Kindliche Naturnähe und kindgerechte Erziehung in der Romantik


Hausarbeit, 2005
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsangabe

0. Einleitung

1. Die Wegbereiter des romantischen Kindheitsideals
1.1. Jean-Jacques Rousseau
1.2. Johann Gottfried von Herder

2. Das Kind in der Frühromantik

3. E.T.A. Hoffmann
3.1. Das Kind und die Natur
3.2. Die Erziehung des Kindes
3.3. Das Erleben der Transzendenz
3.4. Folgen für die romantische Kindheit

4. Schlussfolgerung

0. Einleitung

Die folgende Arbeit wird sich mit der Entwicklung des romantischen Kindheitsbildes auseinandersetzen. Das Hauptaugenmerk wird hierbei auf das von den Romantikern attestierte enge Verhältnis des Kindes zur Natur und auf die romantische Vorstellung von Kindeserziehung gelegt.

Vorab werde ich mich ausführlich mit zwei Autoren beschäftigen, die die romantische Neudeterminierung des Kindheitsbildes mitinitiiert haben, namentlich Jean-Jacques Rousseau und Johann Gottfried von Herder. Hiernach wird der kindliche Natur- und Erziehungsbezug in der Literatur der Frühromantik pointiert, vorrangig werde ich mich den prägenden Autoren Novalis und Ludwig Tieck widmen. Abschließend wird mit E.T.A. Hoffmann ein Beispiel für eine spätromantische Betrachtungsweise des Themas gegeben.

Durch dieses allmähliche Vorantasten soll veranschaulicht werden, dass das romantische Kindheitsideal nicht einfach nur das Gegenkonstrukt zur aufklärerischen Anschauung ist, sondern in sich bereits vielschichtig auftritt und eine lange Entwicklung erlebt.

1. Die Wegbereiter des romantischen Kindheitsideals

Zur Genese des romantischen Kindheitsideals haben Jean Jacques Rousseau und Johann Gottfried von Herder bereits lange vor dem Zeitalter der Romantik beigetragen. Obwohl die beiden Herren zu den hier behandelten Themen grundverschiedene Ansichten haben, werden sie doch partiell durch das in ihren Werken auftretende Naturkind und ihre zeitliche Stellung vereint und deshalb hier gemeinsam innerhalb des ersten Kapitels behandelt.

1.1. Jean-Jacques Rousseau

Bereits in der Epoche der Aufklärung, welche ja eigentlich kulturelle Aspekte des Lebens betont, beschäftigt sich Rousseau mit der tiefen Beziehung zwischen dem Kind und der Natur.

Anfänglich konzentriert sich Rousseau bei seinen Beobachtungen auf den so genannten „edlen Wilden“, einen vorsozialisierten Naturmenschen. In seinem 1754 erscheinenden Werk „Discours sur l’origine et les fondemens de l’inegalite parmi les hommes“ beschäftigt er sich mit den Vorzügen des „homme Naturel“ gegenüber dem Kulturmenschen.[1] Bereits hier setzt sich Rousseau auch mit dem Kindheitsbild auseinander, weil der Naturmensch im Zeitalter der Aufklärung analog zum Kind gesehen wird. Beide stehen dem Urzustand des Menschen nahe, verkörpern hiermit also das Ursprüngliche und Natürliche des Menschengeschlechts. Rousseau zieht diese Eigenschaften dem Sozialisierten vor.

Im Falle des Kindes und des Naturzustandes nimmt Rousseau eine Parallelisierung der Onto- und Phylogenese vor.[2] Das Kind ist in dem vorsozialisierten Anfangsstadium seines Lebens analog zum vorsozialisierten Ursprung des ganzen Menschengeschlechts zu sehen. Man kann also mit dem Wissen über Kinder stammesgeschichtliche Rückschlüsse ziehen und umgekehrt. Diese partielle Parallelisierung von Onto- und Phylogenese ist bis zu diesem Zeitpunkt nicht unbekannt, doch wird ihr erst seit Rousseaus Feststellungen wieder größere Beachtung geschenkt.[3]

