Bartolome de las Casas - ein hierokratischer Herrscher? Eine Untersuchung nach Max Weber


Hausarbeit, 2001
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Die Eroberung Lateinamerikas
1.1 Das politische Geschehen Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts
1.2 Die Entdeckungsfahrt des Christoph Columbus
1.3 Die Auswirkungen

2. Bartolomé de Las Casas

3. Die hierokratische Herrschaft nach Max Weber

4. Las Casas – ein hierokratischer Herrscher?

5. Resümee

Einleitung

„Max Weber gilt heute nicht nur als einer der bedeutendsten deutschen Sozialwissenschaftler, er zählt darüber hinaus zu den wirkungsvollsten Denkern des zwanzigsten Jahrhunderts.“ (Käsler 1995: 7)

Ausgangspunkt dieser Arbeit ist das Werk „Wirtschaft und Gesellschaft“[1] von Max Weber (1864-1920), das sich mit den „wechselseitigen Beziehungen von Gesellschaft, Recht, Religion, Wirtschaft und Herrschaft beschäftigt (Käsler, 1995: 219). Zentral soll es dabei um die von Weber erarbeitete Begrifflichkeit der sogenannten hierokratischen Herrschaft gehen. Dieser Herrschaftstypus, der eine mögliche Organisationsstruktur von Herrschaft darstellt, soll die Grundlage bieten für eine nähere Betrachtung des Wirkens von Bartolomé de Las Casas, der sich als Verteidiger der indianischen Urbevölkerung zur Zeit der spanischen Eroberungen in Lateinamerika einen Namen gemacht hat.

Im ersten Kapitel soll zunächst ein Überblick über das politische Geschehen gegeben werden, das ausschlaggebend war für die Entdeckungsfahrt des Christoph Columbus. Außerdem werden kurz die Auswirkungen dieses bedeutenden Ereignisses geschildert.

Das zweite Kapitel soll einen groben Einblick in das Leben Las Casas’ geben.

Die Darstellung der Merkmale hierokratischer Herrschaft nach Max Weber sowie eine knappe Erläuterung seiner Methodik im dritten Kapitel dient dazu, im Anschluss zu untersuchen, inwiefern Las Casas’ Einsatz für die Indios als eine derartige Form der Herrschaft gedeutet werden kann oder nicht. Bei dieser Betrachtung fallen immer auch die politischen Rahmenbedingungen des ausgehenden 15. und des beginnenden 16. Jahrhunderts ins Gewicht, da kirchliche und weltliche Mächte miteinander verwoben waren. In welcher Gestalt sich diese Verbindung ausdrückte, soll ebenfalls anhand der Kennzeichen des Weberschen Hierokratiebegriffs beleuchtet werden.

1. Die Eroberung Lateinamerikas

Will man die Bedeutung der Eroberung Lateinamerikas, die sogenannte Conquista (span .: Eroberung) durch die Spanier näher untersuchen, gilt es zunächst, sich einen Überblick über die politischen Verhältnisse in Spanien des ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts zu verschaffen, um anschließend die Entdeckungsfahrt des Christoph Columbus in den historischen Kontext einordnen zu können.

1.1 Das politische Geschehen Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts in Spanien

Die Conquista muss auf dem Hintergrund der Reconquista betrachtet werden, da durch die Wiedereroberung der iberischen Halbinsel im Zuge der 1487 neu organisierten spanischen Inquisition die Idee eines „katholischen Universalismus“ (Greinacher, 1992: 23) im Land Einzug hielt.

Bereits im Jahre 1470 wurden die Grundlagen für ein spanisches Weltreich gelegt, als Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien-León heirateten und das gegenseitige Erbrecht der Ehepartner festlegten. Unter den beiden „Katholischen Majestäten“ (Müller, 1994: 206) sollte sich die Stellung Spaniens verstärken. Mit dem Vorschlagsrecht des Königs für die Besetzung der hohen Kirchenämter und Bistümer sowie der Unterordnung der wichtigen Orden schuf Ferdinand eine „nationale Kirche“ (Müller, 1994: 206), auf die er großen Einfluss hatte. Im Sinne Max Webers hat diese Beziehung der politischen zur kirchlichen Macht einen „cäsaropapistischen“ Charakter, d. h. „der weltliche Herrscher besitzt kraft Eigenrechts auch die höchste Macht in kirchlichen Dingen“ (Weber, 1980: 689). Diese Verbindung ist gerade im Zusammenhang mit der Eroberung Amerikas, der sogenannten „Neuen Welt“, von Bedeutung (vgl. Kap. 3).

