Die Sprachenfrage nach der Unabhängigkeit. USA und Lateinamerika im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

26 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurzbiografien
2.1 Andrés Bello (1781 – 1865)
2.2 Domingo Faustino Sarmiento (1811 – 1888)
2.3 Rufino José Cuervo (1844 – 1911)
2.4 Noah Webster (1758 – 1843)

3. LateinamerikanischePolemikinderSprachenfrage:
Bello vs. Sarmiento

4. Die lateinamerikanischen Positionen
4.1 Bello
4.2 Sarmiento
4.3 Cuervo

5. Nordamerika soll amerikanisch werden: Noah Webster

6. Gemeinsamkeiten und Unterschiede

7. Konklusion

8. Literaturliste

9. Fußnoten

1. Einleitung

Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts erreichen die nordamerikanischen Staaten² und Lateinamerika¹ ihre Unabhängigkeit von der Kolonialmacht. Eigenständige Staaten mit eigenen Verfassungen werden gegründet. Die ehemaligen Kolonien werden politisch unabhängig. Es stellt sich nun die Frage ob diese politische Unabhängigkeit auch eine sprachliche Unabhängigkeit mit sich bringen kann, obwohl die Sprache des Mutterlandes zum Großteil auch die eigene ist. Gibt es andere Möglichkeiten der sprachlichen Abgrenzung als die Einsetzung einer fremden Sprache, die in der Durchführung völlig unmöglich wäre? Gerade für die Literatur spielt diese Frage eine große Rolle, denn sie besteht aus Sprache und ist ein Träger von Kultur. Und diese Kultur gilt es neu zu definieren, oder auch zu erschaffen im Hinblick auf eine eigene Identität des neuen Staates. Daher scheint es einleuchtend, dass neben Politik und Wirtschaft auch die Sprachenfrage die damaligen Denker, Gelehrten und Staatsmänner bewegt. Die Sprache also als wichtige Ingredienz im jungen Land das sich vom ehemaligen Besatzer abgrenzen möchte.

Dieses Thema fand einen Platz auf beiden Seiten des amerikanischen Kontinents, auch wenn es auf unterschiedliche Art zur Sprache kommt. In Lateinamerika kamen, zumindest Teile dieser Debatte, für die Öffentlichkeit zugänglich zur Sprache. Diese berühmte Polemik wurde über die chilenische Presse von den zwei oft gegenübergestellten Persönlichkeiten in diesem Thema ausgetragen: Andés Bello und Domingo Faustino Sarmiento. Aber nicht nur diese beiden machten sich ausführlich Gedanken zur spanischen Sprache in Lateinamerika. Auch einige Zeit später gab es einen Universalgelehrten, der sich in einer für diese Zeit äußerst innovativen Weise der Sache widmete: Rufino José Cuervo.

Auf der anderen Seite, in Nordamerika, geht es zwar etwas leiser zu, jedoch nicht minder durchdacht. Heraus ragt hier der berühmte Noah Webster, den die meisten heute nur noch als Namen für ein Wörterbuch kennen.

Ich werde nun zunächst in einer Kurzbiografie jede der vier Personen vorstellen. Darauf folgt als Einstieg in die Thematik, eine Beschreibung der erwähnten Polemik in der Presse zwischen Bello und Sarmiento. Ich schließe dann mit der genauen Beschreibung der Positionen von Bello, Sarmiento und Cuervo an und erläutere daraufhin zum Vergleich die Ansichten und Absichten des Nordamerikaners Noah Webster. Anschließend werde ich auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf den beiden Subkontinenten eingehen. Den Abschluss meiner Arbeit bildet die Konklusion.

Auf lateinamerikanischer Seite habe ich die drei meistzitierten Hauptakteure in der Sprachenfrage für meine Arbeit herausgenommen. Bello und Sarmiento stechen mit ihrer öffentlichen Polemik hervor und repräsentieren sehr gut, wie es Wanguemert ausdrückt, „[...] las dos primeras generaciones de la independencia hispanoamericana“ (186). Cuervo ist bedeutend für die Sprachdebatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ein herausragender Universalgelehrter, der seines Gleichen nur noch in Wilhelm von Humboldt findet.

