Not am Mann? Herausforderungen an krisenbedrohte Identitäten und die moderne Männlichkeit


Diplomarbeit, 2015

110 Seiten, Note: 1,9

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Identitäten und soziale Rollen
2.1 Geschlecht und Forschung
2.2 Der Mann und Männlichkeit
2.3 Hegemoniale Männlichkeit
2.4 Der Habitus nach Bourdieu
2.5 Der soziale Raum Bourdieus
2.6 Konnektivität von hegemonialer Männlichkeit nach Connell und dem Habituskonzept

3 Herausforderungen der Modernisierung im Wandel der Zeit
3.1 Zur Lage der Familie
3.2 Das neue Sorgenkind des Bildungssystems
3.3 Zur Begrifflichkeit der Krise

4 Der Mann im Gesundheitssystem
4.1 Suizidalität
4.2 Empirische Untersuchung

5 Resümee

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Einführung

Herbert Grönemeyer fragte auf seinem 1984 erschienen Album „4630 Bochum“, wann denn ein Mann ein Mann sei. Seine Stereotypenbeschreibung im Lied „Männer“ umfasst zum einen den starken, furchtlosen Mann, der als einsamer Streiter Raketen baut, Kriege führt und ständig unter Strom steht. Andererseits weinen sie heimlich, so Grönemeyer. Der Mann brauche zu dem viel Zärtlichkeit und ist verletzlich. Ein durch Widersprüche gekennzeichneter Text, der durch die Frage nach der Männlichkeit im Refrain abgerundet wird. Gut 30 Jahre später wirkt dieser aktueller denn je: der Mann sieht sich gegenwärtig einer Vielzahl von Herausforderungen gegenüber, die sämtliche Lebensbereiche an ihn stellen. Seine Männlichkeit unterliegt zunehmend einer Diskursivierung, im Zuge von Ausdifferenzierungs- und Individualisierungsprozessen werden alte Leitbilder brüchig und neue Rollenideale stehen am Beginn einer normativen Etablierung. Medien glänzen mit verzerrten Männlichkeitsbildern, die gleichsam abstrus und heterogen sein können. Seitens der Parfümindustrie wird in Regelmäßigkeit mit durchtrainierten Männerkörpern geworben – die Modeindustrie beinhaltet schon lange kein Bild mehr, welches repräsentativ für den durchschnittlichen Mann stehen kann – maximal als Ideal, obwohl sich über ein solches Männerbild streiten ließe. Robustheit, Mut, Stärke und Stressresistenz sind nach wie vor in fester Verankerungen, doch immer mehr mediale, interpersonelle, familiäre und auch politische Einflüsse suggerieren Mitgliedern des männlichen Geschlechts, es komme auf mehr als Ehrgeiz, Egozentrismus und Karrierestreben an.

Die höchst ausdifferenzierte Konsumgesellschaft überlädt den jungen Mann mit enormer Diversität an Männlichkeitsidealen. Die Vielfältigkeit an Einflüssen, Erwartungen und Wünschen der Mitmenschen liefert extreme Handlungsspielräume zum einen, zum anderen führen sie allerdings auch zur Verunsicherung und Schwierigkeit, daraus eine stabile Identität konstruieren zu können und modernen Anforderungen gerecht zu werden. Geschlecht fungiert nach wie vor als major status und bildet eine zentrale Komponente in sozialen Ungleichheitsbelangen. Es ist Türöffner und Türschließer zu differenten sozialen Sphären in Formen von Bildungszugängen und Möglichkeiten in der Erwerbswelt zugleich. Der Mann befindet sich dabei im Zwiespalt: muss der Körper nun geformt werden und bleibt vor allem Raum für das Fitnessstudio, obwohl Bildung doch unser höchstes Gut ist und das Zeitbudget begrenzt? David Beckham fungierte stilprägend für die gegenwärtige Metrosexualität: kein Gramm Körperfett und enorm gepflegt, erfolgreich durch den Sport. Er symbolisiert Härte und Stabilität zum einen, gleichzeitig hat er keine Scheu davor, auch als weiblich konnotierte Eigenschaften und Persönlichkeitszüge zu offenbaren. Vor nicht allzu langer Zeit fungierte das männliche Geschlecht noch als Status schlechthin und bestimmte soziale Mobilität deutlich stärker als heute: wer Mann war hatte Privilegien. Diese Vormachtstellung, die enorm strukturierende Einflüsse auf diverse soziale Sphären wie die der Familie, der Berufswelt, der Politik und des Sports hatte, beginnt allmählich zu bröseln. Die große Emanzipationsbewegung der Frau führte, drastisch formuliert, zur Schwächung des männlichen Geschlechts. Doch es war ein mehr als notwendiges Unterfangen, um die Gleichstellung voranzutreiben. Die sich fortweilend ausdifferenzierende Gesellschaft verlagert sich dabei auf Schwerpunkte, denen es sich anzupassen gilt. Das Individuum muss sich im Grunde „mitmodernisieren“, um gegenwärtigen Anforderungsprofilen gerecht werden zu können.

Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist die nach dem Manne. Das Wegbrechen dieser immensen Machtposition kann dabei nicht ohne Spuren erfolgt sein, Fortschritt nimmt immer auch Wandel als Grundlage und so treten vermehrt Zweifel zu tage, inwieweit der Mann sich der rasanten Entwicklung angepasst und mit ihr Schritt gehalten hat. Die Frau scheint dies getan zu haben, sie besetzt vermehrt Machtpositionen in Wirtschaft und Politik, die Implementierung der Frau in die Erwerbswelt schreitet weiter voran und ist bereits extrem ausgeprägt. Ehemalige Männerdomänen, wie Bundeswehr und Polizei, verzeichnen gestiegene Frauenanteile.

Der Mann befindet sich gegenwärtig inmitten ambivalenter Suchbewegungen und wird vermehrt mit Problemen konfrontiert. Schon ein oberflächlicher Blick offenbart, dass der Mann in Punkte Gesundheit und Bildung der Verlierer ist. Deutlich mehr Männer als Frauen sind obdachlos, das Thema des Suizids ist im Grunde eine Männerdomäne. Bei all den positiven Entwicklungen und Tendenzen, den fortschreitenden Angleichungsprozessen, die die Rolle der Frau stärken und zukünftig zu weiterer Gleichheit in vielen sozialen und politischen Belangen führen, erwecken politische, mediale und gesellschaftliche Diskurse nur wenig den Eindruck, als würde der Mann Teil dieser Thematik sein. Viele Debatten rund um das Gender-Pay-Gap und die Frauenquote werden hitzig und intensiv geführt, sodass der Mann ein wenig in Vergessenheit geraten zu scheint.

Ziel dieser Arbeit wird es im Folgenden sein, einen Blick auf den modernen Mann und dessen Männlichkeit zu werfen. Es steht zur Diskussion, inwieweit das traditionelle Rollenbild noch adäquat erscheint, inwieweit es gegenwärtig ausgelebt wird und welchen Herausforderungen der Mann sich zu stellen hat. Ausdifferenzierung, Individualisierung und Modernisierung der Gesellschaft üben maßgebliche Strukturbeeinflussungen sozialer Sphären nach sich. Der Grundgliederung unterliegt dabei die Struktur von Theorie, Einblicken in die Alltagspraxis und Empirie. Zu Beginn wird es darum gehen, sich den Konstrukten der Identität, sozialen Rollen und Männlichkeit zu nähern, um so einen Einblick in Forschungshistorie rund um die Thematik des Geschlechts zu erlangen. Ferner soll der Fokus auf insgesamt drei grundlegende Bereiche geworfen werden, die einen maßgeblichen Einfluss üben und gleichsam einen enormen Bestandteil von Männlichkeit darstellen: die Familie und Vaterschaft, die Berufswelt bzw. der Bildungssektor und der Bereich der Gesundheit. In Interdependenz mit ihren Mitgliedern kommt es speziell auf diesen Ebenen zu stetigen Fluktuationen. Diese genannten Bereiche sollen dabei in ihrer aktuellen Ausprägung durchleuchtet und mögliche Herausforderungen an den Mann dargestellt werden. Vor allem der Suizid weist enorme Geschlechtsdifferenzen auf und so soll, zum Teil explorativ, ein Einblick in diese Thematik gewährleistet werden. Die Bundesrepublik Deutschland verzeichnet seit Mitte der 2000er Jahre einen perplexen Trend wiedersteigender Suizidraten. Wissenschaft, Forschung und Politik sind hierbei aktuell nicht in der Lage, dieses Phänomen zu erklären. Zudem birgt der Suizid als sehr sensibles Thema hohe Komplexität in Erklärung und Betrachtung, Datenmaterial scheint inkonsistent und die Zugänglichkeit zu diesen erschwert. So ermöglicht die Verfügbarkeit eines speziellen Datensatzes den Zugriff auf Not- und Rettungsarztprotokolle der Jahre 2010 bis 2013 im Raum Dresden, der einer neuen Auswertung und Analyse, angepasst an die Spezifität dieses Themas, unterzogen werden soll.

