Erwählungstheologie im Alten Testament. Die Erwählung Israels


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

32 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Exegetische Perspektiven
2.1 Erwählung und das Leitwort [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]
2.2 Erwählungsvorstellungen in vorexilischer Zeit
2.3 Die Konstituierung des Erwählungsglaubens
2.3.1 Erwählung im Deuteronomium
2.3.2 Erwählung bei Deuterojesaja
2.4 Erwählung in nachexilischer Zeit

3. Theologische Perspektiven
3.1 Religionsgeschichtliche Voraussetzungen des Erwählungsglaubens
3.2 Die Funktion der alttestamentlichen Erwählungstheologie
3.3 Ausblick auf das Neue Testament und auf Israel

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Abkürzungsverzeichnis
5.2 Textausgaben und Quellen
5.3 Hilfsmittel
5.4 Einleitungen, Theologien, Kommentare
5.5 Lexikonartikel
5.6 Monographien und Aufsätze

1. Einleitung

„Wir glauben an den Herrn und Heiland, der als Mensch aus dem Volk Israel stammt. Wir bekennen uns zu der Kirche, die aus Judenchristen und Heidenchristen zu einem Leib zusammengefügt ist und deren Friede Jesus Christus ist. Wir glauben, daß Gottes Verheißung über dem von ihm erwählten Volk Israel auch nach der Kreuzigung Jesu Christi in Kraft geblieben ist.“1

Mit diesen Sätzen formulierte die EKD-Synode in Berlin-Weißensee im Jahr 1950 ihren Glauben an die bleibende Erwählung Israels durch Gott.

Dass Israel von Gott als sein Eigentumsvolk erwählt wurde (vgl. Dtn. 7,6) und dieser an seiner Erwählung festhält, davon zeugt auch die Bibel, insbesondere das Alte Testament. Wie sich dieser Erwählungsglaube konstituiert, in welcher Zeit er seinen Ursprung hat und worin seine Funktion besteht, dem will die vorliegende Arbeit nachspüren. Dazu soll zunächst der Begriff [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] als Leitwort der Erwählungstheologie untersucht werden (Kap. 2.1), bevor nach dem Ursprung des Erwählungsglaubens gefragt wird (Kap. 2.2). Im Anschluss daran werden die Eigenarten der alttestamentlichen Erwählungstheologie an ausgewählten Texten aus exilischer und nachexilischer Zeit analysiert (Kap. 2.3 und 2.4). Insbesondere das Deuteronomium und Deuterojesaja, als klassische Orte der Erwählungstheologie, finden hier Berücksichtigung. In einem dritten Kapitel werden die bisherigen Ergebnisse dann gebündelt und systematisiert, um die religionsgeschichtlichen Voraussetzungen (Kap. 3.1) sowie die Funktion der alttestamentlichen Erwählungstheologie (Kap. 3.2) herauszuarbeiten. Abschließend soll ein kurzer Ausblick auf die Aufnahme alttestamentlicher Erwählungsvorstellungen im Neuen Testament und das daraus abzuleitende Verhältnis zwischen Kirche und Israel gewagt werden (Kap. 3.3).

