Die NS-Verfolgung von "Zigeunern" in Österreich. Die Anhaltelager Lackenbach und Weyer am Inn


Seminararbeit, 2011

14 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sinti und Roma – Geschichtlicher Abriss

3. Vordenker der Vernichtung

4. Das Lager Lackenbach
4.1 Errichtung des Lagers Lackenbach
4.2 Lagerverwaltung
4.3 Lebensbedingungen/Tagesablauf/Ernährung
4.4 Arbeitseinsätze
4.5 Disziplinarmaßnahmen
4.6 Die Opfer Lackenbachs

5. Zigeuneranhaltelager Weyer am Inn

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich bin auf dieser Welt nur auf einer kurzen Erdenreise. Ich habe nichts mitgebracht und werde auch nichts mitnehmen. Gott hat mich auf dieser Welt zu einem Zigeuner gemacht. Ich danke Gott dafür und werde ewig stolz sein, ein Zigeuner zu sein.“[1]

Wenn man von der Verfolgung und Misshandlung einer Volksgruppe über die Jahrhunderte hinweg spricht, werden die meisten Menschen sofort an die Juden und den Holocaust denken. Obwohl natürlich auch diese massiven Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufs Schärfste zu verurteilen sind, werde ich mich im Folgenden mit einer weniger bekannten Minderheit, den Sinti und Roma beschäftigen. Diese im Allgemeinen als Zigeuner bezeichneten Volksgruppen hatten in den Jahrhunderten ihrer Einwanderung aus dem Norden Indiens unzählige Gräueltaten zu überstehen und verloren nicht zuletzt in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern viele ihrer Brüder und Schwestern.

Unsere Exkursion im SS 2010 war eine wichtige Erinnerung daran, wie viele Volksgruppen unter dem Terror des Nationalsozialismus gelitten haben.

2. Sinti und Roma – Geschichtlicher Abriss

Lange galten die Sinti und Roma in der Meinung der Öffentlichkeit als Ägypter, die aufgrund ihres christlichen Glaubens aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Die Vertreibung aufgrund der Religionszugehörigkeit ist heute bestätigt, nur das Herkunftsland musste berichtigt werden. Sprachforscher haben nachgewiesen, dass das Romanes, die Sprache der Sinti und Roma aus dem altindischen Sanskrit stammt und die ursprüngliche Heimat der Volksgruppen somit im Panjab, einem gebiet im nördlichen Indien liegt. Der Einfall islamischer Eroberer zwang die Sinti und Roma um 9. und 10. Jahrhundert auf ihre Flucht aus den angestammten Landen. Die zwei Wanderrouten nach Europa führten zu großer Wahrscheinlichkeit über Armenien und Russland sowie über Griechenland und den Balkan.

Die Ankunft der Sinti und Roma im deutschsprachigen Raum dürfte nach dem heutigen Forschungsstand ca. 800 Jahre zurückliegen. Im 14. Jahrhundert gibt es erste Berichte über die Zuwanderung im auf dem griechischen Festland und auf dem Balkan, wo bald auch erste Siedlungen entstanden. 1399 tauchen die Wandervölker zum ersten Mal in Böhmen auf, wobei sie aber z.B. 1417 in Meißen schon urkundlich erwähnt sind, wenn auch unter dem Namen Tateren.[2]

Bald schon waren die Sinti und Roma in Europa Vorurteilen und Verleumdungen ausgesetzt, einerseits weil man sich mit der Lebensart nicht anfreunden konnte, andererseits weil man sich der Sinti und Roma ebenso wie der Juden als Sündenbock für Missstände wie Seuchen bediente. Bald schon wurden so genannte Zigeunertafeln an Ortseingängen angebracht, die dem Wandervolk bei Besuch der Dörfer schlimmste Bestrafungen androhten.

Eine Vielzahl von Zigeuneredikten regelte den Umgang mit den Fahrenden, wobei hier durchaus Unterschiede zwischen den deutschen Kleinstaaten zu erkennen sind. Auch gab es bei Konjunkturlage weniger Verfolgungen als in Phasen wirtschaftlicher Stagnation.[3]

Unter Friedrich dem Großen von Preußen sowie Kaiserin Maria Theresia von Österreich wurden die Bemühungen verstärkt, Sinti und Roma sesshaft zu machen. Dies diente aber weniger ihrem Schutz, sondern der Beschaffung von Arbeitskräften sowie einer Zerstörung der kulturellen Eigenheit ab (Verbot der Sprache, Sitten sowie anderer Formen kultureller Äußerung), also nichts weiter als ein neuer Ansatz, das „Problem“ Sinti und Roma zu lösen.[4]