2 Identitäten und soziale Rollen

Dahrendorfs fast sechzig Jahre alte Konzeption vom „homo sociologicus“ – dem Menschen als rollenspielendes, soziales Wesen, als Akteur, der in fester Verankerung mit der Gesellschaft agiert, wirkt auch heute so aktuell, wie sie stichhaltig ist und definiert den Menschen in der Gesellschaft ebenso wie eine der Kernaufgaben der Soziologie.

„Am Schnittpunkt des Einzelnen und der Gesellschaft steht der homo sociologicus, der Mensch als Träger sozial vorgeformter Rollen. Der Einzelne ist seine sozialen Rollen, aber diese Rollen sind ihrerseits die ärgerliche Tatsache der Gesellschaft. Die Soziologie bedarf bei der Lösung ihrer Probleme stets des Bezuges auf soziale Rollen als Elemente der Analyse; ihr Gegenstand liegt in der Entdeckung der Strukturen sozialer Rollen.“ (Dahrendorf 1958: 183).

Ein jedes Subjekt, eingebettet in soziale Sphären, an denen es partizipiert, unterliegt direkter und indirekter, immer jedoch maßgeblicher Beeinflussung durch seine soziale Umwelt. Die grundlegende Annahme der Soziologie beinhaltet somit, dass Individuen durch Partizipation in Interdependenz mit der Gesellschaft stehen und differierende Handlungs- und Kommunikationssysteme inkorporieren, resultierend in Werkzeuge des Alltags und der Normkonformität. Das Subjekt lernt in Sozialisationsprozessen die Anpassung sozialer Rahmenbedingungen, normkonformes Handeln und Erwartungshorizonte, die variierend nach sozialer Situation ein Anforderungsprofil vorgeben. Die Identität eines Subjektes ist nicht a priori gegeben, sie konstruiert sich erst mit zunehmender Partizipation am gesellschaftlichen Leben. Entkleidet durch die Innenstadt zu schreiten wäre nicht normkonform; Begrüßung in spezifischen Situationen gehört ebenso zum Standardrepertoire wie ein grundlegendes Maß an Körperpflege, wenn man in Interaktionsprozesse mit anderen Individuen tritt. Derlei gesellschaftliche Normierungen verankern sich dabei in maßgebender Weise in die Identität des Subjekts, die Inkorporierung differierender Rollenprofile sind als Teil der Identität zu begreifen.

Der Terminus der Identität[1] kann dabei aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und definiert werden. Erving Goffman gilt in diesem Zusammenhang als Mitbegründer für die Etablierung des Identitätsbegriffes im symbolischen Interaktionismus. Eriksons Modell der Identitätsentwicklung verankert sich tief im psychoanalytischen Theoriebereich. Max Weber, George H. Mead, Pierre Bourdieu und auch Harold Garfinkel sind nur wenige weitere Beispiele für Autoren, die sich der Identität, der Subjektwerdung und den Interaktionsprozessen in der Gesellschaft widmen.

Diskurse über Identitätsbildung sollten dabei nicht als konkurrierend begriffen werden, sondern vielmehr als eine Ergänzung eines hochkomplexen Konstrukts. In den westlichen Industrienationen sind die Subjekte nicht nur bloße Rollenträger, die erlernte und gesellschaftlich konstruierte Rollenmuster uniform wiedergeben und reproduzieren; Ausdifferenzierung der Gesellschaft und die weiter voranschreitende Individualisierung des Subjekts generieren Dynamiken, die jedwede Deutungen sozialer Situationen zur Schwierigkeit werden lassen, wenn es um die Wahl geeigneter Kommunikationswege und angepasstes Verhalten in derlei Momenten geht. Nun impliziert die Verwendung des Plurals im Titel dieser Arbeit das Vorhandensein von mehr als nur einer Identität. Die Begründung hierfür liegt in der grundlegenden Differenzierung der Soziologie von personaler und sozialer Identität sowie deren Ausprägungen.

Mead differenziert bei seiner Verknüpfung von Interaktionen, Rollen und Identitäten den Wesensbereich des Subjektes in drei grundlegende Bestandteile, die maßgeblich an der Konstruktion von Identität beteiligt sind (vgl. im Folgenden Joas 2006: 177ff). Das Me integriert den Prozess der Selbstreflexion: es umfasst das Selbstbild, dass sich aus der Betrachtungsübernahme der Positionen von anderen ergibt. Gewissermaßen reflektiert das Subjekt, wie es von seinen Mitmenschen wahrgenommen wird. Demgegenüber positioniert Mead das I, das impulsive Ich vorsozialer und unbewusster Natur. Es inhäriert vor allem Spontaneität sinnlicher und körperlicher Bedürfnisse, erscheint dabei nie in vollem Umfang sozialisierbar und weist tendenziell die Möglichkeit auf, durch die Spontaneität soziale Selbstdisziplinierung aufzuheben. Die Differenz zwischen I und Me ergibt ein Bewusstsein, aus dem sich das Subjekt das Self generieren kann, welches die Einheitlichkeit von I und Me darstellt . Interaktionen und Sozialisation stellen dabei die fortlaufenden Prozesse dar, durch die sich das Self stetig weiterentwickelt. Gewissermaßen entkoppelt das Me differierende Haltungen anderer Individuen und formt sie in Normen, Werte und Anforderungen um, die je nach sozialer Situation und Kontext variieren. Aufgrund von Varianzen differierender Situationen verläuft dieser reflexive Part permanent und wird stetig wiederholt, mit dem Ergebnis, dass das Subjekt über die Zeit hinweg eine stabile Identität, eben das Self entwickeln kann, sofern sich die reflexiven Prozesse zu einem einheitlichen Selbstbild umformen. Resultierend bildet sich eine „Ich-Identität als einheitliche und doch auf die Verständigung mit stufenweise immer mehr Partnern hin offene und flexible Selbstbewertung und Handlungsorientierung“ (vgl. ebd.: 178) für das Subjekt[2]. Die Basis der Identität von Mead ist klar interaktionistischer Natur.

Bezugnehmend darauf differenziert Goffman Identität wiederrum in zwei eigenständige Gebilde. Anhand seiner Studie über die Insassen einer Psychiatrie untersuchte er, wie Subjekte ihre Identität „unter Bedingungen extremer Fremdbestimmung behaupten und darstellen“ (vgl. Keller 2009: 114). Seine zwei differenziert zu betrachtenden Identitätszuweisungen gliedern sich in die soziale Identität, welche die Rollen des Subjekts im gesellschaftlichen Gefüge beinhaltet und die personale Identität, die Merkmale inhäriert, welche dem Subjekt Unverwechselbarkeit gegenüber anderen verleiht (vgl. ebd.: 115). Goffmans Identitätsverständnis gründet immer auf der Prämisse, dass das Subjekt eingebettet in die soziale Sphäre durch ebendiese determiniert wird und somit nie frei von der Wechselwirkung mit der Gesellschaft zu betrachten ist, im Ergebnis also auch soziale Rollen in die Analyse miteinbezieht. Soziale Rollen definieren sich über „die Summe der Erwartungen und Ansprüche von Handlungspartnern, einer Gruppe, umfassender sozialer Beziehungsreiche oder der gesamten Gesellschaft“ (vgl. Hillmann 2007: 756). Dem Subjekt stehen durch die Übernahme einer spezifischen Rolle normative Erwartungen gegenüber, die ihre Rechtfertigung in soziokulturellen Werten finden. Dieser normativen, externen Rollenbetrachtung Folge zu leisten, stellt dabei Herausforderung und Notwendigkeit an das Subjekt dar, um sich im sozialen Gefügen konform zu verhalten und soziale Sanktionen zu vermeiden (vgl. ebd.). Sich dieser eingeforderten Rollenauslegung entgegenzustellen, käme abweichendem Verhalten gleich, auch dann, wenn die spezifischen Rollenmuster konträr zur individuellen Auslegung und Persönlichkeit des Individuums verlaufen.

Das Individuum inkorporiert Zeit seines Lebens in der Gesellschaft höchst differierende soziale Rollen und vermag diese ebenfalls wieder abzulegen. Neben geschlechtsspezifischen Rollen gibt es zudem berufsbezogene, familiäre oder auch partnerschaftliche Rollen, auf die im Folgenden vereinzelt eingegangen wird. Der grundsätzliche Rahmen zum Verständnis von Identität und Rollen sei somit gegeben, er wird sich im Laufe dieser Arbeit weiter ausformen und kontextuell erschließen lassen. Schlussendlich ergibt sich die Notwendigkeit, von Identitäten zu sprechen, die ein Subjekt innehat. Die beiden Konstrukte von personaler und sozialer Identität sind freilich nicht unabhängig voneinander zu betrachten und stehen in Interdependenz, gleichzeitig unterschieden sie sich in Anspruch an das Individuum und durch das Individuum an sich selbst.