Noah Webster wird in dieser Arbeit seinen lateinamerikanischen Nachbarn alleine gegenübergestellt. Das bedeutet nicht, dass es nicht noch andere nordamerikanische Zeitgenossen gab, die Werke über die Sprache veröffentlichten und sich mit ihr auseinandersetzten, wie z. B. William Thornton (1759 – 1828), Lyman Cobb (1800 – 1864) oder Joseph Worcester (1784 - 1865). Diese anderen waren jedoch nicht so erfolgreich mit ihren Arbeiten, oder imitierten Webster scheinbar, wie Cobb, waren mit ihrer Ausarbeitung von Wörterbüchern nicht so genau, wie Worcester oder hatten viel praktischere und weniger nationsübergreifendere Anlässe für ihre Werke zur Orthografie, wie Thornton. Noah Webster ragte schon zu seiner Zeit als berühmter Mann aus der Masse heraus, und ich möchte ihn hier auch als solchen darstellen.

2. Kurzbiografien

2.1 Andrés Bello (1781 – 1865)

Andrés Bello, einer der wichtigsten Humanisten und Gelehrten Venezuelas und Lateinamerikas wird am 29. November 1781 in Caracas, Venezuela geboren. Er sticht hervor als Dichter, Abgeordneter, Philosoph, Lehrer, Kritiker und Philologe (Andres Bello http://www.venezuelatuya.com/biografias/bello.htm). Bellos Leben kann in drei Teile aufgeteilt werden:

Caracas (1781 – 1810): In dieser Periode beendet er sein Studium an der Universidad de Santa Rosa de Caracas (1800) und erhält seinen Bachiller en Artes. Im Studium erlernt er die exzellente Beherrschung von Latein und Spanisch, und es wird sein Interesse an Philosophie, der Wissenschaft und Geisteswissenschaft geweckt. Später lernt er Englisch und Französisch als Autodidakt. Er verfasst außerdem poetische Werke. In dieser Zeit macht er auch seine ersten linguistischen Untersuchungen und erstellt die Erstfassung seines Werks Análisis ideológico de los tiempos de la conjugación castellana, was aber erst 1841 veröffentlicht wird (La Página de Andrés Bello http://www.geocities.com/Athens/9505/andresbello.html).

1801 lernt Bello Alexander von Humbolt kennen. In dieser Phase beginnt Bello mit seinem Jura- und Medizinstudium. Von 1802 bis 1810 arbeitet er in der Kolonialverwaltung(AndresBellohttp://www.venezuelatuya.com/biografias/bello.htm).

London (1810 – 1829): Bello fährt 1810 nach London, zusammen mit Simón Bolivar und Luis López Méndez in der diplomatischen Mission „para conseguir el apoyo financiero del gobierno británico a la Guerra de Independencia de Venezuela“ (Andres Bello http://www.venezuelatuya.com/biografias/bello.htm). 1811 erklärt Venezuela seine Unabhängigkeit. 1814 heiratet Bello Mary Ann Boyland. Aus dieser Ehe gehen 12 Kinder hervor. In London arbeitet Bello hauptsächlich als Französisch- und Spanischlehrer. Außerdem schreibt er seine berühmten Silvas Americanas und arbeitet mit bei der Herausgabe von zwei amerikanischen Zeitschriften. 1823 veröffentlicht er das Werk Indicaciones sobre la conveniencia de simplificarlaortografíaenAmérica,(LaPáginadeAndrésBellohttp://www.geocities.com/Athens/9505/andresbello.html) in der er die Laute versucht eins zu eins der Graphie zuzuordnen.

