Einführung in die Erziehungstheorie Werner Lochs


Hausarbeit, 2016

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erziehung als Enkulturationshilfe
2.1 Zum Begriff Kultur
2.2 Zum Begriff Lernhemmung
2.3 Zum Begriff Lernhilfe
2.4 Zum Begriff Enkulturationshilfe als soziale Interaktionsform

3. Das Modell der Entwicklungsstufen
3.1 Stufe 1: Erziehung als Wachstumshilfe
3.2 Stufe 2: Erziehung als Organisationshilfe
3.3 Stufe 3: Erziehung als Orientierungshilfe

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die heutige „Erziehungswissenschaft“ sieht sich trotz jahrelanger Bemühungen und Vorarbeit immer noch mit dem Problem konfrontiert, dass der eigentliche Begriff „Erziehung“ und seine Definition sich weiterhin in endlose Erziehungstheorien verliert. Zudem bleibt fraglich, in welchem Verhältnis die Begriffe „Pädagogik“ und „Erziehungswissenschaft“ stehen, sodass sie entweder eine hierarchische Struktur bilden oder heutzutage auch als Synonym verwendet werden. Mit dieser Begriffs- und Gegenstandsproblematik hat sich Werner Loch bereits mehrmals ab den 1960er Jahren auseinandergesetzt und im Zuge dessen auch eine eigene Erziehungstheorie entwickelt, wobei der Ausgangspunkt eine primär anthropologische Perspektive enthält und seine Erziehungstheorie auf zwei „[...] Prämissen [fußt], die der biologischen Anthropologie und der Kulturanthropologie zuzuordnen sind“ (Buck 2012, S. 16). Ferner scheint es nicht allzu überraschend, dass Werner Loch hierzu ein kulturanthropologisches Modell der Erziehung entwickelt hat, welches als Ergebnis einen Begriff der Erziehung als „Enkulturationshilfe“ mit sich bringt. Des Weiteren ist zu beachten, dass „[d]ie Phänomenologie […] für die Genese von Theorien im Allgemeinen und Lochs Theorie im Besonderen eine hervorgehobene Stellung ein[nimmt]“ (2012, S. 37). Im Rahmen dieser Hausarbeit wird infolgedessen die Erziehungstheorie Werner Lochs näher beschrieben, erläutert und an manchen Stellen kritisch hinterfragt. So wird zunächst der Blick auf das eigentliche kulturanthropologische Modell der Erziehung als „Enkulturationshilfe“ geworfen, bei welchem verschiedene Begriffe einleitend definiert werden, angefangen bei dem Begriff der „Kultur“, über den Begriff der „Lernhemmung“ und den damit verbundenen „Lernhilfen“ bis hin zur „Enkulturation“ als soziale Interaktionsform. Hierbei werden oben genannte Begriffe durch Lochs phänomenologischer Hinsicht der Allgemeinen Pädagogik aus dem Jahre 1998 erweitert, erneuert und ergänzt. Darauffolgend wird der Blick auf das Modell der Entwicklungsstufen Werner Lochs gerichtet. Aufgrund der Übersichtbarkeit und des relativ kleinen Rahmens dieser Hausarbeit wird hierbei speziell der Blick auf die ersten drei Stufen geworfen, wobei in diesem Zusammenhang auch die Erzieherrolle in den Vordergrund rückt. Abschließend wird ein Fazit zu den gesammelten Ergebnissen und zur Erziehungstheorie Werner Lochs verfasst, welches der Reflexion dienen soll.

2. Erziehung als Enkulturationshilfe

2.1 Zum Begriff Kultur

Bereits bei der Begrifflichkeit von „Kultur“ wird die anthropologische Sichtweise Lochs ersichtlich, da Mensch-Tier Unterschiede zur Beschreibung oft herangezogen werden. So auch bei der Beschreibung der Kultur: Im Gegensatz zum Tier ist die Lebensform beim Menschen nicht angeboren, sie „ […] steht in der Welt für ihn bereit als die Kultur der betreffenden Gesellschaft, in die er hineingeboren wird“ (Loch 1977, S. 386). Kultur als Lebensform ist laut Loch weiterhin der „ […] anthropologische Oberbegriff für den die Erziehung umgreifenden Gegenstandsbereich der Pädagogik“ (1977, S. 387f.). Aber was umfasst der Begriff „Kultur“ nun genau alles? Es scheint weit gefasst, wenn Kultur hierbei „ […] alle Gebilde [enthält], durch deren Benutzung und Verlebendigung der Mensch sein Leben realisiert. Zur Kultur gehören: die Sprache […], die moralischen Normen und Verhaltensmuster, […] die emotionalen Ausdrucksweisen, […] die sozialen Organisationen, Rollen und Spielregeln, […] die Einrichtungen des Rechtes und der Politik, […] die Arbeits- und Wirtschaftsformen, […] die Technik überhaupt […], die Künste und Wissenschaften, die Weisen der geselligen Selbstdarstellung, […] die religiösen Kulte […]“ (1977, S. 389f.) oder kurz gesagt: Alles menschliche und vom Menschen Erschaffene, Produzierte und Reproduzierte. Inwieweit der Begriff „Kultur“ hier positiv dargestellt werden kann ist jedoch fraglich, wenn man die vom Menschen produzierte Technik in Form von Waffen oder dem Militär oder eine sozialen Form der Unterdrückung beachtet, die allesamt ebenfalls zur „Kultur“ gehören. Da zudem mehrere Lebensformen auf der Welt gleichzeitig und nebeneinander bestehen, scheint es unvermeidbar von Kulturen zu sprechen, welche sich überschneiden können beziehungsweise hieraus Teil- oder Subkulturen entstehen. Letzteres hat Loch dementsprechend berücksichtigt (vgl. 1977, S. 390). Da die Kultur die gesamte Lebensform mit allen Gebilden enthält, kann sich der Mensch als Individuum der Aneignung der Kultur offensichtlich nicht entziehen, da sie „ [...] in einem Mindestmaß gelernt werden muß, wenn es Mensch werden soll. […] Es gibt kein Menschsein außerhalb der Kultur. Der Mensch ist von Natur dazu bestimmt, sein Leben als Kultur zu vollziehen“ (1977, S. 390). Das Aneignen beziehungsweise Lernen der Kultur kann mit Schwierigkeiten verbunden sein, welche im Folgenden unter dem Begriff der „Lernhemmung“ erläutert werden.