2.1 Geschlecht und Forschung

Die Gesamtheit der Menschen auf unserer Erde repräsentiert enorme Diversität. Körpergröße, Körperfettanteil, generelle körperliche Leistungsfähigkeit, aber auch die Häufigkeit von Behinderungen variieren und sind in ihrer Gesamtheit von schier unendlich anmutenden Ausprägungen gekennzeichnet. Der Körper allein als eine Art Werkzeug des täglichen Lebens zur Fortbewegung, Verrichtung von Arbeit oder als Kommunikationsmittel via Gestik und Mimik, ist ein wichtiger Bestandteil sozialer Praxis. Körper sind dabei Gegenstand und handelndes Element gleichsam, aus dem sich ein Relationsgefüge ergibt, das wie ein Kreislauf die Menschen, deren Körper und soziale Strukturen verbindet. Es erfolgt eine Einbettung in die Historie, in der der Körper allein kennzeichnend für sozialstrukturelle und kulturelle Lagen jeweiliger Gesellschaften sein kann. Man nehme als simpelstes Beispiel die Lebenserwartung der Industrialisierung und vergleicht sie mit der heutigen. Die Körper summieren sich zu einem historischen Prozess, den sie gleichsam prägten, sinnbildlich vertraten und die Basis für Veränderungen legten – kurz der Prozess der „sozialen Verkörperung“ (vgl. Connell 2013: 99). Geschlecht gilt nun als eine Form und Möglichkeit der sozialen Verkörperung, dessen vermeintliche Unterschiede nicht biologisch bedingt, sondern vielmehr sozial konstruiert sind.

Geschlecht stellt eine manifeste Begrifflichkeit des alltäglichen Lebens, aber auch der breitgefächerten Forschungs- und Wissenschaftsstränge verschiedener Gebiete der Soziologie, Psychologie und Pädagogik dar. Die Gesamtheit der Gesellschaft unterliegt immer strukturellen Ordnungen, zu denen sich verallgemeinernd z.B. das Alter, die Ethnie, Schicht- und Klassenzugehörigkeit, sowie die Nationalität als von Individuen inkorporierte Merkmale zählen lassen. Zu diesen Unterscheidungsinstanzen gesellschaftlichen Zusammenlebens lässt sich auch das Geschlecht als ordnungsstiftende Kategorie begreifen, das seit jeher, epochal unterschiedlich, mit enormer Gewalt auf Ressourcen, Chancen und Zugänglichkeiten der Individuen in bestimmten Teilbereichen des menschlichen Zusammenlebens drückt. Die Kategorie Geschlecht ist mit Macht ausgestattet, die es ihr ermöglicht, auf soziale Strukturen Einfluss zu nehmen. Das Verhältnis zwischen den beiden Hauptkategorien Mann und Frau in der westlichen Welt vermag es, Trennlinien in der Verfügbarkeit von Ressourcen wie Einkommen oder Bildung zu ziehen. So verankert sich das Geschlecht als ordnungsstiftende Dimension mit direktem Einfluss in die Sozialstruktur der Gesellschaft, weshalb Modulationen und Reorganisationen der Geschlechterordnung auch immer gesellschaftliche Strukturveränderungen nach sich ziehen. Das „soziale Geschlecht“ definiert sich in Anknüpfung an Goffman über tradierte Geschlechterrollen und das Zusammenspiel aus Perzeption und Konnotation von als geschlechtsspezifisch deklarierten Verhaltensmustern; die „Geschlechtsidentität“ (bei Goffman auch Geschlechtsklasse) bezieht sich auf das Zugehörigkeitsgefühl des Subjektes zu einem der sozialen Geschlechter (vgl. Goffman 2001: 107ff).

Somit nimmt Geschlecht heute eine große Rolle in den Forschungsfeldern der vergleichsweise jungen Wissenschaft der Soziologie ein. Eine Rolle, die nicht immer durch Konstanz in ihren breitgefächerten Dimensionen gekennzeichnet war und es freilich bis heute auch nicht ist. Dazu folgen nur kurze Anrisse und Ausführungen, die einen groben Eindruck über die wissenschaftliche Entwicklung dieser Kategorie Geschlecht vermitteln sollen. In den Kinderschuhen der Soziologie Ende des 19. Jahrhunderts wurde dem Geschlecht nur wenig Beachtung entgegengebracht. Das weibliche Geschlecht unterlag einer Missachtung. So deutete schon Simmel den Mann als das „schlechthin Allgemeine“ (vgl. Simmel 1985: 214) und somit Hauptaugenmerk für damalige wissenschaftliche Betrachtungen. Ein Faktum, welches wie ein unumstößlicher Bock bis ins neue Jahrhundert die Frau im Windschatten des Mannes verblassen ließ. Mit den Frauenbewegungen und der Entstehung der Frauenforschung in den 1970er Jahren schwang das Pendel radikal in eine andere Richtung, in der die Frau und ihre Lebenswelt zum Schwerpunkt vieler ForscherInnen avancierten und wiederrum den Mann am Rande zurückließ, von der Nichtbetrachtung zur temporären Nurbetrachtung der Frau. Der Einklang von balancierten Betrachtungsweisen zu Mann und Frau war nicht gegeben.

Eine wirkliche Männerforschung etablierte sich in den 1990er Jahren mit schweren, behäbigen Schritten in den mitteleuropäischen und deutschsprachigen Forschungsgebieten. Als Anstoß dazu ließen sich die „Ansätze zu einer neuen Soziologie der Männlichkeit“ der australischen SoziologInnen Carrigan, Connell und Lee (Carrigan et al. 1996) von 1985 einstufen, die zum Umdenken anregten. Schließlich war es Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit (Connell 1999), welches als Flaggschiff für eine Männlichkeitsforschung im deutschsprachigen Wissenschaftsraum Einzug hielt. Auch Michael Meuser nimmt eine zentrale Stellung ein, wenn man sich auf die Suche nach Stützpfeilern der Etablierung eines Männerforschungsstrangs macht. Besonders hervorzuheben ist die intensive Auseinandersetzung mit der hegemonialen Männlichkeit nach Connell (Meuser 2005), aber auch kritische Betrachtungen ebendieses Theoriekonzepts (Meuser 2010). Zudem seien auch die Soziologinnen Sylka Scholz und Mechthild Bereswill erwähnt, die entscheidende Beiträge zur Geschlechterforschung lieferten. Scholz fokussiert sich in großen Bereichen ihrer Forschungstätigkeiten auch auf die Männerforschung, Dimensionen des kulturellen Wandels und differente Geschlechterbilder in Ost- und Westdeutschland (Scholz 2012). Bereswill thematisierte in den 2000er Jahren die Verhältnisse von Adoleszenz, Delinquenz und Männlichkeit (Bereswill 2001; Bereswill 2007). Diese drei AutorInnen seien an dieser Stelle hervorgehoben, weil sie 2009 gemeinsam ein Sammelband von Aufsätzen unterschiedlicher Betrachtungsweisen von Männlichkeit veröffentlichten und für einen guten Überblick über differente Forschungszugänge zur Thematik sorgten, aber auch aktuelle Schwachpunkte in der Wissenschaft aufzeigen (Bereswill et al. 2007). Freilich ist diese Aufzählung von AutorInnen, die wesentliche Anteile an der Etablierung, Integration und Öffnung des Themenbereichs Männlichkeit in der Wissenschaft und Soziologie haben, nicht vollständig. Schlussendlich ist es ein Gesamtwerk vieler interessierter und engagierter Geisteswissenschaftler, die direkt positiv auf die Männlichkeitsforschung wirkten und einige werden im weiteren Verlauf dieser Arbeit Erwähnung finden.

2.2 Der Mann und Männlichkeit

Ein Vordringen in die Geschlechterforschung der Soziologie, aber auch der Pädagogik und Psychologie offenbart zwei grundlegend zu trennende wissenschaftliche Stränge, die in ihren Differenzen zuweilen in einem Konkurrenzgefüge angesehen werden. Popp differiert in ihrer Arbeit zur Sozialisation der Geschlechter und schulischer Gewalt in den differenztheoretischen und den konstruktivistischen Forschungsansatz (Popp 2002).

Die Differenztheorie lässt sich dabei durch Unterschiede, Ursachen und Wirkungen zwischen den Geschlechtern charakterisieren. Der Fokus liegt auf Verhaltensweisen, Einstellungen und Probleme des jeweiligen Geschlechts. Verallgemeinert sind es die Mädchen, die weniger in Gewalthandlungen Präsenz zeigen, da ihnen die Fähigkeit zugesprochen wird, sich eher aus gewaltsamen Konflikten herausmanövrieren zu können, als Jungs, die bei ähnlichem Verhalten mit dem Stigma eines Feiglings belegt werden würden (vgl. Popp 2002: 279). Diese direkte Forschungsperspektive sorgt freilich für ein hohes Maß an Mehrwert, es lässt sich situativ unterschiedlich aber auch Fehlerhaftigkeit nachweisen. Hohe Varianzen zwischen den Geschlechtern sind auch innerhalb einer sozialen Gruppe beobachtbar: während Popp über Mädchen berichtet, die sich klar gegen Gewalt positionieren, so führt sie auch jene an, die gewaltsame Auseinandersetzungen in einigen Settings als probat und legitim ansehen (vgl. ebd.: 186). Neben offensichtlichen Differenzen zwischen Geschlechtern sind die Varianzen innerhalb eines Geschlechts folgerichtig nicht zu vernachlässigen.

