Die Bindung zwischen Vater und Kind. Ein Forschungsüberblick


Bachelorarbeit, 2016
52 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung des theoretischen Hintergrundes
2.1. Begriffe der Bindungstheorie
2.2. Phasen der Forschung zur Vater-Kind-Bindung

3. Methodik und Auswahl der Studien

4. Tabellarische Übersicht der ausgewählten Studien

5. Darstellung der Ergebnisse
5.1. Bindungsklassifikation von Mutter und Vater im Vergleic
5.2. Einflussfaktoren auf die Entstehung einer Vater-Kind-Bindung
5.3. Auswirkungen der Vater-Kind-Bindung auf die Entwicklung des Kindes
5.4. Zusammenfassung der Ergebnisse

6. Diskussion der Ergebnisse

7. Anhang

Zusammenfassung

In dieser Literatureview wurden 22 empirische Studien an nicht klinischen Normal-Stichproben auf Entstehungsfaktoren einer sicheren Vater-Kind-Bindung und deren Auswirkung auf die Entwicklung des Kindes unter dem Aspekt der Bindungstheorie untersucht.

Die Rolle des Vaters als Bindungsfigur hat in der Forschung an Bedeutung gewonnen. Die über verschiedene Forschungsphasen untersuchten Befunde sind heterogen und zum Teil widersprüchlich. Es bedarf weiterer Untersuchungen.

Überwiegend stimmen die Bindungsmuster des Kindes mit Mutter und Vater überein. Die Entstehung einer Vater-Kind-Bindung ist von anderen, komplexeren Faktoren beeinflusst und wirkt sich teilweise anders aus, als die Mutter-Kind-Bindung. Der Vater bedient in höherem Maße das Explorationssystem, die Mutter das Fürsorgesystem des Kindes.

In der vorliegenden Untersuchung konnte ein Einfluss von Faktoren des Vaters (Sensitivität, Spielfeinfühligkeit, Engagement, Bindungs-repräsentationen, Persönlichkeitsfaktoren und die Qualität seines Elternverhaltens), des Kindes (Temperament, Geschlecht) und des Familienkontextes auf die Qualität der Vater-Kind-Bindungsbeziehung dokumentiert werden. Ebenso hatte die Qualität der Vater-Kind-Bindung einen Einfluss auf die Anzahl der erwiderten Freundschaften, auf die Interaktionen mit Peers und auf das akademische Selbst-Konzept von Kindern im frühen Schulalter.

Abstract

This literature review investigates 22 of empirical studies on the developmental factors of a secure father-child relationship and its impact on the child's development in light of the attachment theory using non-clinical normal random samples. The role of the father as attachment figure has become increasingly significant in research. The data was gathered over various stages and is heterogeneous, at times contradictive. Further research is needed in this field of study.

The attachment patterns of the child dominantly match those of the mother and the father. However, the development of a father-child attachment is determined by more complex factors and in some cases has different impacts on the child's development than the mother-child attachment.

The father tends to encourage the exploration system, the mother, the care-giving system. This review documented, that the quality of the attachment relation to the father is dependent on firstly; the fathers sensitivity, play sensitivity, involvement, attachment representation, personal traits and the quality of his parental behavior, secondly on the child's temperament and sex as well as on the family context. It is concluded that the father-child attachment significantly impacts on the amount of reciprocated friendships, on the interaction with peers and on the academic self in early school ages.

1. Einleitung

Es ist überliefert, dass Kaiser Friedrich Wilhelm II ein Experiment an Neugeborenen durchgeführt haben soll. Er wollte untersuchen, ob diese nach dem Heranwachsen die hebräische, griechische, lateinische, arabische oder aber die Sprache ihrer Eltern sprächen. Einige Babys wurden demnach von ihren Müttern getrennt und Pflegerinnen und Ammen übergeben, die sie fütterten und wuschen, jedoch weder mit ihnen sprechen, spielen noch sie liebkosen durften (Horst, 1975). Als Resultat dieses Versuches sollen alle Kinder gestorben sein. Ob dieses Experiment tatsächlich so stattgefunden hat, sei dahingestellt. Nach der Bindungstheorie wäre dieses Ergebnis durchaus nicht unwahrscheinlich. Die Kinder konnten kein Gefühl von Sicherheit und Kohärenz mit der Welt entwickeln, denn ihnen fehlte eine beschützende, feinfühlige, unterstützende, verlässlich verfügbare, starke und weise Person, so wie M. Ainsworth eine Bindungsfigur beschrieb (Ainsworth, 1973).

Bowlby, der Begründer der Bindungstheorie, postulierte die Bereitschaft und Notwendigkeit von Bindung, d.h. die besondere Beziehung der Kinder zu ihren Eltern oder anderen Betreuungspersonen, als evolutionsbiologisch gegeben. Bindungsbeziehungen dienen dem Schutz vor Gefahren und der Bedürfnisbefriedigung, ohne die ein Überleben unmöglich wäre (Bowlby, 1969). Bindungsbeziehungen sind für Kinder die prägendsten Beziehungen von früher Kindheit an und bestimmen ihr weiteres soziales Leben.

