Die „Bilder einer Ausstellung“ wurden 1874 von Modest Mussorgskij zum Gedenken an
seinen verstorbenen Freund und Maler Viktor Hartmann komponiert. Zunächst als reines
Klavierwerk geschrieben, gelangte es auch in einer nicht enden wollenden Reihe von
Instrumentationen an die Öffentlichkeit. Neben mehreren Orchesterfassungen1 kam es auch zu
exotischen Instrumentierungen, hier ist beispielsweise die Fassung für Rockband von
Emerson, Lake and Palmer2 zu nennen.
Eine der ersten Transskriptionen, die auch im heutigen Konzertbetrieb zur bekanntesten
Fassung der „Bilder“ geworden ist, ist wohl die Orchestration Maurice Ravels.
Zwischen der Erstkomposition und der Neufassung Ravels liegen 48 Jahre, also fast ein
halbes Jahrhundert. Maurice Ravel wurde 1875 geboren, ein Jahr, nachdem die Urfassung
entstand. Auch stiltechnisch können die beiden Komponisten nicht in einem Atemzug genannt
werden, sie werden im Allgemeinen jeweils einer kompositorischen Strömung ihrer Zeit
zugeordnet, Mussorgskij den russischen Erneuerern um Balakirew, Ravel der
impressionistischen Strömung in Frankreich Anfang des 20. Jahrhunderts.
Dennoch beschäftigten sich beide auf ihre Weise mit ein und dem selben Werk und
vermischten so ihre Stile. So lassen sich an Harmonik und Melodik Merkmale von
Mussorgskijs Vorstellung einer modernen russischen Komposition belegen. Die
Orchesterfassung Ravels dagegen zeigt in ihrer Instrumentation auch Merkmale der
impressionistischen Musik seiner Zeit.
So kommt es zum Titel dieser Arbeit, zwei Komponisten mit den unterschiedlichen
Modernitätsbegriffen ihrer Epoche machen die „Bilder einer Ausstellung“ im doppelten Sinne
zum Zeugnis einer Modernität.
Die Arbeit beginnt mit einer kurzen Darstellung des Aufbaus der „Bilder“, der Intention des
Komponisten und einer Erläuterung der einzelnen Bilder. Im Weiteren werden beide
Auffassungen von Modernität erklärt und beschrieben, wie die Komponisten zu Ihnen stießen.
Hiernach folgen stichprobenartige Belege für die Eigenarten der Komponisten am Werk
selbst.
1 u. a. 1886 Michel Tuschmalow, Klasse Rimski-Korssakow
1922 Maurice Ravel, Frankreich
1922 Leo Fintek, Finnland
1924 Leonidas Leonardi, Italien
1942 Walter Goehr, Deutschland
2 „Pictures At An Exhibition“, Emerson Lake and Palmer, Cotillion, Atlantic Records 1972
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Intention und Aufbau der „Bilder einer Ausstellung“
3. Kurzbiographie Mussorgskijs
a) Entstehung von Mussorgskijs Modernitätsbegriff
4. Analyse der Originalfassung der „Bilder einer Ausstellung“ in Hinsicht auf Mussorgskijs Modernitätsbegriff
5. Kurzbiographie Ravels
a) Was war modern an Ravels Werk?
6. Analyse der Orchesterfassung Maurice Ravels in Hinsicht auf den Modernitätsbegriff ihres Verfassers
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die unterschiedlichen Modernitätskonzepte von Modest Mussorgskij und Maurice Ravel anhand des Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ und dessen berühmter Orchesteradaption. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie beide Komponisten das Werk unter dem Einfluss ihrer jeweiligen musikalischen Epochen und Ästhetiken interpretierten und umsetzten.
- Gegenüberstellung der Modernitätsbegriffe von Mussorgskij und Ravel
- Analyse der kompositorischen Intention und Entstehung der „Bilder einer Ausstellung“
- Untersuchung der instrumentatorischen und stilistischen Merkmale beider Fassungen
- Einfluss russischer Volksmusik und impressionistischer Klangsprache auf die Instrumentation
Auszug aus dem Buch
4. Analyse der Originalfassung der „Bilder einer Ausstellung“ in Hinsicht auf Mussorgskijs Modernitätsbegriff
Mussorgskijs Idee von Modernität lässt sich an einigen musikalischen Besonderheiten festmachen:
a) generell ist die Themenauswahl für seine Werke zu nennen. Im Mittelpunkt seines Schaffens standen keine absoluten Werke, sondern programmatische Werke wie Lieder, sinfonische Dichtungen und Opern. Dabei wurden meist russische Themen verarbeitet, z. B. die Geschichte des Zaren Boris Godunow (1872), die Johannisnacht auf dem kahlen Berge (1867) oder auch 5 russische Volkslieder für Männerchor (1880, unvollendet).
