Online-Archive als Erweiterung in der Literaturwissenschaft. Das Projekt "Datenbank literarischer Bildzitate der Universität Wien"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

29 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Literalität und Digitalität
1. Internet als allgegenwärtiger Informationszugang
2. Medien im digitalen Wandel
a) Analog vs. digital
b) Möglichkeiten im virtuellen Raum

II. Archivfunktion der digitalen Welt
1. Netzliteratur
2. Online-Sammlungen
3. Recherche im World Wide Web

III. Die Datenbank literarischer Bildzitate
1. Projektdarstellung der Universität Wien
3. Konkrete Darstellung im Gebrauch der Homepage
4. Verbesserungswürdigkeit

IV. Zukunftstendenzen

V. Fazit

VI. Quellenverzeichnis
1. Literaturangaben
2. Internetangaben

Einleitung

Smartphones, Tablets, LapTops oder eBook Reader. Die Devise heißt schneller, besser und vor allem mehr Speicher. Denn die Dateien brauchen Platz und der wird heutzutage immer seltener auf analogen Trägern geschaffen. Der Trend geht in Richtung Digitalisierung. Das spielt aber nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Bereich eine Rolle. Die Gesellschaft hat das Verlangen nach permanenter Verfügbarkeit von Fotos, Videos, Scans oder Dokumenten. Sozusagen immer und überall abrufbare Informationen zur Verfügung zu haben, sei es zum Vergnügen, für die Arbeit oder das Studium. Auf diese Weise wird Wissen als Allgemeingut gehandelt und ist für jedermann zugänglich, der über die technischen Mittel und das nötige Know-how verfügt.

Das Ganze beginnt mit dem digitalen Zeitalter um circa 1940 und entwickelt sich seither unaufhörlich weiter wie das World Wide Web, das bereits seinen zwanzigsten Geburtstag feiert.[1] Die Technik eröffnet fortwährend neue Möglichkeiten diese Online-Welt zu nutzen. So nimmt auch die Literaturwissenschaft an diesem Wandel teil. Das soll besonders unter dem Aspekt der Archivierung analysiert werden. Denn „das traditionelle Literatursystem hat mit dem Internet, dem ‚Netz der Netze’, eine Erweiterung erfahren, dessen Konsequenzen in unterschiedlichste Richtungen beobachtet werden können. Am offensichtlichsten sind sie- als Datenbank- für Bibliotheken und- als Distributionskanal- für den Buchhandel, das heißt für die Archivierung und den Vertrieb von Literatur.“[2]

Diese wissenschaftliche Ausarbeitung befasst sich daher mit der Frage nach der Digitalisierung von Literatur und deren Unterkategorie des Archivs. Zuerst werden theoretische Begriffe klar abgegrenzt, damit eine Basis für die behandelte Thematik geschaffen ist. Dann folgt eine Darstellung des Internets, die in Hinblick auf die Literatur den Werdegang sowie die Vor- und Nachteile der Digitalität aufzeigen. Bis heute ist die Digitalität ein viel diskutierter Sachverhalt. Das hat den Grund, „dass Texte auf einmal unmittelbar, papierlos, auf Knopfdruck verfügbar sein sollen und sind, dass Rezeption und Produktion von Literatur immer öfter nun in Szenarien der digitalen Vernetzung erfolgt, das ist in Kultur und Wissenschaft Heilsversprechen wie Schreckensgespenst.“[3] Nach dem genauen Abwägen der Funktionen von Literatur im, mit und durch das Internet, wird genauer auf die Verwendung als Archiv eben desselben eingegangen. Hier liegt der Kern der Arbeit und stellt neben der Netzliteratur die Online-Sammlungen in den Fokus. Die Recherche verkörpert dabei den Schlüssel zur Information. Weiters wird die Datenbank literarischer Bildzitate der Universität Wien vorgestellt, um die Thematik greifbarer zu machen. Abschließend folgt ein Ausblick zu kommenden Tendenzen, die unser digitales Miteinander betreffen.

Auch, wenn die Arbeit auf Literaturrecherche basiert, ist eine umfassende Behandlung des Inhalts versichert. Jedoch ist zu beachten, dass es sich um eine Hausarbeit als Erweiterung zu einem Referat im Rahmen eines Seminars handelt, weshalb ein bestimmter Umfang einzuhalten ist.

I. Literalität und Digitalität

Bevor tiefer in die Materie eingedrungen wird, sollen als Einführung in das Kapitel die Begrifflichkeiten der Literalität und Digitalität geklärt sein. Denn in ihrer Begegnung liegt unter anderem der Komplex der Archivierung, der in späterer Behandlung thematisiert ist.