Mit Abstand die meisten Untersuchungen wurden bisher zur Mutter-Kind-Bindung durchgeführt. Daher wurden elterliche Einflüsse auf die Bindungsentwicklung von Kindern fast ausschließlich anhand von Mutter-Kind-Stichproben durchgeführt (Ahnert, 2008). Schon 1967 konnte Mary Ainsworth nachweisen, dass Väter und Kinder von Anfang an eine emotionale Bindung eingehen, selbst wenn Kinder ihren Vater nicht oft sehen. Die Mutter jedoch bleibt in der Regel die wichtigste Bindungsperson (Ainsworth, 1967). Erst ab einem gewissen Alter ist dem Vater auch die Rolle des Vermittlers von sozialen Fähigkeiten und der moralischen Autorität in der Familie zugedacht.

In den letzten Jahren hat sich das traditionelle Rollenverständnis der Väter hauptsächlich im westlichen Kulturkreis gewandelt. Auch wenn die alltäglichen Aufgaben in den Familien nach wie vor geschlechtstypisch verteilt sind, gewinnt die Idee von einer gleichberechtigten Beziehung an Bedeutung. Dieser Trend wurde von Fthenakis und Minsel (2001) bestätigt. In ihrer Studie für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurde deutlich, dass sich 66% der befragten Väter primär in der Rolle des „Erziehers“ und 34% der Väter eher in der Rolle des „Brotverdieners“ sehen. Allerdings klaffen bei den egalitären Vorstellungen vom Vatersein Ideal und Realität noch deutlich auseinander. Vielleicht liegt dies darin begründet, dass sich Vorbilder und gelebte Alternativen zum eher konservativen Vaterbild noch nicht etabliert haben. Dennoch verzeichnet das Bundesamt für Statistik zwischen 2007 und 2013 einen Anstieg des Anteils von Vätern, die Elternzeit für mindestens 2 Monate in Anspruch nehmen von 7% auf 32 %, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass sich im Zuge der Emanzipation der Frau tatsächlich ein Traditionswechsel vollzieht (Bundesamt für Statistik, 2013). Daher kann man möglicherweise zurecht von einer allmählichen Veränderung in der Familienstruktur, der Einstellungen der Geschlechter zueinander und der Beziehungen der Familienmitglieder bei einer bislang unbekannten Offenheit für die Bedürfnisse von Kindern sprechen, die sich in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts vornehmlich in der westlichen Zivilisation vollzogen hat (Fthenakis, 1988).

Die Rolle der Väter für die Entwicklung des Kindes rückte in den letzten Jahren in den Fokus der wissenschaftlichen Untersuchungen. Die vorliegende Arbeit untersucht empirische Studien zur Vater-Kind-Bindung. Immer wieder wird bemängelt, dass zu wenig auf diesem Gebiet geforscht wird. Zum einen könnte man dies damit erklären, dass es sich bei der Vater-Kind-Bindung noch um ein relativ junges Forschungsgebiet handelt, zum anderen erschwert die Komplexität der Zusammenhänge und die Heterogenität der Befundlage die Darstellung eines relativ einheitlichen Bildes.

Diese Arbeit soll einen Beitrag leisten, jüngere Forschungsergebnisse strukturiert darzulegen. Zunächst werden für diese Arbeit relevante Begriffe der Bindungstheorie erläutert, ohne die ein Verständnis des Themas nicht möglich ist. Des Weiteren werden verschiedene Etappen der Vater-Kind-Bindungsforschung dargestellt, wodurch die Relevanz jüngerer Forschungsergebnisse in diesem Kontext deutlicher wird. Aus vorangegangener Forschung werden die Forschungsfragen dieser Arbeit hergeleitet. Die in einer Tabelle aufgeführten Studien wurden im Hinblick auf zwei Aspekte ausgewählt und untersucht; Faktoren, die eine sichere Vater-Kind-Bindung begünstigen, und Auswirkungen, die diese Bindung auf die Entwicklung des Kindes hat. In die Darstellung der Ergebnisse fließen nicht alle Studien gleichermaßen ein. Die aussagekräftigsten werden nach Gegenstand, Methode, Stichprobe und relevanten Ergebnissen genauer analysiert und nach Faktoren des Vaters, des Kindes, des Familienkontexts und Auswirkungen einer sicheren Vater-Kind-Bindung auf die Entwicklung des Kindes sortiert. In der anschließenden Diskussion wird auf die Bedeutung und Aktualität des Themas hingewiesen.

2. Darstellung des theoretischen Hintergrundes

2.1. Begriffe der Bindungstheorie

Bindung ist ein hypothetisches Konstrukt, das die innere Organisation von Bindungsverhaltenssystemen aufzeigt. Bindung ist ein Ausdruck des Gefühls. Sie ist das emotionale Band zwischen Kind und Bezugsperson. Es knüpft eine Verbindung zu anderen Individuen über Raum und Zeit hinweg und bleibt relativ stabil. (Ainsworth, 1973).

Bindungsbeziehungen haben die Funktion eines Ziel korrigierenden Kontrollsystems, das kindliches Verhalten reguliert und ein Gefühl von Sicherheit herstellt und aufrechterhält. Bindungsbeziehungen sind ein dynamischer Prozess, der sich Umweltveränderungen anpasst (Grossmann & Grossmann, 2004). Sie bestimmen physiologische Funktionen, emotionale und kognitive Interpretation von Erfahrungen, die Sprachentwicklung, das Selbstkonzept und internale Arbeitskonzepte in Bezug auf soziale Kontexte. Später mediieren sie die Akzeptanz und Erkundung der Kultur (Grossmann, Grossmann, Kindler & Zimmermann, 2008).

