Die Entwicklungsbedingungen von Kindern. Pluralität und Heterogenität im Wandel der Zeit


Masterarbeit, 2014

68 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung
0.1 Zielsetzungen
0.2 Aufbau der Arbeit

1. Bedeutungsvolle Aspekte bei der Kindesentwicklung
1.1 Spezifische Entwicklungsphasen
1.2 Wechselspiel zwischen genetischer Veranlagung und Umwelt
1.3 Eltern-Kind-Beziehung
1.4 Veränderungen der Kindheit von früher zu heute
1.4.1 Erwerbstätigkeit beider Elternteile
1.4.2 Bedeutung der Eltern
1.4.3 Was die traditionelle Familie ausmacht
1.4.4 Geschwister
1.5 Bedeutung und Veränderung der Partnerschaft
1.5.1 Scheidung
1.5.2 Stieffamilien
1.5.3 Alleinerziehende
1.6 Veränderte Familienbedingungen
1.7 Eigenverantwortung des zu Erziehenden
1.8 Sozialisation und gesellschaftliche Werte
1.8.1 Empathie
1.8.2 Imitieren
1.8.3 Medien
1.8.4 Freizeit
1.8.5 Kindergarteneintritt
1.9 Erziehungsmöglichkeiten
1.9.1 Autorität
1.9.2 Bestrafung

2. Verhaltensauffälligkeiten
2.1 Wann von einer Verhaltensauffälligkeit gesprochen werden kann
2.2 Mögliche Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten
2.3 Umgang mit „Problemkindern“

3. Die Persönlichkeit stärkende Fähigkeit der Resilienz

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

0.1 Zielsetzungen

Die Kindheit ist ein Abschnitt des menschlichen Daseins, welcher die Menschheit seit jeher betraf und auch weiterhin beschäftigen wird, da der Nachwuchs unabdingbar als Voraussetzung der Erhaltung ihrer Art besteht. Verschiedene wissenschaftliche Dokumente belegen, dass ein Mensch, der eine positive Entwicklung durchlaufen bzw. den Prozess der Menschwerdung erfolgreich abgeschlossen hat, damit beste Voraussetzungen besitzt, um selbst zu einem guten Erzieher zu werden. Dieser Eigenschaft, ein guter Erzieher zu sein, geht allerdings erst einmal die Entscheidung für eine eigene Familie voraus. Wer sich dazu entschließt, verbringt einen großen Teil seines Lebens gemeinsam mit seinen Kindern, wobei die Erziehung eine große Rolle einnimmt. Das eigene Leben wird dadurch entsprechend in bestimmte Bahnen geleitet. In Anbetracht dieser Tatsache, ihr Leben danach ausrichten zu müssen, haben eigene Kinder für manche Menschen an Bedeutung verloren, da das Erreichen gewisser anderer Ziele, wie eine berufliche Karriere, für sie stärker wiegt.

In den vergangenen Jahren hat sich demzufolge ein gravierender Wandel der Gesellschaft und damit der Kinder und der Bedingungen, unter denen sie aufwachsen, vollzogen. Das lässt die Frage entstehen, ob diese Veränderungen die Basis für das Aufwachsen von Kindern verschlechtern. Des Weiteren ist fraglich, welche Lebensbedingungen die besten Voraussetzungen zum Heranwachsen bieten. Diese Fragen sollen im Verlauf der Arbeit diskutiert werden.

Andere soziale Institutionen, wie Kindergarten und Schule, sind bei der Entwicklung eines Kindes ebenfalls von Bedeutung. Sie stellen zusätzliche Erziehungssituationen dar und tragen damit zur Entwicklung bei. Gegebenenfalls können sie Zuflucht sein oder bilden Chancen einer möglichen Weiterentwicklung, die zu Hause, aus verschiedensten Gründen, nicht gewährleistet werden kann.1 Das heißt für Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer, dass sie mehr und andere Arbeiten leisten müssen, welche eigentlich nicht in ihrem Aufgabenbereich liegen. Oftmals wäre es erforderlich, die Rolle eines Psychologen zu vertreten, um auf tief gehendes psychologisches Wissen zurückgreifen zu können, was das Ausmaß ihrer Ausbildung jedoch bei Weitem übersteigt. So können diese Einrichtungen zusätzlichen Halt geben, andererseits besteht jedoch auch die Möglichkeit, durch das Ausüben negativen Einflusses, zur Verschlechterung der Gesamtsituation beizutragen. Beispielsweise können sich gestellte Anforderungen, vor allem in der Schule, als eine kaum zu bewältigende Schwierigkeit herausstellen. In diesem Kontext wird die Fähigkeit der Resilienz2 wichtig.

Warum das so ist und was sich dahinter verbirgt soll nachfolgend aufgezeigt werden.

Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, die heutige Situation, im Vergleich zu früheren Zeiten, darzustellen und zu klären, wie auch unter diesen Bedingungen eine optimale Entwicklung von Kindern ermöglicht werden kann. Die Ausführungen behandeln fast ausschließlich den Zeitraum der frühen Kindheit, da er als Fundament für den weiteren Entwicklungsverlauf angesehen werden kann. Sie beschränken sich daher auf den innerfamiliären Raum. Wegen der unzähligen Forschungen in diesem Bereich sind ebenso viele Ergebnisse entstanden, welche sich teilweise widersprechen. Auch gibt es viele Überschneidungen dessen, was oft schon bestätigt wurde. Ausschließlich die wichtigsten und aufschlussreichsten Ergebnisse werden im folgenden Hauptteil aufgeführt.

0.2 Aufbau der Arbeit

Der Hauptteil setzt sich aus drei Kapiteln zusammen. Im ersten Kapitel geht es zunächst darum, ausgewählte Faktoren, welche bei der Entwicklung eine Rolle spielen, genauer in den Blick zu nehmen. Sie beziehen sich auf den gesamten Verlauf der Kindheit, wobei sie teils in verschiedenen Entwicklungsphasen von besonderer Bedeutung sind.

