Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Was ist Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und wie entsteht sie?


Bachelorarbeit, 2016

52 Seiten, Note: 2,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist GMF
2.1 Das GMF-Syndrom
2.2 Elemente des Syndroms GMF
2.2.1 Rassismus
2.2.2 Fremdenfeindlichkeit
2.2.3 Antisemitismus
2.2.4 Etabliertenvorrechte
2.2.5 Sexismus
2.2.6 Islamfeindlichkeit
2.2.7 Homophobie
2.2.8 Abwertung von Obdachlosen
2.2.9 Abwertung von Behinderten
2.2.10 Abwertung von Langzeitarbeitslosen
2.2.11 Abwertung von Asylbewerbern
2.2.12 Abwertung von Sinti und Roma
2.2.13 Zusammenhang
2.3 GMF in sozialen Gruppen
2.4 Entwicklung GMF seit 2002

3 Jugend und GMF
3.1 Desintegrationsängste
3.2 GMF-Prävalenzen bei Jüngeren
3.2.1 Häufigkeit
3.2.2 Vergleich mit Älteren
3.2.3 Zusammenhänge von Desintegrationsrisiken und GMF

4 Wie Schule mit GMF umgeht
4.1 Prävention und Intervention
4.2 Konzept zum Umgang mit ethnischen Vorurteilen in der Schule
4.2.1 Konzept der Interkulturellen Pädagogik
4.2.2 Konzept der Antirassistischen Pädagogik
4.2.3 Verknüpfung Interkultureller und Antirassistischer Pädagogik
4.3 Methoden in der Sekundarstufe

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das Syndrom GMF mit 12 Facetten im Jahr 2014, Quelle: Klein et al. (2014: 64)

Abbildung 2: Entwicklung GMF in der Bevölkerung 2012-2014, Quelle: Klein et al. (2014, 80)

Abbildung 3:Entwicklung GMF in der Bevölkerung 2002-2014, Quelle: Klein et al. (2014, 80)

Abbildung 4: Entwicklung GMF in der Bevölkerung 2002-2014, Quelle: Klein et al. (2014, 80)

Abbildung 5: Entwicklung GMF in der Bevölkerung 2012-2014, Quelle: Klein et al. (2014, 80)

Abbildung 6: Desintegrationsindikatoren, in Anlehnung an Endrikat (2007, 104) ... 25

Abbildung 7: Syndromelemente der GMF differenziert nach Alter, in Anlehnung an Endrikat (2007, 108)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Ausmaß der Abwertung in unterschiedlichen Altersstufen (Angaben in Prozent), in Anlehnung an Klein et al. (2014, 73)

Tabelle 2: Ausmaß der Abwertung bei Männern und Frauen (Angaben in Prozent), in Anlehnung an Klein et al. (2014, 74)

Tabelle 3: Ausmaß der Abwertung in Ost- und Westdeutschland (Angaben in Prozent), in Anlehnung an Klein et al. (2014, 73)

1 Einleitung

„Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politi- schen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ (GG Artikel 3 Absatz 3), ein Artikel aus dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, der die sachgrundlose Dis- kriminierung von Menschen verbietet und die Gleichberechtigung aller im staatli- chen Rahmen festschreibt. Ginge damit eine entsprechende Wertschätzung im gesell- schaftlichen Miteinander einher, sollte ein friedliches Zusammenleben mit Menschen verschiedener Ethnien, mit verschiedenen Lebensstilen und Anschauungen möglich sein. Trotzdem werden Menschen diskriminiert und abgewertet, weil sie „anders“ scheinen. Zumeist beziehen sich diese abwertenden Einstellungen nicht auf eine Per- son, sondern auf eine Gruppe von Menschen. Diese Menschen werden z. B. aufgrund ihrer biologischen Verschiedenheit diskriminiert (Rassismus) oder, weil sie eine se- xuelle Neigung zu gleichgeschlechtlichen Partnerinnen oder Partnern haben, ausge- grenzt (Homophobie) oder erleben geschlechterfeindliche Einstellungen (Sexismus). Die Vorurteile haben verschiedene Namen und sind an verschiedene Adressaten- gruppen gerichtet, denn sie beziehen sich nicht auf die Einstellung oder den Charak- ter eines Menschen, sondern diese unterliegen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit Diskriminierungen und Vorurteilen und werden als minderwertig angesehen. Zu fra- gen ist aber, wie diese Vorurteile und die abwertende Haltung der Menschen entste- hen und wie sie sich im Laufe der Zeit verändern.

