Die Rolle der Ökonomie in der Herr-Diener-Konstellation in Bezug auf Glück, Ehre, Liebe und Humanität in Lessings "Minna von Barnhelm"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

1. Tellheim und Just – Ökonomie und Menschlichkeit

2. Just und Franziska – die teuren treuen Diener
2.1. Just – der ehrliche Diener
2.2. Franziska – die liebevolle Dienerin

3. Franziska und Minna – Freundinnen in der Hierarchie

4. Minna und Tellheim – Geld oder Liebe

5. Die Ökonomie der Menschlichkeit

6. Fazit: Das Herrscher-Diener Geld-Stück vom Glück

II. Literatur

I. Einleitung

Das Lustspiel Minna von Barnhelm hat deutsche Theatergeschichte geschrieben. Bereits zu Lessings Lebzeiten wurde es zum Zeitzeugnis der neuen deutschen Dramenentwicklung. Die aufgeklärte Vorstellung Lessings der vernunftorientierten, sittlichen Erziehung des Menschen, die das Denk- und Empfindungsvermögen gleichermaßen anspricht, machte die Minna von Barnhelm zu einer konkreten Anregung zur aktiven Humanität. Gerade das Verhalten der Hauptfiguren gegenüber anderen Figuren offenbart Hinweise auf eine zielgerichtete „Erkenntnisanweisung“ für den Zuschauer.

Welche Rolle spielt die Ökonomie im humanitären Verhältnis zwischen Herr(in)-Diener(in) und welchen Status haben dabei Glück, Ehre und Liebe?

In der Entstehungsphase des Stücks war Lessing geprägt durch Eindrücke aus der europäischen Komödientradition und seinem eigenen Konzept des bürgerlichen Tugendethos. Zum ersten Mal gelingt es dem Dichter ein zeitloses Drama zu schaffen, das Elemente aus der Komödie und Tragödie nutzt, und zu einer „wahren Komödie“[1] vereint. Die Abhängigkeit von Ehre, gesellschaftlicher Stellung, finanziellem Wohlstand und streben nach persönlichem Glück bringen die dramatische Entwicklung des Stücks dabei entscheidend voran.

Dass Geld hierbei eine wesentliche Rolle einnimmt, ist äußerst interessant. Durch Tellheim wird die Ökonomie mit der gesellschaftlichen Ehre verknüpft und als Basis für eine glückliche Liebe gesetzt. Das „Geld-Glück-Motiv“ zeigt sich nicht nur in der Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren, sondern erstreckt sich auch auf deren Verhältnis zu ihren Bediensteten.

Der Mangel an Geld und der daraus entstandene Mangel an Ehre machen für Tellheim sein persönliches Unglück aus. Doch sieht jede Figur im Stück Tellheims Schicksal aus einer individuellen Perspektive. Es ist daher gerade in Konfliktsituationen wichtig, den Umgang der Schlüsselfiguren mit Geld, Ehre, Liebe und Glück zu betrachten. sEin wichtiger Faktor wird dabei der humanitäre Aspekt der Herr(in)-Diener(in)-Konstellation sein. Die traditionelle Figur eines Bediensteten war Lessing bestens bekannt. Gerade deshalb fallen wohl seine Charaktere aus ihrer typischen Rolle heraus.

1. Tellheim und Just – Ökonomie und Menschlichkeit

Der Major von Tellheim hat eigentlich nicht die gesellschaftliche Stellung eines wirklichen Herrschers. Er dient anderen Machthabern als Soldat, gehört aber auf Grund seines militärischen Ranges dennoch in eine gehobenere Schicht. Wie geht Tellheim mit Geld, Glück, Ehre und Liebe um?

Tellheims humanistisches Denken ist mit der Realität des Krieges nicht zu vereinbaren. Menschlichkeit ist im Krieg nur bei Missachtung von Befehlen zu erreichen. Diese Erkenntnis hat Tellheim selbst: „Die Dienste der Großen sind gefährlich, und lohnen der Mühe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie kosten.“[2] (V,9; S. 96, V. 26 f)

Auf Ehre und Ökonomie, seinen gesellschaftlichen Stützpfeilern, ist er daher gerade in dieser schweren Zeit besonders fixiert. Franziska, die Kammerdienerin Minnas, sagt zu ihm nicht ohne Grund: „Sie sehen mir gar zu brav, gar zu preußisch aus!“ (III, 10; S. 62, V. 21 f). Und in der Tat verkörpert Tellheim das sprichwörtlich preußische. Er ist gehorsam, pflichterfüllend, genau, ehrliebend und tapfer. Der Kriegsdienst hat ihn nun zum Bettler und Krüppel gemacht. Ihm fehlt ein Arm und er hat „keinen Heller bares Geld“ (I, 4; S. 11, V. 15) mehr. Doch durch seine Handlungen im Stück sind eher seine „Gefühle verkrüppelt“ und er scheint an „Menschlichkeit bettelarm“[3] geworden.