Eine einleitende Übersicht über, die Entwicklung beeinflussende, spezifische Entwicklungsphasen sollen dem ausführlichen Teil in Kapitel 1.1 vorangehen. Das Kapitel 1.2 thematisiert die Hauptperson des Geschehens, den Heranwachsenden. In diesem Abschnitt zeigen sich einige Bedingungen, welche in Umwelt und Anlage unterteilt werden können und den Prozess der Erziehung auf verschiedene Weise beeinflussen. Wie ein Großteil der Literatur bekundet, ist die Eltern-Kind-Beziehung, die das Kapitel 1.3 aufführt, für eine optimale Entwicklung entscheidend. Sie hat dabei einen besonderen Stellenwert, welcher höher gewichtet wird als viele Faktoren, die außerdem im weiteren Verlauf erläutert werden, da sie die Grundlage für weitere Entwicklungsschritte bildet. Die mit dem Umbruch der Gesellschaft einhergehende Veränderung der Kindheit wird Thema des darauf folgenden Kapitels 1.4 sein. Es zeigt einen Vergleich heutiger und damaliger Existenzlagen und lässt Vor- und Nachteile gegenwärtiger Verhältnisse für die Entwicklung von Kindern erkennen. Ein Aspekt, der für die neuen Bedingungen mitverantwortlich ist, ist die Erwerbstätigkeit der Eltern, welcher in die Thematik der Wichtigkeit der Eltern für ihre Kinder überleitet. Nachfolgend wird illustriert, was die Merkmale der traditionellen

Familienform sind und warum sie lange Zeit als beste Voraussetzung für das Aufwachsen von Kindern galt. In diesem Zusammenhang soll dargelegt werden, welche Bedeutung Geschwister für Heranwachsende haben.

Das Kapitel 1.5 gibt zu erkennen, welche Auswirkungen die derzeitige Interpretation von Partnerschaft auf das Entstehen oder Nichtentstehen einer Familie hat und welche, dem traditionellen Familienleben nicht entsprechenden Formen, die Folge sein können. Wie es dazu kommt und was das für ein Leben in Familie bedeutet wird sich in Kapitel 1.6 zeigen. Im Anschluss wird es in Kapitel 1.7 darum gehen, welche Konsequenzen diese Bedingungen für junge Menschen haben.

Der Prozess der Persönlichkeitsbildung stellt eine Herausforderung dar, bei der insbesondere leitende Werte Hilfe leisten können, die innerhalb der Gesellschaft erworben werden. Auch ihre Bedeutsamkeit unterliegt den vorher genannten Veränderungen. Einige Aspekte, wie die Gesellschaft auf die Entwicklungen einwirkt, werden in kurzer Ausführung in Kapitel 1.8 dargelegt. Das Nachahmen sowie die Eigenschaft der Empathie sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung, ebenso die Medien, die in der Welt der Kinder zu einem wichtigen Bestandteil geworden sind. Welche Folgen damit einhergehen, soll in diesem Rahmen diskutiert werden. Dieser Sachverhalt hat Auswirkungen darauf, wie Kinder ihre Freizeit verbringen. Die Kindergartenzeit stellt eine zusätzliche und vorerst unbekannte gesellschaftliche Lage dar, die den Prozess der Sozialisation beeinflusst.

Das Kapitel 1.9 gibt Aufschluss darüber, welche Arten von Erziehungsstilen bestehen und welche als, eine optimale Entwicklung ermöglichende, Erziehung angesehen wird. In diesem Kontext werden der damit einhergehende Begriff der Autorität und die Bestrafung genauer in den Blick genommen, um zu demonstrieren, unter welchen Umständen sie als wenig geeignet gelten.

Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich explizit mit Verhaltensauffälligkeiten im Kindesalter. Zunächst soll geklärt werden, wann von einer Störung des Verhaltens gesprochen werden kann. Im nächsten Schritt werden einige Faktoren aufgezählt, die, unter anderem, als Ursache von Verhaltensstörungen gelten und zum Schluss wird ein kleiner Einblick in allgemeine Umgangsmöglichkeiten gegeben.

Schließlich wird im 3. Kapitel beleuchtet, welche Erkenntnisse der Resilienzforschung für die Entwicklung von Kindern, in eine positive Richtung, bedeutsam sein können. Im abschließenden Fazit werden die wichtigsten Ergebnisse zusammenfassend aufgeführt.

1. Bedeutungsvolle Aspekte bei der Kindesentwicklung

Um deutlich zu machen, wie breit der Einflussbereich des Entwicklungsprozesses des Menschen gefächert ist, sollen einige Aspekte der kindlichen Lebenswelt im Rahmen meiner Ausarbeitung aufgeführt werden. Dazu werde ich zunächst auf die Position Hobmairs zurückgreifen, der dahingehend einen ersten Überblick gibt. Er ist der Ansicht, dass bei der Entwicklung von Kindern viele Kriterien eine Rolle spielen. Im Zentrum der Betrachtung stehen zunächst der zu Erziehende und die Eltern bzw. Erzieher.

An dieser Stelle soll vorerst seine Definition für den Begriff der Erziehung zugrunde gelegt werden. „Erziehung ist ein soziales Handeln, welches bestimmte Lernprozesse bewusst und absichtlich herbeiführen und unterstützen will, um relativ dauerhafte Veränderungen des Verhaltens und Erlebens, die bestimmten Erziehungszielen entsprechen, zu erreichen.“3 Nach Hobmair bedarf der Mensch von Natur aus einer Erziehung, denn er besitzt, im Gegensatz zu den Tieren, nicht genügend Instinkte, um sich ohne jegliche Hilfestellung auf der Welt zurechtzufinden. Eben aufgrund dieser Instinktarmut ist der Mensch fähig zu lernen und erzogen zu werden und ist sogar darauf angewiesen, um zu einer selbständigen Persönlichkeit werden zu können. „Wo Erziehung ausbleibt, unzureichend ist oder misslingt, kommt es zur Gefährdung bzw. Verhinderung der Menschwerdung des Menschen.“4 Der Verlauf der Entwicklung ist jedoch noch von vielen weiteren Faktoren abhängig, auf die der Erzieher nicht einwirken kann. „Erziehung ist demzufolge immer nur begrenzt plan- und steuerbar […].“5 Zu den weiteren Faktoren gehören die je individuelle Situation der Erziehung, die vom Erzieher teilweise beeinflusst werden kann, die vielseitige Umwelt und die Ansprüche der Gesellschaft. Sie haben einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes und können sich allesamt sowohl positiv, als auch negativ darauf auswirken.6

1.1 Spezifische Entwicklungsphasen

Zu Beginn sollen die Nachwirkungen anfänglicher Entwicklungsphasen, die jeder Mensch im Verlauf der Kindheit durchläuft, kurz beschrieben werden. Auch hierzu bietet Hobmair eine verständliche Zusammenfassung. Er bezieht sich in seinen Ausführungen auf die Vorstellungen Sigmund Freuds, welche dazu dienen, eine erste Vorstellung darüber zu erhalten, inwieweit selbst solche natürlichen Vorgänge den Verlauf der weiteren Entwicklung beeinflussen können.