Das Projekt „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (im Folgenden: GMF) unter der Leitung von Wilhelm Heitmeyer am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld widmet sich dieser Frage. Zur Annäherung an Antworten wurden zwischen 2002 und 2012 jährliche Befragungen mit repräsentativ ausgesuchten Bürgern Deutschlands durchgeführt, dabei das Ausmaß und die Entwicklung solcher feindseligen Einstellungen analysiert und versucht, das Feld unter verschiedenen Aspekten zu klären.

Eine Sonderauswertung der GMF, durch die verschiedene Altersgruppen zu ihren Einstellungen gegenüber anderen Gruppen befragt wurden, zeigte, dass auch jüngere Menschen abwertende Einstellungen besitzen. Leider wurden keine weiteren Erhe- bungen mit Minderjährigen gemacht, obwohl mutmaßlich viele Jugendliche rechts- radikale oder -extremistische Einstellungen aufweisen, anfälliger für Gewalttaten sind und Minderheiten diskriminieren; darüber wird jedenfalls öfter in den Medien berichtet und ist im schulischen Umfeld zu sehen. Daher sollte der Frage nachgegan- gen werden, ob, warum und in welchem Maß Heranwachsende ohne Migrationshin- tergrund menschenfeindlich eingestellt sind und auch, wie diesen Einstellungen vor- gebeugt werden kann.

Da Klassen in der Schule heute zumeist heterogen sind, ist es wichtig, dass ein an- gemessenes Schul- und Klassenklima herrscht. Denn Vorurteile treten schon im Kin- desalter auf und sollten daher so früh als möglich beachtet werden. Es ist die Pflicht der Bundesrepublik Deutschland und insbesondere aller staatlichen Gliederungen, die Würde des Menschen zu achten, zu schützen und zu wahren, vor allem die Schu- le als Institution sollte dieser Pflicht erkennbar genügen. Dafür sollten Fachkräfte sowie angehende Lehrkräfte sich mit dieser Problematik auseinandersetzen und ein friedliches Zusammenleben sowie zu einem angemessenen Schul- und Klassenklima beitragen.

Als künftige Lehrkraft möchte ich eine heterogene Klasse unterrichten, die Toleranz zeigt und ein „Anderssein“ akzeptiert und respektiert. Dies gilt auch für die Schule, die einen solchen Rahmen setzt. Die Schule als Institution kann vieles bewirken, denn sie kann beitragen, die SuS zu toleranten Menschen zu erziehen. Daher wird in dieser Arbeit der folgenden Frage nachgegangen:

Welche Ma ß nahmen und Methoden werden in Bezug auf GMF im Kontext der Schule eingesetzt, um negativen Einstellungen bei SuS vorzubeugen?

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei Teile und ist systematisch aufgebaut. Im ersten Teil geht es um die Klärung, was GMFüberhaupt ist. Zuerst erfolgt ihre Defi- nition der GMF, im Anschluss wird sie als Syndrom thematisiert und schließlich werden die einzelnen Elemente definiert und im Zusammenhang betrachtet. Darauf- hin wird GMF in sozialen Gruppen dargestellt und ihre Entwicklung seit Beginn der Studie vorgestellt, um u. a. zu zeigen, wie sich das Ausmaß der Abwertung im Laufe der Jahre verändert hat. Somit wird versucht, einen kompaktenüberblicküber GMF zu geben.

Um zu verstehen, warum Heranwachsende negative Einstellungen gegenüber Min- derheiten aufweisen, genügt es nicht, allein wesentliche Aspekte der GMF zu zeigen.