Bindungsverhalten ist eine Klasse von verschiedenen Verhaltensweisen oder Signalen, mit dem Ziel, Nähe zur Bindungsperson herzustellen oder aufrechtzuerhalten (Kindler, Grossmann, Zimmermann, 2002). Im Rahmen der Bindungsbeziehung wird die Balance des Kindes zwischen Suche nach Nähe und Sicherheit (Fürsorgesystem ) und der Erkundung der Umwelt (Exploration ) gesteuert. Eine sichere Exploration ermöglicht dem Kind, seine Emotionen und sein Verhalten unbefangen und aufgeschlossen zu steuern und zu organisieren, sich auf Ereignisse zu konzentrieren, die Mut herausfordern und nicht durch Angst hemmen. Es basiert auf dem kindlichen Vertrauen in die Bindungsperson und der Sicherheit in Stresssituationen Unterstützung zu erhalten, wenn das Bindungssystem aktiviert ist (Grossmann et al., 2008). Ebenso wie das Bindungsbedürfnis müssen Eltern auch das Explorationsbedürfnis des Kindes anerkennen, damit es in der Lage ist, Beziehungen zu anderen Kindern und Erwachsenen auszubilden (Bowlby, 1987). Nach Bowlby ist das Explorationsverhalten und das sich daraus entwickelnde Spielverhalten des Kindes eine eigenständige Verhaltensklasse, die im Gegensatz zum Bindungsverhalten besteht, da sich die Kinder beim Spielen von der Bindungsperson lösen müssen. Eine sichere Bindung aber ist die Voraussetzung für die Erkundung der Umwelt ohne Angst und Stress. Bowlby beschrieb das Verhältnis von Mutter und Vater in Bezug auf das Fürsorge- und Explorationssystem als unterschiedlich ausgewogen. In allen Kulturen spielt der Vater lieber mit dem Kind, als dass er das Fürsorgesystem bedient. Er ermuntert das Kind zu risikoreicheren Aktivitäten und erweckt ein höheres Level an Aufregung und Spannung beim Spiel, als die Mutter es tut. Aber beide Elternteile bedienen beide Bindungssysteme. Wobei die Mutter mehr als sichere Basis fungiert, zu der das Kind in Stresssituationen, wie Angst, Verunsicherung, Müdigkeit und Hunger zurückkehrt. Eine sichere Basis für das Kind bedeutet eine Art der „Organisation von Exploration und Bindung“ und beinhaltet das „Zusammenspiel von kindlichem Bindungsverhaltenssystem und elterlichem Fürsorgeverhaltenssystem“ (Kindler & Grossmann, 2008, S. 250).

Individuen haben unterschiedliche Bindungsqualitäten, weil die Voraussetzungen für die Entstehung der Bindung individuell verschieden sind (Sroufe & Waters, 1977). Als empirische Grundlage dienen die von Ainsworth, Blehar, Waters & Wall (1978) mit dem Fremde Situationstest definierten Bindungsqualitäten . Der Fremde Situationstest (Strange Situation Procedere, SSP) ist eine 20 minütige Laborbeobachtung, die ein 8 Episoden-Mini-Drama beinhaltet. Es enthält Sequenzen der Begegnung mit einer fremden Person, Separation von der Bindungsperson und Wiedervereinigung. Es umfasst eine gesteigerte Belastung des Kindes durch zwei Trennungen und zwei Wiedervereinigungen und untersucht das Verhalten in der Wiedervereinigung mit der Bindungsperson (Gloger-Tippelt, 2008).

Ainsworth et al. (1978) konnten durch dieses Verfahren drei Bindungstypen klassifizieren; die sichere Bindung Typ B - die Mutter ist die sichere Basis, von der aus das Kind die Welt erkundet, zu der es in Stresssituationen zurückkehrt-, die unsicher vermeidende Bindung Typ A - sie ist geprägt von Nichtbeachten der Mutter, da von ihr keine Sicherheit zu erwarten ist- und unsicher ambivalente Bindung Typ C - das Kind hängt an der Mutter, in ständiger Angst und Unsicherheit, da die Mutter auf die Bedürfnisse der Kinder ambivalent reagiert-. In den 80er Jahren wurde entdeckt, dass manche Kinder keiner der drei Gruppen zuordenbar sind, daher fügten Main und Salomon (1986) den Typ D hinzu. Diese Kinder zeigten desorganisiertes und desorientiertes Bindungsverhalten (siehe Tabelle 1). Allerdings sind die vier verschiedenen Typen in weiteren Forschungen meist zugunsten von zwei Kategorien, - sichere und unsichere Bindungen-, aufgegeben worden.

Tab. 1. Bindungsklassifikation nach Ainsworth et al. (1978), (nach Gloger-Tippelt, 2008)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf Grundlage dieser Bindungsqualitäten bilden sich internale Arbeitsmodelle, d. h. innere geistige Repräsentationen der Umwelt, der Bindungspersonen und der eigenen Person heraus. Dieses Arbeitsmodell ist das Resultat der bindungsrelevanten Erfahrung, das affektive und kognitive Komponenten einschließt und als innere kognitive Landkarte von bindungsrelevanten Erfahrungen das weitere Leben in Bezug auf bindungsrelevantes Verhalten prägen kann. Es existiert auch außerhalb des Bewusstseins und neigt, obwohl nicht gänzlich unveränderbar, zu deutlicher Stabilität (Ahnert, 2008). Ein inneres Arbeitsmodell wirkt im Laufe der Entwicklung auch in Abwesenheit der Bindungsperson und ist auch auf andere bindungsrelevante Kontexte übertragbar (Grossmann et al., 2003).

