Ikonoklasmen treffen, genau wie Bilder, gezielte Aussagen, denn die Information des Zerstörers wird durch das Bildmedium zugänglich gemacht. Norbert Schnitzler schreibt in Bezug auf die Bilderstürme in Norddeutschland, dass „die Täter in der Regel selektiv vorgingen und ihr Handeln spezifischen Spielregeln folgte.“ Der Bilderstürmer, so Schnitzler weiter, handele kontrolliert und wähle Bilddarstellungen gezielt aus. Der ganze ikonoklastische Akt bekommt dadurch eine demonstrative Geste und einen appellativen Charakter. Es scheint, als ob diese Beobachtungen nicht nur den norddeutschen Bildersturm beschreiben, sondern eine allgemeine Gültigkeit zumindest zu manchen Zeiten und in vielen Kulturräumen entfalten.
In dieser Arbeit geht es allerdings nicht um das allgemeine Phänomen des Ikonoklasmus, sondern um die Zerstörungsdimensionen des Blicks, die vor allem durch ikonoklastische Akte sichtbar gemacht und verarbeitet werden. Bildzerstörung bedeutet in diesem Fall, dass die Bildobjekte entstellt weiter als solche existieren. Die Zerstörung wird also sinnenfällig gemacht, anstatt das gesamte Medium zu beseitigen. Bis heute beobachten wir täglich Veränderungen von öffentlichen Bildobjekten durch das Defacing. Ausgestochene, übermalte oder ausgeschwärzte Augen sind jedoch schon sehr viel früher in ikonoklastischen Akten zu beobachten. Wofür steht diese Art der Bildzerstörung und welche Auswirkungen hat sie auf das Bild und den Betrachter?
Mit Hilfe von zwei Fallbeispielen möchte ich eine Art wissenschaftliche Hängung ähnlich wie Aby Warburg in seinem Bilderatlas durchführen und einen assoziativen Raum kreieren, indem einerseits die visuellen und andererseits die blicktheoretischen Strömungen der Bildobjekte gegenübergestellt werden sollen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zerstörte Augen: Seewalds Gregorsmesse im Kontext des Münsteraner Bildersturms
2.1 Repräsentation, Substitution und Vision im Bild
2.2 Neue Symbolik der ikonographischen Sprache
2.3 Bild und Betrachter unter dem augenlosen Blick
3 Zerstörerische Augen: Ai Weiweis Dropping a Han Dynasty Urn
3.1 Die fallende Vase
3.2 Macht des Bildblicks
3.3 Bild und Betrachter unter dem direkten Blick
4 Interaktion der Bildobjekte
4.1 Der Verweis auf den Körper
4.2 Konzeptionelle Gegenüberstellung
4.3 Ausblick: Verschiebung auf medialer Achse
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Zerstörungsdimensionen des Blicks in der Kunst, indem sie ikonoklastische Akte als Mechanismen analysiert, die Machtverhältnisse zwischen Bild und Betrachter neu definieren. Anhand von zwei Fallbeispielen wird erforscht, wie durch gezielte Bildzerstörung (oder deren Inszenierung) der Betrachter in seiner Wahrnehmung beeinflusst und das Bildobjekt in seiner Funktion transformiert wird.
- Phänomenologie des Ikonoklasmus und Bildzerstörung
- Die Differenzierung zwischen Auge und Blick in der Kunst
- Machtdynamiken zwischen Bildobjekten und Betrachtern
- Bild- und blicktheoretische Analysen (Bredekamp, Bryson, Marin, Sartre)
- Mediale Transformationen durch Fotografie und Inszenierung
Auszug aus dem Buch
Die fallende Vase
Für die Bedeutung des Auges beziehungsweise des Bildblicks ist das fotografische Triptychon Dropping a Han Dynasty Urn (Abb. 6) von Ai Weiwei besonders interessant. Die Fotoserie von 1995 besteht aus drei Fotos, die nebeneinander aufgehängt ausgestellt wurden, während vor den schwarz-weißen Fotografien bunte von Ai angemalte Han-Vasen installiert wurden (Abb. 7).
Auf den Fotografien zeigt sich der Künstler gleichzeitig als Derjenige, der den ikonoklastischen Akt vollzieht: Ai steht in den drei Bildern in der gleichen Haltung am selben Ort vor einer geziegelten Wand. Er ist unbewegter als die Vase, die in Folge der drei Aufnahmen zerbricht. Die Fotografien stellen in drei Einzelbildern den Moment von der ganzen Vase bis zur zerbrochenen Vase dar.