2. Exegetische Perspektiven

2.1 Erwählung und das Leitwort [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]

Die Erwählung des Volkes Israels durch Jahwe ist nicht nur konstitutiv für das Selbstverständnis Israels, sondern stellt zugleich auch ein Leitmotiv der hebräischen Bibel dar2 und steht in Verbindung mit dem hebräischen Verb [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] (»erwählen«).3 Das Verb [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] findet sich im Alten Testament an insgesamt 146 Stellen.4 Der theologische Gebrauch mit Jahwe als Subjekt überwiegt deutlich. Daneben finden sich die Verwendung mit Menschen als Subjekt und die rein profane Benutzung. Im Deuteronomium kulminiert der Gebrauch der Wurzel [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten].5 Doch, auch wenn die Erwählung einzelner Personen bereits in vorexilischen Texten belegt ist, findet sich erstmalig im Deuteronomium die Vorstellung von der Erwählung des Volkes. Dennoch wird das Alter der Erwählungstheologie kontrovers diskutiert. Das Grundproblem in diesem Zusammenhang betrifft die Frage, inwieweit sich der Erwählungsglaube erst in dem deuteronomistisch geprägten Begriff [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] konstituiert oder, ob die Erwählung Israels schon immer implizit - auch in vorexilischen Texten - vorausgesetzt wird. In der Forschung wird dies unterschiedlich beurteilt und hängt von dem jeweiligen Verständnis des Erwählungsbegriffes ab. Es ist zwar richtig, dass auch Texte ohne den Gebrauch von [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] das Verhältnis zwischen Jahwe und Israel ansprechen. Der spezifische Erwählungsglaube, der sich m. E. erst unter den Bedingungen des Exils vollständig entwickeln konnte, thematisiert die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk allerdings in einer ganz bestimmten Hinsicht.6 Gott erwählt sich unter einer Mehrzahl von Völkern ein bestimmtes Volk, bindet sich und geht eine Beziehung ein. Die Begründung für diese Wahl Gottes liegt nicht im Tun oder Lassen Israels, sondern in Gott selbst.7 Jahwe wird Israels Gott und Israel sein Volk. Dieses besonders qualifizierte Verhältnis, das die vorliegende Arbeit im Weiteren herausarbeitet, wird besonders explizit durch [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] erfasst, auch wenn das Wortfeld der Erwählungstheologie weiter gefasst ist und die Erwählung Israels durch Gott auch ohne [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] als terminus technicus ausgedrückt werden kann.8 Neben [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] sind die Substantive [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] ~[ (»Heiliges Volk«), hlwgs ~[ (»Eigentumsvolk«) und hlxn ~[ (»Erbvolk«), sowie die Verben acy (»herausführen«) hdp (»loskaufen«) und bha (»lieben«) unter anderem zu diesem Wortfeld zu zählen.9 Damit ist das Verbum »erwählen« zwar nicht das einzige, aber gleichwohl das wichtigste Leitwort der alttestamentlichen Erwählungstheologie.10

Auch der Bundesbegriff (tyrb), der sich ebenso wie der Erwählungsbegriff in deuteronomistischer Theologie verorten lässt,11 beschreibt das besondere Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk. Während der Bundesbegriff diese Relation allerdings in Anlehnung an hethitische Staatsverträge als Vertragsverhältnis zwischen zwei Parteien beschreibt,12 nimmt das Erwählungsmotiv eine dritte Größe in den Blick. Neben Jahwe als Subjekt und Israel als Objekt der Erwählung findet hier implizit auch diejenige Quantität Berücksichtigung, aus der Gott sein Eigentumsvolk erwählt, - die anderen Völker.13 „»Bund« artikuliert eher die Innenseite jener Grundbeziehung, »Erwählung« bezieht dagegen zugleich die Außenseite ein.“14 Das Selbstverständnis Israels, erwähltes Gottesvolk zu sein, setzt damit den Glauben an einen universalen Gott voraus, der die Möglichkeit hat, ein Volk aus einer Gesamtheit vieler Völker zu erwählen.15 Um zu klären, inwieweit Universalismus und Monotheismus mit dem Erwählungsgedanken zusammenhängen und wie sich das wechselseitige Verhältnis zwischen Gott, Israel und den Völkern bestimmt lässt,16 sollen im Folgenden zunächst ausgewählte biblische Texte, die den alttestamentlichen Erwählungsglauben thematisieren, analysiert werden.

2.2 Erwählungsvorstellungen in vorexilischer Zeit

„Der Erwählungsglaube ist alt“17, postuliert Preuß in seiner Theologie des Alten Testaments. Der theologische Gebrauch des Leitwortes [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] findet sich allerdings erst in deuteronomisch bzw. deuteronomistisch geprägten Texten. Verortet man die Anfänge des literarischen Wirkens der Deuteronomisten im 7. Jh.,18 in der Zeit Joschijas, so setzt die Verwendung von [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] als terminus technicus für den Erwählungsglauben tatsächlich erst in exilischer bzw. frühestens in spätvorexilischer Zeit ein. Das sieht auch Preuß so.19 Dennoch sieht er den Glauben an die göttliche Erwählung Israels sich bereits in vorexilischer Zeit formieren. In der Forschung wird dies unterschiedlich beurteilt und hängt - wie unter 2.1 dargestellt - zu einem großen Teil auch an dem jeweiligen Verständnis des Begriffes »Erwählung«.