Darüber hinaus ist es geboten, GMF im Verhältnis zur Jugend zu betrachten und auf ihre Desintegrationsängste einzugehen, damit der Hintergrund ihres Verhaltens, das im zweiten Teil thematisiert wird, nachvollzogen werden kann. Außerdem folgt im Anschluss die Auseinandersetzung mit Prävalenzen zu GMF bei Jüngeren, wobei das Ausmaß der Abwertung exakt beobachtet wird und ein Vergleich mit den Älteren gezogen wird, um festzustellen, inwiefern sich das Ausmaß unterscheidet. Zudem wird versucht, GMF im Kontext von Desintegrationsängsten zu betrachten und mög- liche Zusammenhänge zu erläutern.

Abschließend wird GMF im Kontext der Schule thematisiert, dabei auf die möglichen Maßnahmen und Methoden eingegangen, um den Umgang mit negativen Einstellungen zu reflektieren. Mit dem Fazit wird die Arbeit beendet.

2 Was ist GMF

GMF ist ein Konzept der Sozialpsychologie, ein Kompositum der Begriffe „Gruppe“ und „Menschenfeindlichkeit“. Es thematisiert Menschenfeindlichkeit im Verhältnis zwischen Gruppen und meint nicht das Feindschaftsverhältnis einzelner Personen (vgl. Heitmeyer 2003a, 14). Kurz gesagt ist von GMF die Rede, wenn Menschen wegen ihrer Gruppenzugehörigkeit diskriminiert, abgegrenzt und der Feindseligkeit ausgesetzt werden (vgl. ebd.). Genau diese Umstände führen dazu, dass die Würde des Menschen bei den Betroffenen antastbar wird, obwohl der Grundgesetzartikel 1 ihre Unantastbarkeit für den staatlichen und in Drittwirkung für den privaten Raum verlangt (vgl. Heitmeyer 2003b, 15). Ein besonderes Kennzeichen des Begriffs GMF ist seine große Spannweite (vgl. Heitmeyer 2003a, 14). Denn der Feindseligkeit un- terliegen nicht nur Menschen anderen Ursprungs, mit anderen Worten diejenigen, die dem Subjekt „fremd“ erscheinen, sondern auch Menschen derselben Herkunft, die aber dem Akteur „anders“ oder z. B. aufgrund ihrer Lebensart „abweichend“ von der Norm erscheinen (vgl. Schönfelder 2008, 17). Es kann gesagt werden, dass GMF vor allem in Verbindung mit einer rechtsextremen Haltung eine Bedrohung für den de- mokratisch-republikanischen Staat darstellt, da Menschen der Feindseligkeit ausge- setzt und nicht gleichwürdig behandelt werden (vgl. Klein et al. 2014, 61).

Es ist betonenswert, dass der Begriff GMF auch ein Forschungsprojekt bezeichnet, das Wilhelm Heitmeyer leitet, eine abgeschlossene zehnjährige Langzeitstudie, angefangen im Jahr 2002, die jedes Jahr einen jährlichen Report zu Erscheinungswesen, Ursachen und Entwicklungen von GMF herausbrachte und im Band „Deutsche Zustände“ (s. hierzu Deutsche Zustände 1-10) festhält.