Bowlby unterscheidet 4 Phasen der Bindungsentwicklung (Bowlby, 1969) :

Phase 1: Im Alter von 0-6 Wochen werden einfache sofort aktivierbare Verhaltenssysteme des Kindes wirksam, d. h. alle Personen sind gleich ansprechbar.

Phase 2: Im Alter von 2 oder 3 Monaten bis 6 oder 7 Monaten richtet sich langsam der Fokus auf eine spezifische Person, d.h. das Kind differenziert die Ansprechbarkeit und richtet sie in den meisten Fällen auf die Mutter.

Phase 3: Ab ca. 6 Monaten - 3 Jahren wird das Bindungsverhalten zielorientiert auf die Nähe einiger weniger Bindungspersonen konzentriert, mit auffallender Verminderung der Freundlichkeit gegenüber anderen.

Phase 4: Erst ab dem 3. Lebensjahr bildet sich zwischen den Bindungspartnern eine zielkorrigierte Partnerschaft heraus.

Ausschlaggebend für das Gelingen einer sicheren Bindung ist die Zugänglichkeit und Verfügbarkeit der Bezugspersonen im Hinblick auf die emotionalen Bedürfnisse des Kindes. Bei physischer Nichtverfügbarkeit, psychischer Unzulänglichkeit, Mangel an Feinfühligkeit beim Eingehen auf kindliche Bedürfnisse, Mangel an Zärtlichkeit und körperlicher Nähe, können sich innere Arbeitsmodelle so verändern, dass frühkindliche Bindungserfahrungen einen negativen Einfluss auf Beziehungen im Erwachsenenalter ausüben. Untersuchungen konnten zeigen, dass psychische Einschränkungen bis zum 22. Lebensjahr statistisch signifikant mit ungünstigen Bindungserfahrungen zusammenhängen (Grossmann et al., 2002b).

2.2. Phasen der Forschung zur Vater-Kind-Bindung

Auch wenn es in der psychologischen Forschung verschiedene Theorien gibt, sind sich die Forscher in einem weitgehend einig: Der Vater spielt eine wesentliche Rolle bei der Ablösung des Kindes vom naturgegebenen Eins-Sein mit der Mutter. Der Vater vermittelt dem Kind ein Gefühl von Differenz. Er ist der andere, der dazu beitragen kann, dass aus der einen (meist Mutter-Kind-) Beziehung ein weit verzweigtes Netz von Beziehungen werden kann. Der Vater spielt eine große Rolle bei der Entwicklung des Kindes im Hinblick auf die Sozialisation und die Entwicklung der geschlechtlichen Identität (Le Camus, 2003).

Bretherton (2010) unterteilt die Vater-Kind-Bindungsforschung in vier Phasen:

In Phase 1 wurde der Vater als Bindungsperson in der Forschung überhaupt nicht erwähnt. Ursache dafür war sicher das tradierte Rollenverständnis von Mutter und Vater. Die Mutter verbrachte die meiste Zeit mit der Versorgung, Fürsorge und Aufzucht der Kinder, während dem Vater mehr die Rolle des Ernährers und der moralischen Instanz zugedacht war. Daher ging man davon aus, dass der Vater als Bindungsperson für das Kind entweder keine oder eine untergeordnete Bedeutung haben könnte.

Erste Studien (Ainsworth, 1967) gingen auf Beobachtungen von Mutter-Kind-Paaren in Uganda zurück. Die Kinder im Alter von etwa 6 Monaten wurden auf ihr Bindungsverhalten, anhand ihrer Reaktion auf die Trennung von der Bindungsperson, nach der Wiedervereinigung und in ihrem Verhalten zur Bindungsperson bei Angst, Müdigkeit, Hunger, Verunsicherung und als Basis für die Exploration gemessen. Als engste Bindungsperson erwies sich die Mutter, allerdings begnügten sich die Kinder bei Abwesenheit auch mit anderen Bindungspersonen, und waren in der Lage weitere Bindungspersonen anzuerkennen, besonders den Vater, selbst wenn sie ihn nicht oft sahen.

Auch Schaffer und Emerson (1964) konnten im Zusammenhang mit einer Fragebogenuntersuchung von schottischen Müttern nachweisen, dass Kinder schon sehr früh die Fähigkeit besitzen, mehrere Bindungen einzugehen. Sie fanden heraus, dass für 80 % der Kinder die Mutter die Hauptbindungsperson war, aber in vielen Familien füllten Mutter und Vater gemeinsam diese Rolle aus. Sie konnten auch nachweisen, dass die meisten Kinder erst während des zweiten Lebensjahres eine Bindung zu Ihrem Vater entwickeln, denn 75% der Kinder fingen ab einem Alter von 18 Monaten an, bei einer Trennung vom Vater zu protestieren. Folgende Kriterien für das Bestehen einer Bindungsbeziehung konnten auch an der Vater-Kind-Beziehung nachgewiesen werden: Das Kleinkind nutzt beispielsweise den Vater als Quelle der Sicherheit, besonders in fremder Umgebung, es protestiert gegen eine Trennung vom Vater, es ist eifersüchtig, wenn er sich mit anderen Kindern beschäftigt (Grossmann et al., 2002a).

