Umverteilung durch Steuern in Österreich


Seminararbeit, 2001
29 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Theoretische Vorbemerkungen

Struktur der gesellschaftlichen Ungleichheit

Die Inzidenz der Lohn- und Einkommenssteuern – Umverteilung durch Steuern

Wovon werden Einkommenssteuern eingehoben?

Wonach richtet sich die Höhe der Lohn- bzw. Einkommenssteuer?

Der Steuertarif

Absetzbeträge

Freibeträge

Versteuerung des 13. und 14. Monatsgehalts

Verteilungswirkungen der Einkommensteuerreform 2000

Zusammenfassung: Verteilungswirkungen der Lohnsteuer

Sozialversicherungsabgaben

Umverteilung durch Lohnabgaben insgesamt

Gewinn- und Vermögensbesteuerung

Schlussfolgerungen

Literatur

Einleitung

Diese Seminararbeit beschäftigt sich mit den Verteilungswirkungen von Einkommensteuern in Österreich. Wer zahlt sie? Und wer zahlt wieviel? Im ersten Kapitel wird die Frage der Einkommensverteilung aus theoretischer Sicht beleuchtet: Welche Fragen sind im Zusammenhang mit Einkommensverteilung grundsätzlich relevant? Welche Ziele verfolgt Verteilungspolitik? Im zweiten Kapitel Struktur der gesellschaftlichen Ungleichheit wird die Primärverteilung der Einkommen in Österreich beschrieben. Anschließend werden die Umver­teilungswirkungen von Lohn- und Einkommensteuer, von Sozialver­sicherungs­beiträgen, sowie der Gewinnsteuern beschrieben. Der Schwerpunkt liegt dabei bei der Lohn- bzw. Einkommensteuer, da es über die anderen Steuern eigene Seminararbeiten gibt. In den Schlussfolgerungen schließlich werden die Auswirkungen der verschiedenen Steuern und Abgaben insgesamt auf die Primärverteilung bewertet, sowie die Bedeutung von verteilungs­politischen Zielen unter den heutigen politischen Rahmenbe­dingungen analysiert.

Theoretische Vorbemerkungen

Wie viel soziale Gleichheit bzw. soziale Ungleichheit braucht unsere Gesellschaft? Alle hochentwickelten Wohlstandsgesellschaften weisen eine gewisse soziale Ungleichheit und eine funktional hierarchisierte Arbeitsteilung auf. Doch nicht in allen Ländern ist diese soziale Ungleichheit gleich stark ausgeprägt, sie ist auch politisch gestaltbar. Entwicklungsländer weisen generell eine viel extremere Ungleichheitsstruktur auf als Industrieländer. Von den westlichen Marktwirtschaften weisen traditionell die USA die stärkste soziale Ungleichheit auf, gleichzeitig ist der gesellschaftliche Reichtum in der USA als BIP/Einwohner gemessen deutlich höher als in den westeuropäischen Ländern. Am anderen Ende der “Ungleichheitsskala” stand die Sowjetunion, welche de facto eine wesentlich flachere Ungleichheitsstruktur als alle marktwirtschaftlichen Systeme aufwies, verbunden mit einem viel geringeren gesellschaftlichen Wohlstand, enormer ökonomischer Ineffizienz und vor allem einer totalitären Gesellschaftsform. Zwischen diesen beiden Gesellschafts­modellen steht der westeuropäische Wohlfahrtskapitalismus mit wesentlich geringerer sozialer Ungleichheit als in den USA, erkennbar bspw. an geringeren Armutsraten, sowie einen wesentlich höheren Wohlstand als in den stalinistischen Ländern. Innerhalb Westeuropas stellen die skandinavischen Wohl­fahrts­staaten die egalitärste Gesellschaftsform dar. Norwegen, Schweden und Dänemark wechseln sich in den verschiedenen internationalen Statistiken welche soziale Entwicklung und Gleichheit messen (z.b. Human Poverty Index oder Human Development Index) meistens an der Spitze ab. (s. Nowotny 2000, Skriptum)[1] Sie sind daher heute weltweit jene Gesellschaften mit der egalitärsten Wohlstandsverteilung. Schweden ist jedoch bspw. in der Liste der weltweit wohlhabendsten Länder in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgefallen (s. Brockhaus Enzyklopädie, Mannheim 1992, 18.Aufl, Band 19, S.619).

