Martin Luther und die Juden


Bachelorarbeit, 2014

23 Seiten, Note: 2,3

Verena Steigelt (Autor)


Leseprobe

1. Einleitung

Martin Luther gilt wohl als der bedeutendste deutsche Reformator. Durch seine Betonung des gnädigen Gottes, seine Predigten, Schriften und seine Bibelübersetzung hat er die Gesellschaft seiner Zeit, die durch die römisch-katholische Kirche geprägt war, nachhaltig verändert. Als Urheber der Evangelischen Kirche hat er alte Denkstrukturen aufgebrochen und völlig neue Wege aufgezeigt.

Eines seiner Hauptanliegen war die Gleichheit aller Menschen vor Gott. So ist ein Bauer durch seinen Glauben und die Gnade Gottes genauso gerechtfertigt, wie ein Pfarrer. Aber wie so oft, hat auch die Medaille Martin Luther zwei Seiten.

So predigte der Mensch, der diese Gleichheit aller vor Gott fordert, dass die Juden verfolgt und ausgeschlossen werden sollten. Zeit seines Lebens war der Umgang mit dem nachbiblischen jüdischen Volk ein Thema, was ihn beschäftigte. Wenn man die Schriften betrachtet, in denen er sich über Juden äußert, fällt es schwer zu glauben, das der Autor dieser Schrift zugleich Urheber des evangelischen Glaubens ist.

Nicht selten wird Luther auch vorgeworfen, er sei mit seinen Judenschriften ein wichtiger Wegbereiter für den Antisemitismus der Deutschen im 20. Jahrhundert gewesen War Martin Luther wirklich ein Antisemit, oder entspricht er dem Bild eines Antijudaisten?

Diese Frage möchte ich in meiner folgenden Arbeit in mehreren Schritten klären.

Um mir zu Beginn der Arbeit ein Bild über die gesellschaftliche Meinung über Juden, beziehungsweise über ihre Situation von der Entstehung des Christentums bis zur Reformation, machen zu können, betrachte ich die Entwicklung des jüdischen Stereotyps. Im nächsten Schritt wird unter dem Thema „Die Judenschriften des frühen Luthers“ die Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ betrachtet, die sich in ihrem Ton und in den Möglichkeiten für den Umgang mit Juden, von den späten Judenschriften unterscheidet. Diese späten Judenschriften Luthers werden im Folgenden durch Darstellungen von „Die Juden und ihre Lügen“, „Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“ und „Vermahnung wider die Juden“ dargelegt. Im nächsten Teil dieser Arbeit wird die Wirkungsgeschichte der Äußerungen Luthers betrachtet. Abschließend werde ich in meinem Fazit versuchen eine Antwort auf die Frage, ob Martin Luther ein Antisemit ist, zu formulieren.

2. Ausgangssituation – Die Entwicklung des jüdischen Stereotyps

In der Gesellschaft ist stereotypes Denken zu keiner Zeit ungewöhnlich, vor allem dann nicht, wenn es sich auf fremde gesellschaftliche Gruppen bezieht. Das jüdische Stereotyp ist jedoch durch sehr viele und sehr schwerwiegende Belastungen eine Ausnahme unter ihnen. Schon im vorchristlichen Altertum, im hellenistischen Alexandrien und im heidnischen Rom wurde ein negatives Stereotyp des jüdischen Volkes zum Ausdruck gebracht. Die Erzählung über den Auszug aus der pharaonischen Sklaverei, „dass Juden als aussätzige und verbrecherische Fremdlinge aus dem Land geschafft werden, um es von ansteckenden Krankheiten zu reinigen“[1] trugen zur negativen Meinung und Außenseiterposition der Juden bei. Diese Elemente des frühen Judenhasses wurden von den Römern aufgegriffen und verbreitet.[2]