Im Gegensatz zu den differenztheoretisch gefassten Ansätzen verorten sich Theorien des Konstruktivismus in Bezug auf Geschlecht in ein Gefilde, welches geschlechtsspezifische Sozialisation kritisch beäugt. In konstruktivistisch geprägten Ansätzen liegt der Schwerpunkt vielmehr auf Praktiken, die Geschlechtszugehörigkeit produzieren, determinieren und sozial stabil halten. Grundlegend dabei ist ein zentrales Muster bzw. ein Code, auf dem soziale Strukturen und Interaktionen aufbauen (Goffman 2001) – es ist die kollektive Konstruktion von sozialer Ordnung in Interaktionen der Individuen. Wenngleich Verhaltensdifferenzen untergeordnete Rollen spielen, so sind sie in Interaktionen dennoch beobachtbar. Die Forschungsansätze des Konstruktivismus thematisieren, wie Geschlecht innerhalb von Interaktionen generiert wird. Das Verständnis von Geschlecht als soziale Konstruktion nimmt einen hohen Stellenwert in der Geschlechterforschung ein und stellt den gemeinsamen Nenner für viele AutorInnen dar. Daraus resultiert freilich eine große Breite an komplexen, aus unterschiedlichen Blickwinkeln bestehenden Ansatzpunkten für die Forschung. In den 1980er Jahren hielten angloamerikanische AutorInnen wie Goffman, Garfinkel oder Hagemann-White Einzug in den deutschsprachigen Raum, deren Arbeiten sich unter dem Stichwort des ethnomethodologischen Konstruktivismus summieren lassen und, wie zuvor angesprochen, klar den Standpunkt innehaben, Geschlecht würde in Interaktionen hergestellt werden und alle Individuen würden sich in jeweiligen Settings an ebendieser Konstruktion beteiligen. Geschlecht ist nichts, was man innehat, sondern es ist etwas, was wir tun (vgl. Hagemann-White 1993: 68). Der ethnomethodologische Konstruktivismus fragt nach den Kontexten sozialer Interaktionen, in denen „Gender“[3] konstruiert wird.

Der Akt der Konstruktion von Geschlecht in sozialen Settings wird in diesem Forschungsbereich als Doing Gender tituliert. Neben dem Doing Gender in der genauen und definierten Interaktion führte Butler die Gender Performance ein und befasst sich in ihren Werken mit theoretischen Ansätzen zur Geschlechtsidentität und Subjektwerdung. Butler erweitert das Doing Gender insofern, als dass sie „die stilisierte Wiederholung von Akten“ als Ursächlichkeit beschreibt, die für die Entstehung und Festigung der Geschlechtsidentität eines Individuums von eklatanter Bedeutung ist (vgl. Butler 2002: 302). Durch Medien, Interaktion oder generelle Partizipation an öffentlichem Leben wird Suggestivarbeit geleistet, die dem Individuum klar aufzeigt, welche Artikulations- und Verhaltensweisen im System der Zweigeschlechtlichkeit wie wirken und welche Deutung sie nach sich ziehen. Das Individuum erlangt ein Verständnis und eine aktive Formung der Geschlechtsidentität zugleich. Wiederholungen derlei Praktiken finden dann nicht nur im Privaten, sondern auch in der Öffentlichkeit statt und sorgen permanent für eine Performanz der eigenen Geschlechtsidentität, die in einem stetigen Zyklus veränderbar ist und nicht als starr angesehen werden darf. Exklusivität ist dabei im Grunde nicht gegeben, so ist die Gender Performance schlussendlich nur die „Imitation einer Imitation einer Imitation“ (vgl. Villa 2012: 77).

Die Vielfältigkeit wissenschaftlicher Denkmuster und Forschungsansätze birgt die Gefahr, das Gebiet zu überfüttern, es aufzublähen und der Verlust der Transparenz und Zielgenauigkeit einer Forschung mit Mehrwert schwebt wie ein Damoklesschwert über der Geschlechterforschung. Helduser, Marx, Paulitz und Pühl näherten sich der Aufgabe, die Pluralität der konstruktivistischen Ansätze zu sammeln und veröffentlichten 2004 einen Sammelband, der es zum Inhalt hatte, die Vielzahl an theoretisch und methodisch unterschiedlichen Ansätzen zu bündeln und wählten mit „under construction“ einen durchaus passenden Titel[4] (Helduser et al. 2004).

Betrachtet man direkt die konstruktivistische Forschungsperspektive, so fällt auf, dass die Tatsache, Geschlecht würde in Interaktionen produziert, eine Vielfältigkeit an Ebenen besitzt. Das Individuum besitzt immer mehr als nur eine Identität bzw. Rolle, wenngleich wir in Interaktionen nur eine davon wahrnehmen mögen respektive unser Gegenüber nur auf eine reduzieren. Einem Polizisten in Uniform wird kategorisch die berufsspezifische Identität des Polizisten zugeschrieben, mit Sicherheit auch noch die des Mannes. In einer kurzen Interaktion, gar nur einem Blickkontakt, bleiben die anderen Identitäten außen vor. Besagter Polizist kann gleichzeitig Hundebesitzer, Fußballfan, Musiker oder liebender Familienvater sein, doch all das wird durch die Situation und deren primären Deutungszwang vernachlässigt und man kategorisiert das Individuum in diesem Fall nur als Polizist und Mann. Die Vielzahl an Identitäten und Rollen, die ein Subjekt innehat, sind nie komplett ersichtlich. Der Mann, die Männlichkeit und die Form Maskulinität kann im Grunde nicht identisch sein, noch ist es starr und als ausgeformt zu begreifen.

Unser Polizist verhält sich im Dienst deutlich anders als in der Kneipe beim Fußballschauen oder zuhause bei seiner Familie – kurz: er hat diverse Rollen und Ausprägungen an Identität inne, die als situations- und kontextabhängig zu begreifen sind. Jon Swain spricht von mehreren Maskulinitäten und jede davon sei „a precarious and ongoing performance“ – ein sozialer Prozess (vgl. Swain 2003: 306). Das Individuum hat mehrere und jeweils in ihrer Form differente Ausprägungen der eigenen Geschlechtsidentität inkorporiert, die je nach Setting variieren. Es sieht sich dabei der Herausforderung gestellt, einer sozialen Situation auch den passenden Teil der eigenen Geschlechtsidentität anzupassen. Dies zu managen ist schwer, wird jedoch durch ständige Wiederholungen und Probieren erlernt. Selbstreflexion ist dabei genauso wichtig, wie den normativen Blick auf seine Umwelt zu richten und sich dem Lernprozess, mittels Nachahmung und Beobachtung, zu beugen. Normen und Werte spielen dabei richtungsweisende Faktoren, schließlich wäre es unangebracht, als Polizeibeamter in kommunikative Ausdrucksformen, die in der Kneipe beim Fußballschauen anzuwenden sind, hineinzugleiten und somit seiner Rolle des Polizisten nicht gerecht zu werden.

Hurrelmann und Bründel bilanzieren folgerichtig, dass jedes Subjekt im Verlauf seiner Sozialisation in individueller „Weise auf die geschlechtsbezogenen Erwartungen und Überzeugungen anderer“ eingeht und „aktiv über alle Lebensphasen hinweg geschlechtsbezogenes Verhalten“ aufzeigt – „Männlichkeit und Weiblichkeit müssen fortwährend angeeignet und immer wieder hergestellt werden, damit eine Geschlechtsidentität erworben werden kann“ (vgl. Hurrelmann/Bründel 1999: 13).

2.3 Hegemoniale Männlichkeit

Besonders ein Theoriekonstrukt steht im Fokus, welches viel behandelt und kritisch thematisiert wurde, das Konzept der hegemonialen Männlichkeit von Raewyn Connell (Connell 1987). Es ist insofern von Bedeutung, als dass es ein Merkmal beschreibt, durch welches die modernen westlichen Gesellschaften seit vielen Jahrzehnten stark geprägt wurden: die Herrschaft des Mannes, dessen klare gesellschaftliche Positionierung und die damit verinnerlichte Machtposition.

