Grenzen der Lust. Ethische Grenzen ermutigender Vermittlung von Sexualität am Beispiel von Jugendlichen in stationären sozialpädagogischen Einrichtungen


Seminararbeit, 2015
25 Seiten, Note: Sehr Gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition „ermutigende Vermittlung von Sexualität“

3. Begrifflichkeiten „Ethik“ und „Moral“

4. Ethik in der sozialpädagogischen Arbeit
4.1. Berufsethik
4.2. Aufgaben der Sozialpädagogik

5. Gefahr der Grenzverletzung bei Jugendlichen
5.1. Aufdrängen/Nötigung
5.2. Fremdbestimmung
5.3. Beschämung
5.4. Überforderung
5.5. Manipulation
5.6. Gewalt

6. Gefahr der Grenzverletzung der Sozialpädagogik
6.1. Rechtliche Grenzen
6.2. Institutionelle Grenzen
6.3. Persönliche Grenzen der MitarbeiterInnen
6.3.1. Chancen
6.3.2. Herausforderungen

7. Resümee

8. Literaturverzeichnis

9. Internetquellen

10. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die „Richtlinie zur leistungs- und qualitätsorientierten Steuerung im Bereich der Erziehungshilfen“ des Landes Oberösterreichs (2013) nennt als Ziel der Vollen Erziehung „die Kinder und Jugendlichen in ihrer Entwicklung bestmöglich zu fördern […], Sicherheit zu gewähren und - sofern eine Rückführung in die Herkunftsfamilie nicht möglich ist - sie auf ihrem Weg in die Verselbständigung zu begleiten und zu unterstützen“ (Amt der Oö. Landesregierung 2013, S. 6). Somit sollen Kinder und Jugendliche in sozialpädagogischen stationären Einrichtungen auf ein eigenverantwortliches Leben vorbereitet werden und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit entwickeln. Auch ein erfülltes und befriedigendes Sexualleben gehört zu einem glücklichen Leben als Erwachsener dazu (vgl. Bodmer 2013, S. 31). Jugendliche, die sozialpädagogisch betreut werden, brauchen dafür die Unterstützung ihrer BetreuerInnen, um Fragen stellen zu können, aber auch um anhand derer eigenen Haltung und deren Zugang zu Sexualität ein Bild zu bekommen, wie Sexualität positiv funktionieren kann. Doch wie kann dies funktionieren? Wo endet ermutigende Vermittlung und wo beginnt eine Art von Ermutigung, die Grenzen verletzt?

Es stellt sich hier folgende Hauptfrage:

Welche Gefahren der Grenzverletzung lassen sich bezüglich ermutigender Vermittlung von Sexualität im sozialpädagogischen Kontext festmachen?

Hier tauchen allerdings auch Unterfragen auf:

Wie positiv und ermutigend darf die Sozialpädagogin / der Sozialpädagoge in Bezug auf die Aussicht auf ein lustvolles Aus- und Erleben von Sexualität vorgehen?

Wie positiv und ermutigend WILL bzw. KANN die Sozialpädagogin / der Sozialpädagoge in Bezug auf die Aussicht auf ein lustvolles Aus- und Erleben von Sexualität vorgehen?

Zuerst wird in dieser Arbeit der Begriff „ermutigende Vermittlung von Sexualität“ näher definiert (Kapitel 2). Was versteht die Autorin unter „Ermutigung“? Darauf folgt eine grundsätzliche Darlegung der Begrifflichkeiten „Ethik“ und „Moral“ bzw. deren Bedeutung in der Sozialpädagogik (Kapitel 3 und 4). Die Berufsethik der Sozialen Arbeit wird in Kapitel 4.1 erläutert (Röh 2013, S. 64), anhand einer Darstellung deutlich gemacht (Schumacher 2010, S. 6) und in den praktischen Kontext der sozialpädagogischen Arbeit gebracht (Kapitel 4.2.). Kapitel 5 beleuchtet die Gefahren unterschiedlicher Grenzverletzungen wie Nötigung, Gewalt, Manipulation etc. Jugendlichen gegenüber (z.B. Schumacher 2013, Rosenbauer 2007). Auch auf der anderen Seite, im sozialpädagogische Feld, gibt es Grenzen, deren Einhaltung zu beachten sind und die in Kapitel 6 erweitert ausgeführt werden (z.B. Rosenbauer 2007, Schumacher 2013, Staub-Bernasconi 2007). Im Resumée werden Erkenntnisse der einzelnen Kapitel zusammengefasst und auf die Haupt- und Unterfragen bezogen, um diese bestmöglich zu beantworten.