„Die Literalität, die in erster Linie an Bücher und andere Printmedien gekoppelt ist und das Lesen wie das Schreiben betrifft“,[4] kann sich mit den Innovationen der Zeit arrangieren. Dadurch macht sie einen Prozess der Transformation durch, der je nach Person unterschiedlich in Anspruch genommen wird. So wird nicht auf gewohnte Verhaltensweisen wie das Arbeiten mit analogen Mitteln komplett verzichtet, sondern es werden Mischformen im Umgang mit dem geschriebenen Wort eingegangen.

Digitalität betitelt nun „die unterschiedlichsten Nutzungsformen des Computers (…); aber der Computer auch als Instrument für Graphik und Design oder neuer Soundproduktion. Die Digitalität irritiert und verflüssigt auch die geschlossenen Formen des Druckzeitalters, des Kinos und Fernsehens durch den interaktiven Charakter, den das Medium auszeichnet.“[5]

Im technischen Fortschritt geschieht ein Ineinandergreifen der beiden Elemente, die sich gegenseitig in der neuen Form ergänzen. „Die Implementierung von ‚digitaler’ Literatur in Computernetzen hat zweifelsohne einen Paradigmenwechsel der literarischen Kommunikation bewirkt.“[6] Was die Gesellschaft letztendlich daraus hervorbringt kann unterschiedlichste Ausprägungen haben. „Google Book Search (GBS) is just one example of an explosion in digitization activity, encompassing the printed word in all its forms and including books, newspapers, court records, journals, and personal correspondence.“[7] Die Möglichkeiten sind vielfältig und mit Sicherheit noch nicht ausgeschöpft.

1. Internet als allgegenwärtiger Informationszugang

Permanenter Zugriff auf Wissen egal wann und wo. Das ist leider ein sehr utopischer Gedanke und beschränkt sich ausschließlich auf die Erste Welt. Zusätzlich brauchen diejenigen, die in ihr leben, die erforderlichen Kenntnisse sowie das technische Rüstzeug um am Angebot im Netz zu partizipieren. Doch was genau ist hier gemeint, wenn vom Internet, Netz oder Web die Rede ist? „Technisch umfasst das Internet die Gesamtheit aller Datenleistungen, aller Computer, die Relais-Funktionen übernehmen, aller Datenpakete, die transportiert werden, und aller Server und Clients, die Informationen anbieten und abfordern.“[8] Es ist also eine Art Dachverband unter dem sich verschiedene Online-Dienste zusammen finden und koordiniert werden. So auch Archive. Das Internet selbst „taugt bei einer Dokument-Lebensdauer von zweieinhalb Monaten nicht zum Archiv. Es zu archivieren ist ein heroischer Akt, der die Frühzeit des Web ohnehin nicht mehr retten kann. Und auch die meisten der zeitgenössischen Websites lassen sich so nicht dem Vergessen entreißen, sie gehen ständig unwiederbringlich verloren.“[9] Das Internet dient eben nur dem Transport von Daten und bildet eine Art verbindendes Durchgangsportal für Informationen. „Denn das Internet, genauso wie einzelne Websites, funktioniert nach dem Prinzip der Zwischenspeicherung. Das Internet ist kein Langzeitspeicher, sondern ein temporärer Speicher. Es gibt an sich keine eindeutig fixierten Gedächtnisorte mehr. Vieles existiert nur vorübergehend und verändert seine Form rasch wieder, wie uns dies zum Beispiel Twitterportale, kollektive Blogs oder einzelne stark bearbeitete Wikipedia-Einträge sehr deutlich vor Augen führen können.“[10] Das Netz „ist also offenbar als Archiv untauglich“, [11] aber es bietet Mobilität. Die Freiheit rund um die Uhr, unabhängig vom Ort, Dateien abzurufen. „Where understanding lags behind innovation, the rhetoric of technological determinism can fill the void, building on an illusory ideal of instant access to the world’s knowledge with minimal, time, energy, and space concerns.“[12]

Doch der Gebrauch von Technik steht immer mit den Generationen im Zusammenhang. Generell lässt sich sagen, dass Großeltern ein anderes Medienverständnis als ihre Enkel haben, weil „die individuelle Medienpraxis […] nicht über bewusste Auswahlentscheidungen, sondern über Routine und Habituisierungen“[13] läuft. Man hält definitiv an altbekannten Gewohnheiten fest. Denn „wir alle wissen es aus eigener Erfahrung und die biographische Leseforschung lehrt es uns systematisch, dass viele Verhaltensweisen der kognitiven Arbeit, der Modulierung der Gefühle und des sozialen Umgangs besonders stabil bleiben, wenn sie sich im Prozess des Aufwachsens von der Kindheit bis ins Leben der jungen Erwachsenen herausgebildet haben.“[14] Trotzdem ist permanentes Lernen möglich und bis zu einem gewissen Grad auch notwendig um in der Gesellschaft bestehen zu können. Speziell den Autoren fordert die Arbeitswelt laufend neue „mediale Kompetenzen ab“,[15] die zweckmäßig erlernt werden müssen[16] um am Puls der Zeit zu bleiben.