2.1 Das GMF-Syndrom

Mit dem Begriff Syndrom ist nicht eine einzelne Einstellung gemeint, die Menschen abwertet, wie Rassismus, sondern, dass das betrachtete ‚ ego ‘ mehrere Einstellungen zum ‚ alter ‘ hat, die nach der gleichen Logik funktionieren. Wenn jemand der Auf- fassung ist, dass Frauen weniger wert als Männer seien und schwule weniger als he- terosexuelle Männer, steckt immer die gleiche Logik dahinter, die Abwertung einer Gruppe. Es ist davon auszugehen, dass Menschen, die in der Regel eine Gruppe ab- werten, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch andere Gruppen abwerten (vgl. Zick et al. 2012, 68). Somit kann von einem Einstellungssyndrom gesprochen werden; so hän- gen die verschiedenen Elemente der GMF eng miteinander zusammen. Denn „äußert eine Person Zustimmung zur Abwertung einer bestimmten Gruppe, dann neigt sie mit einer signifikant höheren Wahrscheinlichkeit dazu, auch andere Gruppen zu dis- kriminieren“ (vgl. Zick et al. 2012, 65). Menschen, die allgemein rassistisch orien- tiert sind, sind es oftmals auch antisemitisch oder sexistisch. Es kann auch von einer Ideologie der Ungleichwertigkeit gesprochen werden, dem Kern des Syndroms (vgl. Groß et al. 2012, 12).

Die Elemente des Syndroms sind nicht fest verankert, sie können sich im Laufe der Zeit verändern. Neue Elemente könnten hinzukommen, bestehende entfallen. Beides hängt mit der aktuellen politischen Situation, dem gesellschaftlichen Diskurs und der biografischen Entwicklung zusammen (vgl. Zick et al. 2012, 65).

Im Folgenden werden die Elemente des Syndroms näher erläutert.

2.2 Elemente des Syndroms GMF

Folgende Abbildung zeigt die Elemente des Syndroms GMF:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Syndrom GMF mit 12 Facetten im Jahr 2014, Quelle: Klein et al. (2014: 64).

Zu sehen sind zwölf verschiedene Elemente, die aber nicht von Anfang an ein Be- standteil des Syndroms nach Bielefelder Konzeption waren. Zu Beginn der Studie (oben genannter Langzeitstudie der Universität Bielefeld unter der Leitung von Wil- helm Heitmeyer) im Jahre 2002 wurden sechs Elemente aufgelistet: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Heterophobie, Etabliertenvorrechte und Se- xismus (vgl. Heitmeyer 2003b, 20). Ein Jahr darauf wurde mit der Islamophobie ein weiteres Element aufgenommen (vgl. Heitmeyer 2003a, 15). Im Jahr 2006 wurde das Element Heterophobie, das drei Variationen auffasste, nochmals aufgegriffen, so dass daraus die Abwertung von Obdachlosen, Homophobie und die Abwertung von Behinderten wurde und somit die Grundidee auf neun Elemente erweiterte (vgl. Heitmeyer 2007, 21 f.). Mit der Zeit sind noch weitere Elemente dazugekommen, wie die Abwertung von Langzeitarbeitslosen, die Abwertung von Asylbewerbern und sowie auch die Abwertung von Sinti und Roma, so dass im Jahr 2014 schließlich „zwölf Facetten der Abwertung als Bestandteile des Syndroms Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ zu berücksichtigen sind (Heitmeyer 2012; Klein et al. 2014, 63).

2.2.1 Rassismus

Es gibt unterschiedliche Darstellungen des Begriffs Rassismus, im Zusammenhang mit der Studie meint Rassismus aber die Abweisung von Ausländern bzw. von Men- schen mit einer anderen Herkunft, die aufgrund ihrer biologischen Verschiedenheit als minderwertig abgestempelt werden (vgl. Zick et al. 2011, 45). Diese biologische Verschiedenheit, z. B. in gewissen Gesichtszüge oder der Hautfarbe, also ihre „frem- de“ Abstammung, erweckt bei Menschen, die nicht der entsprechenden Abstammung sind, ein Gefühl vonüberlegenheit und Höherwertigkeit (vgl. Heitmeyer 2003b, 20).