Connell findet den Grundstein für das Theoriekonzept bei Gramsci, welcher den Hegemoniebegriff auf herrschende Klassenverhältnisse bezieht (vgl. Gramsci 1996: 1566). Demnach steht Hegemonie dafür, dass es eine Gruppe gibt, die es schafft, ihre Dominanz zu legitimieren, in dem die Anderen ihre Interessen annehmen, übernehmen und als ihre eigenen anerkennen. Connell sieht die Geschlechterordnung eben durch die hegemoniale Männlichkeit bestimmt und charakterisiert diese als

„Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis, welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimationsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet.“ (Connell 1999: 98)

Zudem nutzt Connell Begrifflichkeiten der Marginalisierung, Komplizenschaft, Unterordnung und Hegemonie. Marginalisierung bezieht sich beispielsweise auf die gesellschaftliche Verortung farbiger Männer im Zusammenspiel mit deren Rasse und sozialer Klasse, während Komplizenschaft prinzipiell alle Männer umfasst, die aufgrund der Geschlechterordnung von dem vorherrschenden Männlichkeitsmuster Nutzen ziehen und dadurch die strukturelle Ordnung mit absichern. Frauen und homosexuelle Männer gelten als untergeordnet. Als hegemonial beschreibt Connell dabei genau ein bestimmtes Muster von Männlichkeit, das den Anspruch auf Autorität innehat, als ebendieses anerkannt wird und eine Leitbildfunktion besitzt, die verschiedene Formen der Subjektivität und Identität beeinflusst (vgl. Connell: 99ff). Der Sinn dahinter ist, dass diese vorherrschende hegemoniale Maskulinität zwar nur von einer kleinen Gruppe Männer inhäriert wird, andere Mitglieder des männlichen Geschlechts davon allerdings profitieren, was durch die Unterordnungsebene der Frauen und Connells Auffassung der Komplizenschaft bestärkt wird. Fehlend sind real existierende Beispiele zur Verdeutlichung der hegemonialen Männlichkeit in Connells Konzept. Schlussendlich beschreibt er mit hegemonialer Männlichkeit ein vorherrschendes Verständnis von Maskulinität, welches im soziokulturellen und historischen Kontext den Anspruch auf Dominanz stellt und gleichzeitig Akzeptanz findet – also eine doppelte Strukturebene, die zum einen Frauen als klar untergeordnet begreift und nebenher ebenso direkt auf Mitglieder des männlichen Geschlechts wirkt, die nach Connell zum jeweiligen Zeitpunkt die hegemoniale Männlichkeit nicht innehaben.

Die zuvor dargebotene Darstellung des Konzepts der hegemonialen Männlichkeit kommt freilich nur einer inhaltlichen Zusammenfassung bzw. eines Umrisses gleich. Zudem wird diese oft als diffus und widersprüchlich betrachtet und gerät ferner nicht selten in die Kritik. Dennoch sind Passagen und Grundzüge enthalten, die AutorInnen inspirierten, sich dem Konzept zu nähern und es zu erweitern. Ein Mehrwehrt ist gegeben, weshalb die hegemoniale Männlichkeit hier definitiv Erwähnung finden muss. Das Konzept charakterisiert schlicht und ergreifend einen wichtigen Faktor von Macht, nämlich die Unterordnung der Frau und die Dominanz des Mannes in der Geschlechterordnung. Nach Meuser sei bei der Thematisierung dieses Konzeptes wichtig, Trennschärfe zwischen den Begrifflichkeiten der hegemonialen Männlichkeit als generativem Prinzip der Konstruktion von Männlichkeit auf der einen und der gesellschaftlichen Vormachtstellung des männlichen Geschlechts auf der anderen Seite zu wahren, denn „nicht jede Dominanz von Männern über Frauen konstituiert hegemoniale Männlichkeit“ (vgl. Meuser 2006: 164). Kritisierend nimmt Meuser vor allem auf die begriffliche Feinheit der neben der hegemonialen existierenden Männlichkeiten, den untergeordneten, marginalisierten und komplizenhaften Männlichkeiten Bezug. Letztere sei deshalb unscharf gewählt, weil die Vorstellung einer Komplizenschaft im Grunde beabsichtigtes Handeln suggeriert, dies der Komplexität von Männlichkeit allerdings nicht in ausreichendem Maße gerecht würde (vgl. Meuser 2006: 165).

Hervorstechende Mängel in Connells Auffassungen sind deutlich, boten dennoch in Kombination mit dem gewinnbaren Mehrwert viel Anreiz für andere Theoriegebilde bzw. empirische Anknüpfungen (beispielsweise Budde 2005). Es wäre zweifelsfrei naiv zu glauben, dass es die eine Form der Maskulinität gäbe, die von einer Minderheit im Sinne von doing masculinity performt wird und von anderen Männern als eine Art Zielvorgabe in deren doing gender als Vorbild fungiert. So war es u.a. Sylka Scholz als ein der AutorInnen, die Connells Konzept weiterführte und postulierte, dass es nicht nur diese eine hegemoniale Männlichkeit geben kann, die in ihrer Doppelstruktur der Dominanzen auf Weiblichkeit und andere Männlichkeiten gleichsam wirkt. Es muss vielmehr ein gesellschaftlicher Konstruktionsprozess differentieller Männlichkeiten sein, die parallel existieren und dabei durchaus untergeordnete Rollen spielen können (vgl. Scholz 2004: 42ff). Sie sieht in Männlichkeit die Parallelität und Koexistenz verschiedener Maskulinitätsmuster, die nach denselben Strukturprinzipien generiert werden und stets kontextgebunden sind. Aufgrund ihrer Vielfalt vermögen diese darüber hinaus zu konkurrieren. Es resultiert, „dass die Überlegenheit und Dominanz von Männlichkeit in modernen Gesellschaften immer wieder hergestellt wird“ (vgl. Scholz 2004: 40f.). Verschiedene Männlichkeitsmuster beinhalten dabei, dass sie alle stets Offenheit für Gemeinschaftsbildungen aufweisen, die innen hierarchisch gegliedert und nach außen klar abgegrenzt sind. In der westlichen postmodernen Gesellschaft handelt es sich jedoch weniger um männliche Herrschaft per se. Es sind vielmehr soziale Ungleichheitsprozesse, die ursächlich wirken und Differenzen zwischen Geschlechtern werden nicht per se durch Herrschaft generiert. Nach Scholz reguliert zudem eine „geistige und moralische Vorherrschaft von männlichen Wert- und Ordnungssystemen“ (vgl. Scholz 2004: 41). Passend, dass Mann nicht wirklich auf der Suche nach der ‚einen‘ Männlichkeit ist, was bei Connells Konzept angreifbar scheint. Männlichkeitsmuster und –bilder werden in modernen westlichen Gesellschaften durch Medien oder auch Konsum gelenkt und mitgestaltet, während kultureller Pluralismus richtungsweisend innerhalb von Generationen fungieren kann. Das Individuum sieht sich dabei mit der Bewältigung diverser Alltagsrollen konfrontiert, die es zu bewältigen hat und es sind schablonenartige Maskulinitäten, die der Mann, je nach Setting variierend, wechseln muss. Schule, Ausbildung, Studium oder Beruf erfordern andere Anpassungsleistungen des Individuums, als dies bei Paarbeziehungen oder Freundschaften der Fall ist und man würde wohl von ausgeprägtem Narzissmus sprechen, verhielte sich ein junger Mann in diesen Settings stets gleich. Norm- und Wertvorstellungen variieren je nach sozialer Situation und so muss bei Connell kritisiert werden, dass es die eine, die totale Maskulinität schlicht und ergreifend nicht geben kann. In Relation gesehen sind multiple Rollenmuster in der Alltagswelt angreifbar und inkorporierte Identitäten können durch Varianzen und äußere Faktoren Schaden nehmen. Mangelhafte Identitätsbildung durch problematische Familienverhältnisse, materielle Missstände oder kulturferne Sozialisation können kausal Probleme hervorrufen, die dem Bestehen in der Gesellschaft hinderlich sein können. Nicht selten wird im Alltag, aber auch in psychoanalytischen Berichten, seien sie fachlicher Natur oder laienhaft durch Medien vorgenommen, Gewalt und Devianz auf Faktoren beschädigter Identität zurückgeführt.

2.4 Der Habitus nach Bourdieu

Eine der großen Konstellationen der Soziologie besteht in den zwei gegenüberliegend ausgerichteten Forschungssträngen des objektivierenden Strukturalismus und des subjektivierenden Individualismus. Jenseits dieser bestehenden Theorien macht es sich Bourdieu zur Aufgabe, den Dualismus von Individuum vs. Gesellschaft zu verwerfen und sich mittig davon zu verorten, um eine Verknüpfung zu erstellen. Sein Werk „Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft“ (Bourdieu 1979) beinhaltet Feldstudien zu den Bewohnerinnen und Bewohnern in der Berbergesellschaft der Kabylen, während der zweite Part des Werkes zentrale und für die Soziologie fortan prägende Begriffe, wie den des Habitus enthält und somit eine gewichtige Stellung in der Bearbeitung dieser Thematik darstellt.