Preuß führt als Belege für seine These zunächst Texte aus der nichtpriesterlichen Erzelterntradition an.20 Zwar lassen sich hier an einzelnen Stellen Erwählungsaussagen finden, die die Erwählung eines Einzelnen beschreiben (vgl. Gen. 12,1-4a und Gen. 18,19), doch sind diese von der Erwählung des Volkes zu unterscheiden. Hier steht nicht eine Gruppe im Fokus, aus der Abraham auserkoren wurde, sondern der Auftrag und die Verheißung, die an ihn ergehen. Zudem wird nicht das Verhältnis Israels zu anderen Völkern thematisiert,21 sondern Abrahams Segensmittlerschaft, die ein Angebot an „alle Geschlechter auf Erden“ (Gen. 12,3b) macht. Israel wird in Gen. 12 nicht den anderen Völkern der Erde gegenübergestellt, sondern ist - neben anderen - als eine mögliche Konkretion der Verwirklichung der Segensverheißung intendiert.22 Vers 3a, der in Spannung zur universalen Perspektive von Vers 3b steht, ist möglicherweise als redaktionelle Einfügung zu verstehen.23 Fasst man Vers 3a allerdings als ursprünglich auf, lässt er sich auch als Bedingung verstehen, unter der die Segenszusage aus Vers 3b gilt. Das Segensangebot Gottes trifft alle Geschlechter der Erde. Es vollzieht sich allerdings nur an denjenigen Geschlechtern, die das Angebot annehmen und in eine Beziehung zu Gott treten. Die Segensverheißung wird damit an ein Beziehungsgeschehen geknüpft.24 Sie gilt jedem, mit Ausnahme von demjenigen, der sein Gesicht von Gott abwendet. Die unterschiedlichen Numeri von $rb (Pl.) und llq (Sg.) belegen dies. Dass, das Bekenntnis zur Universalität Jahwes, das in Gen. 12,3 deutlich wird, allerdings Einfluss auf den dtn./dtr. Erwählungsglauben hatte, ist sehr wahrscheinlich (vgl. dazu 3.1).25

Andere Textstellen, die Preuß anführt, finden sich bei Amos (z.B. Am. 3,2; 9,7) und Hosea (z.B. Hos. 1-3; 4,6). Wo sich hier Erwählungsaussagen finden lassen, stehen sie allerdings zumeist „im Dienste des Schuldaufweises, indem sie ihn verstärken und mit der Perversion der Erwählten das Gericht unabweisbar begründen“26, und verdeutlichen gerade nicht die Liebesbeziehung zwischen Gott und seinem erwählten Volk. Zudem ist es fraglich, ob die genannten Belege tatsächlich aus vorexilischer Zeit stammen und nicht aus einer späteren Redaktion.27 Zwar mag es sein, dass die vorexilische Prophetie Einfluss auf die deuteronomische Theologie hatte, allerdings sind die Erwählungsaussagen, die hier begegnen, m.E. von der dtn./dtr. Erwählungstheologie zu unterscheiden.28 Allenfalls für Hosea lässt sich eine Verbindung zum Deuteronomium nachweisen. Sowohl Hos. 1-3 als auch das Deuteronomium thematisieren die Liebe Gottes zu seinem Volk. Allerdings fehlen in Hos. 1-3 das Theologumenon [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und das Element der anderen Völker, sodass sich für diesen Textkorpus eher Verbindungen zur Bundestheologie aufzeigen lassen als zur Erwählungstheologie (vgl. Hos. 2,20-22).29 Aus dem bisher Gesagten lässt sich vermuten, dass der spezifische Erwählungsglauben sich frühestens im ausgehenden 7. Jh. entwickelt und unter den veränderten Bedingungen des Exils ausgeprägt hat. Eine weitergehende These vertritt E. Otto, der den Anfang der Erwählungstheologie weder in der Königszeit, noch in spätvorexilischer Zeit sieht, sondern in die nachexilische Zeit datiert. Er begründet dies dadurch, dass er die deuteronomischen Textstellen, die den Erwählungsgedanken rezipieren, (vgl. Dtn. 4,37ff.; 7,6-8; 10,14f.) als nachexilische Fortschreibungen und Korrekturen zur Moabredaktion des Deuteronomiums versteht.30 Ob die Erwählungstheologie in exilischer oder erst in nachexilischer Zeit entstanden ist, kann in dieser Arbeit allerdings nicht weiter untersucht werden. Festzuhalten bleibt allerdings der bedeutende Einfluss der Exilserfahrungen für die Konstitution des Erwählungsglauben.

