Gegenstand dieser Arbeit ist eine vergleichende Darstellung des Prozesses politischer Sozialisation von Kindern in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Unter politischer Sozialisation sei in diesem Zusammenhang der „Erwerb von Orientierungsmustern gegenüber politischen Gegenständen in einer Gesellschaft durch das Individuum“ (Andersen/Woyke 2000: 498) verstanden. Der politische Sozialisationsprozess verläuft nach Claußen (1982: 54) stets „kultur-, system-, zeit- und schichtspezifisch“. In der vorliegenden Arbeit soll insbesondere auf die systemspezifischen Aspekte der politischen Sozialisation von Kindern eingegangen werden, um abschließend anhand der Gegenüberstellung von BRD und DDR zu diskutieren, inwiefern Kindern dem politischen System entsprechende Kenntnisse, Fähigkeiten, Einstellungen und Werte vermittelt werden.
Die zeitliche Dimension der Darstellung bezieht sich auf den Zeitraum vom Beginn der 60er Jahre bis zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung.
Als Kinder werden in der vorliegenden Arbeit Mädchen und Jungen im Alter von drei bis elf Jahren betrachtet, das heißt, der Lebensabschnitt, in dem sowohl der Einfluss der Familie als auch der Schule als Sozialisationsinstanz prägend ist.
Das erste Kapitel soll zunächst einen Einblick geben in den Forschungsstand zum Begriff der politischen Sozialisation. Anschließend werden der politische Sozialisationsprozess sowie die politischen Sozialisationsinstanzen aus soziologischer Perspektive näher beschrieben.
Kapitel 3 zeigt die Sozialisationsinstanzen Familie und Schule in der BRD auf, bevor im vierten Kapitel ebendies am Beispiel der DDR beschrieben wird. Abschließend sollen beide Ausführungen unter dem Aspekt diskutiert werden, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich daraus ergeben hinsichtlich der Ausbildung politischer Orientierungen bei Kindern und inwieweit die einzelnen Instanzen eine funktional bedeutende Rolle spielen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Politische Sozialisation
1.1 Forschungsansätze
1.2 Sozialisationsprozesse und –instanzen
2. Politische Sozialisation in der BRD
2.1 Primäre Instanz: Familie
2.2 Sekundäre Instanz: Schule
3. Politische Sozialisation in der DDR
3.1 Primäre Instanz: Familie
3.2 Sekundäre Instanz: Schule
4. Diskussion und Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Prozesse der politischen Sozialisation von Kindern im Alter von drei bis elf Jahren in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik vergleichend gegenüberzustellen, um die Rolle von Familie und Schule bei der Ausbildung politischer Orientierungen zu analysieren.
- Vergleichende Analyse politischer Sozialisationsprozesse in unterschiedlichen Systemen
- Untersuchung der Bedeutung von Familie als primärer Sozialisationsinstanz
- Analyse der Rolle der Schule als sekundärer, staatlich geprägter Sozialisationsinstanz
- Diskussion des Einflusses politischer Rahmenbedingungen auf die kindliche Persönlichkeitsentwicklung
- Betrachtung von Kontinuitäten und Brüchen in der politischen Erziehung zwischen BRD und DDR
Auszug aus dem Buch
1.2 Sozialisationsprozesse und -instanzen
Politische Sozialisation als „lebenslanger Sozialisationsprozess, in dessen Verlauf eine Person politische Orientierungen und Verhaltensmuster erwirbt“ kann nicht als isolierter Prozess betrachtet werden, sondern ist immer von verschiedenen „Agenten“ beeinflusst, die sich gegenseitig „ergänzen, verstärken und in Konkurrenz treten“ können (Wasmund 1982: 26). Die politische Persönlichkeit ergibt sich aus dem Zusammenwirken verschiedener Sozialisationsagenten und Umweltbedingungen (vgl. Wasmund 1982: 26).
Nach P.A. Beck müssen drei Bedingungen erfüllt sein, damit ein politischer Einflussprozess vollzogen wird: Eine Person muss einem Sozialisationsagenten ausgesetzt sein, es muss Kommunikation über politische Inhalte stattfinden und eine Wahrnehmung bzw. Aufnahmefähigkeit für diese Inhalte gegeben sein (vgl. Wasmund 1982: 27).