Ein weiterer ungewöhnlicher Umerziehungsversuch findet sich Anfang des 18. Jahrhunderts in Baden-Württemberg. Hier wurde eine aus Sinti bestehende Räuberbande durch Verrat anderer Sintis gefasst. Diese bekamen als Belohnung eine Anstellung als Feldpolizist, um Vagabunden gefangen zu nehmen. Dieses Beispiel machte bald Schule und auch in anderen deutschen Fürstentümern wurde diese Praxis übernommen. Eben diese Feldpolizisten setzten sich später für die „württembergische Zigeunerverordnung“ ein, die besagte, dass alle inländischen Sinti verschiedenen Gemeinden zugeteilt und mit Wohnungen versehen werden sollten. Vom Nachweis des Wohnsitzes hing von nun an die Gewerbeerlaubnis ab. So hatte man es geschafft, einen Keil in die Gruppe der Sinti und Roma zu treiben.[5]

Das Reisen wurde in den Folgejahren noch stärker reglementiert, sodass bald vor jeder Übernachtung ein Visum bei der örtlichen Polizeidirektion beschafft werden musste. Trotzdem scheiterten alle diese „Projekte“, da Familien vielfach getrennt worden waren und sich die Sinti weigerten, ohne ihre ganze Familie sesshaft zu werden. Viele Gemeinden konnten aber auch das Geld für die versprochenen Wohnungen nicht aufbringen. Auch standen viele Alteingesessene den Sinti und Roma oft sehr feindselig gegenüber.

Generell lässt sich sagen, dass die Kultur der Sinti und Roma als minderwertig angesehen wurde und somit auszumerzen war. Dass diese Maßnahmen zum Scheitern verurteilt waren lag aber einfach daran, dass man die Sinti und Roma ihrer kulturellen Identität berauben wollte. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich die Lage für viele Sinti und Roma, da der sukzessive Vorantrieb der Einigung Deutschlands das Abstammungsprinzip in den Hintergrund drängte und eine „deutsche Staatsangehörigkeit“ mehr und mehr in den Vordergrund trat. Diejenigen Sinti, die nun eine Bindung an den deutschen Staat nachweisen konnten, galten offiziell als Inländer. Ausländische Sinti wurden bei der Gewerbefreiheit den Inländischen zwar gleichgestellt, trotzdem behielt es sich der neu gegründete deutsche Staat vor, diese auszuweisen, sollten sie die einheimische Bevölkerung z.B. durch ihr Gewerbe wirtschaftlich schädigen. Von diesem recht machten die Behörden auch regen Gebrauch.

In Österreich wurde Ende des 19. Jahrhunderts mit der systematischen Erfassung alles Sinti und Roma begonnen, nachdem Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Ende der Leibeigenschaft eine Einwanderungswelle von Sinti und Roma aus dem Osten folgte. Die Menschen erhofften sich eine neue Chance in den aufstrebenden Industrienationen. Diese Einwanderung führte auch zu weiteren Verschärfungen des Umgangs mit den Sinti und Roma. So folgte 1888 der „K. u. K. Erlass des Ministeriums des Inneren“, der eine einheitliche „Zigeunerbekämpfung“ befürwortete.[6] Bereits dieser Erlass forderte die Unterbringung „arbeitsscheuer Zigeuner“ in Arbeitslager, die Konfiszierung von Karren und Pferden sowie die Auflösung der Familienverbände. Außerdem sollten Kinder von Roma in staatliche Fürsorge, um sie vom Einfluss ihrer Eltern und somit ihren kulturellen Wurzeln fernzuhalten. Während des ersten Weltkriegs kämpften viele Sinti und Roma im österreichischen Heer und bekamen, sofern sie überlebten das Recht auf die österreichische Staatsbürgerschaft.[7]

1921 wurde das Burgenland per Volksabstimmung an Restösterreich angegliedert. Diese Angliederung bedeutete aber gleichzeitig die Aufnahme von ca. 3.000 Sinti und Roma, die im Burgenland beheimatet waren. Mit rigorosen Maßnahmen wurde versucht, die neue Bevölkerungsgruppe möglichst klein zu halten. So wurden die Polizeidirektionen ab 1925 angewiesen, jeden „Zigeuner“ über 14 Jahren im Burgenland auszuforschen und Fingerabdrücke zu nehmen. In dieser „Zigeunerkartothek“ waren 1928 bereits ca. 8.000 Menschen erfasst. Auf Grundlage dieser Vorarbeit wurde 1936 in Wien die „Zentralstelle zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ gegründet, die sich mit der datenmäßigen Erfassung aller in- sowie ausländischen Zigeuner beschäftigte.[8] Diese Kartothek führt uns nun auch zum Hauptthema dieser Abhandlung, da sie die Grundlage der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gegenüber Sinti und Roma in Österreich bildete.