Dadurch, dass die frühe Jesusbewegung anfangs nur aus Juden bestand, aber bald auch Nicht-Juden hinzukamen, entstand eine Distanz und somit ein Konkurrenzverhältnis zwischen heidnischen Christen und Judentum. Es entwickelte sich eine antijüdische Tradition, die sich auch schon in Teilen des Neuen Testaments zeigt. „Die Christen sahen sich im neuen Bund als das wahre Volk und schlossen die Juden als Volk des alten Bundes aus dem neuen Gottesbund aus“[3] (Gal 4, 21-31; Mk 12,9-12). Sie hoben den jüdischen Anteil am Leidensweg Jesu hervor (Mt 27,25; Mk 15,6-15; Lk 23,13-15) und hielten an dem Vorwurf des Gottesmordes fest (1. Thess 2,15). Sie übersahen dabei, dass nicht die Juden, sondern die römische Besatzungsmacht Jesus verurteilt und ans Kreuz geschlagen hatte.[4]

Seit dem frühen zweiten Jahrhundert entwickelte sich in den Predigten sowie unter den Gläubigen eine durchgehend judenfeindliche Stellung.

Die Beschuldigung des Gottesmordes und der damit verbundene Vorwurf der Erbsünde wurden im Hochmittelalter zu zentralen Elementen des Judenhasses.

Außerdem wurde die Weigerung Jesus als Messias anzunehmen, als „ärgster Unglaube“ und Blindheit angesehen. Teilweise waren Christen aber auch der Ansicht, dass die Juden insgeheim die Messianität Jesu und seine Lehre als wahr anerkannten, sie aber trotzdem verneinten und somit der Ketzerei schuldig waren.[5]

Im Zuge des ersten Kreuzzuges von 1096 wurden in Deutschland viele Synagogen angezündet und viele Juden vertrieben oder auch bei Progromen ermordet.[6] Die Elemente des negativen jüdischen Stereotyps wurden verschärft. Theologen wie Petrus Venerabilis sprachen von den Juden als „schlimmste Feinde des Herren, die die christliche Religion mit Füßen treten“ und verlangte, sie zu „verabscheuen und ihnen ihre geraubten Reichtümer zu entreißen“[7]. Hier wurde vermutlich erstmals die rein religiöse Ebene des Judenhasses verlassen und mit wirtschaftlichen und sozialen Elementen des Judenstereotyps vermischt.[8]

Mit der Verkündigung der Transsubstantionslehre im 13. Jahrhundert, die davon ausgeht, dass sich Brot und Wein beim Abendmahl in den Leib und das Blut Christi verwandeln, wuchs die Angst der Christen, dass die Juden als Feinde Christi die Hostie durchbohren würden, um dadurch den Leib Christi erneut verletzen zu können. Dieser Vorwurf und das Gerücht, dass die Juden Blut der Christen zu rituellen Zwecken benötigen würden, weshalb sie Christenknaben kaufen oder rauben würden, um sie dann zu töten, führte immer wieder zu judenfeindlichen Übergriffen. Trotz des Widersprechens auch christlicher Kirchenführer verbreitete sich das Gerücht in ganz Europa. Auch die Brunnenvergiftung zur Zeit der Pest, Mitte des 14. Jahrhunderts wurde den Juden angehängt. Durch die Entwicklung der Städte im 13. und 14. Jahrhundert wurden die Juden aus ihren vorherigen wirtschaftlichen Positionen verdrängt. Sie wurden von den Kaufleuten und Organisationen immer mehr auf Geldgeschäfte eingeschränkt und somit als Wucherer und geldgierige, faule „Parasiten“ abgestempelt, die mit Hilfe des Teufels von der Arbeit der Christen leben würden.[9] Auch dies machte sie zur Zielscheibe politischer Konflikte und es kam zu Übergriffen durch ihre Schuldner. Durch die Beschlüsse des vierten Laterankonzils von 1215 wurden die Juden schließlich auch kirchlicherseits zu einer sozial ausgegrenzten Gruppe. Sie mussten sich durch ihre Kleidung als Juden kenntlich machen und wurden von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen.[10] Die damit eingeleitete Isolierung wurde in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts durch die Einrichtung der Ghettos und die Ausweisung aus vielen Städten und Ländern zum Abschluss gebracht. Ein besonders tragisches Kapitel des Judentums waren auch die Judenverfolgungen und -vertreibungen, die die Obrigkeiten Europas in der Zeit vom 13. bis 16. Jahrhundert veranlassten.[11]