In den ersten 12 Monaten, der so genannten oralen Phase, ist es wichtig, diesbezüglich entstehende Bedürfnisse eines Kindes zu stillen, da sich in dieser Phase die grundsätzliche und charakterbildende Einstellung eines Menschen zum Positiven oder Negativen entwickelt. Diese Thematik wird im nachfolgenden Kapitel näher betrachtet. Im Alter von 12-36 Monaten geht sie über in die anale Phase. Dieser Zeitraum ist durch die Entstehung des Selbstbewusstseins geprägt. Kann ein gesundes Selbstbewusstsein entstehen, so ist eine nützliche Basis für das Bewältigen von entwicklungsbezogenen Aufgaben gegeben. In der phallischen Phase, die ab einem Alter von vier Jahren seinen Anfang nimmt, beginnen Kinder das geschlechtliche Dasein als Mann oder Frau zu erfassen. Sie gilt als Vorbereitung für eine spätere Partnerschaft.

Bereits in diesem frühen Stadium schließt sich demnach der Kreis, denn, wie die vorangegangene These zeigt, ist das Gelingen der eigenen Entwicklung erforderlich, um selbst einmal für das Aufwachsen der eigenen Kinder geeignete Bedingungen schaffen zu können. Durch die Darstellung im Kapitel 1.5 wird diese, vorerst womöglich kompliziert klingende, Feststellung deutlich. Besonders wichtig sind in dieser Zeit zum einen die ernstzunehmende Funktion der Vorbildlichkeit der Eltern und zum anderen gute Beziehungen aller Familienmitglieder untereinander, welche ebenfalls an späterer Stelle aufgegriffen werden.7

1.2 Wechselspiel zwischen genetischer Veranlagung und Umwelt

Der Mensch wird durch Beziehungen und seine Erlebnisse in Kindheit und Erziehung geprägt. Danach bildet sich, so Manfred Hofer, sein Charakter aus.8 Inge Seiffge-Krenke verweist in diesem Kontext auf die Ausbildung eines Bewusstseins für die eigene Persönlichkeit, welche sich im Alter von 2-6 Jahren entwickelt. Erst dadurch kommt ein Kind erstmalig bewusst mit sozialen Kontakten in Berührung. Zuvor fühlt es sich, wie Klaus R. Scherer und Harald G. Wallbott veranschaulichen, wegen des Anscheins dem Organismus der Mutter anzugehören, nicht als eigenständiges Subjekt. Ab dem Auftreten dieser Selbstwahrnehmung beginnt sich die individuelle Persönlichkeit herauszubilden. Dabei spielen erlebte Emotionen eine wichtige Rolle. Das rationale Denken ist, gemäß Linke, zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig ausgeprägt, sodass ein Kind weitgehend auf sein Fühlen und Erleben beschränkt ist. Diese Sachlage macht es psychisch verletzlich und prägt seine Person und seinen weiteren Lebensverlauf. „Das Herz als Sinnbild seines

Lebensgedächtnisses und seiner Lebensmitte wird in den folgenden Wochen und Monaten zum Zentrum aller Erinnerungen, Erfahrungen, Hoffnungen und Ängste […].“9 Wie diese Verdeutlichung zeigt, können in dieser Zeit Lebensenergie, aber auch Ängste entstehen. „Nur ein geringer Teil der seelischen Vorgänge, die im Menschen ablaufen, ist bewusst […].“10 Das ist das Dubiose dieses Sachverhalts, denn der überwiegende Teil geschieht, nach Hobmair, unbewusst. Er bezieht sich in diesem Fachbereich erneut auf die Forschung Freuds, der außerdem der Ansicht ist, „[…] dass jedes Erleben und Verhalten eine Ursache hat.“11 Diese kann auf die vorher erläuterte Zeit der frühen Kindheit zurückgeführt werden, was den Einfluss der Kindheit auf das Erwachsenenalter deutlich macht. Die Nachwirkungen der bleibenden, jedoch oft unbewussten, Erlebnisse können Auswirkungen auf die Entwicklung haben und ein Leben lang von Bedeutung sein.

Zu jeder Entwicklung, so Schneekloth und Andresen, gehören Ängste. „Im Verlauf der mittleren Kindheit werden die frühen Verlustängste oder auch die Fantasieängste […] mehr und mehr durch Realängste abgelöst.“12 Realängste sind, laut Anita Heiliger, Ängste, wofür ein tatsächlicher Grund in der Realität besteht.13 Wenn diese übermächtig werden, anhaltend vorhanden sind und somit Einfluss auf den Alltag ausüben, bestehen verschlechterte Entwicklungschancen.14 Viele negative Gefühle begünstigen demnach einen ungünstigen Verlauf der Persönlichkeitsbildung, welche daneben jedoch von weit mehr als diesen abhängig ist. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden die einzelnen Bezugsfelder nach und nach erschlossen. Zusätzlich übt auch die Fähigkeit der Resilienz einen großen Einfluss auf die Entwicklungsrichtung, wie sich im 3. Kapitel noch genauer zeigen wird. Manche Kinder nehmen ihre Situation ohne weiteres hin, wohingegen andere eine starke Resilienzfähigkeit beweisen und Strategien entwickeln, die ihnen helfen den Belastungen standzuhalten.

Auch das Reaktionsverhalten der Eltern, und der Gesellschaft allgemein, bedingen die emotionale Entwicklung von Kindern. Es erzieht sie dazu, bestimmte Emotionen zu unterdrücken und anderen gibt es Raum zur Entfaltung.15 Belsky verstärkt das Argument, in dem er behauptet, dass es folglich vom Verhalten der Mutter abhängt, wie sich ein Kind verhält. Andererseits ist auch die Reaktion der Eltern in hohem Maße vom Temperament des Kindes abhängig. Das lässt sich damit begründen, dass die Schwelle der finalen Reizbarkeit voraussichtlich schneller erreicht ist, wenn das Kind dauerhaft Aufmerksamkeit insistiert.