3. Vordenker der Vernichtung

„Willst Du, Deutscher, Totengräber des nordischen Blutes im Burgenland werden, so übersehe nur die Gefahr, die ihm die Zigeuner sind.“[9]

Dieser Untertitel stammt von Dr. Tobias Portschy. Nach dem Anschluss 1938 übernahm er das Amt des Landeshauptmannes im Burgenland und initiierte sofort Kampagnen gegen Sinti und Roma. So ließ er z.B. im Juni 1938 232 männliche Zigeuner in „Vorbeugehaft für kriminell Anfällige“ nehmen und ins KZ Buchenwald deportieren.[10]

Solche Verhaftungen und Deportationen wurden vom damaligen steirischen Gauleiter Uiberreither wie folgt kommentiert:

„Obwohl es sich hier um anständig beschäftigte Zigeuner handelt, die weder vorbestraft noch arbeitsscheu sind oder in anderer Weise der Allgemeinheit zur Last fallen, will ich ihre Unterbringung in Zwangsarbeitslagern aus der Erwägung heraus anordnen, dass ein Zigeuner als außerhalb der Volksgemeinschaft stehend stets asozial ist.“[11]

Folgende Regelungen sollten laut Portschy zur Ausrottung der Zigeuner führen:

- Der Geschlechtsverkehr zwischen Zigeunern und Deutschen ist verboten und fällt unter den Begriff „Rassenschande“
- Verbot des Volksschulbesuchs von Zigeunern
- Sterilisierung
- Regelmäßige Haus- und Personendurchsuchungen
- Auflösung von Zigeunersiedlungen und Unterbringung in Arbeitsbaracken
- Anhaltung in Arbeitslagern
- Verbot der Ausübung von Privatberufen außerhalb des Lagers
- Zigeuner dürfen keine Waffenträger der deutschen Nation sein
- Förderung von freiwilliger Auswanderung[12]

Mit diesen Forderungen hatte Portschy das Verfolgungsprogramm der Nationalsozialisten klar definiert und kann somit als geistiger Vater der Vernichtung der Sinti und Roma im Burgenland gesehen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[13]

4. Das Lager Lackenbach

Lager wie Lackenbach waren in Österreich ursprünglich als Anhaltelager geplant. Nach den anfänglich erfolgreichen Ostfeldzügen sollten alle Zigeuner, wie auch die Juden, nach Polen deportiert und dort konzentriert werden. Nachdem diese Vorhaben nicht wie geplant umgesetzt werden konnten, wurden die Anhaltelager nach und nach von Sammellagern zur Vorbereitung der Deportation zu permanenten Lagern umgebaut. So entstand auch das größte Zigeunerlager auf österreichischem Boden, Lackenbach, welchem ich mich im Folgenden intensiver widmen werde.

[...]


[1] Prof. Karl Stojka, in: Gegen Vergessen, Roma – 10 Jahre österreichische Volksgruppe, Einladung zur Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus an die Opfer des Nationalsozialismus, Wien 2004, S. 11

[2] Vgl. Krausnick, Michail, Wo sind sie hingekommen, Der unterschlagene Völkermord an den Sinti und Roma, Gerlingen 1995, S. 128

[3] Ebenda, S. 130

[4] Vgl. Reemtsma, Katrin, Sinti und Roma, Geschichte, Kultur, Gegenwart, München, 1996, S. 44

[5] Ebenda, S. 45

[6] Kaiser, Hedwig, Das Leben der Roma und Sinti im deutschsprachigen Raum von der Zeit der Zuwanderung bis zur Gegenwart, unter besonderer Berücksichtigung administrativer und legislativer Maßnahmen, Politische Entwicklung von der nationalen zur internationalen Dimension, Dissertation, Wien 1993, S. 76

[7] Vgl. Baumgartner, Gerhard, 6 x Österreich, Geschichte und aktuelle Situation der Volksgruppen, Klagenfurt 1995, S. 6

[8] Vgl. Haupt, Gernot, Antiziganismus und Sozialarbeit, Berlin 2006, S. 119

[9] Przyrembel, Alexandra, Rassenschande, Reinheitsmythos und Vernichtungslegitimation im Nationalsozialismus, Göttingen 2003, S. 320

[10] Uslu-Pauer, Susanne, „Verdrängtes Unrecht“, Eine Auseinandersetzung mit den in Zusammenhang mit NS-Verbrechen an Roma und Sinti stehenden Volksgerichtsverfahren (1945-1955) unter besonderer Berücksichtigung des Lagers Lackenbach im Burgenland (Beschreibung – Analyse – Auswirkung nach 1945), Diplomarbeit, Wien 2002, S. 60

[11] Soziale Ausgrenzung, Fokus: Roma in Österreich, Zentrum Polis, Politik lernen in der Schule, Ausgabe 5/2010, S. 6

[12] Vgl. ebenda, S. 61

[13] Dr. Tobias Portschy, der Vordenker der Vernichtung, http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:PortschyTobias.jpg&filetimestamp=20091111230336, 25.08.2010

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die NS-Verfolgung von "Zigeunern" in Österreich. Die Anhaltelager Lackenbach und Weyer am Inn
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Zeitgeschichte)
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V353725
ISBN (eBook)
9783668400740
ISBN (Buch)
9783668400757
Dateigröße
873 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ns-verfolgung, zigeunern, österreich, anhaltelager, lackenbach, weyer
Arbeit zitieren
Mag. Armin Kofler (Autor), 2011, Die NS-Verfolgung von "Zigeunern" in Österreich. Die Anhaltelager Lackenbach und Weyer am Inn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353725

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