Sein prägnantestes Werk zu diesem Themenkomplex „Emile oder über die Erziehung“ schreibt Rousseau im Jahre 1762. Emile gilt als das klassische Buch des „Naturkindes“.[4] Mit der Veröffentlichung initiiert er eine pädagogische und literarische Auseinandersetzung über das Thema Kindheit und verleiht der Bewertung der Kindheit neue Maßstäbe.[5] Bisher erscheint die Kindheit nur als die elendige Vorstufe des Erwachsenenlebens, Rousseau verleiht ihr nun positive Charakteristika. Das Kind ist seiner Ansicht nach ein natürliches, harmonisches Wesen, das in seinem ganzen Sein dem Kulturmenschen gar überlegen ist. Es steht der Natur so nahe, dass man es gar auf einer vorgesellschaftlichen Stufe zwischen dem Mensch und dem Tier ansiedeln muss.[6] Wenn man dem Kind die richtige Erziehung zukommen lässt, eben eine naturverbundene Erziehung, die es Kind sein lässt, dann wird es aus seinem positiven Grundcharakter etliche andere positive Eigenschaften entwickeln.

Es gibt zweifelsohne gewisse Anknüpfungspunkte zwischen Rousseau und der Sicht der Romantiker, nämlich die hohe Beachtung der Kindheit und deren positive Akzentuierung. Kindheit wird hier nicht mehr als unterentwickelte Vorstufe des Erwachsenseins begriffen, ihr wird etwas Spezifisches und Eigenes attestiert. Unter diesem Gesichtspunkt kann man Friedrich Schlegel sicherlich zustimmen, der Emile eine „romantische Tendenz“ unterstellt.[7] Durch das Bild des unschuldigen Kindes verwirft Rousseau die Lehre der biblischen Erbsünde und ebnet dadurch in aufklärerischer Weise den Weg für die romantische Idealisierung des Kindes.[8]

Obwohl man Rousseau folglich als einen der Wegbereiter romantischer Ideen benennen kann, wäre es vollkommen falsch ihn selbst einen Romantiker zu nennen. Er verlässt mit all seinen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen nicht den Boden der Aufklärung: So betont er im Emile doch gerade die Wichtigkeit des Erziehers. Dieser wäre für die Entwicklung des Kindes von zentraler Bedeutung, weil es sich selbst überlassen nur unvollkommen heranwächst. So bestärkt Rousseau in seinem Werk den aufklärerischen Erziehungsoptimismus, eine mit der Romantik nicht zu vereinbarende Denkweise.

Hinzu kommt Rousseaus Negierung der kindlichen Phantasie, welche in der Romantik doch des Kindes wichtigstes Gut ist. Für Rousseau geht „Das Kind (…) in der Welt der Endlichkeit auf, es ahnt noch nichts vom Imaginären.“[9]

Er spricht dem Kind die Imagination jedoch nicht nur ab, er brandmarkt diese auch als Urheber möglichen Unglücks, da gerade sie doch die Entstehung von Wünschen verantwortet.[10] Damit ist die Phantasielosigkeit des Kindes zu begrüßen und zu fördern. Das Kind soll nicht in abstraktem Denken geschult werden, erst nach dem zwölften Lebensjahr soll es Kenntnisse in Moral, Metaphysik und Religion erwerben.[11] Abstraktes Denken regt laut Rousseau die Phantasie an.