2. Definition „ermutigende Vermittlung von Sexualität“

In dieser Arbeit wird unter Ermutigung im Sinne eines In-den-Vordergrund-Stellens der positiven Aspekte der Sexualität die Vermittlung und das Leben eines natürlichen, unverkrampften Umgangs mit Nacktheit, das wertfreie Raumgeben zur Findung der eigenen, persönlichen Sexualität und das Fördern der sexuellen Selbstbestimmtheit verstanden.

In ihrem Buch „Sex und Moral“ behaupten Ruth Westheimer und Louis Liebermann (1990), dass die oft unausgesprochenen, wiederholten Botschaften der nächsten Bezugspersonen, „der menschliche Körper müsse immer, auch vor Eltern und Geschwistern, züchtig bedeckt sein“ (Westheimer/Liebermann 1990, S. 90) ein negatives Körpergefühl entstehen lasse, das sich in Folge auch auf die Selbstachtung auswirken würde. Junge Leute, die in Bezug auf Nacktheit nur mit unbegründeten Verboten aufwachsen und die keinerlei moralische Wertmaßstäbe vermittelt bekämen, könnten ihren eigenen Körper an sich leicht als etwas Beschämendes und Schlechtes sehen. Nach Liebermann hätten eher diejenigen ein natürliches und selbstverständliches Verhältnis zu ihrem Körper, die ihre Eltern auch manchmal unbekleidet sehen konnten. Jungen Menschen müsse ein positives Selbstwertgefühl und Selbstbild vermittelt werden, welches den Körper ebenso einschließt (vgl. Westheimer/Liebermann 1990, S. 90f.).

Laut Sielert (2005) ist Sexualerziehung aufgerufen, Räume zur Verfügung zu stellen, in denen Menschen ihre Sexualität neu konstruieren, ausprobieren und bewerten können. Es geht hierbei nicht um eine Zuordnung diverser Muster zum jeweiligen Geschlecht, sondern um das Zulassen einer Vielfalt, wobei die gemeinsame Wertebasis, die Selbstbestimmung und die „Achtung vor dem Leben“ (Sielert 2005, S. 166), die Grundlage bilden (vgl. Sielert 2005, S. 165f.).

Das sozialpädagogische Ziel, dass sich Jugendliche zu lebenskompetenten (dazu gehört auch die sexuelle Selbstbestimmung) Erwachsen entwickeln, beinhaltet die Förderung der psychosexuellen Entwicklung. Eine entwicklungsförderliche und gleichzeitig grenzwahrende Sexualpädagogik braucht dazu sexuell ausgebildete pädagogische Fachkräfte (vgl. Henningsen/Mantey 2015, S. 88).

Auf die Wahrung der Grenzen aller im sozialpädagogischen Kontext vorhandenen Seiten wird in den Kapiteln 5 und 6 genauer eingegangen. Vorab wird der Begriff „Ethik“ erläutert und in diesem Zusammenhang näher beschrieben.

3. Begrifflichkeiten „Ethik“ und „Moral“

Unter Ethik wird die Moralphilosophie verstanden, die Möglichkeiten gerechten und guten Handelns reflektiert und als Leitsätze formuliert. Ethik kann somit als Werte-, Bewertungs- und Begründungssystem gesehen werden (vgl. Stimmer 2012, S. 53). Ethik ist aber auch die Haltung des einzelnen, mit der er ausdrückt, „wie er in einer bestimmten Gesinnung und Denkweise zu Hause ist“ (Schumacher 2013, S. 39).

Moral wiederum ist auf das tatsächliche Handeln bezogen und setzt ethische Prinzipien konkret um (vgl. Stimmer 2012, S. 53). Der Einzelne erfährt Moral als Verpflichtungen oder zumindest Erwartungen der Gesellschaft, doch wird das entsprechende Handeln nur dann als moralisch anerkannt, wenn es freiwillig und mit Überzeugung erfolgt (vgl. Schmid Noerr, 2012, S. 141). „Als moralisches Wesen sollen wir das, was wir aus sozialen Gründen sollen, auch individuell wollen “ (Schmid Noerr, 2012, S. 141).

