J.R.R. Tolkiens „The Hobbit or There and Back Again“. Ein Werk nach Vorbild der deutschen Romantiker?


Hausarbeit, 2016
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Die erfüllte Prophezeiung?

2. Kontraste am Beispiel von Tag und Nacht

3. Der Hobbit als progressive Universalpoesie

4. Der Hobbit und die neue Mythologie

5. Verwirrung im Hobbit
5.1 Ironie am Beispiel des Erzählers
5.2 Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis
7.1 Primärtexte
7.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung – Die erfüllte Prophezeiung?

Friedrich Schlegel der seinerzeit „gegen seinen Willen zum Leittheoretiker der Romantik geworden“[1] war, beschrieb in seiner Zeitschrift „Athenäum“ die romantische Dichtart als „die einzige, die mehr als Art und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.“[2] Einige Zeilen zuvor beschrieb er die romantische Dichtart als „noch im Werden“.[3]

Was ist letztendlich aus dieser romantischen Dichtart „geworden“, deren Kriterien Friedrich Schlegel und viele andere wie sein Bruder August Wilhelm oder Friedrich von Hardenberg (Novalis) im sogenannten Jenaer Kreis in den Jahren um 1800 so ausführlich formulierten? Waren die frühromantischen Ideale bloß ein Trend, der sich nach dem Enden der Epoche um 1848 wieder legte, oder ist tatsächlich „alle Poesie romantisch“ geworden, so wie es Friedrich Schlegel forderte bzw. prophezeite?

Bei dieser Fragestellung bietet es sich aus Gründen der Handhabbarkeit an, sich ihrer zunächst anhand eines möglichst einflussreichen Stellvertreters zu nähern, einem Buch welches die Zeitung The Times seinerzeit als „One of the most influential books of our generation“[4] betitelte: „The Hobbit or There and Back again“ (kurz: der Hobbit) von John Ronald Reuel Tolkien ( kurz: Tolkien), welches in Deutschland unter dem Titel „Der kleine Hobbit“ oder auch „Der Hobbit oder Hin und zurück“ veröffentlicht wurde. Handelt es sich bei Tolkiens Hobbit um ein romantisches Werk nach Vorbild der Frühromantiker? Oder kann man sogar noch weiter gehen, und den Hobbit als das ideale romantische Werk bezeichnen? Um dieser Frage nachzugehen, müssen die zentralen Forderungen der deutschen Frühromantik herausgestellt werden und der Hobbit auf diese Merkmale untersucht werden. Erst anhand dieser Untersuchung kann festgestellt werden ob es sich bei dem Hobbit um ein romantisches Werk nach Vorbild der deutschen Romantiker handelt.

2. Kontraste am Beispiel von Tag und Nacht

Laut August Wilhelm Schlegel bestehe „das Romantische überhaupt […] im Kontraste“[5], weshalb man diese Kontraste auch im Hobbit antreffen müsste, sofern man diesen als romantisches Werk kennzeichnen will. Ein sehr verbreitetes, angewandtes Beispiel für diese Kontraste besteht in der unterschiedlichen Stilisierung von Tag und Nacht, in der die Nacht semantisch für das Magische und Irrationale steht, der Tag hingegen für das Rationale und Erklärbare. Novalis begründete diese Typisierung in seinen „Hymnen an die Nacht“ mit der rhetorischen Frage: „Trägt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht?“[6]

Ein bekanntes Beispiel für diesen Kontrast aus der Epoche der Romantik findet sich in „Das Marmorbild“ von Joseph von Eichendorff wieder, in welchem die Figur des Florio das titelgebende Marmorabbild der Göttin Venus nur wahrnahm, als „Der Mond, der eben über die Wipfel trat, […] ein marmornes Venusbild [beleuchtete], das dort dicht am Ufer auf einem Steine stand, […] und betrachtete nun, selber verzaubert, das Bild der eigenen Schönheit“[7]. Das übernatürliche Vorgehen, eine lebendig gewordene Statue, ereignet sich erst bei Nacht und wird erst am nächsten Tag kritisch hinterfragt, als „Florio […] sich nun [schämte], dem Sänger [Fortunato], wie er es sich anfangs vorgenommen, etwas von dem Venusbilde zu sagen“[8]

Dieser Tag-Nacht Kontrast findet sich ebenfalls sehr oft und ausführlich geschildert im Hobbit wieder. Bereits zu Anfang wird der Protagonist Bilbo Beutlin tagsüber gezeigt wie er einen Rauchring in die Luft bließ: „Then Bilbo sat down on a seat by his door […] and blew out a beautiful grey ring of smoke that sailed up into the air without breaking and floated away over The Hill“.[9] Dieser, wenig ungewöhnlichen Szenerie, wird kurze Zeit später eine Zusammenkunft von dreizehn Zwergen, Gandalf dem Zauberer und Bilbo bei Nacht in dessen Wohnung entgegengesetzt. Darin bließ der Zwerg Thorin ebenfalls Rauchringe, die er durch Bilbos Wohnung schickte „but wherever it went, it was not quick enough to escape Gandalf. Pop! he sent a smaller smoke-ring […] through each one of Thorin's. Then Gandalf's smoke-ring would go green and come back to hover over the wizard's head […] and in the dim light it made him look strange and sorcerous.“[10] Bei Tag folgen die Rauchringe den Gesetzmäßigkeiten der Natur, bei Nacht lassen sie sich durch Zauberei beliebig manipulieren.