Bowlby (1969) konstatierte, dass der Vater eine wichtige Bindungs-person sein kann. Er würde aber eher die Rolle des supplementären Spielgefährten und Herausforderers übernehmen, als die des mütterlichen Betreuers. Das Kind sucht sich eine Hauptbindungsperson aus einer geringen Anzahl von bevorzugten subsidiären Bindungspersonen aus. Aber an welcher Stelle der Bindungshierarchie der Vater in Beziehung zum Kind steht, konnte bis dahin noch nicht geklärt werden.

Diese Frage rückte in Phase 2 in den Fokus der Forschung. Erst mit Lamb bekam die Vaterforschung Auftrieb. In einer Reihe von Laboruntersuchungen mit dem Fremde Situationstest (Ainsworth et al., 1978) suchten die Kinder im Alter von 7 - 13 Monaten in gleichem Maße Kontakt und Nähe zu Mutter und Vater, aber der Vater war Rezipient für mehr affiliatives Verhalten der Kinder, wie Lächeln, Vokalisieren, Spielzeug anbieten. Nur wenn ein Fremder hinzutrat, was gleichbedeutend mit einer Art Verunsicherung war, richteten die Kinder ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Mutter, die sich in Stresssituation als die wichtigste Person erwies (Lamb, 1977a). Dieses Verhalten bestätigte sich auch bei der Beobachtung von Kindern im Alter von 15 - 24 Monaten in häuslicher Umgebung. Daher kam Lamb zu dem Schluss, Mutter-Kind- und Vater-Kind-Beziehung sind unterschiedliche Erfahrungen für das Kind (Lamb, 1977a,b).

Daher wurde in Phase 3 die Frage relevant, inwiefern sich die Bindungsklassifikationen von Mutter und Vater unterscheiden und ob Beziehungsqualitäten intergenerational übertragen werden können. Main und Weston (1981) fanden heraus, dass bei 12 Monate alten Kindern die Bindungstypen in Bezug auf die Mutter und den Vater relativ gleich verteilt und in vielen Fällen konkordant waren, einige Kinder waren sicher mit dem einen und unsicher mit dem anderen Elternteil verbunden, aber es gab keinen systematischen Zusammenhang von Mutter-Kind- und Vater-Kind-Bindungs-mustern. Es konnte nachgewiesen werden, dass Kinder mit zwei sicheren Bindungen die optimalsten Entwicklungsvoraussetzungen haben. Diese Kinder reagierten im Fremde Situationstest dem Fremden gegenüber am aufgeschlossensten (z.B. luden sie ihn zum Ballspielen ein), während Kinder mit einer oder zwei unsicheren Bindungen dem Fremden deutlich weniger zugewandt waren. Auch später hatten mit beiden Eltern sicher gebundene Kinder längere Aufmerksamkeitsspannen, zeigten mehr affektives Verhalten beim Spielen, waren mutiger, und autonomer in der Exploration, weniger frustriert und enthusiastischer bei Problemlösungsaufgaben (Grossmann et al., 2008). Dabei hat die Qualität der Mutter-Kind-Bindung den größten und entscheidendsten Einfluss auf die sozio-emotionale Entwicklung des Kindes.

Bowlby (1969) postulierte, dass sich jeder Mensch innere Arbeitsmodelle der physischen und sozialen Welt schaffe, die ihm erlauben Verhalten vorherzusagen und zu steuern. Diese Repräsentationen beeinflussen die Fähigkeiten, enge Beziehungen zu anderen zu knüpfen und wirken über die alltägliche Interaktion hinaus. Um diese Repräsentationen bei Erwachsenen messen zu können, kreierten George, Kaplan und Main (1985) ein neues Messinstrument, das Adult Attachment Interview (AAI). Kinder von Eltern, die im AAI als sicher autonom klassifiziert wurden, waren auch als sicher im Fremde Situationstest (Ainsworth et al., 1978) klassifiziert worden. Was bestätigt, dass Bindungsbeziehungen über Generation hinweg übertragen werden können.

Langzeitstudien in den USA, Deutschland, Großbritannien und Israel, die Kinder von Geburt bis ins Erwachsenenalter begleiteten, leiteten Phase 4 der Forschung ein. In diesen Studien wurden auch traditionelle Familienstrukturen und geschlechtertypische Stereotypen untersucht. Daraus wurde die Auswirkung des Familienkontexts auf die Bindung abgeleitet und Faktoren untersucht, die eine sichere Bindung beeinflussen. Auch hier stellte sich die Frage, ob sich der Einfluss von Mutter- und Vater-Bindung auf die Entwicklung des Kindes unterscheidet, auch wenn beide Bindungen sicher sind (Bretherton, 2010).

Van IJzendoorn, Sagi und Lambermon (1992) gingen davon aus, dass Bindung unter verschiedenen Aspekten die persönliche Entwicklung des Kindes beeinflussen. Einerseits hat die Hauptbindungsperson den entscheidendsten und größten Einfluss (Monotropiemodel), die untergeordneten Bezugspersonen haben weniger Einfluss (Hierarchiemodel), andererseits sind alle Bindungsbeziehungen gleichbedeutend, aber jede wirkt sich über einen anderen Pfad aus (Unabhängigkeitsmodell), und die Qualität der Summe aller Bindungsbeziehungen (Integrationsmodell) sagt die Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes voraus (Howes & Spieker, 2008).