Es „stellt sich aber auch die Frage nach der Konservierung der eigentlichen Archivprojekte bzw. was mit ihnen passiert, wenn einmal die Information des jeweiligen Objektes digital gespeichert wurde.“[17] Nun werden Originale nicht vernichtet, sondern zusätzlich zur digitalen Form erhalten. Daher ist es ein Trugschluss mit der Digitalisierung Platz sparen zu können. Genau genommen wird mehr Raum benötigt, der jedoch von Einzelpersonen nicht als solcher wahrgenommen wird. Als Vergleich kann eine Bibliothek dienen, die einen festen Standpunkt besitzt und ihr analoges Angebot auch im Netz präsentiert. Dafür mussten erst digitale Ausgaben erstellt werden, die wiederum auf Datenträgern gespeichert und daher irgendwo gelagert sind. Somit bleibt das Original parallel zur digitalen Version erhalten und kann bei Bedarf gesichtet werden. Auf diese Weise ist der allgegenwärtige Online-Zugriff gewährt und das analoge Referenzstück gesichert. „Die Frage nach der Nullkopie, die gesichert und konserviert wird, stellt sich aber bei rein digitalen Archiven, wie z.B. dem Online-Portal YouTube oder der Fotosammlung Flickr anders, gerade weil es im Fall eines rein digitalen Archiv so etwas wie eine physische Ausgangskopie gar nicht gibt.“[18] Hier ist es eine Überlegung wert zusätzlich zum Online-Original analoge Kopien anzufertigen, was jedoch in seinem kompletten Ausmaß unmöglich zu realisieren wäre. Dafür sind nicht genug Kapazitäten vorhanden.

2. Medien im digitalen Wandel

Medien fungieren als Spiegel der Gesellschaft und genau wie diese entwickeln sie sich unaufhörlich weiter. Es ist so, „dass medialer Wandel die Menschen einer Unberechenbarkeit aussetzt, da er für eine bestimmte Zeit die Machtverhältnisse zwischen den Agenten der Kommunikation untereinander und vor allem die Machtverhältnisse zwischen Mediennutzern und Medien zu verschieben scheint.“[19] Dazu gehört eine gewisse Eingewöhnungszeit, „denn die Formen und die Eigenart des Lesens verändern sich nachhaltig durch ihre Einbettung in eine digitale Schriftkultur und durch die Verschiebung von Medienpräferenzen.“[20] Das hat Auswirkungen auf unser gesamtes zwischenmenschliches Verhalten, welches sich erst einzupendeln hat. Daran führt kein Weg vorbei. „Die Zukunft unserer Kultur und unserer Zivilisation wird dort geschrieben und nicht hier, nicht in realen Worten, sondern in virtuellen, nicht auf Papier, sondern als digitaler Code, in elektronischen, magnetischen oder anderen Medien.“[21] Eine Umstrukturierung von einem Zustand der Medien in einen anderen. Es wird digitalisiert. Diese Digitalisierung hat „in erster Linie mit der Verarbeitung analoger Texte, Bilder und Töne zu tun: also mit dem Einscannen von Bild und Schrift, der Digitalisierung von Filmen oder der Verwandlung von Tönen auf Schallplatte und Musikkassette in z.B. WAV- oder MP3-Dateien für den Computer.“[22] So ist auf digitalen Archiven bezogen die Grundlage „nicht mehr der Buchstabe, sondern die Zahl. Algorithmen bestimmen die Medienobjekte und sind verantwortlich für deren Gestalt und Übermittlung.“[23] Ziel ist es den allgemeinen Zugriff auf Daten zu vereinfachen, auch wenn es auf den ersten Einblick komplizierter als das alte System aussieht. Unter Vorraussetzung, dass ein Online-Archiv gut angelegt ist, kann es die Reichweite der vertretenen Objekte um ein Vielfaches steigern. Wobei die Aufgabe der „mass digitization […] has been limited to the relatively few companies with the expertise, funding, and scalability to digitize textual content on a massive scale.“[24] Der Grund sind Kosten, Zugang, Technik und Zeit.