Neben den Umweltbedingungen, die das Temperament eines Kindes bestimmen, weisen Birgit und Hans Bertram darauf hin, dass dieses außerdem zum Teil genetisch bedingt ist. Somit sind das Verhalten und die Entwicklung eines Kindes zunächst einmal von seinem Charakter abhängig.16 Jay Belsky unterstützt die Angabe, dass Kinder sich dahingehend unterscheiden temperamentvoll oder temperamentlos zu sein. Dies ist eine charakterbildende Eigenschaft, wonach der Umgang mit ihnen mehr oder weniger anspruchsvoll ist.17 Außerdem ist sie, laut Scherer und Wallbott, entscheidend dafür in welche Richtung sich das Kind entwickelt, ob es Optimismus und Selbstsicherheit findet oder in seiner Impulsivität gehemmt wird.18 Elisabeth Schlemmer erweitert die Anmerkung, indem sie behauptet Alter und Geschlecht des Kindes seien dabei nicht unerheblich.19 Jungen neigen grundsätzlich öfter zu impulsivem Auftreten, als Mädchen. Was das Alter betrifft kann auf die Trotzphase verwiesen werden, die durch wütendes Verhalten gekennzeichnet ist und ab dem zweiten Lebensjahr beginnt. Emotionen finden Ausdruck in kurzzeitigen, aber sehr starken Gefühlsäußerungen. In dieser Phase bilden sich im günstigsten Fall ein gesundes Selbstbewusstsein und die Kompetenz der Selbständigkeit als positive Charaktereigenschaften heraus. Die Unterdrückung des Kindes in dieser Phase würde die Ausbildung eines gesunden Selbstbewusstseins verhindern. Mit zunehmendem Alter treten derartige emotionale Zustände seltener auf, halten jedoch länger an. Sie finden dann auf der subjektiven Gefühlsebene statt und entstehen weniger aus dem Affekt heraus.20

Zusammenfassend kann nachfolgendes festgehalten werden. Das Temperament des Kindes beruht zu gewissen Teilen auf genetischen Grundlagen und wird zu anderen Teilen durch die jeweiligen Umweltbedingungen geformt. Auf der einen Seite lenkt der Charakter des Kindes die Handlung der Eltern und auf der anderen Seite wird dieser durch das elterliche Verhalten beeinflusst. Es kann davon ausgegangen werden, wie Jay Belsky schlussfolgernd angibt, dass beides, sowohl das Temperament des zu Erziehenden als auch das Verhalten der Eltern, Auswirkungen auf entstehende Verhaltensweisen eines Kindes haben und dass sie Einfluss aufeinander ausüben.21 Vereinfacht dargestellt, beschreibt Hobmair das, was das Kind bereits besitzt, wenn es zur Welt kommt als „[…] die genetische Ausstattung eines Lebewesens, die bei der Befruchtung festgelegt wird.“22 Wie sich diese genetische Veranlagung entwickelt ist von seiner umgebenden Umwelt abhängig.23

In Bertrams Ausführungen wird deutlich, dass zwei Kinder, die derselben Umwelt, wozu neben den Eltern auch andere soziale Kontakte und materielle Gegebenheiten, wie z.B. Wohnverhältnisse gehören, ausgesetzt sind, unter Umständen auf unterschiedliche Weise darauf reagieren können, was wiederum auf ihre Erbanlagen zurückzuführen ist. Die Reaktionen auf die Umwelt sind, wie schon erläutert, unterschiedlich. Manche Kinder kommen besser mit einer Situation zurecht als andere.24

Weder nur die Veranlagung eines Menschen, noch ausschließlich die Umwelt betreffende Umstände bestimmen den Werdegang eines Menschen, sondern das Zusammenspiel beider. Daher sind beide für die Entwicklung eines Kindes von gleicher Bedeutsamkeit. Außerdem stehen sie in ständiger Wechselwirkung zueinander, denn wie sich vorhandene Anlagen ausbilden, wird von der Umwelt beeinflusst und wie die Umwelt auf ein Kind wirkt ist in gleichem Maße von seiner Anlage abhängig.25

1.3 Eltern-Kind-Beziehung

Jedes Kind braucht verlässliche Bezugspersonen. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um die Mutter, wegen ihrer besonderen Feinfühligkeit. Der Vater gilt jedoch auch meist als eine dem Kind sehr nah stehende Person. Martin Dornes beschreibt die Erarbeitungen von Ainsworth et al. bezüglich dieser frühen Bindungen. Je mehr Einfühlungsvermögen die Eltern aufweisen, genauer gesagt, inwieweit ihre Reaktionen auf die Bedürfnisse des Kindes angebracht sind, desto sicherer ist die entstehende Bindung.26 Außerdem stellt sie ein Muster für weitere Beziehungen dar. Mit Sicherheit kann davon ausgegangen werden, dass der Beziehung zu den Eltern ein besonderer Stellenwert zukommt. Günther Hahn bestätigt dies durch die Behauptung: „[…] für eine positive Entwicklung der Kinder ist eine stabile und vertrauensvolle Beziehung zu den Eltern unersetzlich.“27 Die universelle Wichtigkeit einer sicheren Bindung für die Entwicklung wird sich im weiteren Verlauf der Arbeit mehrmals in sehr unterschiedlichen Bereichen zeigen.

In welchem Bezug der Erzieher und der zu Erziehende zueinander stehen, bedingt den Erziehungsvorgang demnach nicht unerheblich. Hobmair meint, es habe Auswirkungen darauf, ob Erziehung gelingt. Daher ist ein gutes zwischenmenschliches Verhältnis in jeder Altersstufe, nicht ausschließlich in der frühen Kindheit, maßgeblich, um dem Kind eine optimale Umgebung zu schaffen, in der es aufwachsen kann.28 Dennoch sind die ersten Jahre eine sehr prägende Zeit, welche das Fundament der emotionalen Entwicklung bildet. Charaktereigenschaften, die Anpassungsfähigkeit an soziale Begebenheiten und aggressives Verhalten werden unter anderem von emotionalen Erfahrungen, also insbesondere in dieser Zeit, bestimmt. Hier wird die im vorigen Kapitel angedeutete Verbindung zwischen Persönlichkeitsbildung und emotionaler Befindlichkeit anschaulich. Nach den ersten drei Jahren verkompliziert sich die Lage, da andere Entwicklungsbereiche hinzukommen. Klaus R. Scherer und Harald G. Wallbott gehen davon aus, dass emotionale, soziale und kognitive Entwicklungen dann miteinander verknüpft sind und Fortschritte ab dieser Zeit somit schwer in die einzelnen Bereiche zu verorten sind.29 Die Phase, in der die emotionale Entwicklung am effektivsten beeinflusst wird, ist damit beendet.