Im mikrosoziologisch verortbaren Part seines Konzeptes thematisiert er das Individuum als ein Ergebnis sozialisatorischer Praxis. Entgegen der handlungstheoretischen Sichtweise auf Individuen, denen in sozialen Situationen bewusstes, rationales Handeln, sowie Selbstreflexion attestiert wird, wählt Bourdieu in seiner Theorie der Praxis (Bourdieu 1976) die Konstitutionsebene, auf der ein sozialer Akteur soziale Strukturen inkorporiert. Es sind weniger die Versuche des Individuums, sich möglichst konform zur Gesellschaft zu verhalten und sich so zu integrieren, sondern vermehrt auch individuelle Neigungen, die direkt gesellschaftlich verortet und mitprägend wirken. Die eklatante Unterscheidung hierbei ist, dass dem Handelnden in seinen sozialen Aktionen und Interaktionen Vorbewusstheit, Instinkt, Spontaneität und Unreflektiertheit in seinen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungszügen zugesagt werden. Das Handeln dabei ist durch gesellschaftliche Strukturen beeinflusst, gilt gleichzeitig ihrerseits als konstituierend für ebendiese. „Durch transformierende Verinnerlichung der äußeren (klassenspezifisch verteilten) materiellen und kulturellen Existenzbedingungen entstanden, stellt der Habitus ein dauerhaft wirksames System von Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata“ dar (vgl. Schwingel 1998: 67).

Für Bourdieu ist der Habitus dabei kein alleiniges Schema des Handelns, es ist vielmehr als „ein Produktionsprinzip von Praktiken unter anderen“ zu begreifen (vgl. Bourdieu 1989: 397) und dabei nur ein Teil des komplexen Konstrukts des Handelns, welches zudem in Relation und Kombination mit dem jeweiligen sozialen Setting zu betrachten ist. Die Reziprozität zwischen dem Habitus und dem sozialen Feld verursacht zum einen die Konstituierung habitueller Strukturen aufgrund äußerer sozialstruktureller Bedingungen, die inkorporiert werden und andererseits gleichsam die Wirkung des Habitus auf die Strukturen. Der Habitus kann dabei als kein reines Produkt des sozialen Feldes angesehen werden, da Individuen verschieden auf Einflüsse des Feldes reagieren. Für Bourdieu ist nicht davon zu sprechen, „daß ein geschichtliches Ereignis ein Verhalten auslöste, sondern daß es diese auslösende Wirkung hatte, weil ein von diesem Ereignis affizierbarer Habitus ihm diese Wirkung verlieh“ (vgl. Bourdieu 2001: 190). Die sozialen Praxen sind dabei als Bemühen zu deuten, durch Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung die Existenz bestehender Dispositionen zu stabilisieren und zu sichern (vgl. ebd.: 192)[5]. Der als generatives Prinzip zu verstehende Habitus wird maßgeblich durch Erfahrungen mitgestaltet, die das Individuum sammelt. Ursächlich hierfür ist vor allem die Körperebene; es ist der Leib und die Sprache, die als Speichermedium fungieren und mittels Assoziation die Internalisierung gesellschaftlicher Normen sicherstellen (vgl. Bourdieu 1987: 127). Die Wahrnehmung der sozialen Welt mündet dabei weder in einer bewusst ausgeführten Nachahmung, noch wird das Handeln durch reflexive oder erkennende Mechanismen aufgefasst und reproduziert. Bourdieu bezieht sich klar auf das Vorbewusste, was den Akteur instinktiv dazu verleitet, Handlungen so und nicht anders auszuführen. Er ist dabei weniger ein Darsteller, der eine Rolle ausübt, sondern „eher so, wie ein Kind sich mit dem Vater identifiziert und […] beim Sprechen eine bestimmte Mundstellung […] übernimmt, die ihm für das soziale Sein des vollkommenen Erwachsenen grundlegend scheinen.“ (vgl. Bourdieu 2001: 197).

Das Kind in diesem Falle übernimmt also Körperhaltungen, Motorik, Gestik und Mimik klar unbewusst, übt diese in der sozialen Praxis selbst aus und verinnerlicht durch Reproduktion ebendiese Erfahrungen in seinem eigenen Habitus. Das Ergebnis ist stets eine Kopie, die freilich nicht zu Einhundert Prozent dem Vorbild entspricht und vielmehr durch andere Erfahrungen erweitert und moduliert wird. Die Inkorporierung unterliegt dabei dem Zweck der Anpassung an die soziale Umwelt, ohne dabei bewusst und rational zu kopieren oder mit Genauigkeit zu reproduzieren. Besonders wichtig scheint es zu betonen, dass sich individuelle Handlungsschemata eingebettet in soziale Strukturen nicht nur durch bewusste Orientierung an Normen charakterisieren lassen. Den Habitus nach Bourdieu kennzeichnet vielmehr eine unterbewusste Handlungsebene, die Haltungen auf Basis sozialer Perspektiven inkorporiert und sich somit von klassischen Rollentheorien, sowie von rational choice Ansätzen abgrenzt. Entgegen eines strikten Dualismus von Gesellschaft und Individuum begreift das Konzept den sozialen Akteur als Ergebnis von Praxis. Die drei Hauptkomponenten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsebene unterliegen äußeren Modifikationen, mit der hauptsächlichen Einflussnahme durch soziale Interaktion. Der Habitus selbst determiniert Modifikationen und wird modifiziert – bei gleichzeitiger Korrelation und strenger Abhängigkeit vom sozialen Raum selbst entsteht vielmehr eine Symbiose, als dass von einem Abhängigkeitsgefüge die Rede sein kann. Zusätzlich zum Habitus führt Bourdieu in sein Feld, den sozialen Raum ein und liefert mit seiner makrosoziologischen Perspektiveneinnahme den zweiten wichtigen Schritt für die Verknüpfung beider Forschungsstränge.

2.5 Der soziale Raum Bourdieus

Grundlegend beeinflusst vom Strukturalismus nach Vorbild des französischen Soziologen und Ethnologen Claude Lévi-Strauss schafft Bourdieu ein Verständnis von Gesellschaft, das durch Mehrdimensionalität gekennzeichnet ist. Er vermeidet bewusst die Terminologie der Gesellschaft und schafft mit ‚Feldern‘ und ‚sozialen Räumen‘ eine eigene definitorische Ebene struktureller Belange. Die objektiven Merkmale seiner Wirklichkeit, die durch Empirie statistisch messbar wäre, sind durchaus prägend, nicht aber essentiell für Bourdieu. Die Mitglieder seiner sozialen Räume nehmen „relative Positionen in einem Raum von Relationen“ ein, wodurch „die realste Realität […] und das reale Prinzip des Verhaltens der Individuen und der Gruppe“ geschaffen wird (vgl. Bourdieu 1998: 48). Mehrdimensionalität also, die immer kontextuell begriffen werden soll. Im sozialen Raum trägt ein System der Klassifizierungen, sei es durch Norm- und Wertsysteme oder Stigmatisierungen sowie soziale Zuschreibungen und Deutungen zur Relativität bei. Es entstehen soziale Positionen, die von Individuen der Gesellschaft besetzt werden und gleichsam auf den sozialen Raum wirken. Somit steht das Feld nach Bourdieu durch geschichtliche Vorprägung in ständiger Bewegung, wird gleichzeitig in deutlichem Maße von den Mitgliedern selbst mitgeformt. Neben Institutionen, die zur Objektivierung Beitrag leisten, sind es eben auch Individuen, die den sozialen Raum inkorporieren und dabei in Handlungs-, Kommunikations- oder auch Wahrnehmungsprozessen einer Beeinflussung unterliegen. Gesammelte und inkorporierte Erfahrungen bleiben dabei stets präsent und im Individuum verankert, die körperliche Ebene stets mit eingeschlossen. Das Eindringen in neue soziale Räume erfordert zudem eine Art des neuen Lernens spezifischer habitueller Praktiken, dem sich der soziale Akteur gegenüber sieht. Die Inkorporierung externer Einflüsse, die Interdependenz zwischen Individuum und sozialem Raum stellen demnach immer auch ein Abbild ökonomischer und kultureller Rahmenbedingungen dar.

Bourdieu bezieht die sozialen Positionen, die von Individuen besetzt werden, zudem direkt auf soziale Ungleichheit, auf Basis einer, seiner Meinung nach, hierarchischen Strukturierung. Der Habitus des Einzelnen unterliegt also direkt der Wirkung der Position im sozialen Raum[6]. Das Feld, in dem sich nach Bourdieu die sozialen Akteure bewegen, ist in Teilaspekte gesplittet, die es zu besetzen gilt. In seiner Vorstellung von Habitus ist genau das inkorporiert, was ihn zu einem Teil der Gesellschaft macht – als Teil einer bestimmten Gruppierung widerfährt ihm eine Prägung, die sich auf genau diese Partizipation zurückführen lässt. Wichtig dabei ist, dass der Klassenbegriff von Bourdieu durch den sozialen Raum quasi ersetzt wird. Das ökonomische Kapital nach Vorbild der Klassentheorien Karl Marx´, das demnach der einzige und größte Einfluss auf die soziale Lebenslage darstellt, erweitert Bourdieu mit dem kulturellen Kapital und dem sozialen Kapital[7].