Jede Innovation birgt Licht- und Schattenseiten. So auch der Medienwandel, wobei jeder das Recht hat sich seine eigene Meinung darüber zu bilden. „Nun kann nicht nur jeder lesen und schreiben, sondern auch alles veröffentlichen, was er zu veröffentlichen beliebt, und sein potentielles Publikum nähert sich mehr und mehr der gesamten Erdbevölkerung.“[25] Der Mitteilungswert ist ungemein gestiegen. „Auf der einen Seite finden sich da utopische Phantasien über die neue Freiheit der Autoren, über weltweite Verbreitungsmöglichkeiten und den von nun an ungeheuren Einfluss der großen Geister auf die Menschheit.“[26]

„Auf der anderen Seite wird der gleiche Vorgang als Entfremdung von Mensch, Schrift und Wissen, als Einzug von Sündhaftigkeit und Irrlehren, von Ungelehrsamkeit, Verfälschung und Scharlatanerie wahrgenommen.“[27] Das Angebot der digitalen Medien ist dermaßen schnell gewachsen, dass unmöglich ein Überblick behalten werden kann. Strenge Selektion bleibt hier die einzig wahre Methode, um mit dieser Situation umzugehen. Auf diese Weise schafft sich jede Person einen kleinen Mikrokosmos, der für das eigene Leben von Nutzen ist. Das ist wichtig, denn „die Cybersphäre ist, wie gesagt, schon deshalb gefährlich, weil sie die Informationsrate, den ‚Cyberpuls’ oder, ganz allgemein, das Tempo unserer Gesellschaft immer mehr beschleunigt.“[28] Durch den immer kürzer werdenden Produktionsweg verändert sich das Zeitverständnis zu medialer Kommunikation. „So wie handgeschriebene Briefe und gedruckte Bücher ein langsames, vorsichtiges und gedankenvolles Lesen und Schreiben angeregt haben, entsteht durch die kleiner werdende Kluft zwischen Schreiben und Publizieren ein Druck, immer mehr und immer schneller zu schreiben.“[29] Jede Pause wird ausgefüllt und genutzt. Man muss sich bloß auf dem Weg zur Arbeit umsehen, egal ob auf der Straße oder in Lokalen, die Leute hängen in den meisten Fällen regelrecht an ihren Handys. „Heute überfluten uns Informationen durch E-Mails und Onlinemeldungen in Blogs und auf Websites, häufig auch über SMS, Mailboxnachrichten und Kommentare in sozialen Netzwerken. Die Informationsrate gerät immer stärker außer Kontrolle.“[30] Burnout, Überforderung und Stress können die Folgen sein, wenn man seine eigene Belastbarkeit überschätzt. „Auch wenn Menschen flexibel sind und sich größeren Geschwindigkeiten anpassen können, gibt es eine Grenze, ab der die Qualität des Lesens und des Schreibens abnimmt und sich die Bedeutung der Worte verändert.“[31]

Welche Auswirkungen das jetzt genau für die Literaturwissenschaft bedeutet und welche Möglichkeiten der digitale Wandel mit sich bringt, wird in den nächsten beiden Unterkapiteln untersucht.

a) Analog vs. digital

Literatur, als ursprünglich analoge Ausgabe, wird im Netz digital neu erfunden. Für manche ist das schwer vorstellbar. Ebenso sieht Coover die Literatur als „traditionell langsam und technikarm und nachdenklich, das Netz ist schnell und technikintensiv und aktionsreicher.“[32] Denn die „Literatur hat Form und das Netz ist formlos.“[33] Zwar sind die beiden Ausprägungen sehr gegensätzlich, dennoch lassen sie sich gut kombinieren. Im Endeffekt „schreibt sich hier ja nur ein altes Vertriebsmodell in einem neuen Medium fort.“[34] Deswegen sollte man daran jedoch nicht die gleichen Erwartungen stellen. Natürlich hat „Bibliophilie, das Sammeln von Erstausgaben etc., […] etwas ganz Zauberhaftes an sich, denn sie gibt den Büchern etwas Geheimnisvolles, Esoterisches, etwas Exklusives zurück, was sie im Schein der Buchkaufhäuser bereits verloren haben und was man von PDF-Dateien nicht erwarten kann.“[35] Aber für Neues offen zu sein kann nicht schaden, was nicht heißt, dass das Internet und seine Quellen nicht kritisch zu betrachten sind. Da ein Veröffentlichen von Inhalten dermaßen einfach ist, kann ruhig genauer hingesehen und geprüft werden. „When a cultural artefact is removed from its original form, there is a danger that it will be stripped of its context, its history, and thus its authenticity. “[36] Damit ist zu verdeutlichen, dass ein gedrucktes Buch durch viele Redigierungen läuft und daher vertrauensvollere Information enthält. „Das physisch erfahrbare Buch fügt dem geschriebenen Wort Gewicht, Substanz und Wert hinzu.“[37] Trotzdem muss man als KonsumentIn nicht auf die Literatur im Netz verzichten. Es geht nur darum Vorsicht walten zu lassen von wo beziehungsweise wem die zur Verfügung gestellten Angebote kommen. „Der digitale Raum entzieht Literatur nicht ihren Marktwert. Literatur lässt sich ohne Probleme auch über das Netz und für Lesegeräte verkaufen.“[38] Solange den Informationen aus dem Internet mit Vorsicht begegnet wird, kann dem mobilen Lesevergnügen oder der Recherche freien Lauf gelassen werden.