Das Ehepaar Tausch benennt die drei grundlegenden Charakteristika Wertschätzung, Verstehen und Echtheit, die ihrer Ansicht nach einem guten Verhältnis zwischen Eltern und Kind angehören. Wertschätzung heißt, den zu Erziehenden zu respektieren, liebevoll und achtsam im Umgang mit ihm zu sein. Verstehen basiert auf empathischem Handeln und echt ist eine Beziehung, wenn sie auf Ehrlichkeit beruht.30 Darauf basiert ein sehr wichtiger Bestandteil aller Arten von Beziehung, ohne den keine wahrhaftige und verlässliche Verbindung bestehen kann, das gegenseitige Vertrauen. Die Rahmenbedingungen dessen, in Bezug auf die Eltern-Kind-Beziehung, werden im Folgenden dargestellt.

Bertram und Bertram schreiben über Befunde John Rawls, nach dessen Auffassung die Gewissheit, auch nach dem Begehen eines Fehlers, weiterhin von den Eltern geliebt zu werden, für Kinder besonders wichtig ist. Dadurch entsteht ein Vertrauen,31 welches, laut Pius Thoma, die Grundvoraussetzung für die Erziehbarkeit von Kindern ist.32 Hobmair ist der Meinung, dass ein solches nur bei einer sicheren elterlichen Bindung aufgebaut werden kann. Auf der Basis dieses Vertrauens kann schließlich auch ein Vertrauen zu fremden Personen entstehen. Wenn ein Kind dagegen die Erfahrung macht, von seiner Bezugsperson nicht unterstützt zu werden, besteht kein Grund für ein derartiges Vertrauen.33

Willigis Eckermann betrachtet diesen Sachverhalt von der anderen Seite und schreibt: „Im Kind ist ein Überschuß [sic!] an Vertrauen, das noch nicht oder nur wenig von Enttäuschungen und bitteren Erfahrungen getrübt ist.“34 Daher ist es förderlich, dieses zu bestätigen, anstatt es durch aufkommende Verletzungen mehr und mehr verkümmern zu lassen. Letztendlich beschreiben beide auf verschiedene Weise, dass das Vertrauen nicht selbstverständlich besteht und die sensible Wahrnehmung der Bedürfnisse eines Kindes verlangt. Voraussetzung für die Entstehung eines solchen Vertrauens ist außerdem das Verbringen genügend gemeinsamer Zeit mit den eigenen Kindern und die sinnvolle Nutzung dieser Zeit. Darauf macht Rita Süßmuth aufmerksam.35 Eine geeignete Begründung bringen Schneekloth und Pupeter. Es kann, wie sie beschreiben, nicht davon ausgegangen werden, dass durch mehr Zeit zwangsläufig eine bessere Versorgung versichert ist, weil zusätzlich die Qualität der Zeitnutzung von Belang ist. Dieser Tatbestand bestätigt sich in ihren Feststellungen, dass Kinder erwerbsloser Eltern oft mehr Zuneigung bedürfen als sie derzeitig erhalten.36 Genügend Zeit ist dort vorhanden, nur wird sie nicht effektiv genutzt. Des Weiteren setzt die Entstehung eines Vertrauens voraus, ihnen kontinuierlich „[…] jene Sicherheit und jene Bezugsintensität [zu] ermöglichen, die sie brauchen.“37 Denn nicht nur die ersten Jahre ihres Lebens bedürfen Kinder besonderer Zuwendung, sondern auch in verschiedenen anderen Phasen der Entwicklung sowie unter zusätzlichen Belastungen. Dieser Sachverhalt wird im 3. Kapitel erläutert. Ähnlich argumentiert Garbarino, dass ihre Ansprüche in jeder Entwicklungsphase variieren.38

Nach Carl R. Rogers kann es besonders negative Auswirkungen auf die Entwicklung haben, wenn ein Kind nur unter der Bedingung, sich normgerecht zu verhalten, Zuneigung erhält. In diesem Fall handelt es sich gewisser Maßen um eine Form von Strafe, welche unter solchen Umständen keinen Entwicklungszuwachs bedeuten würde. Vielmehr kann von der Unterdrückung der Bedürfnisse gesprochen werden. In Kapitel 1.9.2 wird erweiternd veranschaulicht, warum Strafe auf diese Weise keinen Entwicklungsfortschritt erreicht, dies aber bei richtiger Anwendung sehr wohl der Fall sein kann. Idealer Weise werden Kindern ihre je eigenen Empfindungen zugestanden. Dann besteht nicht das Bedürfnis des Erziehungsberechtigten, sei es bewusst oder unbewusst, den jungen Menschen nach den eigenen Vorstellungen entsprechend zu suggerieren, sondern ihm wird die Aussicht auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit eröffnet. Es entsteht ein Zutrauen in seine Fähigkeiten, seine Einzigartigkeit wird anerkannt und dennoch gelten Regeln, die es zu beachten gilt. Die Eltern-Kind-Beziehung ist durch ein liebevolles Verhältnis gekennzeichnet, auch, wenn das Verhalten des Kindes hin und wieder von dem erwarteten abweicht.39 „Das heißt, die Familie tendiert dazu, eine Anzahl selbständiger und einzigartiger Menschen mit je individuellen Zielen und Werten zu werden.“40 Dabei handelt es sich um bedeutungsvolle Ziele der Erziehung, die in Kapitel 1.9 aufgeführt werden. Jeder soll seine persönliche Identität frei entfalten und sich zu einer eigenständigen Person entwickeln können. Somit bilden Eltern, die mit sich selbst im Gleichgewicht sind und gut für sich sorgen können, diesen Prozess dementsprechend erfolgreich abgeschlossen haben, beste Voraussetzungen für eine fundierte Erziehung und solide Familienverhältnisse. Auf die Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder untereinander wird detailliert in Kapitel 1.4.3 eingegangen.

