Über Sinn und Nutzen von "Handlungsorientierung" im Politikunterricht wird in der Politikdidaktik heftig gestritten. Je nach Konzeption meint der Begriff der "Handlungsorientierung" höchst unterschiedliches. Die Begriffsunsicherheit führt ihrerseits zu Missverständnissen.
Nähert man sich dem Thema Handlungsorientierung unvoreingenommen und ohne nennenswerte fachdidaktische Vorbildung in diesem Bereich, so fällt einem schon bei der ersten Sichtung der Fachliteratur die große begriffliche Bandbreite bzw. Unsicherheit auf und der Dissens darüber, was handlungsorientierter Unterricht zu leisten in der Lage sein soll. Man kann feststellen, dass die begriffsmäßige Definition eines jeden Autors Hand in Hand geht mit dem Wert, der der Handlungsorientierung zugebilligt wird. Es scheinen sich regelrechte Lager von Gegnern und Befürwortern gebildet zu haben, und der Begriff changiert vom Wundermittel bis zur „Leerformel“ . Siegfried Schiele versucht in seinem Aufsatz den „Kampfbegriff“ dahingehend zu entschärfen, dass er die Ungeklärtheiten und Missverständnisse dazu herausstellt. Der Konflikt um die Handlungsorientierung sei vor allem auch ein Konflikt zwischen denen, die „wissenschaftsorientiert arbeiten“ und „Leuten, die stärker von der Praxis kommen und um ständige konkrete Verbesserungen im Unterricht bemüht sind“ . Zum Thema Entfremdung von Praxis und didaktischer Wissenschaft an anderer Stelle mehr. Die Bandbreite dessen, was unter Handlungsorientierung zu verstehen ist, ist folglich riesig. Häufig genannt werden das Vermitteln und Einüben von Handlungskompetenz des zukünftigen aktiven, mündigen Bürgers betreffs der allgemeinen Ziele des Politikunterrichts sowohl Attribute, die in erster Linie der Unterrichtsmethode zuzuordnen sind: „Ganzheitlichkeit“, „Offenheit des Unterrichts“, „Interaktion“, „Schülerzentriertheit“, „Unterricht mit Herz und Hand“, „Priorität des Handlungsproduktes“, „Selbständigkeit des Schülers“, „Identifikation“, „Anschaulichkeit“ und „Vermittlung von Methodenkompetenz“. Vor allem beim letzteren wird deutlich, dass Handlungsorientierung nicht nur Unterrichtsmethode, sondern gleichzeitig ein Unterrichtsziel ist. [...]
Inhaltsverzeichnis
- Was meint Handlungsorientierung?
- Konfrontation zweier Konzeptionen von Handlungsorientierung anhand der Definition des Begriffs
- Gotthard Breit: Die Priorität der Reflexion über das Tun
- Hilbert Meyer: Selbstätigkeit fördert Selbständigkeit
- Sibylle Reinhardt: Versuch einer Vermittlung
- Wie soll handlungsorientierter Unterricht aussehen?
- ,,Reales Handeln‘‘
- „Simulatives Handeln‘‘
- „Produktives Gestalten‘‘
- Zusammenfassung, Fazit, Beurteilung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Der Text analysiert den vielschichtigen Begriff der Handlungsorientierung im Politikunterricht und beleuchtet die Diskrepanzen in seiner Anwendung und Interpretation. Der Autor befasst sich mit der Frage, was Handlungsorientierung bedeutet und wie sie im Unterricht umgesetzt werden kann.
- Definition und Bedeutung von Handlungsorientierung
- Kritik an der „Leerformel“ der Handlungsorientierung
- Konfrontation verschiedener Konzeptionen von Handlungsorientierung
- Analyse der Rolle von Reflexion im handlungsorientierten Unterricht
- Vermittlung unterschiedlicher Ansätze zur Umsetzung von Handlungsorientierung
Zusammenfassung der Kapitel
Das erste Kapitel beleuchtet die vielschichtigen Bedeutungen und Interpretationen des Begriffs „Handlungsorientierung“ im Politikunterricht. Der Autor stellt fest, dass es eine große Bandbreite an Auffassungen gibt, die von der Betonung von Handlungskompetenz bis hin zu methodischen Aspekten reichen. Es wird deutlich, dass die Definition von Handlungsorientierung mit der ihr zugeschriebenen Bedeutung eng verknüpft ist.
Das zweite Kapitel setzt sich mit zwei gegensätzlichen Konzeptionen von Handlungsorientierung auseinander. Gotthard Breit betont die Notwendigkeit einer kritischen Reflexion über das Tun, um eine genuine politische Handlungskompetenz zu fördern. Hilbert Meyer hingegen sieht Handlungsorientierung als Mittel zur Förderung der Selbstständigkeit und ganzheitlichen Entwicklung des Schülers.
Das dritte Kapitel befasst sich mit verschiedenen Formen des handlungsorientierten Unterrichts. Der Autor unterscheidet zwischen „realem Handeln“, „simulativem Handeln“ und „produktivem Gestalten“ und erläutert deren Vor- und Nachteile.
Schlüsselwörter
Handlungsorientierung, Politikunterricht, Handlungskompetenz, Reflexion, Unterrichtsmethode, Unterrichtsziel, Stofforientierung, Selbstständigkeit, ganzheitliches Lernen, „reales Handeln“, „simulatives Handeln“, „produktives Gestalten“, politische Bildung.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet Handlungsorientierung im Politikunterricht?
Handlungsorientierung zielt darauf ab, Schüler zu aktivem, mündigem Handeln in der Gesellschaft zu befähigen. Der Begriff ist jedoch umstritten und reicht von methodischer Vielfalt bis hin zu einem eigenständigen Lernziel.
Was kritisiert Gotthard Breit am handlungsorientierten Unterricht?
Breit betont die Priorität der Reflexion. Er warnt davor, dass bloßes Tun ohne kritische Analyse der politischen Hintergründe nicht zu echter politischer Kompetenz führt.
Welchen Ansatz verfolgt Hilbert Meyer?
Für Meyer fördert Selbsttätigkeit die Selbstständigkeit. Er sieht Handlungsorientierung als ganzheitliches Konzept, das "mit Herz und Hand" gelernt werden sollte.
Was ist der Unterschied zwischen realem und simulativem Handeln?
Reales Handeln findet in der echten politischen Welt statt (z. B. Briefe an Politiker), während simulatives Handeln im geschützten Raum der Schule abläuft (z. B. Rollenspiele oder Talkshows).
Warum wird Handlungsorientierung als "Kampfbegriff" bezeichnet?
Weil es einen tiefen Dissens zwischen Theoretikern (Wissenschaftsorientierung) und Praktikern (Unterrichtsverbesserung) darüber gibt, wie viel Aktivität im Vergleich zur kognitiven Wissensvermittlung nötig ist.
- Arbeit zitieren
- Bernhard Nitschke (Autor:in), 2004, Konzeptionen der Handlungsorientierung im Politikunterricht - Versuch einer Klärung des "Kampfbegriffes" Handlungsorientierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35239