1.2 Die Entdeckungsfahrt des Christoph Columbus im Jahre 1492

Da sowohl Königin Isabella und König Ferdinand als auch Papst Alexander VI. an einer Erstarkung der spanischen Macht interessiert waren, erhielt Columbus seitens des Königshauses Unterstützung für sein Vorhaben, den Seeweg von Europa nach Indien zu finden (Müller, 1994: 207). Die Fahrt unterstand – in Anknüpfung an die Reconquista – auch dem Vorhaben, den christlichen Glauben zu verbreiten. 1492 schrieb Columbus an das Königshaus:

„Sie haben beschlossen, mich, Christoph Columbus, zu den sogenannten Indischen Regionen zu entsenden, um die dortigen Fürsten und ihre Völker kennenzulernen ... und um die Art zu prüfen, wie man diese Völker zu unserem heiligen Glauben bekehren kann ...“ (Greinacher, 1992: 15).

Papst Alexander VI. betonte ebenfalls die Wichtigkeit,

„dass der katholische Glaube und die christliche Religion gerade in Unserer Zeit verherrlicht und überall verbreitet, das Heil der Seelen gefördert und die barbarischen Nationen gedemütigt und zum Glauben zurückgeführt werden“ (Greinacher, 1992: 16).

Die spanische Krone vergab Columbus ein Privileg, mit dem er neben dem Titel Admiral und der Erhebung in den Adelsstand auch die Zusage erhielt, „Vizekönig und Gouverneur aller Inseln und Festlande zu werden“, die er für Spanien in Besitz nehmen würde. Außerdem versprach man ihm zehn Prozent von allen Produkten der neuen Gebiete. (Müller, 1994: 207)

Im Glauben, Indien gefunden zu haben, erreichte er im Oktober 1492 San Salvador und anschließend Kuba und Haiti. Somit stand die Conquista in ihren Anfängen. Weitere Entdeckungsfahrten sollten folgen, wobei sich zunehmend traditionelle christliche Vorstellungen mit materiellen Interessen bei der Suche nach neuen Ländern und nach Reichtum in Form von Gold verbanden (Müller, 1994: 192) Von Bedeutung sind vor allem die Conquistadoren Cortéz und Pizarro, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts zum einen das Aztekenreich in Mexiko und zum anderen die Kultur der Inka in Peru gänzlich vernichteten.

1.3 Die Auswirkungen

Im Laufe der weiteren Kolonialisierung durch die Europäer, die sich bis zum Jahre 1570 über weite Teile von Nord- über Süd- bis Mittelamerika erstreckte, wurden vermehrt Gesetze vom spanischen Könighaus erlassen, die sowohl die Verwaltung der okkupierten Gebiete als auch die Legitimierung des Vorgehens regelten. Von Bedeutung sind vor allem die beiden folgenden, nämlich die Encomienda[2] und das Requerimiento.

Die spanische Krone betrachtete das eroberte Land als ihr Eigentum und unterwarf im Jahre 1503 die Angehörigen der Indiovölker der Tributpflicht. Die Eroberer wurden mit der Vergabe von Land sowie der darauf lebenden Indios belohnt. Der Encomendero konnte frei über deren Arbeitskraft verfügen. Zwar waren die Eroberer angehalten, die eingeborene Bevölkerung zu schützen, doch im Grunde war das Encomienda -System eine Form der Sklaverei zugunsten der Plantagen- und Minenbesitzer (Bigorajski, 2002).

Beim Requerimiento handelte es sich um eine Proklamation der spanischen Krone als weltliche Vertreterin der Kirche. Diese 1513 verfasste Proklamation musste vor allen kriegerischen Auseinandersetzungen – in der Anfangszeit sogar nur in spanischer Sprache, welcher die Indios nicht mächtig waren – vorgetragen werden. Sie diente dem Zwecke einer offiziellen Rechtfertigung für jegliche Gewaltanwendung, Unterdrückung und Versklavung der eingeborenen Völker. Das Requerimiento begann inhaltlich mit einer kurzen Geschichte der Christenheit und endete mit der Erklärung der „Schenkung der Neuen Welt“ durch den Papst. Es forderte die Indios auf, die „heilige Kirche als Herrin und Gebieterin der ganzen Welt anzuerkennen und dem spanischen König als neuem Herrn zu huldigen“. (Bigorajski, 2002)