2.3 Die Konstituierung des Erwählungsglaubens

2.3.1 Erwählung im Deuteronomium

Als locus classicus der Erwählungstheologie gilt Dtn. 7,6-8. Hierin ist sich die Forschung seit über 80 Jahren weitestgehend einig.31 Gegenüber anderen Stellen im Deuteronomium, die die Erwählung Israels thematisieren, (z.B. Dtn. 4,37ff.; Dtn. 10,14f.) finden sich in Dtn. 7,6-8 nahezu „alle Elemente, die im Alten Testament den Glauben an Israels Erwählung bestimmen“32. Dtn. 7,6-8 befindet sich innerhalb der zweiten mosaischen Einleitungsrede (Dtn. 5-11) des Deuteronomiums. Die zweite Einleitungsrede setzt mit dem Moabdekalog (Dtn. 5) und dem deuteronomischen Hauptgebot, dem Šemaʽ yiśrāʼel, (Dtn. 6) ein. Dtn. 7-11 lässt sich als Interpretation und Paränese zu diesem „Doppelgebot der Alleinverehrung Jhwhs und der Gottesliebe“33 auffassen. Vor diesem Hintergrund muss auch Dtn. 7,6-8 verstanden werden.34 Der Abschnitt Dtn. 7,6-8 lässt sich allerdings nicht hinreichend ohne Berücksichtigung des engeren Kontextes, in dem er eingebettet ist, verstehen. Daher erscheint es sinnvoll, das ganze Kapitel 7, welches nach vorne und hinten durch den rahmenden Ausblick auf die Landnahme abgegrenzt ist (V. 1-5.22-26),35 bei dieser Analyse zumindest in Teilen mit zu berücksichtigen.

Besonders auffällig in diesem Zusammenhang ist der mehrmalige Numeruswechsel (vgl. Dtn. 7,4-7), der nicht nur V. 6 rahmt und damit besonders herausstellt, sondern neben V. 4 auch an weiteren Stellen im ganzen Deuteronomium begegnet. In der Forschung wird die Bedeutung des Numeruswechsels unterschiedlich beurteilt und konnte m.E. noch nicht hinreichend geklärt werden. Während viele Exegeten ihn als Kriterium für eine mehrstufige Textgeschichte verstehen,36 hat er für E. Otto eine texthermeneutische Funktion und ist ein Hinweis auf eine Differenz „zwischen erzählter Zeit des Moses und nachexilischer Erzählzeit des Buches Deuteronomium“37. Dass die Erwählungstheologie - auch wenn diese Arbeit eine hinreichende Klärung des Numeruswechsels schuldig bleibt - tatsächlich Verbindungen in unterschiedliche zeitliche Dimensionen, in Vergangenheit und Zukunft, schlägt, wird in der folgenden Analyse von Dtn. 7 deutlich. Dtn. 7,1-5 bildet den ersten Abschnitt des Kapitels, blickt mit V. 1 auf die Landnahme voraus und „verbindet die Verheißung der Landnahme mit der Forderung der Abgrenzung von den Landesbewohnern und ihren Götterbildern.“38 V. 2 zählt mit dem Banngebot und dem Bundesverbot zunächst zwei sich einander bedingende Forderungen auf, die das Volk Israel in der Situation der Landnahme beachten soll. Israel soll den Bann an den Völkern im Land vollstrecken, d.h. alle Landesbewohner vernichten.39 Diese Anweisung wird durch das Barmherzigkeitsverbot weiter expliziert (vgl. V. 2b). Zugleich wird Israel der Bundesschluss mit der Landesbevölkerung verboten, was durch das Verschwägerungsverbot unterstrichen wird (vgl. V. 3).40 Beide Forderungen zielen auf eine Abgrenzung von den Völkern im Land, insbesondere von ihrer Religion, und werden in V. 4 in negativer Weise mit dem ersten Gebot des Dekalogs begründet.41 Die Gefahren der Versuchung durch Götzen und der Abkehr von Jahwe sollen abgewendet werden. Daher dann auch in V. 5 die Anordnung, fremde Götterbilder, Altäre und andere kultische Gegenstände zu zerstören. In V. 6 begegnet dann mit der Heiligkeit des Gottesvolkes eine zweite