b) Bei allen Liedern und Opern Mussorgskijs steht die Darstellung der Gemütslage, der Stimmung, auch der Atmosphäre im Vordergrund. Geräusche, z. B. Stimmen, Vögel etc. werden naturalistisch dargestellt, die musikalische Form tritt dabei in den Hintergrund.
c) Rein tonsatztechnisch betrachtet benutzt Mussorgskij ungewöhnliche musikalische Mittel, um (s. b) ) das vertonte Objekt darzustellen. Dabei bewegt er sich nicht selten in die freie Tonalität; Chromatik und nicht aufgelöste Septakkorde sind beliebte Mittel. Es werden gehäuft modale Tonarten verwendet, da sie auch der russischen Volks- und Kirchenmusik entstammen.
d) Originale russische Volkslieder tauchen des öfteren in seinen Werken auf. Auch werden typische Merkmale dieser Lieder (häufige Quartsprünge, fallende Terzen oder Quinten35) in eigenen Melodien kopiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Entstehungsgeschichte der „Bilder einer Ausstellung“ und Vorstellung der beiden Komponisten sowie der zentralen Fragestellung.
2. Intention und Aufbau der „Bilder einer Ausstellung“: Darstellung des Hintergrunds durch Viktor Hartmanns Werke und der rondoartigen Struktur des Zyklus.
3. Kurzbiographie Mussorgskijs: Biographischer Überblick mit besonderem Fokus auf seine Ausbildung und Einflüsse.
a) Entstehung von Mussorgskijs Modernitätsbegriff: Analyse der nationalrussischen Ideologie und deren Einfluss auf Mussorgskijs Kompositionsstil.
4. Analyse der Originalfassung der „Bilder einer Ausstellung“ in Hinsicht auf Mussorgskijs Modernitätsbegriff: Untersuchung der musikalischen Besonderheiten und der naturalistischen Darstellung im Klavierzyklus.
5. Kurzbiographie Ravels: Biographischer Abriss zu Maurice Ravel und seinem künstlerischen Werdegang.
a) Was war modern an Ravels Werk?: Einordnung von Ravels Stil und die Einflüsse durch französische und russische Musik sowie Wagner und Strauss.
6. Analyse der Orchesterfassung Maurice Ravels in Hinsicht auf den Modernitätsbegriff ihres Verfassers: Analyse der instrumentatorischen Neuerungen und Kopplungstechniken in Ravels Orchesterfassung.
Schlüsselwörter
Modest Mussorgskij, Maurice Ravel, Bilder einer Ausstellung, Musikgeschichte, Instrumentation, Modernität, Impressionismus, russische Musik, Viktor Hartmann, Orchesterfassung, Klangfarbe, Kompositionstechnik, Programmmusik, 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Werk „Bilder einer Ausstellung“ und kontrastiert dabei das ursprüngliche Klavierwerk von Mussorgskij mit der berühmten Orchestrierung von Ravel im Hinblick auf deren jeweiliges Verständnis von musikalischer Modernität.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Entstehung der „Bilder“, die ästhetischen Unterschiede zwischen den Komponisten, nationale Musikströmungen, impressionistische Einflüsse und Aspekte der Instrumentation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie zwei unterschiedliche Komponisten desselben Werkes durch ihre epochenspezifischen Modernitätsbegriffe das Werk jeweils neu definierten und als Zeugnis ihrer Zeit gestalteten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine musikwissenschaftliche Analyse der Kompositionsstile, der Orchestrierungstechniken und der biographischen Kontexte angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst biographische Abrisse, die Analyse der Originalfassung hinsichtlich Naturalismus und Nationalismus sowie die detaillierte Betrachtung der Orchesterfassung hinsichtlich instrumentatorischer Spezialitäten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern zählen u.a. Mussorgskij, Ravel, Instrumentation, Bilder einer Ausstellung, Modernität und impressionistische Klangsprache.
Wie unterscheidet sich Mussorgskijs Modernität von der Ravels?
Mussorgskijs Modernität ist ideologisch durch Nationalismus und Naturalismus geprägt, während Ravel Modernität primär durch instrumentatorische Brillanz, Klangfarbensynthese und formale Präzision erreicht.
Welche Rolle spielt die Instrumentation in Ravels Fassung?
Die Instrumentation ist das zentrale Werkzeug Ravels; er nutzt Kopplungen und die Ausreizung von Extremlagen, um dem Klavierwerk eine neue, farbenreiche und moderne orchestrale Dimension zu verleihen.
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- Kai-benjamin Schütt (Author), 2001, Die Modernität der Bilder einer Ausstellung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35258