Im folgenden sollen die Auswirkungen der Conquista auf die eingeborene Bevölkerung kurz dargestellt werden. Hervorzuheben ist, dass die Encomenderos „in ihren Besitzungen schalteten und walteten wie Territorialfürsten“ (Ebersbach, 1984: 398). Die kriegerischen Auseinandersetzungen sowie die Aufdrängung eines fremden Lebensstils durch die Spanier mit all seinen Konsequenzen führte zu einem enormen Rückgang der Bevölkerungszahlen. Die Verpflichtung zur Zwangsarbeit und die Unterdrückung sowie Unterernährung und auch fehlende Immunisierung gegen bestimmte, aus Spanien eingeführte, Krankheiten stellen nur einige Faktoren dar, die die Zerstörung der einzelnen Kulturen bedingten. (Gutiérrez, 1990: 10).

2. Bartolomé de Las Casas

Im Jahre 1508 gab der Generalmeister der Dominikaner Vio Cajetan die Anweisung, Mitglieder des Predigerordens in die Neue Welt zu entsenden (Meier, 1992: 23). Zu diesem Zeitpunkt war die Urbevölkerung des ersten Kolonialgebietes Spaniens, nämlich Haiti, bereits auf ein Sechstel zurückgegangen (Meier, 1992: 23). Daraufhin eröffneten die Dominikaner die Debatte um das Recht Spaniens zur Landnahme in Amerika und prangerten erstmals das von ihren Landsleuten eingeführte Wirtschaftsystem der Encomienda an (Meier, 1992: 24). Unter ihnen war auch Bartolomé de Las Casas. Der 1484 in Sevilla geborene Las Casas war im Jahre 1502 selbst an Eroberungszügen auf La Espanola, dem ersten spanischen Machtzentrum auf Haiti, und Cuba beteiligt und wurde für seine Verdienste mit einer eigenen Encomienda, d. h. mit Grundbesitz und indianischen Arbeitskräften, ausgestattet (Meier, 1992: 67). Schon kurze Zeit später überkamen ihn erste Zweifel über seine Lebensform. Sätze aus dem biblischen Buch Jesu verdeutlichten ihm bei der Vorbereitung auf eine Pfingstpredigt, dass die Conquista dem Willen Gottes widersprach (Meier, 1992: 28).[3] 1507 wurde der studierte Theologe und Rechtsgelehrte zum Priester geweiht (Ebersbach 1984: 398). Außerdem arbeitete er als Dolmetscher, da er im Laufe seines Lebens zwölf Indiosprachen lernte. 1523 band er sich durch Ablegung der Profess an den Dominikanerorden (Meier, 1992: 31). Bis zu seinem Tode 1566 kämpfte er beharrlich gegen die Versklavung der indischen Urvölker und drängte auf deren Freilassung. Er riet zu Mäßigung und Umkehr, indem er sich auf christliche Gerechtigkeit berief. 1515 erhielt er von Seiten König Ferdinands den Titel „Defensor Universal de los Indios“. Dennoch fand er allzu oft - sowohl bei einigen seiner Mitbrüder als auch bei den weltlichen Machtvertretern – wenig Gehör für sein Anliegen, das zu seiner Lebensaufgabe werden sollte.

[...]


[1] Das Werk „Wirtschaft und Gesellschaft“ von Max Weber ist eine Zusammenstellung von Manuskripten, die Webers Ehefrau posthum nach eigenen Vorstellungen arrangierte und veröffentlichte. Sie selbst bezeichnet diese Texte als sein Hauptwerk. (vgl. Zöller, 2001: 211)

[2] Wörtliche Übersetzung: „Anempfehlung“ (Meier, 1992: 180)

[3] Die folgende Stelle aus Jesus Sirach, 34 wird oft als Auslöser für Las Casas’ Bekehrung angeführt: „Ein Brandopfer von unrechtem Gut ist eine befleckte Gabe. Opfer der Bösen gefallen Gott nicht. Kein Gefallen hat der Höchste an den Gaben der Sünder, auch für eine Menge Brandopfer vergibt er die Sünden nicht.“ (Greinacher, 1992: 26)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Bartolome de las Casas - ein hierokratischer Herrscher? Eine Untersuchung nach Max Weber
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Theoretiker der Soziologie - Max Weber
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
18
Katalognummer
V35289
ISBN (eBook)
9783638352543
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bartolome, Casas, Herrscher, Eine, Untersuchung, Weber, Theoretiker, Soziologie
Arbeit zitieren
Tamara Oberhauser (Autor), 2001, Bartolome de las Casas - ein hierokratischer Herrscher? Eine Untersuchung nach Max Weber, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35289

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