Chile (1829 – 1865): 1829 wird Bello vom Präsidenten Francisco Antonio Pinto zum mayor del Ministerio de Hacienda ernannt. Er arbeitet jedoch nicht in diesem Ministerium, sondern in dem für Auslandsbeziehungen. Ab 1830 schreibt er für die Auslands- und Kultursparte der Zeitung El Araucano. 1832 nimmt Bello die chilenische Staatsbürgerschaft an. Im gleichen Jahr bildet er einen Bildungsausschuss, der für alle Schulen des Landes zuständig sein soll. 1837 wird er Senator der Republik und bleibt es bis 1864, ein Jahr vor seinem Tod. 1840 wird eine parlamentarische Kommission gebildet um an der bürgerlichen Gesetzgebung zu arbeiten. Bello und Mariano Egaña werden die dazu gewählten Senatoren. Bello arbeitet bis zur Fertigstellung an diesem Werk, das eines seiner größten darstellt. 1842 gründet Bello die Universidad de Chile und wird selbst Rektor und Mitglied der Facultades de Leyes y de Humanidades. 1847 veröffentlicht er die erste Ausgabe seiner Gramática castellana destinada al uso de los Americanos, in der er seinen Landsleuten korrektes Spanisch beibringen will, in dem er ihnen ihre Fehler aufzeigt, die die Reinheit und Einheit der spanischen Sprache bedrohen. Am 15. Oktober 1865 stirbt Andrés Bello. (La Página de Andrés Bello http://www.geocities.com/Athens/9505/andresbello.html)

2.2 Domingo Faustino Sarmiento (1811 – 1888)

Der Staatsmann, Soldat, Lehrer, Journalist und Schriftsteller Domingo Faustino Sarmiento wird am 15. Februar 1811 in der Provinz San Juan in Argentinien geboren. 1816 bis 1822 besucht er die Escuela de la Patria. Mit 10 Jahren versucht er durch ein Stipendium für Minderbemittelte in das Seminario de Loreto und in das Colegio de Ciencias Morales de Buenos Aires aufgenommen zu werden. (Domingo Faustino Sarmiento http://www.historiadelpais.com.ar/sarmiento.htm) Da das scheiterte wurde er Autodidakt mit Hilfe von Verwandten und Freunden (Sarmiento, DomingoFaustinohttp://www.contenidos.com/historia/sarmineto). 1826, mit nur 15 Jahren wird Sarmiento Lehrer in einer Dorfschule. Kurz darauf wird er Provinzabgeordneter. 1831 emigriert er aus politischen Gründen nach Chile. Dort lernt María Jesús del Canto kennen, eine Schülerin von ihm, die ihm eine Tochter schenkt. 1836 wird Sarmiento schwer krank und darf zurück nach Argentinien reisen. Dort gründet er 1839 das erste Mädchengymnasium in San Juan und publiziert die Tageszeitung El Zonda. 1840 geht er erneut nach Chile ins Exil wo er als Journalist für die Zeitungen El Mercurio und El Nacional arbeitet. Er wird Rektor der Escuela Normal und wie Bello Mitglied der Faculdad de Filosofía y Humanidades. Auf einer Versammlung der Fakultät 1843 präsentiert Sarmiento seine Rechtschreibreform Memoria sobre ortografía americana, die der Bellos von 1823 sehr ähnelt (Jaksić 147). Sarmientos Reform wurde von beiden gemeinsam ausgearbeitet (de Avila Martel zit. in: Jaksić 147). 1845 veröffentlicht er Civilización y Barbarie. Vida de Juan Facundo Quiroga, wohl sein größtes historisch-literarisches Werk. Die chilenische Regierung schickt ihn zum Studium des europäischen Schulsystems nach Europa. 1848 kehrt er nach Besuchen in Europa, Afrika und Amerika zurück und veröffentlicht seine gewonnenen Erkenntnisse. Im gleichen Jahr heiratet Sarmiento Benita Marínez, deren Sohn, Domingo Fidel, er adoptiert. 1851 geht er wieder nach Argentinien, kehrt aber nach kurzer Zeit nach Chile ins Exil zurück um dann 1855 erneut nach Bueno Aires zu reisen. Er veröffentlicht Educación Común und wird Direktor der Zeitung El Nacional. 1856 wird er Mitglied des Consejo Municipal und Leiter des Ressorts Escuelas de Buenos Aires. 1857 wird er Senator von Buenos Aires und noch im selben Jahr Außenminister. Von 1862 bis 1864 ist er Gouverneur von San Juan. 1865 bricht Krieg zwischen der Allianz Argentinien, Brasilien und Uruguay gegen Paraguay aus, in dem sein Sohn Dominguito stirbt.