Die von Bretherton angeführten Forschungsfragen haben sich seither nicht grundsätzlich geändert. Die Forschungsperspektiven bewegten sich in Richtung zweier zentraler Untersuchungsgegenstände; zum einen die Konzeptualisierung und Messung der Vater-Kind-Bindung im frühen Kindesalter und zum anderen die Untersuchung von Prädiktoren sowie der Auswirkungen der Vater-Kind-Beziehung auf die Entwicklung des Kindes unter dem Aspekt der Bindungstheorie, die von individuellen bis zu Familien- und Community-Settings reichen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt darin, einen Beitrag zur Beantwortung der letzten Forschungsfrage zu leisten, die sich in zwei Teilfragen untergliedert.

1) Welche Faktoren beeinflussen die Entstehung einer sicheren Bindung zwischen Vater und Kind?
2) Welche spezifischen Auswirkungen auf das Kind hat eine sichere Bindung zum Vater, über den Einfluss der Mutter-Kind-Bindung hinaus?

3. Methodik und Auswahl der Studien

Dieser Arbeit liegt eine umfangreiche Literaturrecherche zugrunde. Die ausgewählte Literatur wurde auf ihre Relevanz für das Thema der Arbeit geprüft, sowie vergleichend analysiert und sortiert. Dabei hat sich die Autorin auf neuere Befunde konzentriert. Es wurde nur Literatur einbezogen, die in ihren Forschungsergebnissen einen Bezug zum Thema aufwies.

Für einen ersten Überblick wurde in der Bibliothek der Fernuniversität Hagen im Fachbereich Psychologie und der Universitätsbibliothek der Humboldt Universität Berlin nach deutschsprachiger Literatur gesucht und anhand des Inhaltsverzeichnisses auf Relevanz für das Thema „Vater-Kind-Bindung“ untersucht. Für einen allgemeinen Überblick über das Thema Bindungstheorie erwiesen sich viele Beiträge aus Ahnerts „Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung.“ (2008) als hilfreich, besonders die Artikel von Klaus Grossmann, L. Ahnert, G. Gloger-Tippelt und von H. Kindler und Karin Grossmann. Auch Fthenakis (1985) „Väter“. Besonders Band 1. „Zur Psychologie der Vater-Kind-Beziehung“ und Le Camus‘ „Die Bedeutung des Vaters für die psychische Entwicklung des Kindes“ (2003) erleichterten der Autorin den Einstieg ins Thema. Am aufschlussreichsten waren die Reviews zum Thema Vater-Kind-Bindung von Bretherton (2010); Grossmann et al. (2008); Freeman, Newland & Coyl (2010) und Palm (2014). Mit Hilfe dieser Reviews war es möglich, sich einen Überblick über den bisherigen Forschungsstand zum Thema Vater-Kind-Bindung zu verschaffen und daraus eine Struktur für diese Arbeit abzuleiten.

Bei der Suche nach aktuellen Studien zum Thema der Vater-Kind-Bindung im Hinblick auf die Bindungstheorie hat die Autorin zunächst unter den Stichworten „father child /infant attachment“ in den Suchmaschinen, der American Psychological Association (APA) unter http://www.apa.org/, der DIGBIB der Fernuniversität Hagen und der Primus-Suchmaschine der Humboldt-Universität Berlin recherchiert. Es wurden bei APA 329 Einträge gefunden, 77 davon waren Artikel in Journalen der PsycARTICLES, bei der Fachdatenbank Sozialwissenschaft/Psychologie der Bibliothek der FernUniversität in Hagen waren es 4869 Einträge, davon 295 aus der PsycInfo EBSCO und 25 aus der Psyndex EBSCO, in der Bibliothek der Humboldtuniversität waren es 525 Einträge, davon 487 Artikel und 12 Bücher (Stand 23.03.2016).

Am unübersichtlichsten erwies sich die Suchmaschine der FernUniversität in Hagen, da die vorhandenen Artikel nicht nach Stichworten, sondern nach Standorten geordnet sind. Daher zog die Autorin es vor, in den anderen genannten Suchmaschinen nach relevanten Artikeln zu suchen und sie dann in der elektronischen Datenbank der FernUniversität in Hagen auf Verfügbarkeit zu prüfen.

Als weitere Methode der Literaturrecherche bewährte sich das „Schneeballprinzip“. Durch das Sichten der Literaturverzeichnisse von englisch- und deutschsprachigen Zeitschriftenartikeln und Büchern namhafter Autoren wurden weitere Texte zur Vater-Kind-Bindung identifiziert, die dann über die oben genannten Suchportale gesucht wurden.

50 Studien aus dem Zeitraum von 1977 bis 2016 wurden von der Autorin auf themenbezogene Relevanz überprüft. Interessant war die Feststellung, dass die Erforschung der Vater-Kind-Bindung ab 2002 Auftrieb bekam und ab 2014 wieder abebbte. Die Autorin vermutet, dass sich die Perspektive der Erforschung der Vater-Kind-Beziehung unter dem Aspekt der Bindungstheorie zugunsten der Erforschung von komplexeren Zusammenhängen verschoben hat. Allerdings bedarf dies noch einer genaueren Untersuchung. Von 50 Studien wurden 22 für diese Arbeit ausgewählt. Bei der Auswahl der Studien beschränkte sich die Autorin auf „Normal-Stichproben“. Stichproben aus klinischen Gruppen und Risikogruppen fanden keine Aufnahme in diese Arbeit, da sich das Thema auf die Entwicklung und Auswirkung einer durchschnittlichen Vater-Kind-Bindung bezieht. Bei einigen Studien fehlte der direkte Bezug zur Bindungstheorie, obwohl die Ergebnisse zum Teil auch interessant für das Thema der Vater-Kind-Bindung waren. Auch diese Studien kamen nicht in die engere Auswahl.