Das Statussymbol für finanziellen Wohlstand, einen persönlichen Diener, kann er sich allein durch seine finanzielle Misere in keinem Falle mehr leisten: „Ich kann Dich nicht länger brauchen; ich muss mich ohne Bedienten behelfen lernen.“ (I,8; S. 15, V. 22 f) Auch ist er durch sein selbstempfundenes Unglück allen Personen gegenüber abweisend, die ihm echte Hilfe anbieten. Durch seine melancholische Stimmung bereitet es Tellheim seelische Qualen, nicht nur von seinem Diener gut behandelt zu werden. Zu Minna sagt er „Ihre Güte foltert mich!“ (II,9; S. 41, V. 14 f) und zu Werner „Du marterst mich“ (III,7; S. 56, V. 3). Er weiß sein „Glück im Unglück“ (noch) nicht zu selbstständig zu erkennen.

Tellheim erscheint dem Zuschauer zunächst als eine tragische Figur – ähnlich Shakespeares Othello. Sein Mangel an Selbsterkenntnis macht ihn Blind für sein Glück[4]. Minna zieht sogar eine direkten Vergleich, doch Tellheim versteht ihn nicht: „[…] den Mohr von Venedig. Sie sind so schwarz und hässlich nicht; auch so eifersüchtig werden sie nicht sein. Aber Tellheim, Tellheim, sie haben doch noch viel Ähnliches mit ihm!“ (IV,8; S. 81, V. 2 ff) Tellheims etwas altertümliche Vorstellung von „Schuld und Sühne“ erinnern an die Philosophie des Selbstopfers aus der antiken Tragik: Der Speer, der die Wunde schlug, muss sie auch wieder heilen[5].

Der Mensch Tellheim leidet daher unerträglich unter seinem sozialen, körperlichen und ökonomischen Mangel. Dieser Mangel ist es auch, der ihn in melancholische Unglückszustände versinken lässt. Psychoanalytisch betrachtet, wäre dieser Mangel „genau genommen der Mangel an Sein.“[6]

Tellheim kann nicht Tellheim sein, solange er sich nicht selbst erkannt hat, oder sein Selbstbewusstsein wiedererlangt hat. Diese Mängel rufen in Tellheim ein Begehren hervor, den Zustand des Habens (seine Ehre und sein Vermögen) wiederherstellen zu müssen, um dadurch Er-Selbst sein zu können. Tellheim hat durch den Verlust von Geld und Ehre auch gleichzeitig seine individuelle, gesellschaftliche Identität verloren. Dieser Verlust macht ihn zum unglücklichen, ungeselligen Menschen, der sein Glück wie einen Hund mit Füßen tritt.

Sein Diener Just ist es dann auch, der genau dieses Bild aufgreift. In seiner kurzen Erzählung über die Treue eines Hundes (vgl. I,8. S. 16 ff), schildert er in metaphorischer Weise seine Beziehung zu Tellheim. Er appelliert damit an die Menschlichkeit des Majors, ihn nicht des Geldes und der „gekränkten Ehre“ (vgl. IV, 6; S. 80, V. 3) wegen zu verstoßen. Der Major reagiert auch prompt darauf und erwidert: „Nein, es gibt keine völligen Unmenschen! – Just, wir bleiben beisammen.“ (I,9; S. 17, V. 12 f)

Damit schafft es der Diener seinen Herren für einen kurzen Augenblick aus dessen Traumwelt zu entreißen. Die vollständige Erweckung ist allerdings einer anderen Figur vorbehalten: Minna von Barnhelm.

Hieran wird auch der Bogen zur Aufklärung geschlagen. Traum und Erwachen, Helligkeit und Dunkelheit stehen in der Aufklärung für Neuanfang und Erkenntnis. Gerade durch die erste Regieanweisung wird der Aufklärungsgedanke mit dieser Symbolik schon zu Beginn des Stückes in Verbindung gebracht: „ Just sitzt in einem Winkel, schlummert, und redet im Träume.“ (I,1; S. 5, V. 3) Es ist das zu erwartende „Erwachen aus einem bösen Traum“, das Just bereits hier ankündigt. So wird auch Tellheim später aus einem „Traum“ zu erwachen haben. Es wird Minnas Aufgabe sein, ihn aus der Dunkelheit seiner Identitätslosigkeit zurück ins Licht der Wirklichkeit zu führen.

Solche symbolischen Handlungen und Anweisungen sind häufiger im Stück zu finden. Die doppelte Rechnung, die Just Tellheim zu Beginn des Stückes macht, zeigt die „Treue und den Großmut“[7] des Dieners. Doch gelingt es Just nicht durch die gutmütige Rechnung, sondern erst mit seinem Pudel-Gleichnis, die hartnäckige Unempfindlichkeit seines Herrn zu durchbrechen.