1.2. Johann Gottfried von Herder

In seinem für die Romantik wegweisenden Werk „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ akzentuiert Herder eine Dekade später die Kindheitsauffassung neu. Während Rousseau das Kind zwischen Tier und Mensch ansiedelt, negiert Herder eine zu besetzende Interimsstufe zwischen der Mensch- und der Tierwelt. Er separiert die beiden Welten deutlicher voneinander und kritisiert das von Rousseau getragene Konzept des Tiermenschen. Herder unterstreicht die Wichtigkeit zweier Faktoren, die diese strenge Unterscheidung zwischen einem Mensch und einem Tier erzwingen: Die Sprache und die Besonnenheit. Laut Herder verfügt das Kind bereits über beide Eigenschaften.[12]

Worüber das Kind allerdings nicht verfügt, sind Wesensmerkmale, die es stark und autonom machen. Infolgedessen sind Kinder nach ihrer Geburt vollkommen auf Hilfe angewiesene Geschöpfe. Während es bei Rousseau die Schwäche des Kindes nicht geben darf, weil sie die Kinder gerade der Sozialisation entgegen treiben würde[13], ist sie bei Herder ein entscheidender Grund für ein funktionierendes Erziehungssystem. Durch sie wird der Familienbund gestärkt, eine Instanz, die Rousseau durch sein isoliertes Erziehungssystem noch auszuhebeln versuchte. Kinder brauchen Hilfe und Eltern haben das Bedürfnis Hilfe zu geben – diese Beziehung zueinander vereint also die Menschen insgesamt. Die Schwäche und Bemitleidenswertigkeit des Kindes ebnet also den Weg für dessen Erziehung mittels seiner Erzeuger, wohingegen ein Tier seine Erziehung allein durch die Natur erhält.

Während die Eltern für die Erziehung eines Kindes bei Rousseau kontraproduktiven Charakter hatten, haben sie bei Herder also höchsten Stellenwert bei der Lehre der abhängigen Kinder und der damit einhergehenden Erweckung ihrer menschlichen Kräfte. Für ihn ist das Kind kein leeres Bücherregal mehr, das möglichst schnell mit Büchern gefüllt werden muss, und es braucht nicht mehr den rousseauschen Erzieher, der die natürlichen Anlagen fördert – nur die Eltern eben sind von Nöten, damit die inneren Anlagen vom Kind auch entwickelt werden. Diese Vorstellung mindert in erheblichem Maße die Wichtigkeit von Erziehung und bildet damit einen tiefen Bruch zum Erziehungsdrang der Aufklärer.

Wie der Titel seines Werkes verrät, geht es Herder bei seiner Abhandlung vornehmlich um die Sprache des Menschen. Diese dient seiner Ansicht nach nicht nur der Wiedergabe von Lauten, vielmehr transportiert sie Sichtweisen und Denkarten des Sprechers. Auf diese Weise verinnerlichen Kinder gleich die Wesensart der Eltern und aus diesem Grund wollen Eltern auch mit ihren Kleinkindern sprechen – Kommunikation ist der simple Wunsch das eigene Selbst weiterzugeben.[14] Folglich stärkt neben der Schwäche des Kindes auch der Faktor Sprache den Familienbund, der ja wiederum die Entwicklung der menschlichen Kräfte des Kindes stärkt.

Mit der Neugewichtung der Sprache, wird aus Rousseaus bloßem „Naturkind“ bei Herder nun ein „Dichterkind“ – ein Ideal auf das in der romantischen Literatur aufgebaut werden wird. Bei Herder ist das Kind also ein poetisches, phantasiebegabtes Wesen. Ist die Imagination für Rousseau noch ein zu verhinderndes Übel, ist sie für Herder des Kindes hohes Gut. Das Kind ist dazu Geschaffen durch Nachahmung zu lernen und hat deshalb ein besonderes Verhältnis zu Melodien, Klängen und weiteren Grundpfeilern der Poetik.[15] Diese Eigenschaften zeichneten laut Herder auch die Urmenschen aus, die durch Nachahmung von Naturlauten Sprache erlernten.

Genau wie Rousseau parallelisiert also auch Herder die Onto- und Phylogenese des Menschen: „Und siehe, was jedem einzelnen Menschen in seiner Kindheit unumgänglich Noth ist: dem ganzen Menschheitsgeschlecht in seiner Kindheit gewiss nicht weniger.“[16] Während der Ursprung von Rousseau in einer vorgeschichtlichen und außergesellschaftlichen Natur angesiedelt ist, gibt Herder ihm einen geschichtlichen und gesellschaftlichen Rahmen. Zur Kindheit gehört ihm nach ein soziales Umfeld, das patriarchalisch geführt ist und dem schwachen Kind Schutz und Halt bietet[17]. Damit ist auch der Beginn der Menschheitsgeschichte ein Zeitalter der Patriarchen gewesen.