Das Gesamtwerk Bourdieus, dem freilich nur in Ausschnitten gerecht wurde, nimmt in der heutigen Kultursoziologie eine große Rolle ein. Vor allem die Symbiose aus makrosoziologischer Perspektive und akteurszentrierten Ansätzen führen zu einem Versuch, mittels des Konzeptes des Habitus eine strikte Trennung beider Forschungskomplexe zu überbrücken. Die sozial Handelnden sind ursächlich und prägend für das Gesamtkonstrukt: das Individuum prägt seine Umwelt aktiv mit. Die objektivierte Geschichte wird von ihm inkorporiert, tritt dabei jedoch situativ zum Vorschein. Grundlegend ist die Praxis, in der der Habitus entsteht, sich formt und das Individuum sich durch Inkorporierung von ebendiesem Habitus bewähren kann. Konformität als Beeinflussung von Handlungen eröffnet eine doppelte Distinktionsebene, bei der dem Subjekt aufgrund seines Habitus Zugänge und Möglichkeiten verwehrt, gleichzeitig aber auch eröffnet werden. Normen und soziale Räume stehen als Ursächlichkeit der Beschränkung sozialen Handelns – dem Subjekt sind freilich Grenzen gesetzt, in dessen Rahmen es sich zu bewegen hat. Objektive Strukturen und subjektives Handeln stehen in einem Kopplungsgefüge. Die Analyse sozialer Wirklichkeit erfordert dabei einen speziellen Blick, der eben die Grenzen der Mikro-Makro-Problematik sprengt und höchstspezifisch und mit Konzentration auf den genauen Gegenstand angewandt wird. Eine, für definitorische Zwecke gefasste Charakterisierung von Gesellschaft ist ohne relationales Verständnis absurd, die ‚eine‘ Bestimmung non-existent. Das Interesse muss für Bourdieu der „Relation zwischen zwei Realisierungen des historischen Handelns“ (vgl. Bourdieu/Wacquant 1996: 160) gelten.

Besonders die Wechselwirkung von Subjektivierung und deren Einbettung in strukturelle Belange liefert wichtige Aspekte und Relevanz für das Interesse dieser Arbeit. Die postmodernen, hochkomplexen und ausdifferenzierten Gesellschaftstypen dieser Epoche verbieten einen starren Blick. Anknüpfend oder gar vorausgehend zum Konzept der hegemonialen Männlichkeit ist dabei immer auch das Thema der Macht, geleitet durch die drei Kapitalsorten Bourdieus, die direkt Einfluss üben auf differentielle Praxisfelder in vielen gesellschaftlichen Bereichen, sei es Ökonomie, Bildung oder auch Kunst. Je nach Zugang und Ausprägung der Kapitale eines Individuums, gesteuert durch seine Verankerung in speziellen sozialen Räumen, öffnen und schließen sich Partizipationschancen.

Kritikpunkte im Habituskonzept lassen sich wesentlich in Bezug auf die Sozialisation des Geschlechts benennen. Für Bourdieu werde beispielsweise Männlichkeit "nur in Verbindung mit dem den Männern vorbehaltenen Raum, in dem sich, unter Männern, die ernsten Spiele des Wettbewerbs abspielen" (vgl. Bourdieu 1997: 203) generiert und produziert. Fehlend in Ausführungen zur männlichen Herrschaft, aber auch zum Habitus selbst sind Explikationen darüber, wie das Soziale in das Individuum inkorporiert werde, ergo welche genau definierte Prozesshaftigkeit für Sozialisation gegeben sein muss (vgl. Villa 2000: 50).

2.6 Konnektivität von hegemonialer Männlichkeit nach Connell und dem Habituskonzept

Die zur Betrachtung von Männlichkeit aufgeführten und notwendigen Wissenschaftsleistungen des Habitus-Feld-Konzeptes von Bourdieu einerseits und die Hegemoniale Männlichkeit nach Connell andererseits bilden ein theoretisches Fundament, dass separat aber auch kooperativ betrachtet werden kann. Stehen Mehrwert und kritische Aspekte beider Theoriekonstrukte auf der einen Seite, so birgt demgegenüber eine Verknüpfung beider Logikansätze ebenfalls Potenzial, dem sich im Folgenden genähert werden soll.

Michael Meuser und Holger Brandes sind als zwei zentrale Figuren in Bereichen der Pädagogik, Psychologie und Soziologie zu nennen, die durch Aufgreifen, Einbettung und Weiterverarbeitung von Bourdieus und Connells Ideen unbedingte Erwähnung finden müssen. Brandes veröffentlichte zur 3. AIM-Gender-Tagung 2004 ein Diskussionspapier, das sich klar für die Verknüpfung von Hegemonialer Männlichkeit und männlichem Habitus aussprach. Als Grundvoraussetzung für die Kompatibilität beider Ansätze gilt dabei die klare Abgrenzung beider von dem Ansatz, Männlichkeit und Weiblichkeit ließen sich rein auf biologische und anatomische Merkmale zurückführen. Diese Phänomene als sozial konstruiert zu begreifen lässt sich als Grundtenor beider Ansätze herauskristallisieren. Vor allem soziale Praxis, gekoppelt an Sprache, Handlung und Körperlichkeit ist zusammenhängend konstruierend und als Raum für Männlichkeit anzusehen. Männlichkeit sowie das Pendant der Weiblichkeit existieren jedoch nicht nur, um die Relation beider zueinander zu definieren, sondern ebenso, um eine Differenzierung von Männern bzw. eben von Frauen zu ermöglichen (vgl. Meuser 2004: 1). Wie bei Connells hegemonialer Männlichkeit angeführt, klärt sein Verständnis von Männlichkeit zum einen den Stellenwert gegenüber Weiblichkeit, gleichzeitig impliziert er jedoch auch das Vorhandensein differentieller Männlichkeiten. Zur grundlegenden Prämisse gehört zudem, dass die zu betrachtenden Gesellschaftstypen als patriarchalisch strukturiert charakterisierbar sind, sowohl bei Bourdieu, als auch bei Connell. Darüber hinaus führt Brandes an, dass es vor allem die Kollektivität sei, die beiden Konstrukte innehaben und die Verknüpfung von objektiven Strukturen und subjektivem Handeln ist schwerlich voneinander losgelöst zu betrachten. Eine reine subjektgebundene Analyse eines Individuums und ‚seiner Männlichkeit‘ ist genau dann unscharf und unzulänglich, wenn diese, ermittelt durch Feldbeobachtungen, unterschiedliche habituelle Ausdrucks- und Verhaltensformen im Freundkreis vs. Arbeitsplatz aufweisen. Die Kontextgebundenheit ist als wichtiger Part für die Analyse zu betrachten. Auf Basis dieser Mehrdimensionalität von Männlichkeit hält es Brandes für notwendig, zumindest eine grobe Differenzierung vorzunehmen. Neben der körpernahen Dimension des männlichen Habitus definiert er die Dimension der männlichen Geschlechtsidentität und die dritte Dimension umfasst „bewusste Einstellungen und Urteile zu Fragen des Geschlechterverhältnisses“ (vgl. Brandes 2004: 5). Besonders die zweite von Brandes als Geschlechtsidentität gefasste Dimension ist von Interesse, wenn in Weiterführung näher auf die Identität des Mannes und reflexive Abläufe in Bezug auf Geschlecht eingegangen wird.

Der 2004 mit dem Helge-Pross-Preis der Universität Siegen geehrte Michael Meuser nimmt einen hohen Stellenwert in der deutschen Soziologie der Geschlechter ein. Besonders erwähnenswert ist sein Buch Geschlecht und Männlichkeit (Meuser 2010), in dem er umfassend auf soziologische Theoriekonstrukte und kulturelle Deutungsmechanismen rund um die Kategorie Geschlecht eingeht. Darüber hinaus sind es Abhandlungen über Connell in der Reihe Geschlecht und Gesellschaft (Connell 2013) und die Hegemoniale Männlichkeit (Meuser 2005, 2006, 2010), sowie die Einbettung Bourdieus Habitus-Feld-Ansatzes in viele seiner theoretischen Überlegungen.

Anknüpfend an Bourdieus Werk über die „männliche Herrschaft“ (Bourdieu 1997) sticht für Meuser vor allem die Konzeption einer doppelten Distinktionsebene heraus, durch die Konstruktion und Reproduktion von Männlichkeit gewährleistet wird und klare Strukturierungen in Formen von Abgrenzungen gegenüber Mitglieder des gleichen Geschlechts, aber auch gegenüber Frauen geschaffen werden. Ebendiese Dopplung von Abgrenzung gegenüber anderen Mitgliedern der gleichen Genusgruppe, aber auch gegenüber Mitgliedern der anderen Gruppe und Ausübung von Dominanz und Macht in diesen Gefügen sieht Meuser in Connells hegemonialer Männlichkeit verortet. Besonders die „ernsten Spiele“ (vgl. Bourdieu 1997) sind es, die nur einem Zweck dienen:

„In diesen männlichen Spielen streben die Männer nach Dominanz gegenüber Frauen und anderen Männern, Bourdieu nennt dies die „libido dominandi“ […] Dabei beziehen sich die Männer auf das jeweilige Leitbild von Männlichkeit.“ (Meuser/Scholz 2012: 26).