2.2.2 Fremdenfeindlichkeit

Fremdenfeindlichkeit meint eine Ablehnung von Menschen, die einer als fremd wahrgenommenen Kultur angehören (vgl. Heitmeyer 2003b, 20). Dabei geht es um eine tatsächliche oder gedachte Konkurrenz um materielle Ressourcen wie Arbeits- plätze oder Wohnraum, aber auch um die Kultur selbst bzw. um die kulturelle Diffe- renz (z. B. Werte, Einstellungen und Lebensart) (vgl. ebd.). Es darf betont werden, dass es eine subjektive Sichtweise ist, denn beispielsweise wird nicht jeder, der einen Migrationshintergrund besitzt, als ein ‚Fremder‘ wahrgenommen (vgl. Zick et al. 2011, 45). Vor allem finden sich in Westdeutschland Vorurteile gegenüber Men- schen mit dunklen Haaren, soweit sie mit Menschen verbunden sind, die aus musli- misch geprägten Länder stammen, deren Kultur als essentiell anders gilt, aber Vorur- teile gegenüber Menschen aus Schweden gibt es nicht bzw. keine negativen (vgl. ebd.). Daraus lässt sich folgern, dass die Einordnung von Menschen als ‚Fremde‘ subjektiv ist, abhängig von der gesellschaftlichen Situation, und Fremdenfeindlich- keit eine enge Verbindung mit Rassismus und Islamfeindlichkeit aufweist (vgl. ebd.).

2.2.3 Antisemitismus

Unter Antisemitismus versteht man eine Ablehnung gegenüber Juden und dem hin- sichtlich nicht nur ihres Glaubens, sondern auch ihrer vermuteten oder tatsächlichen Kultur, Werte, Lebensart (vgl. Heitmeyer 2003b, 20). Sie beruht auf Vorurteilen ge- genüber Juden. Der Antisemit sieht sie als anthropogene Ursache für Katastrophen und „thematisiert vor allem bedrohende ‚Verschwörungen‘ und ‚Ausbeutungen‘, die es abzuwehren gelte“ (ebd.).

2.2.4 Etabliertenvorrechte

„Etabliertenvorrechte“ bezieht sich auf die Bevorzugung von Alteingesessenen in Relation zu Zuwanderern, wobei die Herkunft keine Rolle spielt. Es macht dabei keinen Unterschied, ob es sich um Flüchtlinge, Aussiedler oder mobile Minoritäten handelt, Anhängerinnen und Anhänger von Etabliertenvorrechten möchten ihnen gleiche Rechte vorenthalten, so dass die Gleichwertigkeit der verschiedenen Gruppen verletzt wird (vgl. Heitmeyer 2003b, 20).

2.2.5 Sexismus

Der Begriff Sexismus bezieht sich auf die Unterschiede zwischen den beiden gängi- gen Geschlechtern, denen verschiedene Geschlechterrollen zugewiesen werden, wo- bei er dieüberlegenheit/Dominanz des Mannes und die feste, häusliche Rollenzu- weisung der Frau verkörpert, z. B. dass Frauen für den Haushalt und für die Kinder zuständig seien. Hier ist von einer essentialisierten und normativierten Ungleichheit zwischen Männern und Frauen zu sprechen. Außerdem ist Sexismus ein Element der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, das sich von den anderen Elementen darin unterscheidet, dass mit Frauen in westlichen Gesellschaften regelmäßig keine Minderheit betroffen ist. Insoweit ist dieses Element als ein Sonderfall aufzufassen (vgl. Heitmeyer 2003b, 20 f.).

2.2.6 Islamfeindlichkeit

Islamfeindlichkeit, auch Islamophobie, beschreibt eine Ablehnung gegenüber Mus- limen und dem Islam, nicht nur in Hinblick auf die Religion, sondern auch auf ihre Kultur und ihre öffentlich-politischen wie religiösen Aktivitäten (vgl. Schönfelder 2008, 18), unabhängig von der Normkonformität. Unter Islamfeindlichkeit ist insbe- sondere die Ablehnung von Muslimen zu verstehen, also derjenigen, die der Glau- bensrichtung zugehören, nicht der Glaubensrichtung selbst (vgl. Zick et al. 2011, 46.). Somit ist der Begriff Muslimenfeindlichkeit ein im Vergleich zur Islamfeindlichkeit oder Islamophobie besser passender Ausdruck (vgl. ebd.).