Diese kurze, skizzenhafte Darstellung soll die theoretische Grundfrage verdeutlichen, die hinter der Verteilungspolitik steht und die auch bei der empirischen Bearbeitung dieses Themas berücksichtigt werden soll: Wie viel soziale Ungleichheit verträgt eine Gesellschaft? Welche Einkommens- und Vermögensverteilung ist für eine Gesellschaft optimal? Und wie viel an Umverteilung ist davon ausgehend für eine ideale Gesellschaft sinnvoll? Die “Strukturfunktionalisten” in der soziologischen Theorie gehen von der Notwendigkeit von Anreizen, wie Geld oder Status, aus um Individuen zu Leistungen für die Gesellschaft zu motivieren. Demnach ist in einer Leistungsgesellschaft ein gewisser Grad an sozialer Ungleichheit notwendig um ökonomische Effizienz und materiellen Wohlstand zu gewährleisten. Dass die Schaffung von materiellem Wohlstand und von sozialer Gerechtigkeit vereinbar sein soll ist die grundlegende Zielsetzung von Verteilungspolitik. Inwieweit diese Zielsetzung in Österreich de facto erreicht wird spielt als Fragestellung in dieser Arbeit daher eine große Rolle und wird auch in den Schlussfolgerungen angesprochen.

Die nächsten Kapitel beschäftigen sich mit der Einkommensverteilung, sowie den Verteilungswirkungen des Steuersystems in Österreich.

Struktur der gesellschaftlichen Ungleichheit

Die Struktur der Einkommens- und Vermögensverteilung einer Gesellschaft ist Grundlage von öffentlicher Verteilungspolitik. Die Ungleichheitsstruktur von kapitalistischen Wohlstandsökonomien macht verteilungssteuernde Maßnahmen notwendig und ist zugleich Resultat verteilungspolitischer Aktivitäten im weiteren Sinn. Manche Soziologen sprechen von der Herausbildung einer “nivellierten Mittelschichtgesellschaft” als Resultat wohlfahrtsstaatlichen Handelns, welches zu einer Einebnung zumindest der traditionellen Klassenunterschiede, wenn nicht gar von sozialer Ungleichheit als solcher geführt habe. Um die tatsächlichen Auswirkungen von öffentlicher Umverteilung beurteilen zu können, ist es jedoch sinnvoll, zunächst eine genauere “Evaluation” der Ungleichheitsstruktur vorzunehmen.[2] Wie stark divergieren also die Einkommensverhältnisse zwischen den untersten und den obersten Einkommenskategorien tatsächlich und v.a. welche Divergenzspanne wird im Vergleich dazu von der Gesellschaft als wünschenswert angesehen? 80 % der EU-Bürger sind laut einer EU-Studie der Meinung die Einkommensunterschiede seien zu hoch und “große Unterschiede im Einkommen seien für die Gesellschaft nicht gut” (EU GD Beschäftigung und Soziales/Eurostat: “2. Jahresbericht über die soziale Lage in Europa” Quelle: http://europa.eu.int/comm/employment_social/news/2001/mar/73_en.html )

Die Einkommensstruktur der unselbständig Erwerbstätigen in Österreich nach Berufskategorien sieht im Überblick so aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: 1998. Quelle: Schlager 1999 vgl. auch GPA 1996 S.21, Tab.1