Dem Einfluss der Persönlichkeiten der Erzieher auf die Erziehung ihrer Kinder stimmt auch Hobmair zu. Seinen Ausführungen zu Folge kommen dabei die Charaktereigenschaften der Erziehungsberechtigten zur Geltung, weil jeder Mensch selbst Erlebtes und Erfahrenes in die Erziehung seiner Kinder einbringt.41 „Den wohl stärksten Einfluss auf die Setzung von Erziehungszielen haben die Persönlichkeitsmerkmale des Erziehers […].“42 Von verschiedenen Erziehungsstrategien wird im späteren Verlauf noch zu sprechen sein.

Zweckmäßig ist das rechte Maß an Zuwendung, wie Jay Belsky betont. Weder zu viel Versorgung, im Sinne einer Überbehütung, noch zu wenig Betreuung, was eine Vernachlässigung bedeuten würde, sind hilfreich für eine gute Entwicklung.43 Dann liegt das Vertrauen zugrunde, das wie Gerald Hüther es ausdrückt, für eine optimale Entwicklung unerlässlich ist. „Vertrauen ist das Fundament, auf dem alle unsere Entwicklungs-, Bildungsund Sozialisierungsprozesse aufgebaut werden […].“44

1.4 Veränderungen der Kindheit von früher zu heute

Birgit und Hans Bertram verweisen darauf, dass sich sowohl das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern, als auch die Kindheit allgemein in den letzten Jahren gewandelt haben. In den Augen von Christian Alt hat eine Aufwertung der Kindheit stattgefunden. Die enger gewordenen Eltern-Kind-Beziehungen und das Mehr an Fürsorge verleihen der Kindheit und den Kindern an sich einen Bedeutungszuwachs. Sie „[…] gewinnen im Laufe des langen Lebens auch als Partner der Eltern an Bedeutung.“45 Davon abgesehen, dass sie länger im Elternhaus leben, als bislang, werden Kinder in vielen Familien als den Erwachsenen gleichwertig angesehen. Das beinhaltet, wie Christian Alt genauer auslegt, die Anteilhabe an Entscheidungen innerhalb der Familie sowie ein hohes Maß an Freiheit, da es nicht zwingend feste Regeln gibt und das meiste verhandelbar ist.46 Auch Liselotte Wilk ist der Auffassung, es werde in höherem Maße partnerschaftlich über Regelungen verhandelt, welche früher schlichtweg akzeptiert wurden. Es kann, ihrer Meinung nach, von einem guten Verhältnis zwischen Eltern und Kindern gesprochen werden. Das Mitgefühl und die Unterstützung der Eltern, sowie ihr emotionaler Beistand, sind wichtiger geworden, was jedoch auf der anderen Seite häufig eine Abnahme der Bedeutung des autoritären Aspektes nach sich zieht.47 Peuckert fasst die Veränderungen der Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern wie folgt zusammen. Die Autonomie wird als Ziel der Erziehung bedeutsamer, was eine Vernachlässigung solcher Ziele verantwortet, die zu einer gewissen Anpassungsfähigkeit erziehen. Dazu gehören der respektvolle Umgang mit Eltern und anderen Mitmenschen, soziales anstelle eines egoistischen Verhaltens, die Werte der Gesellschaft, die noch genauer erläutert werden, zu berücksichtigen. Alles in allem befinden sich Ordnung stiftende Werte, Leistungserbringung und Pflichterfüllung auf dem Rückzug. Holger Morawietz sieht den Grund hierfür woanders. „Weil gültige Erziehungsziele und ein Konsens über angemessene Erziehungsmethoden fehlen, sind viele Eltern mit der Erziehung überfordert und zunehmende Autoritäts- und Respektverluste der Erwachsenen zu verzeichnen.“48 Die Ausführungen Peuckerts und Morawietz’ können sich ergänzen, da das eine das andere nicht ausschließt. Im Grunde genommen bedingt das, auf den Wandel der Kindheit zurückzuführende, Argument Peuckerts, den Wegfall der einst mehr oder weniger einheitlichen Erziehungsstile.

Bezüglich des Mitspracherechtes vertritt Peuckert den Standpunkt, dass Kinder Anteil an Entscheidungen haben und gleichzeitig von, damit in Verbindung stehenden, Verpflichtungen noch freigestellt sind.49 Das kann eine fehlerhafte Vorstellung von Eigenverantwortlichkeit herbeiführen und im ungünstigsten Fall die Verwöhnung von Kindern zur Konsequenz haben. Yvonne Schütze verweist mit der nachfolgenden Äußerung auf folgende Probleme der Umsetzung: „Der Status des Kindes als gleichwertiges […] Gesellschafts- und Familienmitglied wirft freilich die Frage auf, wie denn im Vollzug der konkreten Lebenspraxis Schutz und Fürsorge mit Selbstbestimmung in Einklang gebracht werden können.“50 Diese nachweislichen Veränderungen der Eltern-Kind-Beziehung finden sich in den angewandten Erziehungsstilen wieder, die an späterer Stelle vertieft werden. Damit zusammenhängend wird dann zusätzlich zu Schützes ausweglos erscheinender Problemlage Bezug genommen.

Zunächst soll jedoch der Kontext dargestellt werden, unter dem Kindheit noch vor rund 50 Jahren routiniert stattfand, um die bestehenden Unterschiede zwischen damaligen und heutigen Verhältnissen zu veranschaulichen. So ging es zu früheren Zeiten darum, wie Angelika Engelbert et al. beschreiben, alle Aufgaben in Familie und dem, oft in familiärem Besitz waltenden, Betrieb gewissenhaft zu erledigen. Dabei war es schlichtweg unmöglich das Kind und seine Erziehung in den Fokus zu rücken.51 Erstrebenswert war eine möglichst frühe Beendigung der Kindheit durch das zeitnahe Erwachsenwerden. Rüdiger Peuckert unterstützt diese These, indem er verdeutlicht, dass die Kinder zu dieser Zeit als wichtige Mitarbeiter an der Versorgung der gesamten Familie beteiligt waren. Dementsprechend erhielten sie wenig liebevolle Zuwendung. „Die Einheit von Produktion und Haushalt bedeutete, dass affektiv- neutrale (gefühlsarme) Beziehungen gegenüber Emotionen ein deutliches Übergewicht besaßen.“52 Für Gefühle blieb wenig Zeit, sowohl was die Beziehung zu den Kindern anbelangte, als auch das Verhältnis zwischen den Eltern, denn die Familie war auf das Funktionieren des Familienbetriebes angewiesen. Die Erziehung stellte weder die einzige, noch die wichtigste Aufgabe der Familie dar.