2.2 Zum Begriff Lernhemmung

Wie oben bereits dargestellt können sich bei der Aneignung beziehungsweise beim Lernen der Kultur Schwierigkeiten bilden, die es dem Individuum erschweren bestimme Kulturinhalte zu verinnerlichen: „Diese Schwierigkeiten fassen wir terminologisch unter dem Begriff der Lernhemmung zusammen [...]“ (1977, S. 386). Woraus erwachsen aber diese Lernhemmungen beziehungsweise wann entstehen sie? Nach Loch „ […] erwachsen Lernhemmungen aus der mehr oder weniger starken Widerstandserfahrung, die mit jeder Lernaufgabe notwendig verbunden ist. Selbst wenn es einem leichtfällt, etwas zu lernen, ist ein kleiner Widerstand zu überwinden, der darin liegt, daß man das, was man erst lernen muß, noch nicht kann. Diese objektiv bedingten Lernhemmungen werden in dem Maße durch subjektiv bedingte Lernhemmungen verstärkt, wie die Lernfähigkeiten den Lernaufgaben nicht gewachsen sind. Insofern sind Lernhemmungen das Ergebnis der Differenz zwischen Lernaufgaben und Lernfähigkeiten [...] (Loch 1998, S. 321). Es lässt sich also folgendes festhalten: Lernhemmungen gibt es bei jeder Aneignung oder jedem Lernprozess, welches alleine für sich den objektiven Charakter ausmacht und diese Lernhemmungen durch ihren subjektiven Charakter verstärkt werden können, wenn das Individuum den Lernaufgaben aufgrund seiner (zu dieser Zeit nicht vorhandenen) Lernfähigkeiten nicht gewachsen ist. Folglich gibt es Lernaufgaben, die nicht unabhängig gelernt werden können und Fähigkeiten voraussetzen, die sich bei dem Individuum in steigendem Alter entwickeln (vgl. hierzu 1998, S. 328). Die genannten Lernhemmungen werden weiterhin als positive beziehungsweise negative Lernhemmungen charakterisiert und müssen dementsprechend vom Erzieher als solche eingestuft werden, was eine „diagnostische Einstellung“ (1998, S. 321) verlangt. Negative und damit „[z]u behebende Lernhemmungen sind solche, die den Lernenden daran hindern, Gutes zu lernen; [positive und damit] zu bestärkende Lernhemmungen sind solche, die den Lernenden daran hindern, Schlechtes zu lernen, was auch immer in seiner Umgebung als das Gute und das Schlechte angesehen wird“ (1998, S. 321; 1999, S. 296f.). Da der Mensch bei jeder Aneignung Lernhemmungen ausgesetzt ist und weiterhin die Kultur nur „ […] lernen [kann] auf Grund der Interaktion mit anderen Menschen“ (1977, S.386), benötigt er hierbei eine spezifische Interaktionsform seiner Mitmenschen, auch „Lernhilfe“ genannt, welche im Folgenden Abschnitt Beachtung findet.