In der soziologischen Theorie wird unterschieden zwischen primären, sekundären und tertiären Sozialisationsinstanzen. Zur primären Sozialisationsinstanz zählen sowohl die Familie als auch die informelle Freundschaftsgruppe, die sogenannte „peer-group“. Sekundäre Instanzen bilden die Vorschule, Schule und Institutionen der Jugendarbeit und als tertiäre Instanzen gelten politische und gesellschaftliche Institutionen wie Parteien, Verbände und Kirchen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung definiert den Gegenstand der Untersuchung sowie den zeitlichen und inhaltlichen Rahmen des Vergleichs zwischen BRD und DDR.
1. Politische Sozialisation: Dieses Kapitel erörtert den theoretischen Forschungsstand und grundlegende Konzepte der politischen Sozialisationsforschung.
1.1 Forschungsansätze: Hier werden die interdisziplinären Ansätze der Sozialisationsforschung sowie die analytischen Teilaspekte Instanzen, Prozesse und Inhalte vorgestellt.
1.2 Sozialisationsprozesse und –instanzen: Dieser Abschnitt beschreibt das Zusammenwirken verschiedener Sozialisationsagenten und erläutert die Typologie von primären, sekundären und tertiären Instanzen.
2. Politische Sozialisation in der BRD: Das Kapitel behandelt die politische Erziehung in der parlamentarischen Demokratie unter Berücksichtigung ihrer demokratischen Grundordnung.
2.1 Primäre Instanz: Familie: Analyse der politischen Kommunikation und des Erziehungsstils in Familien der BRD als Grundlage für politische Mündigkeit.
2.2 Sekundäre Instanz: Schule: Untersuchung der Schule als Sozialisationsinstanz in der BRD und deren Abhängigkeit von Organisationsstrukturen und dem sozialen Klima.
3. Politische Sozialisation in der DDR: Darstellung der politischen Erziehung unter dem Aspekt des marxistisch-leninistischen Ideologieanspruchs und der Kollektiverziehung.
3.1 Primäre Instanz: Familie: Untersuchung des Versuchs der DDR-Führung, die Familie als Sozialisationsinstanz zu schwächen, und die Rolle der Familie als Nischenraum.
3.2 Sekundäre Instanz: Schule: Analyse des strukturierten, ideologisch geprägten Bildungsauftrags in DDR-Schulen und staatlichen Kinderbetreuungseinrichtungen.
4. Diskussion und Fazit: Synthese der Ergebnisse, wobei die Unterschiede in der pädagogischen Interpretation von Institutionen in beiden Systemen hervorgehoben werden.
Schlüsselwörter
Politische Sozialisation, BRD, DDR, Sozialisationsinstanzen, Familie, Schule, Politische Bildung, Sozialistisches System, Parlamentarische Demokratie, Sozialisationsprozess, Politische Orientierung, Kollektiverziehung, Systemvergleich, Kindliche Entwicklung, Primacy-Modell.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht vergleichend, wie Kinder in der BRD und der DDR politisch sozialisiert wurden und welche Rolle dabei Familie und Schule spielten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen den Vergleich von Sozialisationsinstanzen (primär/sekundär), den Einfluss politischer Systeme auf die Erziehung und die Ausbildung politischer Orientierungen bei Kindern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der politischen Sozialisation zwischen dem demokratischen System der BRD und dem sozialistischen System der DDR.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und Gegenüberstellung von fachwissenschaftlicher Literatur und empirischen Studien zur Sozialisationsforschung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Familie und Schule als prägende Instanzen, unterteilt nach den politischen Systemen BRD und DDR.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind politische Sozialisation, Sozialisationsinstanzen, Systemvergleich, Familie, Schule und politische Identitätsbildung.
Wie unterschieden sich die Rollen der Schule in BRD und DDR?
In der BRD wird Schule als pluralistisch geprägte Institution verstanden, während sie in der DDR primär als staatlich gelenktes Instrument zur Herausbildung einer sozialistischen Persönlichkeit fungierte.
Welche Rolle spielte die Familie in der DDR-Sozialisation?
Trotz staatlicher Versuche, die Familie als Instanz zu schwächen, fungierte sie in der DDR oft als wichtiger Rückzugsraum („Nischenfunktion“) für abweichende politische Meinungen.
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- Tamara Oberhauser (Author), 2002, Politische Sozialisation in der BRD und DDR - ein Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35294