Im Spätmittelalter wurde den Juden schließlich auch die Schriftverdrehung vorgeworfen. Jahrhunderte lang wurden der Talmud und andere jüdische Schriften verboten, denn angeblich seien die jüdischen Bücher nicht die Wiedergabe der Worte Gottes, sondern eine Erfindung boshafter Menschen, die in diesen Büchern Gott und die Christen lästerten. Auch das Bild der Verräter haftete im Mittelalter an den Juden. Die weltweit zerstreuten jüdischen Gemeinden stützten laut der Massen des Christentum die Aussage, dass sich die Juden gegen die Christen verschworen hätten und sie im 13. Jahrhundert an die Mongolen verraten hätten. Dieses Verrätermotiv leitete der Großteil der Bevölkerung des 15. Jh. vom Judasverrat ab. Die „Eigenschaften des Judas“ wurden „auf alle Juden aller Zeiten projiziert.“[12]

3. Die Judenschriften des „frühen Luthers“ – „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“

Nach Luthers Auslegung des „Magnificats“ 1521 entstand das Gerücht er würde die Zeugung Jesu durch den Heiligen Geist, seine Abkunft aus dem jüdischen Samen und die Jungfräulichkeit Marias leugnen. Diese Gerüchte rückten bis zum Nürnberger Reichstag von 1522/23 vor.[13]

Anfangs empfindet Luther diesen Vorwurf als so empörend, dass er nicht einmal darauf reagieren will. Weil er aber „um anderer Willen“[14] auf diese Lüge antworten muss, will er daneben auch noch etwas Nützliches schreiben. Er möchte die Ursache „aus der Schrift ertzelen“, die ihn dazu bewegt „tzu glauben, das Christus ein Jude sey von eyner jungfrawen geporn“ und verbindet dies mit der Hoffnung „vielleicht auch der Juden ettliche mocht tzum Christenglauben reytzen.“[15]

Die Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ aus dem Frühjahr 1523 lässt sich in zwei große Abschnitte unterscheiden. Im ersten Teil wehrt sich Luther gegen die Vorwürfe seinerseits auf Grundlage der Heiligen Schrift. Den zweiten Part widmet er seiner obengenannten Hoffnung, beziehungsweise Nebenabsicht. Er will den „Juden diese selbe Heilige Schrift, die ja auch ihre Heilige Schrift war, öffnen“.[16]

Die Adressaten seiner Ausführungen sind zweierlei: Zum einen sind es diejenigen, die die Vorwürfe der Ketzerei gegen ihn erhoben haben. Zum anderen sind es die Anhänger Luthers. Aber in jedem Falle sind es Christen, die er mit dieser Schrift ansprechen will. Er spricht von den Christen grundsätzlich in erster Person ( Wir, die Christen oder wir, die Heiden) und von Juden in dritter Person (Sie, die Juden).[17]

Im ersten Gedankengang stellt Luther dar, dass die großen messianischen Weissagungen (Gen 3,15; 22,18 ; 2 Sam 7,12) immer deutlicher auf einen Messias jüdischer Abkunft deuten, der als Sohn einer Jungfrau geboren werden sollte (Jes 7,14).

[...]