Die Kopplung beider Theorieansätze sieht Meuser darin gegeben, dass die hegemoniale Männlichkeit den männlichen Habitus generiert, wobei die hegemoniale Männlichkeit strukturell als das Vorhaben gedeutet wird, andere Männer und Frauen zu dominieren. Die eine separierte, alle anderen Gesellschaftsmitglieder dominierende Männlichkeit, die demnach angestrebt würde, ist jedoch schlichtweg non-existent, geht man von modernen ausdifferenzierten Gesellschaften als soziale Verortung aus. Machtverhältnisse sind nicht allein durch das eine Männlichkeitsmuster vorstrukturiert, sie unterliegen weiteren ordnungsstiftenden Dimensionen, wie die der sozialen Lage oder generell der Intersektionalität (vgl. dazu Klinger et al. 2008), wodurch Meuser den einzig richtigen Schluss zieht, dass die hegemoniale Männlichkeit dem Wandel in Geschlechterverhältnissen nicht zeitgemäß folgeleisten konnte (vgl. Meuser/Scholz 2012: 26).

Resümierend steht die These, dass der Mann des 21. Jahrhunderts in postmodernen Gesellschaften anderen Anforderungen gegenübergestellt wird, als dies, kulturell und historisch begründet, vor 60 Jahren der Fall war. Simplizierte Machtspiele im Stile der kabylischen Gesellschaft haben sich zu hochkomplexen Gefügen ausdifferenziert, in denen es für den Mann nicht ausreicht, dem „Schema A“ zu folgen, um seine Machtposition zu sichern und auszubauen. Sich dabei gegenüber Mitgliedern des gleichen und des anderen Geschlechts zu separieren, galt lange Zeit als Ziel ebendieser Strukturlogik von Männlichkeit. Sowohl Bourdieu, als auch Connell liefern mit ihren im historischen Kontext gesehenen Konzepten Möglichkeiten zur Deutung und zum Verständnis von Männlichkeit in sozialen Gefügen, die divergent zu unseren heutigen erscheinen. Gleichzeitig ist ihnen aber fundamentale Wertigkeit zuzusprechen, wenn es darum geht, Männlichkeit als Prozesshaftigkeit zu greifen, die durch soziokulturelle Wandlungsphänomene permanent in Bewegung scheint. Allein Perzeptionsebenen gekoppelt mit Reflexion und der sozialen Umwelt scheinen nie im perfekten Einklang, wodurch das Individuum alltäglich Anpassungsleistungen auf mehreren Ebenen verüben muss. Sowohl Brandes, als auch Meuser greifen beide Autoren auf, wie vorangegangen skizziert. Den Umfängen ihrer Wissenschaftsbeiträge gerecht zu werden sprenge den Rahmen, die Wertigkeit ebendieser herauszustellen war einerseits das Ziel, andererseits untersuchen beide nach wie vor, welche Herausforderungen aktuell an Männer gestellt werden. Zudem dienen die Ausführungen als Basis des weiteren Vorgehens dieser Arbeit, in der es weniger im Stile Bourdieus oder Connells darum gehen soll, wie der Mann seine Macht sichert. Es scheint aufgrund diverser Wandlungsprozesse vielmehr logisch, die Frage zu stellen, auf welcher kontextuellen Ebene er dies tut oder tun muss bzw. ob eine Notwendigkeit dafür noch gegeben ist. Hegemoniale Männlichkeit lässt sich als generatives Prinzip in industriegesellschaftlichen Männlichkeitskonstrukten verorten, woraus für das Subjekt eine starke Identitätsverortung in Bereichen wie der Erwerbstätigkeit, dem Familienleben und nicht zuletzt auch in dem Vatersein resultiert. Im Folgenden wird es darum gehen, den Blick auf ebendiese Bereiche zu werfen und der Frage nach zukommen, welchen männlichen Leitbildern im 21. Jahrhundert Folge geleistet wird, auf welcher Basis sich diese generieren und welchen Herausforderungen der Mann sich gegenübergestellt sieht. Im Zuge der Modernisierung stehen einerseits normative Erwartungshaltungen an den Mann, neue perzeptive Ansprüche des Mannes an seine Männlichkeit selbst und Strukturverschiebungen in Arbeitsmarktsphären, die ein Generieren stabiler Geschlechtsidentität ungleich erschweren.

[...]


[1] Folgend werden ausgewählte Identitätsdefinitionen und Theorien vorgestellt, die der Funktion des Verständnisses von Identitäten in dieser Arbeit nachkommen. Das Ziel ist, ein Identitätsverständnis als Konsens für die weiteren Ausführungen zu schaffen. Der Anspruch auf eine vollständige Behandlung dieser Thematik kann dabei nicht gegeben sein, wenn man sich die breite Fächerung an unzähligen Wissenschaftsbeiträgen zu Sozialisation, Rollen und Interaktion ins Gedächtnis ruft. Zudem ist keine Abwertung anderer Konzepte intendiert, die sich in ähnlichen Wissenschaftsbereichen verorten – sie fanden bei der Selektion und in Anbetracht des Umfangs lediglich keine Berücksichtigung.

[2] Das Konzept von Mead bleibt zweifelsohne nicht unempfänglich für Kritik. Geulen sieht eine Schwäche darin, dass Mead Identität „als Reflex der äußeren Verhältnisse“ beschreibt und damit die Grundvoraussetzung von „Konsistenz auf der gesellschaftlich-strukturellen Ebene“ unterstellt (vgl. Geulen 1989: 119). Dennoch liefert Mead ein Grundverständnis darüber, wie sich das Subjekt in Wechselwirkung mit der sozialen Umwelt auf den Pfad der Identitätsbildung begibt.

[3] Gender als Fachbegriff findet seinen Ursprung in der englischen Sprache, in der seit Jahrhunderten zwischen Gender als dem grammatischen Geschlecht und Sex als biologischem Geschlecht unterschieden wird. Mittlerweile hat sich die Verwendung von Gender im deutschsprachigen Raum etabliert. Bis dato konnte dem deutschen Begriff Geschlecht zum einen die Ebene der biologischen Geschlechtsmerkmale, aber auch das Verständnis von Geschlecht als soziales und kulturelles Phänomen zugeordnet werden. Grundsätzlich lassen sich in deutschen Wissenschaftsarbeiten beide Begrifflichkeiten verwenden, sofern den Adressaten inhaltlich die Bedeutungsebene vermittelt wird.

[4] Mit under construction wurde von den AutorInnen die Metapher der Baustelle gewählt, um sofort und direkt die Probleme der aktuellen Konstruktivismusforschung darzustellen. Laut den AutorInnen ist ebendiese zuweilen als ein theoretisches Flickwerk zu betrachten, schließlich haben sich die produktiven Arbeitsweisen und Debatten aus den 1990er Jahren vielmehr verstreut und in unterschiedliche Ansätze aufgespalten. Ziel des Bandes ist eine kritische Reflexion der Ansätze, um Produktivität zu gewährleisten und Relevanz auf gesamtgesellschaftlicher, sowie politischer Ebene zu generieren.

[5] Kennzeichnend für den Habitus ist ebenfalls, dass er als ein System von bestehenden Dispositionen immer darauf abzielt, sein Fortbestehen zu gewährleisten und dabei Bedingungen sowie Einflüsse selektiert. (vgl. Bourdieu 2001: 192).

[6] Folgerichtig fungiert der Habitus somit in einer Doppelrolle, die aufgrund der Strukturierung des Raumes und der Kopplung an soziale Positionen zum einen Möglichkeiten begrenzt, gleichwohl auch Möglichkeiten eröffnet.

[7] Die Symbiose aller Kapitalsorten stellt nach Bourdieu die Ursächlichkeit für Zugang und daraus resultierend die Lebenslage der Individuen dar. Je nach Verfügbarkeit der drei Kapitalsorten und deren Zusammenspiel kann Macht und Sicherung sozialer Position gewährleistet werden. (vgl. Bourdieu 1992: 52ff)

Ende der Leseprobe aus 110 Seiten

Details

Titel
Not am Mann? Herausforderungen an krisenbedrohte Identitäten und die moderne Männlichkeit
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,9
Jahr
2015
Seiten
110
Katalognummer
V352669
ISBN (eBook)
9783668413603
ISBN (Buch)
9783960950523
Dateigröße
1544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mann, Identität, Männlichkeit, Krise, Individuum, Suizid, Selbstmord, Rollenbilder
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Not am Mann? Herausforderungen an krisenbedrohte Identitäten und die moderne Männlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352669

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