Aufgrund der Vielzahl von gefundenen relevanten Studien hat sich die Autorin auf Studien ab 1996 beschränkt. Was aber nicht heißt, dass Ergebnisse aus früheren Studien außer Acht gelassen wurden. Relevante Metaanalysen bis 1996 fließen mit ein. Studien zu speziellen Methoden der Messung der Vater-Kind-Bindung gingen in diese Arbeit nicht ein, da die Untersuchung eines weiteren Aspektes den Rahmen dieser Bachelorarbeit übersteigen würde. In den meisten Studien wurde bemängelt, dass es zu wenige Untersuchungen zum Forschungsthema gäbe. Die Befundlage erwies sich als heterogen. Daher hat sich die Autorin bei der Beantwortung der Forschungsfragen auf die Untersuchung folgender Kriterien konzentriert: Faktoren des Kindes, Faktoren des Vaters und wie der Familienkontext die Entstehung einer sicheren Vater-Kind-Bindung beeinflussen. Weiterhin wurde untersucht, wie sich eine sichere Vater-Kind-Bindung auf die Entwicklung des Kindes auswirkt.

4. Tabellarische Übersicht der ausgewählten Studien

Zur übersichtlichen Darstellung der verwendeten Studien zum Thema „Empirische Untersuchungen zur Vater-Kind-Bindung“ wurde eine Tabelle angefertigt, die nach Gegenstand, Stichprobe, Methoden und relevanten Ergebnissen untergliedert ist. Allerdings wird in der Darstellung der Ergebnisse nicht auf jede einzelne Studie im Text näher eingegangen und die Ergebnisse werden in Bezug zum bisherigen Forschungsstand gesetzt. Auf Nennung des Titels und Erscheinungsortes wurde in der Tabelle aus Gründen der Übersichtlichkeit verzichtet. Diese Angaben sind vollständig im Literaturverzeichnis zu finden. Die Tabelle 2 befindet sich im Anhang dieser Arbeit.

5. Darstellung der Ergebnisse

5.1. Bindungsklassifikation von Mutter und Vater im Vergleich

Fox, Kimmerly & Schafer (1991) belegten in ihrer Metanalyse von 11 Studien, dass die Bindungsklassifikationen von Mütter und Väter zu ihren Kindern in 58.4% der Fälle übereinstimmend und in 41.4% der Fälle nicht übereinstimmend waren. Allerdings würde sich der Anteil der Übereinstimmung auf 68,8% gegenüber 31.2% nicht übereinstimmende Klassifikationen erhöhen, würde man die Einteilung ins klassische Drei-Kategorien-Modell von Bindung (sicher, ängstlich-ambivalent und vermeidend) zugunsten eines dichotomen Merkmals sicher vs. unsicher aufgeben (Neumann, 2002). Verschueren und Marcoen (1999) kommen in ihrer Studie zu einem ähnlichen Ergebnis.

Obwohl ein nicht unerheblicher Teil der Kinder zwei verschiedene Bindungsstile gegenüber Mutter und Vater hat, d. h. mit einem Elternteil sicher mit dem anderen unsicher gebunden sind, gingen Fox et al. (1991) davon aus, dass der größte Teil übereinstimmende Bindungsmuster hat. Sie erklären das mit folgenden drei Faktoren:

1) Die Persönlichkeit des Kindes, die im Umgang mit verschiedenen Bindungspersonen gleich bleibt, hat einen Einfluss auf die Bindungsgestaltung.
2) Das innere Arbeitsmodell des Kindes wirkt sich in gleicher Weise auf die Beziehung zur Mutter und zum Vater aus.
3) Die familiäre Atmosphäre, die von beiden Elternteilen gestaltet wird, wirkt sich als Ganzes auf die Bindungssicherheit des Kindes aus.

In der Analyse von Van IJzendoorn (1995) wurde der Zusammenhang von Bindungsrepräsentationen, gemessen mit dem Adult Attachment Interview (George, Kaplan & Main 1985), der Bindungsbeziehung zu Kindern, gemessen mit dem Fremde Situationstest (Ainsworth et al., 1978), und der beobachteten Sensitivität von Mutter und Vater untersucht. Obwohl für den Vater schwächer, waren alle Zusammenhänge hoch signifikant. Von 950 Kindern waren 45% sicher an beide Elternteile, 17% unsicher an beide und 38% sicher an den einen und unsicher an den anderen Elternteil gebunden. Die hohe Prozentzahl von nicht konkordanten Bindungsbeziehungen und die Nichtübereinstimmung der Qualität der Interaktionen mit den Kindern im ersten Lebensjahr und der Bindungsqualität mit 18 Monaten warfen Fragen über den Prozesse der Bindungsbildung und Entwicklung auf. Beide Elternteile übernehmen bei der Betreuung des Kindes verschiedenartige und komplementäre Aufgaben. Die Mutter leistet Fürsorge, wenn das Bindungsverhalten aktiviert ist, der Vater unterstützt die Exploration. Aber die Bindung zur Mutter und zum Vater entwickelt sich unabhängig voneinander und auf verschiedenen Wegen (De Wolf & Van IJzendoorn, 1997).