Im zweiten Kapitel, in dem Bilbo und die Zwerge bei Nacht von Trollen gefangen genommen werden, zeigt sich dieser Kontrast noch deutlicher. Die Trolle, die „in der altnordischen Mythologie [als] unheimlicher bösartiger Geist“[11] beschrieben wurden, gestaltete Tolkien mit einer weiteren Eigenschaft. Nachdem Gandalf die Trolle durch einen Trick davon abhielt Bilbo und die Zwerge zu töten, rief er Ihnen beim Sonnenaufgang „Dawn take you all, and be stone to you“[12] entgegen, woraufhin sich die Trolle in steinerne Statuen verwandelten und der Erzähler wenig später erklärte: „for trolls, as you probably know, must be underground before dawn, or they go back to the stuff of the mountain they are made of“.[13] Die Trolle, als magischen Geschöpfe, können nur in der Dunkelheit der Nacht überleben. Hier findet sich auch eine deutliche Parallele zu Eichendorffs Idee von der bei Nacht lebendig gewordenen Steinstatue wieder, wenn auch in anderem Kontext.

Dieses Tag-Nacht-Motiv findet sich durchgängig im ganzen Roman wieder. Sowohl die magischen Mond-Runen („Moon-letters are rune-letters, but […] They can only be seen when the moon shines behind them“[14] ), die Verwandlung Beorns in einen Bären („Yet in the night he woke […] There was a growling sound outside, and a noise as of some great animal scuffling at the door“[15] ) oder auch der Angriff des Drachen Smaug auf die Stadt Esgaroth („Now it was lost and gone, blotted in the dark“ […] „The dragon is coming or I am a fool!“[16] ), alle Ereignisse die mit Magie oder Fabelwesen (mit Ausnahme der Protagonisten, welche zu jeder Tageszeit auftreten) zu tun haben finden bei Nacht statt. Dahingegen finden solche Ereignisse die man als rational oder nüchtern beschreiben kann, wie etwa die Schlacht der fünf Heere („but the bat-cloud came […] and whirled above them shutting out the light and fillig them with dread“[17], oder die ereignislosen Wanderungen der Gruppe um Bilbo ausschließlich am Tag statt.

Eine Ausnahme von dieser Regel bildet das achte Kapitel, welches im sogenannten mirkwood [dt. Finsterwald] spielt, in welchem man als Leser keine genauen Angaben dazu bekommt, zu welcher Tageszeit magische Ereignisse wie der Angriff der Riesenspinnen oder das überqueren des schwarzen, verzauberten Flusses stattfinden. Hier gibt allerdings der Name des Handlungsplatzes Aufschluss, welcher in der deutschen Übersetzung von Walter Scherf mit „Nachtwald“[18] übersetzt wird. Auch wenn Tolkien hier im engeren Sinne von seinem Kontrast-Schema abweicht, kann man die Ereignisse im Nachtwald als symbolisch in der Nacht stattfindend betrachten, da auch der Wald selbst als so finster beschrieben wird, dass nur selten ein Sonnenstrahl den Weg hinein fand („ Occasionally a slender beam of sun that had the luck to slip through some opening in the leaves far above“[19] ).

[...]


[1] Albert Meier: Klassik – Romantik, 2008, Reclam-Verlag, Stuttgart, S.75

[2] Friedrich Schlegel: „Athenäums“-Fragmente und andere Schriften, 1978, Reclam-Verlag, Stuttgart, 2005, S.91

[3] Friedrich Schlegel, S.90

[4] John Ronald Reuel Tolkien: The Hobbit or There and Back again, 1937, Harper Collins Publishers, London, 2006, S.1

[5] Albert Meier, S.34

[6] Novalis: Hymnen an die Nacht [ebook], 1983, http://gutenberg.spiegel.de/buch/hymnen-an-die-nacht-5237/5 , 31.03.2016

[7] Joseph von Eichendorff: Das Marmorbild, 1819, Reclam-Verlag, Stuttgart, 2008, S.15 f.

[8] Marmorbild, S.17

[9] Der Hobbit, S.7

[10] Der Hobbit, S.16 f.

[11] Vgl. Bertelsmann Universal Lexikon, Bd. 18, Hrsg. Durch Lexikon-Institut der Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH, Gütersloh, 1993, S. 170

[12] Der Hobbit, S.49

[13] Der Hobbit, S.50

[14] Der Hobbit, S.63

[15] Der Hobbit, S.150

[16] Der Hobbit, S.285 f.

[17] Der Hobbit, S.325

[18] John Ronald Reuel Tolkien: Der kleine Hobbit, 1937, dtv-Verlag, München, 2013, S.184

[19] Der Hobbit, S.163

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
J.R.R. Tolkiens „The Hobbit or There and Back Again“. Ein Werk nach Vorbild der deutschen Romantiker?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Veranstaltung
Proseminar "Erzählungen der Romantik"
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V352680
ISBN (eBook)
9783668388611
ISBN (Buch)
9783668388628
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Romantik, Epoche, Hobbit, Vergleich, Tolkien, Schlegel, Untersuchung, Novalis, Meier, romantische Ideale
Arbeit zitieren
Kristian König (Autor), 2016, J.R.R. Tolkiens „The Hobbit or There and Back Again“. Ein Werk nach Vorbild der deutschen Romantiker?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352680

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