Der moralisch Handelnde hält sich also an ethische Prinzipien und Philosophien. Die besondere Bedeutung der Ethik in der Sozialpädagogik soll im folgenden Kapitel dargelegt werden.

4. Ethik in der sozialpädagogischen Arbeit

In seinem „Lehrbuch der Ethik in der Sozialen Arbeit“ (2013) schreibt Schuhmacher, in der Sozialen Arbeit gehe es darum, Menschen Hilfestellung und Unterstützung zu leisten, deren Kraft zur Bewältigung von Notlagen nicht ausreicht. Soziale Arbeit bräuchte somit ethisches Wissen, da sie eine Bewertung von Lebenssituationen und -lagen vornimmt (vgl. Schumacher 2013, S. 34).

Schmid Noerr erklärt die besonders wichtige Rolle der Ethik in der Sozialen Arbeit wiederum dadurch, dass die von den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern getroffenen Entscheidungen die Lebensführung der Klientinnen und Klienten sehr stark beeinflussen können. Ähnlich wie der Arzt im Zuge seiner Profession den Patienten nicht mehr als unbedingt nötig und ausschließlich zu dessen Wohl verletzen darf, verpflichtet sich die Soziale Arbeit ethisch dazu, Gutes zu tun und jeglichen Schaden zu vermeiden (vgl. Schmid Noerr 2012, S. 7).

Die „aieji“ (Association Internationale des Éducateurs Sociaux) führt als geforderte ethische Prinzipien von Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen unter anderem an, dass die Anerkennung der Menschenrechte in Hinblick auf Freiheit, Würde, Autonomie und Gleichberechtigung für alle Menschen, unabhängig von ethnischen Hintergründen, Geschlecht, Religion oder ähnlichem respektiert und ausgeführt werden müsse. Aufgabe dieser Berufsgruppe sei die Kooperation mit den Klienten und Klientinnen zur Stärkung deren Potentials, um ihnen in weiterer Folge die Herrschaft über ihr eigenes Leben zu ermöglichen. Verschwiegenheit sei ein wichtiges Element in der vertrauensvollen Beziehung zwischen den professionellen Betreuern und ihren Klientinnen und Klienten (vgl. aieji 2006).

Allerdings sind nicht nur Taten diesbezüglich ausschlaggebend, in ethischer Hinsicht mindestens ebenso bedeutend ist laut Stimmer (2012) die Haltung der sozialpädagogischen Fachleute:

Es hängt also von der Mimik, Gestik, Tonlage der Sozialpädagogin ab, wie etwa die Kontrollen des Jugendamts in der Wahnehmung der Eltern wirksam werden, als unverschämte Einmischung, als kränkender Akt oder als hilfreiche Handreichung für die Eltern zum Wohle des Kindes. (Stimmer 2012, S. 69f.)

Zur besseren Vorstellung und zum logischen Verständnis der ethischen Grundsätze des sozialarbeiterischen Berufs dient im folgenden Unterkapitel eine Darstellung der Grundpfeiler der Berufsethik.

4.1. Berufsethik

Die Grundpfeiler der sozialarbeiterischen (und somit auch sozialpädagogischen) Berufsethik hat Thomas Schumacher (2010) in folgender Darstellung übersichtlich zusammengefasst:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Schumacher (2010): S. 6

Soziale Arbeit ist ohne ethische Betrachtung ihrer Ziele und ihres Handelns undenkbar. Diese Notwendigkeit besteht vor allem deshalb, weil auch gesellschaftliche, sozialpolitische und administrative Vorgaben die Aufträge mitbestimmen. Die ethische Reflexion nun muss diese Aufträge kritisch betrachten und mit den Werten der Profession konfrontieren (vgl. Röh 2013, S. 64).

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Grenzen der Lust. Ethische Grenzen ermutigender Vermittlung von Sexualität am Beispiel von Jugendlichen in stationären sozialpädagogischen Einrichtungen
Hochschule
Fachhochschule OberÖsterreich Standort Linz
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2015
Seiten
25
Katalognummer
V353086
ISBN (eBook)
9783668393349
ISBN (Buch)
9783668393356
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
grenzen, lust, ethische, vermittlung, sexualität, beispiel, jugendlichen, einrichtungen
Arbeit zitieren
Frauke Umdasch (Autor), 2015, Grenzen der Lust. Ethische Grenzen ermutigender Vermittlung von Sexualität am Beispiel von Jugendlichen in stationären sozialpädagogischen Einrichtungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353086

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