Die Entwicklungen und Fortschritte der letzten Jahrzehnte brachten viele Vorteile, welche es erlaubten die Aufmerksamkeit stärker auf die Fürsorge der Kinder zu richten. Durch die Verlagerung des Arbeitsplatzes in Bereiche außerhalb der Familie war es den Frauen möglich, sich der Erziehung der Kinder und dem Haushalt zu widmen, wohingegen die Männer die Rollen des Ernährers und des autoritären Erziehers übernahmen. Die Kindheit wurde zum ersten Mal als ein eigener Abschnitt der Entwicklung angesehen und emotionale Beziehungen erhielten Bedeutungszuwachs. Der Nachteil dieser besonderen Wertschätzung der Kindheit, der bis in die Moderne reicht, ist, dass die Anforderungen an Erziehungsmaßnahmen steigen, da ein angemessener Umgang für die Ermöglichung einer guten Kindheit entscheidend ist.53 Im Gegensatz zu den damaligen Verhältnissen wird heute, laut Birgit und Hans Bertram, vermutet, dass es entwicklungsförderlicher ist, Kindern eine eingehende Kindheit zu ermöglichen. Individuell soll ihnen die Zeit gegeben werden, die sie benötigen, um ihre Umwelt selbst zu erschließen54 und ihren Anforderungen gewachsen zu sein. Engelbert et al. sind ebenfalls der Ansicht, dass die Forderung besteht, Kindern für die Entfaltung ihres vorhandenen Potenzials alle Möglichkeiten zu eröffnen.55 Das Ziel ist vor allem, Kinder zu selbständigen Persönlichkeiten zu erziehen. Die Individualisierung eines jeden Menschen steht heute vermehrt im Mittelpunkt der Erziehung. Ralph Sauer führt die Aussage weiter. Nicht das Ziel, zur Eigenverantwortlichkeit zu erziehen, sollte seiner Meinung nach im Vordergrund stehen, sondern beste Voraussetzungen für eine freudenreiche Gegenwart zu schaffen, die dieses Ziel ohnehin nach sich ziehen wird. „So ist die Kindheit nicht nur Durchgangsstadium zum Erwachsenenalter.“56 Sie ist weitaus mehr als das. Als Grundlage einer stabilen Persönlichkeit prägt eine glückliche Kindheit, wie eingangs erläutert wurde, die weitere Entwicklung eines Menschen.

Dass Kinder im familiären Umgang tatsächlich vermehrt mit ihren Bedürfnissen ernst genommen werden, zeigt die 3. World Vision Kinderstudie. In der Unterschicht ist dies allerdings weniger der Fall, Mitbestimmungsrechte fallen dort kleiner aus.57 Monika Pupeter und Ulrich Schneekloth sehen die Mitbestimmung als wichtigen Bestandteil der Erziehung an. Ihrer Meinung nach hängt sie mit der Zuwendung und somit dem Vertrauen, dem Maß an Zeit, das die Eltern mit ihren Kindern verbringen und der Art der Erziehung, zusammen. Um Missverständnissen vorzubeugen ergänzen Daniel Schroeder et al.: „Kinder zu beteiligen und in Entscheidungen, die sie überblicken können, einzubeziehen heißt nicht, ihnen immer recht zu geben oder Konflikte zu vermeiden.“58 An Entscheidungsfragen, bei denen ihnen Mitbestimmung zugestanden werden kann, können sie teilhaben und dennoch sind die Eltern die letzte Instanz.59 Weitere Informationen zu diesem Erziehungsstil werden in Kapitel 1.9 ‚Erziehungsmöglichkeiten’ dargelegt.

1.4.1 Erwerbstätigkeit beider Elternteile

Immer mehr Paare, so Peuckert, streben eine Vollzeiterwerbstätigkeit beider Partner an.60 Die aktuellen Zahlen der vollerwerbstätigen Eltern 6-11 jähriger Kinder, liegen bei 13% und verzeichnen damit einen geringen Mehrwert, im Vergleich zur letzten Studie vor drei Jahren, als der Wert noch bei 10% lag.61 Trotz der, weithin als Fortentwicklung anerkannten, Tatsache der gleichberechtigten Beteiligung der Frauen an der Berufswelt, steht damit die Frage in Zusammenhang, inwiefern davon Konsequenzen für die Bedürfnisbefriedigung ihrer Kinder ausgehen. Denn oftmals steht damit in Verbindung, dass Kinder, auch solche, die das dritte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, zeitweise bis ganztägig von fremden Betreuern versorgt werden.62 Hobmair spricht, in Bezug auf Hierdeis, von der Gefahr, das Familienleben und das Aufwachsen der Kinder zu beeinträchtigen. Als Begründung führt dieser die vermeintliche Erschöpfung und Ungeduld durch die Doppelbelastung an. Da der Beruf oft jegliches Potenzial ausschöpft wird jede weitere Arbeit als Last empfunden.63 Christian Alt geht sogar von einer dreifachen Belastung aus, dem Nebeneinander von familiärem Leben, Persönlichem und Beruflichem.64 Insgesamt bestehen bei Familien mit doppelter Erwerbstätigkeit eine Zeit- und Belastbarkeitsproblematik sowie die Frage nach der Arrangierung der Arbeitsteilung.65 Die entstehende Komplikation, Erziehung und Beruf zu vereinbaren, ohne eines zu vernachlässigen, erkennen auch Angelika Engelbert et al.66

Diese Angelegenheit betrifft vor allem die erwerbstätigen Mütter, da die Anzahl qualifizierter Frauen steigt. Gründe dafür sind zum einen die zunehmende Individualisierung und zum anderen, laut Rüdiger Peuckert, die Wirtschaft, die von jeder vollerwerbstätigen Arbeitskraft profitiert. Sie handelt zumeist im eigenen Interesse und kann damit grundsätzlich als nicht sonderlich familienfreundlich bezeichnet werden. Weil eine Diskussion dieses Themenkomplexes zu weit führen würde, wird er innerhalb dieser Arbeit nicht näher erläutert.