Im ersten Bild präsentiert der Künstler und Zerstörer den Betrachtenden das Objekt, das er in seinen Händen hält. Im zweiten Bild befindet sich die Vase im freien Fall – etwas unter Kniehöhe ist der ganze Gegenstand vertikal und deutlich, nicht verwischt, erkennbar. Ai Weiweis Körperhaltung ändert sich vom zweiten zum dritten Bild kaum: Die gespreizten Finger der erhobenen Hände im dritten Bild erinnern an einen präsentierenden Gestus.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung etabliert das Thema der Zerstörungsdimensionen des Blicks und differenziert zwischen dem bloßen Akt der Zerstörung und dem spezifischen Eingriff in Bilddarstellungen, um die Wirkung auf den Betrachter zu hinterfragen.
2 Zerstörte Augen: Seewalds Gregorsmesse im Kontext des Münsteraner Bildersturms: Dieses Kapitel analysiert das historische Gemälde von Seewald und zeigt auf, wie gezielte Augenzerstörungen an dargestellten Figuren die religiöse Bildaussage des katholischen Klerus systematisch negieren und den Betrachter neu positionieren.
3 Zerstörerische Augen: Ai Weiweis Dropping a Han Dynasty Urn: Hier wird Ai Weiweis inszenierter Ikonoklasmus untersucht, wobei insbesondere der direkte Blick des Künstlers in die Kamera als Element analysiert wird, das den Betrachter zur Zeugenschaft zwingt.
4 Interaktion der Bildobjekte: Dieses Kapitel vergleicht die unterschiedlichen Ansätze der Bildzerstörung von Seewald und Ai Weiwei, um durch eine konzeptionelle Gegenüberstellung die Medialität und die Rolle des Körpers in der Interaktion mit dem Betrachter herauszuarbeiten.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Ikonoklasmen nicht nur historische Phänomene sind, sondern durch mediale und bildtheoretische Verschiebungen stetig neue Machtverhältnisse und Interaktionsformen zwischen Bild und Betrachter erzeugen.
Schlüsselwörter
Ikonoklasmus, Bildzerstörung, Blicktheorie, Bildakt, Seewald, Ai Weiwei, Repräsentation, Substitution, Medusa, Betrachter, Machtverhältnis, Bildblick, Visus, Interaktivität, Kunsttheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse von Bildzerstörung und dem sogenannten "Ikonoklasmus", wobei der Fokus auf den Zerstörungsdimensionen des Blicks liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die Machtverhältnisse zwischen Bildern und Betrachtern, die mediale Wirkung von Bildstrafen sowie die Bedeutung von Auge und Blick in der kunsthistorischen und bildtheoretischen Analyse.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, eine bildtheoretische Sprache zu entwickeln, um zu verstehen, wie zerstörte oder zerstörerische Augen in Werken das Bildverständnis und die Position des Betrachters transformieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine bild- und blicktheoretische Analyse, die Konzepte von Theoretikern wie Horst Bredekamp, Norman Bryson, Louis Marin, Maurice Merleau-Ponty und Jean-Paul Sartre auf konkrete Fallbeispiele anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse des Gemäldes "Gregorsmesse" von Seewald, das Werk "Dropping a Han Dynasty Urn" von Ai Weiwei sowie eine interaktive Gegenüberstellung dieser beiden Beispiele.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind neben Ikonoklasmus und Bildakt besonders "substitutives Bildverständnis", "Blickentfaltung", "Gaze", "Glance" und die "Medusa-Problematik" als Chiffre für die Macht des Bildblicks.
Wie unterscheidet sich der Ikonoklasmus bei Seewald von dem bei Ai Weiwei?
Während bei Seewald eine historische, religiös motivierte Zerstörung vorliegt, die das Bild verändert, ist Ai Weiweis Ikonoklasmus ein zeitgenössischer, medienbewusster Akt, bei dem das Werk die Zerstörung selbst als Teil der Inszenierung mitliefert.
Warum spielt das Medusa-Motiv eine Rolle für das Verständnis der Arbeit?
Das Medusa-Motiv dient als theoretisches Modell, um die "versteinernde" oder handlungsunfähig machende Wirkung des direkten Bildblicks auf den Betrachter zu illustrieren.
- Citation du texte
- Lucia Xu (Auteur), 2016, Zerstörte und zerstörerische Augen. Destruktionsdimensionen verschiedener Bildobjekte unter Bild- und Blicktheorien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353730