2.2.7 Homophobie

Homophobie ist die Ablehnung von Homosexuellen wegen ihrer sexuellen Neigung zum gleichgeschlechtlichen Partner oder zur entsprechenden Partnerin (vgl. Schönfelder 2008, 18). Mit der Aussage: „Homophobie äußert sich beispielsweise, wenn homosexuellen Menschen Moral abgesprochen und gleiche Rechte verweigert werden, etwa das Recht zu heiraten, zu erben oder Kinder zu adoptieren“, formulie- ren (Zick et al. 2011, 47), werden z. B. Vorbehalte gegen die familienrechtliche Gleichstellung bereits als Ausdruck von Feindschaft betrachtet.

2.2.8 Abwertung von Obdachlosen

Die Abwertung von Obdachlosen bezeichnet feindselige Einstellungen gegenüber Menschen, die keine feste Unterkunft haben, also wohnungslos sind, rationalisiert insofern, als sie kein geregeltes Leben aufzeigen und daher der gesellschaftlichen Norm nicht entsprechen (vgl. Klein et al. 2014, 63).

2.2.9 Abwertung von Behinderten

Abwertung von Behinderten meint die Ablehnung von Menschen, die eine körperli- che oder geistige Beeinträchtigung haben, also eine Behinderung aufweisen. Durch ihre Behinderung sind diese Menschen im Leben eingeschränkt und werden daher auch als „normabweichend“ aufgefasst. Da sie zudem auf Unterstützung angewiesen sind, werden sie als ein Kostenfaktor angesehen (vgl. Schönfelder 2008; Klein et al. 2014).

2.2.10 Abwertung von Langzeitarbeitslosen

Die Abwertung von Langzeitarbeitslosen bezieht sich auf die Ablehnung von Menschen, die seit längerer Zeit nicht berufstätig sind und vom Staat unterstützt werden. Sie werden Unterstellungen ausgesetzt, dass ihre Langzeitarbeitslosigkeit selbst verschuldet durch ihre Gemütlichkeit und fehlende Triebkraft sei, sie haben mit abwertenden Einstellungen zu tun (vgl. Klein et al. 2014, 64 f.).

2.2.11 Abwertung von Asylbewerbern

Abwertung von Asylbewerbern richtet sich gegen asylsuchende Menschen, die ihre Zuflucht in einem anderen Land suchen, da ihre Sicherheit in ihrem eigenen Land gefährdet ist. Ihnen wird vorgeworfen, dass es in ihrem Land keine Lebensgefähr- dung gebe und sie diese Notsituation nur vorspielten (vgl. Klein et al. 2014, 65).

2.2.12 Abwertung von Sinti und Roma

Abwertung von Sinti und Roma beschreibt „feindselige Einstellungen gegenüber Roma und Sinti, denen Kriminalität, Unangepasstheit und Missbrauch des Sozial- staates vorgeworfen werden“ (Klein et al. 2014, 65). Der Beschreibung zufolge geht man diese Gruppe mit Vorurteilen an, deren Angehörige nachgerade als Kriminelle abgestempelt werden.

2.2.13 Zusammenhang

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass zwölf Elemente des GMF-Syndroms zu berücksichtigen sind, wenn der Heitmeyerschen Systematik gefolgt wird. Obwohl die Abwertung gegen unterschiedliche Gruppen gerichtet ist, haben all diese Merkmale und diese Einstellungen etwas gemeinsam bzw. sie hängen eng miteinander zusam- men. Die Abwertung ist gegen Menschen gerichtet, die ‚anders‘ sind, sei es in Form ihrer biologischen Verschiedenheit, Lebensart, unterschiedlichen Herkunft und Kul- tur, Glaubensrichtung, sexuellen Neigung oder ihren Geschlechterrollen. Menschen, die z. B. eine fremdenfeindliche Einstellung aufweisen, sind nach den bisherigen Feststellungen auch sexistisch und haben gleichzeitig eine Orientierung u. a. zum Rassismus, zum Antisemitismus, zur Islamfeindlichkeit. Sie gelten alle durch einen gemeinsamen Kern als miteinander verbunden, der als Ideologie der Ungleichwer- tigkeit gefasst wird (vgl. Legge et al. 2013, 511). Wenn man alle Elemente näher betrachtet, kann man sehen, dass sie auf vergleichbaren Motiven basieren (vgl. ebd.). So lässt sich folgern, dass Personen, die eine abwertende Einstellung gegenüber einer Gruppe haben, sehr wahrscheinlich auch dazu tendieren, andere Gruppen abzuwerten (vgl. Zick et al. 2012, 68). Somit wird deutlich, dass Personen meistens menschen- feindliche Einstellungen nicht nur gegen eine Gruppe hegen, sondern gegen mehrere.