[...]


1 Vgl. Bertram, H., Bertram, B. (2009): Familie, Sozialisation und die Zukunft der Kinder. Budrich, Opladen & Farmington Hills, S. 171, 173.

2 „Resilienz meint eine psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken.“ Wustmann, C. (2008): Resilienz. Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern. Cornelsen. Berlin et al., S. 18.

3 Hobmair, H. (Hrsg.) (2008): Pädagogik. Bildungsverlag EINS, Troisdorf, S. 81.

4 Ebd., S. 46.

5 Ebd., S. 67.

6 Vgl. ebd., S. 33, 36, 37, 65, 66.

7 Vgl. Hobmair, 2008, S. 118-121.

8 Vgl. Engfer, A., Minsel, B., Walper, S. (Hrsg.) (1991): Zeit für Kinder. Kinder in Familie und Gesellschaft. Beltz, Weinheim und Basel, S. 179.

9 Lippitz, W., Papp, E. (Hrsg.) (1995): MenschensKinder im „Internationalen Jahr der Familie 1994“. Runge, Cloppenburg , S. 129.

10 Hobmair, 2008, S. 101.

11 Ebd., S. 103.

12 Andresen, S., Hurrelmann, K. (2013): Kinder in Deutschland 2013. 3. World Vision Kinderstudie. Beltz, Weinheim und Basel, S. 54.

13 Vgl. Heiliger, A. (1972): Angst. Ursachen und Folgen kindlicher Ängste. Ernst Klett Verlag, Stuttgart, S. 10.

14 Vgl. Andresen, 2013, S. 54.

15 Vgl. Hetzer, H., Arbinger, R. (Hrsg.) (1995): Angewandte Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters. Quelle & Meyer, Heidelberg, Wiesbaden, S. 320, 350, 363.

16 Vgl. Bertram, 2009, S. 144, 170.

17 Vgl. Engfer, 1991, S. 136.

18 Vgl. Hetzer, 1995, S. 350.

19 Vgl. Herlth, A., Engelbert, A., Mansel, J., Palentien, C. (Hrsg.) (2000): Spannungsfeld Familienkindheit. Neue Anforderungen, Risiken und Chancen. Leske + Budrich, Opladen, S. 82.

20 Vgl. Hetzer, 1995, S. 349f.

21 Vgl. Engfer, 1991, S. 137.

22 Hobmair, 2008, S. 56.

23 Vgl. ebd., S. 61.

24 Vgl. Bertram, 2009, S. 171.

25 Vgl. Hobmair, 2008, S. 59, 61.

26 Vgl. Dornes, M. (2007): Die emotionale Welt des Kindes. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 44.

27 Engfer, 1991, S. 14.

28 Vgl. Hobmair, 2008, S. 226, 231.

29 Vgl. Hetzer, 1995, S. 308.

30 Vgl. Tausch, R., Tausch, A. (1998): Erziehungs-Psychologie. Begegnung von Person zu Person. Hogrefe, Göttingen et al, S. 120, 178, 179, 215.

31 Vgl. Bertram, 2009, S. 153.

32 Vgl. Helbig, P. (Hrsg.) (2007): Problemkinder als Herausforderung. Neue Perspektiven für die Grundschule. Klinkhardt, Bad Heilbrunn, S. 28.

33 Vgl. Hobmair, 2008, S. 48.

34 Lippitz, 1995, S. 148.

35 Vgl. Engfer, 1991, S. 25.

36 Vgl. Andresen, 2013, S. 108, 110.

37 Engfer, 1991, S. 25.

38 Vgl. ebd., S. 29, 76.

39 Vgl. Rogers, C. (2000): Entwicklung der Persönlichkeit. Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten. Klett-Cotta, Stuttgart, S. 317.

40 Ebd., S. 320.

41 Vgl. Hobmair, 2008, S. 198.

42 Ebd., S. 198.

43 Vgl. Engfer, 1991, S. 143.

44 Opp, G., Fingerle, M. (Hrsg.) (2007): Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. Ernst Reinhardt, München, S. 53.

45 Bertram, 2009, S. 50.

46 Vgl. Alt, C. (2001): Kindheit in Ost und West. Wandel der familialen Lebensformen aus Kindersicht. Leske + Budrich, Opladen, S. 22, 40.

47 Vgl. Herlth, 2000, S. 30.

48 Lippitz, 1995, S. 164.

49 Vgl. Peuckert, R. (2005): Familienformen im sozialen Wandel. VS Verlag, Wiesbaden, S. 165, 167.

50 Herlth, 2000, S. 102.

51 Vgl. ebd., S. 8.

52 Peuckert, 2005, S. 21.

53 Vgl. Peuckert, 2005, S. 22, 25, 169.

54 Vgl. Bertram, 2009, S. 104.

55 Vgl. Herlth, 2000, S. 7.

56 Lippitz, 1995, S. 110.

57 Vgl. Andresen, 2013, S. 24, 187.

58 Ebd., S. 297.

59 Vgl. Andresen, 2013, S. 203, 297.

60 Vgl. Peuckert, 2005, S. 430.

61 Vgl. Andresen, 2013, S. 83.

62 Vgl. Honneth, A. (Hrsg.) (2002): Befreiung aus der Mündigkeit. Paradoxien des gegenwärtigen Kapitalismus. Campus-Verlag, Frankfurt et al., S. 160f.

63 Vgl. Hobmair, 2008, S. 298.

64 Vgl. Alt, 2001, S. 117.

65 Vgl. Hobmair, 2008, S. 298.

66 Vgl. Herlth, 2000, S. 11.

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklungsbedingungen von Kindern. Pluralität und Heterogenität im Wandel der Zeit
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
68
Katalognummer
V352947
ISBN (eBook)
9783668392632
ISBN (Buch)
9783668392649
Dateigröße
713 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklungsbedingungen, kindern, pluralität, heterogenität, wandel, zeit
Arbeit zitieren
Caroline Krahe (Autor), 2014, Die Entwicklungsbedingungen von Kindern. Pluralität und Heterogenität im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352947

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