Begründung für die Abgrenzungsgebote aus den vorangegangen Versen.42 [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] (vgl. V. 6a) wird ergänzt durch das Lexem hlwgs ~[ (vgl. V. 6b). Beide Bezeichnungen für das Volk Israel ergänzen sich einander und kulminieren in dem Verb [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] (V. 6b).43 Damit greift V. 6 zwei Aspekte der Erwählungstheologie auf. Israel ist als heiliges Volk aus den Völkern der Erde ausgesondert und als Gottes Eigentumsvolk in eine besondere Beziehung zu Jahwe gesetzt wird. Hat Dtn. 7,2-6a die äußere Dimension der Erwählung - d.h. die Aussonderung aus einer Gruppe von Ethnien zu einem heiligen Volk - beschrieben, wird in Dtn. 7,6b die innere Dimension der Erwählung - d.h. die Bestimmung als Eigentumsvolk Gottes - thematisiert.44 Vers 6 als Ganzes fungiert in diesem Zusammenhang als »Grundsatzerklärung« und nimmt beide Aspekte der Erwählungstheologie auf.45 Die folgenden Verse (V. 7-8) geben die Begründung der Erwählung an. Während V. 7 deutlich macht, dass die Ursache dafür, nicht beim Volk zu suchen ist, lokalisiert V. 8 den Grund für Israels Erwählung allein bei Gott selbst und sieht ihn in seiner Liebe zu Israel.46 Auch, wenn die hwhy>tbha; hier nicht begründet wird, so wird mit dem Väterschwur und dem Exodus darauf verwiesen, dass Jahwe seine Liebe zu Israel durch die Geschichte hindurch immer wieder hat sichtbar werden lassen. Syntaktisch auffällig ist allerdings, dass der Schwur zu den Vätern und das Herausführen aus Ägypten nicht auf derselben Ebene stehen.47 Vielmehr versteht V. 8 den Exodus als Beleg für Jahwes Liebe und begründet ihn mit dem Halten des Eides gegenüber den Vätern (!mi+ Inf. cs.).

Damit wird neben der Liebe Jahwes zu seinem Volk besonders auf seine Bundestreue verwiesen, an welcher Jahwe in der Vergangenheit festgehalten hat und die sich daher auch zukünftig zeigen wird. „So wie JHWH den Erzvätern geschworen hat und mit dem Exodus diesen Schwur später einlöst, so sollen Moses Adressaten erkennen, dass der Exodus sie auf die Treue JHWHs als Unterpfand dafür hinweist, dass sie das Verheißene Land einnehmen und die Landesbewohner vertreiben werden.“48 In V. 9- 10 wird die Treue Gottes dann auch explizit benannt und an Bedingungen geknüpft. Gott hält den Bund denen gegenüber, „die ihn lieben und seine Gebote halten“ (Dtn. 7,9) und übt Vergeltung an denjenigen, „die ihn hassen“ (Dtn. 7,10). Dtn. 7,9-10 greift damit eine Formulierung aus dem Dekalog auf (vgl. Dtn. 5,9-10) und verbindet dadurch den Erwählungsgedanken mit dem ersten Gebot. Zwischen Dtn. 5,9-10 und Dtn. 7,9-10 lassen sich allerdings einige Unterschiede beobachten.

[...]


1 Kirchliches Jahrbuch, 5f.

2 Vgl. Görrig, Die Wurzel trägt, 255.

3 Vgl. Seybold, Art. Erwählung - I. Altes Testament, 1478.

4 Vgl. Wildberger, Art. [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], 277f.

5 Vgl. Wildberger, Art. [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], 284.

6 Vgl. Altmann, Erwählungstheologie, 7 und Waschke, Der Gesalbte, 242. Vgl. auch Seebaß, Art. Erwählung - I. Altes Testament, 182, der zwischen einem naiven und einem spezifischen „Verständnis von Erwählung“ unterscheidet. Auch Seybold, Art. Erwählung - I. Altes Testament, 1478-1480 sieht die Herausbildung eines Erwählungsglaubens erst in exilischer Zeit verhaftet, auch wenn dieser durchaus durch vorexilische Traditionen beeinflusst worden sei. Dagegen Görrig, Die Wurzel trägt, 257 und Preuß, Theologie des Alten Testaments I, 36 u. 41.