2.3 GMF in sozialen Gruppen

Es ist nicht nur wichtig, die Gruppe von Menschen anzusprechen, die wegen ihrer Gruppenzugehörigkeit abgewertet werden, sondern auch jene, die diese Gruppen abwerten. Sie zählen selbst zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, die un- ter verschiedenen statistischen Facetten aufgefasst werden. Das Alter, das Ge- schlecht, das Bildungsniveau sowie die Wohnregion (z. B. Ost-/Westdeutschland) bilden denkbare soziale Gruppen/Kategorien, die sich durch Umfragen gefestigt ha- ben; entsprechende Kategorien lagen auch der GMF-Survey zugrunde (vgl. Zick et al. 2012, 72 f.). Das Ausmaß der Abwertung differiert je nach sozialer Gruppe, was anhand der Umfrageergebnisse festgestellt werden konnte (vgl. Klein et al. 2014, 72). Im Folgenden wird das Ausmaß der Abwertung in verschiedenen sozialen Gruppen vorgestellt, das von Klein, Groß und Zick unter dem Titel „Fragile Mitte - Feindselige Zustände“ erfasst wurde.

Tabelle 1: Ausmaß der Abwertung in unterschiedlichen Altersstufen (Angaben in Prozent), in Anlehnung an Klein et al. (2014, 73).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 zeigt das Ausmaß der Abwertung in den unterschiedlichen Altersgruppen. Beachtenswert ist, dass die feindseligen Einstellungen sich erheblich in den jeweili- gen Altersgruppen unterscheiden. Hier wird deutlich, dass Menschen mittleren Alters zwischen 31-60 Jahren im Gegensatz zu den Jüngeren und Älteren am wenigsten abwertende Einstellungen vertreten. Daher lässt sich nicht schlichtweg sagen, dass mit zunehmendem Alter auch die Abwertung Anderer sich verschärfe. Zwar stimmt es, dass die Älteren (ab 60) prozentual gesehen am stärksten feinselige Einstellungen besitzen, aber im Vergleich von Jüngeren (16-30) und den Menschen mittleren Al- ters sieht man schon Abweichungen bzw. jüngere Befragte vertreten fast ausnahms- los stärkere abwertende Einstellungen als die darauf folgende Altersstufe. Die Zu- stimmung zu Etabliertenvorrechten und die Abwertung von Behinderten werden aber von den Jüngeren nicht so stark vertreten. Hier könnte man von einer Steigerung der Abwertung mit zunehmendem Alter sprechen, die aber nur auf einer Ausnahme be- ruht. Wiederum vertreten die Jüngeren stärker rassistische Einstellungen im Ver- gleich zu den anderen Altersgruppen, ebenso werten sie deutlich stärker Langzeitar- beitslose ab. Der Grund dafür könnte darin liegen, „dass jüngere Menschen in beson- derem Maße ökonomische Wertvorstellungen internalisieren“ (Klein et al. 2014, 75).

Trotzdem neigen ältere Befragte (ab 60) im Vergleich zu den anderen Altersstufen eher zur Menschenfeindlichkeit.