Die Beschäftigungskategorien der männlichen Angestellten und der weiblichen Beamten verdienen also um Durchschnitt am besten, weibliche Angestellte und Arbeiterinnen durchschnittlich am wenigsten. Am schlechtesten gestellt sind Hilfsarbeiterinnen. Die wesentlichen Determinanten der Einkommensdifferenzen bei den unselbständig Erwerbstätigen sind also Geschlecht und Beschäftigungsstatus. Das Bildungsniveau spielt ebenfalls eine große Rolle, da es den beruflichen Status massiv beeinflusst: Akademiker verdienen im Durchschnitt am besten, Maturanten deutlich weniger und Pflichtschulabsolventen verdienen am wenigsten. Auch branchenspezifische Differenzen spielen eine wesentliche Rolle: In den Sektoren Handel sowie Fremdenverkehr sind die Einkommen auch bei vergleichbaren Bedingungen am niedrigsten. (vgl. GPA 1996 S.19ff.)

Nicht berücksichtigt ist in dieser Struktur allerdings die funktionelle Einkommensverteilung, die Verteilung der Einkommen auf Gewinneinkommen und Erwerbseinkommen im klassischen Sinn des Marxschen Klassenkonzepts von Arbeit und Kapital. In den letzten Jahrzehnten haben in den meisten Industrieländern die Gewinneinkommen deutlich progressiver tendiert als die Einkommen der erwerbstätigen Bevölkerung, d.h. die funktionelle Ungleichheitsstruktur tendiert zu Ungunsten der Erwerbseinkommen. Der Anteil der Nettolöhne am gesamten Volkseinkommen ist laut Alois Guger von 1974 bis 1994 um 15% von ca. 57 auf ca. 43% abgesunken (s. Guger 1996a S.7ff u. Guger 1996b, S.637, Abb1). Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung ist der deutliche Anstieg der Lohnsteuerquote, der von den unselbständig Erwerbstätigen bezahlten direkten Steuern, zwischen 1970 und 1986 von 5.7% auf 13.1%, während zur gleichen Zeit die Quote der Gewinn- und Vermögenssteuern absank. (s. GPA 1996 S.9 u. Guger 1996b, S.637f.). Der Hauptgrund ist allerdings in der wirtschaftlichen Dynamik durch Jahrzehnte ökonomischer Prosperität zu sehen, welche die Akkumulation von Vermögen erleichterte. Wesentlichen Einfluss hat auch die stabilitätsorientierte Lohnpolitik der Gewerkschaften. Die GPA stellt allerdings eine “langfristige Konstanz der bereinigten Lohnquote” (GPA 1996 S.9) fest und weist darauf hin, dass aus der Entwicklung der Lohnquote “nicht auf eine ungünstige Entwicklung der Einkommen der Unselbständigen geschlossen werden” (GPA 1996 S.9) kann. Auch Alois Guger kommt zu dem Schluss, dass die “,bereinigte‘ Lohnquote langfristig relativ stabil” bleibt (Guger 1996a, S.7) Sowohl die Erwerbs- als auch die Gewinneinkommen orientieren sich grundsätzlich am Produktivitätszuwachs. So sind bspw. zwischen 1983 und 1990 die realen Netto-Pro-Kopf-Einkommen der Erwerbstätigen um 13 Prozent gestiegen. Wenn man diesen Aspekt berücksichtigt, so sind zwar auch die Realeinkommen der Erwerbstätigen gestiegen, jedoch trotzdem nicht so sehr wie die Gewinn- und Besitzeinkünfte (siehe Tab.2). Alois Guger erklärt diese Entwicklung der Lohnquote aus strukturellen, sowie konjunkturellen Ursachen: Der Abbau von Arbeitsplätzen v.a. in der Verstaatlichten Industrie, bei gleichzeitig hohem Zinsniveau hat die Lohnquote reduziert (vgl. Guger 1996a S.7ff)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2 Quelle: GPA 1996, S.11, Tab.2 vereinfachte Darstellung