2. Das Kind in der Frühromantik

Zwar trennen die eben besprochene „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ und die Werke der Frühromantiker zeitlich ungefähr drei Dekaden, doch ähnelt sich das in ihnen transferierte Kindheitsideal wesentlich stärker, als dieses bei den Schriften von Herder und Rousseau der Fall ist.

Anfänglich konzentrieren sich einige Frühromantiker auf die Demontierung aufklärerischer Ideen[18]. In diesen Fällen sieht man am deutlichsten, dass die Kritik an den sozialen Umständen der Aufklärung in den Werken der Romantiker ein immanentes Thema ist. Bereits Herder widmet sich ja nicht nur dem Kreieren eines neuen Kindheitsbildes, sondern auch der ausgiebigen Auseinandersetzung mit dem bereits bekannten.

Als führender Frühromantiker in diesem Sektor ist vor allem Ludwig Tieck zu nennen, der sich der Satire bedient, um pädagogische Missstände im Zeitalter der Aufklärung offen zu benennen, beispielsweise die allzu frühe Bildung und deren sogar prestigeträchtigen Charakter.[19]

Mit den Werken von Novalis und Tieck geht aber auch eine Fundamentierung des romantischen Kindheitsbildes einher. Die Romantiker betonen hierbei vor allem das kindliche Verhältnis zur Natur und zur Transzendenz, ebenso die Wichtigkeit einer kindgerechten Erziehung.

[...]


[1] Angela Winkler: Das romantische Kind: Ein poetischer Typus von Goethe bis Thomas Mann, Frankfurt am Main 2000, S. 5.

[2] Meike Sophia Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit – Auf der Such nach der verlorenen Unschuld, Neuwied 1996, S.72.

[3] Gerhard Schaub: Le Genie enfant. Die Kategorie des Kindlichen bei Clemens Brentano, Berlin 1973, S. 103.

[4] Dieter Richter: Das fremde Kind – Zur Entstehung der Kindheitsbilder des bürgerlichen Zeitalters, Frankfurt am Main 1987, S.250.

[5] Winkler: Das romantische Kind, S.10.

[6] Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit, S.44.

[7] Friedrich Schlegel: Aus den Heften zur Poesie. In: Kritische Schriften. Bd.2. S.211.

[8] Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit, S.66.

[9] Hans-Heino Ewers: Kindheit als poetische Daseinsform. Studien zur Entstehung der romantischen Kindheitsutopie im 18. Jahrhundert, München 1989, S. 45.

[10] Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit, S.44.

[11] Winkler: Das romantische Kind, S.45.

[12] Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit, S.67.

[13] Ewers: Kindheit als poetische Daseinsform, S.68.

[14] Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit, S.47.

[15] Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit, S.48.

[16] Johann Gottfried von Herder: Über den Ursprung der Sprache. In: Sämtliche Werke. Bd. 5. S.483.

[17] Hans-Heino Ewers: Die Kinderliteratur der Aufklärung in romantischer Satire und Kritik. In: Aufklärung und Kinderbuch, Hg. v. Dagmar Grenz. Pinneberg 1986, S. 340.

[18] Ewers: Die Kinderliteratur der Aufklärung in romantischer Satire und Kritik, S.337.

[19] Ewers: Die Kinderliteratur der Aufklärung in romantischer Satire und Kritik, S.341.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kindliche Naturnähe und kindgerechte Erziehung in der Romantik
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Kinder- und Jugendliteratur der Romantik
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V35317
ISBN (eBook)
9783638352710
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kindliche, Naturnähe, Erziehung, Romantik, Kinder-
Arbeit zitieren
Andreas Cirikovic (Autor), 2005, Kindliche Naturnähe und kindgerechte Erziehung in der Romantik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35317

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