2.3 Zum Begriff Lernhilfe

Wie bereits oben erwähnt kann der Mensch die Kultur nur aufgrund der Interaktion mit anderen Menschen lernen. Diese Interaktion ist weiterhin sozial, sodass insgesamt ein aufeinander bezogenes Handeln zweier oder mehrerer Personen vorausgesetzt wird, um Kultur zu lernen. Dies allein begründet jedoch noch nicht die Notwendigkeit der Lernhilfe, da diese „ […] zusätzliche, spezifische Interaktionsform“ (1977, S. 386) zum einen erst dann benötigt wird, wenn das Individuum Schwierigkeiten beim Lernen hat und die oben genannten Lernhemmungen auftreten, und zum anderen dort „ […] wo er eine Lernaufgabe nicht selbständig bewältigen kann“ (1977, S. 386). Die entsprechende Hilfe „ […] bezeichnen wir einfach als Lernhilfe oder traditionell als Erziehung. Erziehung lässt sich so als die Interaktionsform der Lernhilfe definieren [...]“ (1977, S. 386). Aufgrund dieser Definition von Erziehung verliert das Generationenverhältnis, wie Schleiermacher ihn voraussetzt, an Bedeutung, da in modernen Gesellschaften „lebenslanges Lernen“ infolge vom rapiden Wandel der Lebensbedingungen unabdingbar wird und die jüngere und ältere Generation sich dabei gegenseitig Lernhilfen anbieten können, was sich beispielsweise im Bereich der Medienkompetenz widerspiegelt (vgl. 1977, S. 387). Dieser Erziehungsbegriff ist „ […] nicht mit dem Funktionsbegriff identisch […] [und auch nicht] nur als „intentionale Erziehung“ zu begreifen […]. Diese Frage wird zunächst offen gelassen“ (1977, S. 387). Weiterhin ist er deskriptiv und somit keinen Wertungen verbunden, sodass er prinzipiell „ […] grundsätzlich auf jedes Wertsystem angewandt werden [kann]“ (1977, S. 387). Dieser deskriptive Charakter soll auch für die Begriffe Kultur, Lernen und Interaktion gelten. Im Bezug zu den Lernhilfen ist weiterhin wichtig, dass sie nicht nur nachhelfend dienen und damit reaktiv wirken würden, sondern „ […] sowohl vorsorglich (im Blick auf zu erwartende Lernhemmungen) als auch nachholend (im Blick auf bereits eingetretene Lernhemmungen) durchgeführt werden können“ (1999, S. 297). Zwar scheinen diese Lernhilfen als positive Maßnahme, sollen sie doch Individuen bei Schwierigkeiten unterstützend „helfen“; falsche oder schlechte Lernhilfen existieren aber ebenfalls und können damit, entgegen ihres ursprünglichen Sinns, mehr negative Lernhemmungen verursachen als beheben. Dabei beschreibt Loch eine erzieherische Lernhilfe wie folgt: „Eine wirklich erzieherische Lernhilfe verbindet eine integrative (allen Lernenden die gleiche Chance gebende) mit einer differenzierenden (auf die individuellen Bedürfnisse eingehenden Intention). Dabei werden die Lernaufgaben durch Darstellungshilfen vermittelt, die Lernfähigkeiten durch Aktivierungshilfen hervorgerufen, die negativen Lernhemmungen durch Kontakthilfen zu beheben und die Lernerfolge als Schritte auf dem Weg zur Selbständigkeit durch Bestärkungshilfen zu stabilisieren versucht“ (1998, S. 322; 1999, S. 295). In diesem Kontext sollte hier auch noch kurz auf die genannten Lernaufgaben eingegangen werden, die ebenfalls auf der Seite des Erziehers zu leisten sind. So sind Lernaufgaben „[a]nthropologisch gesehen […] Gaben einer Kultur, die Begabungen erschließen können“ (Roth 1952, 1968; Helbig 1988, zit. nach Loch 1999, S. 298). Diese Lernaufgaben werden „ […] nicht den lebensgeschichtlichen Zufällen [überlassen], denen ihre Klienten ausgesetzt sind, sondern stellen sie ihnen zielstrebig und planmäßig (curricular), anhaltend und schrittweise (methodisch), mittels instruktiver Beispiele und Übungen (exemplarisch) mit Rücksicht auf die Entwicklung der alters- und milieubedingten Lernfähigkeiten (genetisch)“ (Loch 1999, S. 298). Hierbei ist ebenfalls wichtig, dass der Erzieher versucht die vorhandenen Lernfähigkeiten mit den Lernaufgaben in eine „produktive Wechselwirkung“ (1999, S. 298) zu bringen, da ansonsten erneut aufgrund Über-oder Unterforderung Lernhemmungen entstehen können. Dabei haben Lernhilfen und Lernaufgaben dasselbe Ziel: Sie sollen durch Lernerfolge eine Verselbständigung beim Individuum fördern, ihn zur Selbständigkeit verhelfen, sodass am Ende mündige Erwachsene aus ihnen entstehen (vgl. 1998, 323; 1999, S. 297).

2.4 Zum Begriff Enkulturation als soziale Interaktionsform

Das Wort „Enkulturation“ stammt ursprünglich aus der Kulturanthropologie und wird von Loch als Synonym zum Lernen der Kultur übernommen (vgl. 1977, S. 388).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Einführung in die Erziehungstheorie Werner Lochs
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Erziehungs- und Bildungstheorien
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V353054
ISBN (eBook)
9783668391697
ISBN (Buch)
9783668391703
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einführung, erziehungstheorie, werner, lochs
Arbeit zitieren
Lion Ahmeti (Autor:in), 2016, Einführung in die Erziehungstheorie Werner Lochs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353054

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