufarbeitung ersetzt worden ist, soll folglich dieser Begriff verwendet werden, um die Erinnerungskultur zu thematisieren. Der Grund für den Verzicht auf die Begrifflichkeit „Bewältigung“ liegt in der Wortbedeutung, da die Vergangenheit grundsätzlich nicht bewältigt werden kann. Die Vergangenheitsaufarbeitung der NS-Zeit umfasst sowohl wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche, sowie justizielle Maßnahmen, aber auch legislative und administrative Maßnahmen, ab dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Unterschiedlich ging man mit diesem Thema in der BRD und DDR um. In der DDR kam es nie zu einer geordneten Aufarbeitung der Ereignisse, da dort die Verantwortung für die Gräueltaten abgewiesen wurde und grundsätzlich eine antifaschistische Haltung eingenommen wurde.

[...]


[1]. Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, S. 360.

[2]. Vgl. Assmann, Aleida: Kollektives Gedächtnis. In: http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39802/kollektives-gedaechtnis?p=all

[3]. Ebenda

[4]. Ebenda

[5]. Assmann, Jan; Hölscher, Tonio: Kultur und Gedächtnis. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 10.

[6]. Roth, Klaus [Hrsg.]: Mit der Differenz leben: Europäische Ethnologie und Interkulturelle Kommunikation. Waxmann, München 1996, S. 275.

[7]. Novick, Peter: Nach dem Holocaust: Der Umgang mit dem Massenmord. Deutscher Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2003, S. 14.

[8]. Reichel, Peter: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland: Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur in Politik und Justiz. C.H.Beck, München 2007, S. 9.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das kollektive Gedächtnis. Die Notwendigkeit von Autobiographien wie „Mein Leben“ von Marcel Reich-Ranicki für die kollektive Vergangenheitsaufarbeitung
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V352354
ISBN (eBook)
9783668388161
ISBN (Buch)
9783668388178
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gedächtnis, notwendigkeit, autobiographien, mein, leben, marcel, reich-ranicki, vergangenheitsaufarbeitung
Arbeit zitieren
Markus Schmidt (Autor), 2014, Das kollektive Gedächtnis. Die Notwendigkeit von Autobiographien wie „Mein Leben“ von Marcel Reich-Ranicki für die kollektive Vergangenheitsaufarbeitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352354

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