Die besondere Vertrautheit und Ehrlichkeit gegenüber seinem Herrn zeichnen ihn als guten Bediensteten aus. Doch nicht nur Tugenden, sondern auch starke Emotionen sind Just zu eigen. Der drohende Abschied von seinem Herrn hat ihn zu Tränen gerührt: „Du hast geweint?“ (I,8; S. 15, V. 12), fragt der Major ihn.

Als Tellheims engster Berater und zugleich persönlicher Diener, fühlt Just sich ihm weit mehr verbunden, als es für einen Untergebenen nötig wäre. „Ich hätte mir eh’r den Tod, als meinen Abschied vermutet.“ (I,8; S. 15, V. 20 f) Es gelingt ihm, durch „trockenen Wortwitz, beißender Ironie und ausgeprägtem Sinn für Situationskomik überzeugend als […] Einziger durch Treue und Ehrlichkeit“[8] geprägter Diener des Majors hervorzugehen.

Das Verhältnis von Diener und Herr ist bei Just und Tellheim trotz aller Harmonie auch ambivalentes. Einerseits identifiziert sich Just mit seinem Herrn, andererseits distanziert er sich in mehreren Szenen indirekt von Tellheims Haltung. Er bedient sich dabei der Vertrautheit zu Tellheim: „ Wir lassen anschreiben […], so versetzen wir, was wir noch haben, und ziehen weiter.“ (Vgl. I, 12; S. 21, V. 32 ff) Damit lässt er unterschwellig anklingen, dass er eben nicht gleicher Meinung mit seinem Herrn ist: „Werner, du meinst es herzlich gut; aber wir mögen dein Geld nicht.“ (I,12; S. 21, V. 23 f)

Der Besitz von Geld ist Just zwar wichtig, dennoch geht der Respekt gegenüber Tellheim über jede Verlockung zum Betrug hinaus. Just ist ein ehrlicher Mensch – niemals ein Dieb gegen seinen Herrn. Er ist damit der einzige Bedienstete, der den Major weder bestohlen, noch in Stich gelassen hat. Er ist ein Freund und Helfer, ein Vertrauter und Berater. „Kerl, du bist toll!“ (I,8; S. 16, V. 7) weiß auch Tellheim seinen Diener zu schätzen. Auf seine Dienste kann sich Tellheim auch in dieser großen Notlage stets verlassen. Die drohende Verstoßung von seinem Herrn wäre für Just auch gleichzeitig ein echter Freundschaftsverlust.

[...]


[1] Eine “wahre Komödie” sieht Lessing als Knotenpunkt der Entwicklungslinien von Theorie und Praxis der Komödien. Über zwanzig Jahre hat er sich für dieses Ergebnis mit Komödien kritisch auseinandergesetzt. Vgl. hierzu Otto Hasselbeck: G.E. Lessing. Minna von Barnhelm: Interpretationen/von Otto Hasselbeck. München: Oldenbourg Verlag 1997. S. 31

[2] Vgl. G.E. Lessing: Minna von Barnhelm. Stuttgart: Reclam Verlag 2003. Weitere Textstellen werden nach dieser Ausgabe zitiert. Die kursiven Hervorhebungen in den Zitaten sind interpretatorischer Art.

[3] Vgl. Dietrich Harth: Gotthold Ephraim Lessing. Oder die Paradoxien der Selbsterkenntnis. München: Verlag C.H.Beck 1993. S. 47

[4] Vgl. Dietrich Harth: Gotthold Ephraim Lessing. S. 47

[5] Vgl. Dietrich Harth: Gotthold Ephraim Lessing. S. 48

[6] Vgl. Dylan Evans: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Wien: Turia + Kant Verlag 2002. S. 181

[7] Vgl. Otto Hasselbeck: Minna von Barnhelm. S. 60

[8] Vgl. Ebd. S. 70

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Ökonomie in der Herr-Diener-Konstellation in Bezug auf Glück, Ehre, Liebe und Humanität in Lessings "Minna von Barnhelm"
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Hauptseminar "Aktuelle Inszenierungen am Nationaltheater"
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V35279
ISBN (eBook)
9783638352482
ISBN (Buch)
9783638653046
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, Herr-Diener-Konstellation, Bezug, Glück, Ehre, Liebe, Humanität, Lessings, Minna, Barnhelm, Hauptseminar, Aktuelle, Inszenierungen, Nationaltheater
Arbeit zitieren
Master of Arts Alexander Monagas (Autor), 2004, Die Rolle der Ökonomie in der Herr-Diener-Konstellation in Bezug auf Glück, Ehre, Liebe und Humanität in Lessings "Minna von Barnhelm", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35279

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