Auch innerhalb der Einkommen aus Besitz und Unternehmen gibt es erhebliche Differenzen: Die Gewinneinkommen aus Kapitalgesellschaften, d.h. aus gewerblichen Betrieben sind um 52,3% gestiegen, jene aus Freien Berufen jedoch um 70,8% und jene aus Besitz (z.B. Wertpapiere) sogar um 76,5%. (s. GPA 1996 S.12, sowie Guger 1996a, S.10, Abb.2). Noch besser haben sich Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung entwickelt. Die Einkommen sind also in jenen Einkunftsgruppen, welche von der sozialpartnerschaftlichen Lohnpolitik nicht erfasst sind, besonders stark angestiegen. Daraus lässt sich die zentrale Bedeutung der Lohnpolitik, d.h. der Kollektivvertragsverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, für die Einkommensverteilung erahnen und zeigt gleichzeitig ihre Schwächen. Der stärkere Anstieg der Besitzeinkommen als der operativen Gewinneinkommen seit den 80ern lässt sich durch eine Verlagerung von Sachinvestitionen hin zu Finanzinvestitionen durch die Unternehmen erklären. (“Principal-Agent-Problem”) Der Rückgang an Realinvestitionen wirkt sich negativ auf die volkswirtschaftliche Produktion und damit auf die Beschäftigungs- und Lohnquote aus. Daraus resultiert ein Umverteilungstrend hin zum Finanzkapital.

Wachstum der Einkünfte aus Besitz und Unternehmung 1983 –1990 (nominell, %)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3 (GPA 1996, S.12, Tab.3 Daten: Österr. Statistisches Zentralamt)

Die Untersuchung der Einkommensverteilung lediglich nach sozialen Großgruppen zeigt gewisse Schwächen, da auch innerhalb dieser Kategorien oft enorme Einkommensdifferenzen bestehen, welche die empirische Legitimität dieser Kategorien an sich in Frage stellen. So unterscheiden sich z.B. die materielle Lage eines Kleinbäckers mit Familienbetrieb ohne Beschäftigte und jene eines Eigentümers eines großen, internationalen Lebensmittelkonzerns gewaltig, obgleich beide als Unternehmer gelten und möglicherweise, je nach Rechtsform des Unternehmens, sogar steuerrechtlich gleich behandelt werden. Gleichfalls unterscheiden sich die Lebensbedingungen einer Spitzenmanagerin einer Einzelhandelskette und einer Kassiererin im Supermarkt gewaltig, obgleich beide in die Kategorie “weibliche Angestellte” in der selben Branche eingestuft werden könnten. Daher wird in der Literatur häufig die personale Ungleichheitsstruktur als maßgeblich herangezogen. Zur Messung von sozialer Ungleichheit eignet sich dabei das Äquivalenzeinkommen als Indikator am besten. Das Äquivalenzeinkommen wird ausgehend vom Haushaltseinkommen als gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen berechnet, wobei die Anzahl der Personen im Haushalt und deren Alter berücksichtigt wird.

[...]


[1] Die Situation in Russland und Osteuropa nach dem Ende des Sowjetsystems, sowie Japan und Australien werden in dieser stark verkürzenden Skizzierung ausgeklammert.

[2] Das wird in dieser Seminararbeit aufgrund des Rahmens nur ansatzweise geschehen.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Umverteilung durch Steuern in Österreich
Hochschule
Universität Wien  (Insitut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar aus Österreichischer Regimelehre: Verteilungspolitik
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
29
Katalognummer
V3536
ISBN (eBook)
9783638121828
ISBN (Buch)
9783638638173
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das Steuersystem wird beschrieben und die Umverteilungswirkungen von Steuern, v.a. der Einkommens- und Lohnsteuern werden analysiert.
Schlagworte
Österreich, Steuerpolitik, Verteilungspolitik, Sozialpolitik, Umverteilung, Inzidenz, Lohnsteuer, Einkommensteuer
Arbeit zitieren
Thomas Paster (Autor), 2001, Umverteilung durch Steuern in Österreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3536

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