[1] Degani, Ben – Zion: Die Formulierung und Propagierung des jüdischen Stereotyps in der Zeit vor der Reformation und sein Einfluss auf den jungen Luther. In: Kremers, Heinz (Hrsg.): Die Juden und Martin Luther-Martin Luther und die Juden: Geschichte, Wirkungsgeschichte, Herausforderung. Neukirchen-Vluyn. 1985. S. 4

[2] Vgl.: Ebd. S. 3ff.

[3] Bergmann, Werner: Antisemitismus In: Information zur politischen Bildung. Heft 271. Verfügbar über: http://www.bpb.de/izpb/9714/antisemitismus?p=all (Datum des Zugriffs: 06.07.2014)

[4] Vgl.: Ebd.

[5] Vgl.: Degani, Ben – Zion: Die Formulierung und Propagierung des jüdischen Stereotyps in der Zeit vor der Reformation und sein Einfluss auf den jungen Luther. In: Kremers, Heinz (Hrsg.): Die Juden und Martin Luther-Martin Luther und die Juden: Geschichte, Wirkungsgeschichte, Herausforderung. Neukirchen-Vluyn. 1985. S. 5ff.

[6] Späth, Andreas: Luther und die Juden. Bonn. 2001. S. 79

[7] Degani, Ben – Zion: Die Formulierung und Propagierung des jüdischen Stereotyps in der Zeit vor der Reformation und sein Einfluss auf den jungen Luther. In: Kremers, Heinz (Hrsg.): Die Juden und Martin Luther-Martin Luther und die Juden: Geschichte, Wirkungsgeschichte, Herausforderung. Neukirchen-Vluyn. 1985.S.9

[8] Vgl.: Ebd. S.10

[9] Vgl.: Ebd. S. 11

[10] Vgl.: Bergmann, Werner: Antisemitismus In: Information zur politischen Bildung. Heft 271. Verfügbar über: http://www.bpb.de/izpb/9714/antisemitismus?p=all (Datum des Zugriffs: 06.07.2014)

[11] Vgl. Brosseder, Johannes: Luther und der Leidensweg der Juden. In: Kremers, Heinz (Hrsg.): Die Juden und Martin Luther-Martin Luther und die Juden: Geschichte, Wirkungsgeschichte, Herausforderung. Neukirchen-Vluyn. 1985. S.114

[12] Degani, Ben – Zion: Die Formulierung und Propagierung des jüdischen Stereotyps in der Zeit vor der Reformation und sein Einfluss auf den jungen Luther. In: Kremers, Heinz (Hrsg.): Die Juden und Martin Luther-Martin Luther und die Juden: Geschichte, Wirkungsgeschichte, Herausforderung. Neukirchen-Vluyn. 1985. S.14

[13] Vgl. Kaufmann, Thomas: Luther. In: Benz, Wolfgang (Hrsg.). Handbuch des Antisemitismus Band 2/2: Personen L-Z. Berlin 2009, S.502

[14] Luther, Martin: D. Martin Luthers Werke., Kritische Gesamtausgabe. Weimar 1883 - 2009. Band 11. S. 314. Im Folgenden zitiert: WA Bandnummer, Seite

[15] WA 11, S.314

[16] Stöhr, Martin: Martin Luther und die Juden. In: Kremers, Heinz (Hrsg.): Die Juden und Martin Luther-Martin Luther und die Juden: Geschichte, Wirkungsgeschichte, Herausforderung. Neukirchen-Vluyn. 1985. S.92

[17] Vgl.: Brosseder, Johannes: Luther und der Leidensweg der Juden. In: Kremers, Heinz (Hrsg.): Die Juden und Martin Luther-Martin Luther und die Juden: Geschichte, Wirkungsgeschichte, Herausforderung. Neukirchen-Vluyn. 1985. S. 121

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Martin Luther und die Juden
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
23
Katalognummer
V353562
ISBN (eBook)
9783668396104
ISBN (Buch)
9783668396111
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
martin, luther, juden
Arbeit zitieren
Verena Steigelt (Autor), 2014, Martin Luther und die Juden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353562

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