1868 bis 1874 ist Sarmiento Präsident der Republik Argentinien. In seiner Amtszeit widmet er sich verstärk Fragen der Bildung. Während einer Reise in die USA bekommt er den Titel doctor honoris causa der Universität von Michigan verliehen. 1973 verübt man ein Attentat auf ihn, das jedoch scheitert. Daraufhin legt er sein Amt nieder und Nicolás Avellaneda wird sein Nachfolger. Von 1875 bis 1879 ist Sarmiento Senator in San Juan und Direktor der Schulen der Provinz Buenos Aires. 1880 kandidiert er erneut für die Präsidentschaftswahl, wird aber nicht gewählt. Bis 1887 beschäftigt er sich mit Bildungsfragen und publiziert Bücher, u. a. ein Buch über seinen Stiefsohn La vida de Dominguito. 1887 geht Sarmiento aufgrund seiner angegriffenen Gesundheit nach Paraguay und lebt bei seiner Tochter und Enkeltochter. Am 11. September 1888 stirbt Domingo Faustino Sarmiento im Alter von 77 Jahren an einem Herzinfarkt. (Sarmiento, Domingo Faustino http://www.contenidos.com/historia/sarmiento) Er schreibt insgesamt 52 Bücher (Domingo Faustino Sarmiento. Estadista, escritor y promotor de la ciencia http://www.argiropolis.com.ar/ameghino/biografias/sarmi.htm).

2.3 Rufino José Cuervo (1844 – 1911)

Der Philologe, Humanist und Universalgelehrte Rufino José Cuervo wird am 19. September 1844 in Bogotá, Kolumbien geboren. Er wird, aufgrund der Vertreibung der Jesuiten und Schließung der Jesuitenschulen im Land, von seinem Vater unterrichtet. Er wird intensiv mit Geografie und Grammatik vertraut gemacht, Kenntnisse die entscheidend sind für seine späteren Studien über die Sprache.

1853 stirbt Cuervos Vater und Rufino José geht auf das Lyceo de Familia. Dort entdeckte man die Begabung Cuervos und seines Mitschülers Miguel Antonio Caro für Sprachen und gibt ihnen speziellen Unterricht in Latein und Spanisch. Außerdem wird ihm Bellos Grammatik gelehrt. 1861 studierte Cuervo Logik am Colegio San Bartolomé. Das wurde jedoch bald darauf wegen erneuter Verbannung der Jesuiten geschlossen. In den nächsten Jahren führt er vor allem die Studien der Linguistik im Selbststudium weiter und arbeitet zwischenzeitlich als Latein und Griechischlehrer um seine Familie finanziell zu unterstützen. 1867 veröffentlicht er zusammen mit Caro die Lateingrammatik Gramática de la lengua latína. 1868 gründet er zusammen mit Bruder Angel eine Bierfabrik in der er auch arbeitet. Zwischen 1867 und 1872 erstellt Cuervo seine Apuntaciones críticas sobre el lenguaje Bogotano. Viele Feldforschungen dazu ergeben sich aus dem ständigen Kontakt zu Kunden der Bierfabrik. 1872 veröffentlicht er zusammen mit Gonzáles Manrique das Werk Muestra de un diccionario de la lengua castellana. 1874 gibt Cuervo eine Ausgabe Bellos Grammatik mit eigenen kritischen Anmerkungen heraus, genannt Notas a la gramatica de Bello.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Sprachenfrage nach der Unabhängigkeit. USA und Lateinamerika im Vergleich
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Romanische Sprachen und Literaturen)
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
26
Katalognummer
V35339
ISBN (eBook)
9783638352918
Dateigröße
704 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Meine Arbeit behandelt ebenso die USA, d. h. sie fällt auch unter Amerikanistik.
Schlagworte
Sprachenfrage, Unabhängigkeit, Lateinamerika, Vergleich
Arbeit zitieren
Daniela Wienhold (Autor), 2003, Die Sprachenfrage nach der Unabhängigkeit. USA und Lateinamerika im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35339

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