Die Bindungstypen waren bei Müttern und Vätern relativ gleich verteilt, es gab in der Vater-Kind-Konstellation keinen ungewöhnlich hohen Anteil nicht klassifizierbarer Bindungen. Aber gleiche Verhaltensweisen von Vätern und Müttern im ersten Lebensjahr des Kindes konnten Unterschiede in der Bindungssicherheit nicht vorhersagen. Eine Erklärung wurde in der unterschiedlichen Ökologie von Vater-Kind- und Mutter-Kind-Bindungen gesehen. Der Vater verbringt weniger Zeit mit dem Kind als die Mutter und diese Zeit ist von anderen Interaktionen bestimmt (De Wolf & Van IJzendoorn, 1997). Seiffge-Krenke (2001) beschreibt den Vater als einen Herausforderer, der das Kind animiert risikoreichere Dinge zu tun, als die Mutter es tun würde, als Vermittler von Erfahrungen der Umwelt, der jeweiligen Kultur, seines eigenen Wissens und Könnens.

Die Entstehung der Bindung des Kindes zum Vater ist von multiplen Faktoren beeinflusst. In dieser Arbeit werden die ausgewählten Studien in Bezug auf die Vaterfaktoren; Sensitivität, Spielfeinfühligkeit, Engagement, Bindungsrepräsentationen, Persönlichkeitsfaktoren und die Qualität des Elternverhaltens, die Faktoren des Kindes; Temperament und Geschlecht, und die Faktoren des Familienkontextes untersucht. Die Auswirkungen der Vater-Kind-Bindung werden in Bezug auf sozio-emotionale Entwicklung, Freundschaften und Interaktionen mit Peers und schulisches Selbst-Konzept des Kindes untersucht.

5.2. Einflussfaktoren auf die Entstehung einer Vater-Kind-Bindung

5.2.1. Faktoren des Vaters

Sensitivität bzw. Feinfühligkeit bedeutet, die Signale des Kindes richtig zu interpretieren und angemessen darauf zu reagieren. Eine feinfühlige Bindungsperson kann die Perspektive des Kindes einnehmen und akzeptable Alternativen bieten, während eine nicht feinfühlige Bindungsperson Interventionen fast ausschließlich mit den eigenen Wünschen abstimmt (De Wolff & Van IJzendoorn, 1997).

Sensitivität gilt als hauptsächlicher Prädiktor für die Entstehung einer sicheren Bindung und die konsistenteste Korrelation der Bindungssicherheit ist die Sensitivität von beiden Elternteilen, obwohl die gemessenen Effekte nur moderat ausfielen. In der multivariaten Metaanalyse von 8 Studien hatte die mütterliche Sensitivität (.24) einen größeren Effekt auf die Bindungssicherheit des Kindes als die väterliche Sensitivität (.13) und auch den größeren Einfluss auf die sozio-emotionale Entwicklung des Kindes (Van IJzendoorn & De Wolff, 1997).

Grossmann et al. (2002b) stellten in der Bielefelder Langzeitstudie, die 1976 mit einer Stichprobe von 49 Familien begonnen wurde, der Variable Feinfühligkeit die sogenannte „ Spielfeinfühligkeit “ gegenüber, die gekennzeichnet ist durch väterliche sensitive Herausforderung und kindliche Kooperation. Sie untersuchten den Zusammenhang von väterlicher Spiel-Sensitivität und der späteren Repräsentation von Bindungssicherheit des Kindes. Zur Messung der Spielfeinfühligkeit wurde die SCIP-Scale (Sensitive and Challenging Interactive Play, Kassubek, 1995) entworfen. Kindern im Alter von zwei Jahren wurde unvertrautes Spielmaterial gegeben. Zur Beurteilung der väterlichen Interaktionsgüte wurde neben der Fähigkeit, kindliche Signale wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren, auch die Bereitschaft und Fähigkeit des Vaters, dem Kind den Umgang und die Gestaltungsmöglichkeiten mit dem Spielmaterial angemessen zu vermitteln, auf einer globalen Neun-Punkte-Einstufungsskala gemessen. Werte der SCIP-Scale standen in signifikantem Zusammenhang mit der väterlichen Fürsorgequalität für ihre Kinder im ersten Lebensjahr und den eigenen Bindungsrepräsentationen, die mit dem Adult Attachment Interview (George, Kaplan, Main, 1985) gemessen wurden. Dieser Zusammenhang blieb über 4 Jahre hinweg stabil (Grossmann et al., 2002b). Höhere SCIP-Scores sagten signifikant weniger Verhaltensprobleme im Kindergartenalter und höhere Persönlichkeitswerte voraus, die mit sicherer Exploration im Alter von 16 Jahren assoziiert waren. Väterliche SCIP-Scores waren assoziiert mit kindlicher AAI-Klassifikation im Alter von 16 und 22 Jahren. Ausgehend von diesen Ergebnissen kommen Grossmann et al. (2002b) zu dem Schluss, die väterliche Spielfeinfühligkeit sei im Gegensatz zum Fremde Situationstest das beste und valideste Messinstrument für die Qualität der Vater-Kind-Bindung. Sie sei ein stärkerer Prädiktor zur Vorhersage der kindlichen langfristigen Bindungsrepräsentation als die Vater-Kind-Bindungssicherheit im frühen Kindesalter.

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Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Die Bindung zwischen Vater und Kind. Ein Forschungsüberblick
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
52
Katalognummer
V352988
ISBN (eBook)
9783668403901
ISBN (Buch)
9783668403918
Dateigröße
1159 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bindungstheorie, Vater-Kind-Bindung, empirische Untersuchung
Arbeit zitieren
Jana Schröder (Autor), 2016, Die Bindung zwischen Vater und Kind. Ein Forschungsüberblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352988

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