Tabelle 2: Ausmaß der Abwertung bei Männern und Frauen (Angaben in Prozent), in Anlehnung an Klein et al. (2014, 74).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine Befragung unter Männern und Frauen gibt ein anderes Bild des Ausmaßes der Abwertung. Auf den ersten Blick kann nicht eindeutig gesagt werden, welches Ge- schlecht stärker menschenfeindliche Einstellungen besitzt. Bei näherer Betrachtung lässt sich erkennen, dass Frauen im Durchschnitt stärker zur Menschenfeindlichkeit neigen als Männer, da sie im Schnitt wesentlich fremdenfeindlicher, für die Vorrech- te der Etablierten, abwertender gegenüber Obdachlosen, Langzeitarbeitslosen, Asyl- bewerbern und Sinti und Roma stehen als Männer. Bemerkenswert ist, nimmt man weit verbreitete Klischees von der ‚guten Frau‘ und dem ‚bösen Mann‘ als Aus- gangspunkt, dass sie auch sexistischer orientiert sind als Männer (vgl. Klein et al. 2014, 74). Frauen, die sexistischen Wertungen zustimmen, sind möglicherweise der Ansicht, dass die häusliche Rollenzuweisung der Frau richtig ist und sie auch gerne diese Rolle annehmen würden oder vielleicht auch sogar tun (vgl. ebd.). Männer hin- gegen vertreten mehr abwertende Einstellung gegenüber Homosexuellen (vgl. ebd.).

Daten zum Ausmaß der Abwertung entsprechend dem Bildungsniveau sind im zitie- ren Werk zwar nicht im Detail aufbereitet, gleichwohl spielt das Bildungsniveau eine wichtige Rolle, was das Ausmaß der Abwertung ausmacht (vgl. Klein et al. 2014, 73). Je gebildeter ein Mensch ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er andere Menschen abwertet und vice versa (vgl. ebd.). Die Ergebnisse simultaner Re- gressionsanalysen, die anhand der Datensammlung der GMF-Surveys in „Deutsche Zustände“ (Band 10) veröffentlicht wurden, zeigen, dass Menschen mit einem nied- rigen Bildungsniveau z. B. wahrscheinlicher eine Neigung zum Antisemitismus auf- weisen und unter anderem auch eine Orientierung zum Rassismus, zur Fremden- feindlichkeit, zur Abwertung von Langzeitarbeitslosen (vgl. Zick et al. 2012, 73-76).

Tabelle 3: Ausmaß der Abwertung in Ost- und Westdeutschland (Angaben in Prozent), in Anlehnung an Klein et al. (2014, 73).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3 zeigt, dass es zwischen Ost- und Westdeutschland erhebliche Unterschiede im Ausmaß der Abwertung gibt. Die Bevölkerung in Ostdeutschland neigt im Ver- gleich zu jener in Westdeutschland eher zu feindseligen Einstellungen, denn fast ausnahmslos findet eine höhere Zustimmung zu den jeweiligen Syndrom-Elementen statt, außer für die Abwertung von Behinderten, hier lassen beide Wohnregionen prozentual gleich feindselige Einstellungen erkennen, desgleichen im Sexismus (vgl. ebd.). Hierübertrifft mit einer geringen prozentualen Wahrscheinlichkeit der Westen den Osten.

Auffällig ist dabei, dass es vor allem die Gruppe der Fremden ist, die von ostdeutschen Befragten signifikant häufiger mit negativen Vorurteilen belegt wird, wenngleich objektiv gesehen, der Ausländeranteil in Ostdeutschland wesentlich niedriger ist, als für Westdeutschland (Legge et al. 2013, 516).

[...]

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
Untertitel
Was ist Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und wie entsteht sie?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,7
Jahr
2016
Seiten
52
Katalognummer
V352463
ISBN (eBook)
9783668390102
ISBN (Buch)
9783668390119
Dateigröße
968 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
GMF, Menschenfeindlichkeit, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Syndrom, Desintegrationsängste, Prävention, Interkulturelle Pädagogik, Antirassistische Pädagogik, Sexismus, Antisemitismus, Asylbewerber, Jugendliche, ethnische Vorurteile in der Schule, ethnische Vorurteile, Vorurteile, Abwertung, abwerten
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352463

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