7 Vgl. Waschke, Der Gesalbte, 237 und vgl. Plasger, Erwählung und Bund, 117.

8 Vgl. Seebaß, Art. Erwählung - I. Altes Testament, 182 oder auch Waschke, Der Gesalbte, 237.

9 Vgl. Waschke, Der Gesalbte, 237 und Preuß, Theologie des Alten Testaments, 35, dessen Liste noch umfangreicher ist.

10 Vgl. Seybold, Art. Erwählung - I. Altes Testament, 1478.

11 Vgl. Gertz, Art. Bund - II. Altes Testament, 1863f.

12 Vgl. Stolz, Art. Bund - I. Religionsgeschichtlich, 1861f. und Gertz, Art Bund - II. Altes Testament, 1863.

13 Vgl. Köckert, Die Erwählung Israels, 277.

14 Köckert, Die Erwählung Israels, 277.

15 Vgl. Köckert, Die Erwählung Israels, 277

16 Siehe auch unter Kap. 3.1.

17 Preuß, Theologie des Alten Testaments I, 41.

18 Vgl. Römer, Entstehungsphasen des „deuteronomistischen Geschichtswerkes“, 70 und Schmid, Hatte Wellhausen Recht?, 26 bzw. Schmid, Literaturgeschichte des Alten Testaments, 106f. Außerdem auch Paganini, Art. Deuteronomistisches Geschichtswerk.

19 Vgl. Preuß, Theologie des Alten Testaments I, 41.

20 Beispielsweise Gen. 12,1-4a; 16; 18,19; 21 24,7 - vgl. Preuß, Theologie des Alten Testaments I, 34 und 41. Vgl. zu Zuordnung der Textstellen zur nichtpriesterlichen Erzelterntradition auch Gertz, Grundinformation Altes Testament, 269.

21 So Preuß, Theologie des Alten Testaments I, 34.

22 Vgl. Zenger, Jahwe, Abraham und das Heil aller Völker, 52.

23 Vgl. Zenger, Jahwe, Abraham und das Heil aller Völker 47f.

24 Vgl. zur Fluch-Segen-Thematik auch Schönemann, Art. Fluch, Fluchtspruch (AT), Abschnitt 3.

25 Vgl. Waschke, Der Gesalbte, 242.

26 Köckert, Die Erwählung Israels, 279. Dagegen Waschke, Der Gesalbte, 239-242.

27 Vgl. Köckert, Das Gesetz und die Propheten in Amos 1-2, 145-154 und Jeremias, Der Prophet Amos, 31-34.

28 Zu diesem Urteil kommen auch Köckert (vgl. Köckert, Die Erwählung Israels, 279) und Labahn (vgl. Labahn, Die Erwählung Israels, 397). Einen anderen Schluss ziehen Preuß (vgl. Preuß, Theologie des Alten Testaments I, 41) und Görrig (vgl. Görrig, Die Wurzel trägt, 257).

29 Dies sieht auch Waschke so, der m. E. allerdings nicht scharf genug zwischen Bund und Erwählung differenziert - vgl. Waschke, Der Gesalbte, 239.

30 Vgl. Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 851, aber auch Otto, Deuteronomium 1-11, Erster Teilband, 535-538 und Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 1027.

31 Vgl. Wildberger, Art. [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], 284f., aber auch Seybold, Art. Erwählung - I. Altes Testament, 1479 und Waschke, Der Gesalbte, 236.

32 Waschke, Der Gesalbte, 237.

33 Gertz, Grundinformation Altes Testament, 248.

34 Vgl. Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 844.

35 Vgl. Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 841.

36 Vgl. Gertz, Grundinformation Altes Testament, 250. Vgl. dazu auch Rüterswörden, Art. Deuteronomium, Abschnitt 4.

37 Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 882.

38 Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 842.

39 Vgl. zum Banngebot Walter, Art. Bann / Banngut und Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 860-862.

40 Vgl. Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 862f.

41 Vgl. Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 863.

42 Vgl. Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 865.

43 Vgl. Waschke, Der Gesalbte, 237.

44 Vgl. Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 866 und siehe unter Kap. 2.1.

45 Vgl. Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 865.

46 Vgl. Waschke, Der Gesalbte, 237.

47 Vgl. Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 867.

48 Otto, Deuteronomium 1-11, Zweiter Teilband, 867.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Erwählungstheologie im Alten Testament. Die Erwählung Israels
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Wissenschaftlich-Theologisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar Altes Testament
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
32
Katalognummer
V352928
ISBN (eBook)
9783668393103
ISBN (Buch)
9783668393110
Dateigröße
1212 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Altes Testament, Erwählung, Erwählungstheologie, Israel, Deiteronomium 7, Eigentumsvolk, Heiliges Volk, Monotheismus, Universalität, Erwählungsglaube, Deuterojesaja, Treue, Liebe, Gott, Königserwählung, Zeugenamt, Verwerfung, Wiedererwählung, Universalismus, Bund, Volk Gottes, Kirche und Israel
Arbeit zitieren
Stefan Prill (Autor), 2016, Erwählungstheologie im Alten Testament. Die Erwählung Israels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352928

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