Der analogen Materialität gegenüber steht die digitale Immaterialität. „Basierend auf der Interaktivität/ Partizipation ist dies- erstens- das Versprechen der Flexibilität, die das Variable computerbasierter Medien als nutzungsabhängige Vielfalt und Wandelbarkeit betont. Daran gekoppelt ist- zweitens- das Versprechen der Loslösung von der ‚Schwere’ und räumlich-zeitlicher Fixierung analoger Materie.“[39] Digitale Medien sollen dabei helfen, Defizite und Grenzen analoger Zustände zu überwinden[40] und als öffentliches Forum zu fungieren, „ohne erst all jene Beschränkungen überwinden zu müssen, die in dieser Hinsicht traditionelle Publikationsmedien wie Buch, Zeitung, Radio und Fernsehen setzen.“[41] Die digitale Welt ermöglicht neue Handlungsformen und eröffnet ganz andere Dimensionen als die analoge. „Die Bedeutung von ‚digital’ und die damit verbundenen Versprechungen von Interaktivität, Mobilität, Immaterialität, Flexibilität und Kontrolle sowie die daran geknüpften Hoffnungen auf Ermächtigung und Freiheit bauen auf gegenteilige Assoziationen hinsichtlich der analogen Welt.“[42] Dennoch löst das eine das andere nicht auf. Es geschieht nur eine Verlagerung des Fokus, ob ein analoges oder digitales Medium genutzt wird. Oft fällt die Entscheidung auf das Effektivere.

b) Möglichkeiten im virtuellen Raum

Hier ist die Lektüre eines Textes von Raum und Zeit abgekoppelt. Dadurch werden die historische und geographische Reichweite sowie ihre Lebenserwartung ausgedehnt, was eine große Leistung der technischen Reproduktion ist. Die literarische Online-Präsenz bietet außerdem statt Dauer permanente Veränderung[43] und bleibt dadurch flexibel. Wo analoge Datenträger längst nicht mehr auf dem aktuellen Stand sind, da werden veraltete digitale Ressourcen mit neuen Erkenntnissen aktualisiert. Trotz der digitalen Vielfalt kehren wir aufgrund unserer Gewohnheiten immer wieder auf analoge Formen zurück, indem wir digitale Inhalte auf Datenträger transformieren. „Daher die Rituale, auf die Nutzer des Internets ausweichen: Ausdrucken, Herunterladen, Verschicken der Daten an sich selbst- mithin ein zweiter Schreibvorgang, der den elektronischen Daten, die ihnen abhanden gekommene Permanenz zurückgeben und sie archivierbar machen soll.“[44] An diesem Punkt geschieht eine Momentaufnahme des permanent wandelbaren Datenflusses in dem ein bestimmter Datenzustand eingefroren wird, was lediglich ein Punkt auf einer fortlaufenden Zeitachse darstellt.[45] Aber gerade wenn es um explizites Lernen geht, ist es von Vorteil mit der Materie arbeiten zu können. Per Hand wichtige Passagen markieren oder Anmerkungen dazu schreiben kann den Lernprozess positiv beeinflussen. Da hat jeder seine eigene Methode.

Durch den modifizierten Umgang mit Text verändert sich die Schriftkultur im Allgemeinen. Mit nur wenigen Klicks ist das Schreiben in digitalen Medien spontaner geworden. Umstellen und Kopieren von Textsegmenten oder schnelles Löschen vereinfachen die Korrektur. Es ist möglich unkomplizierte Verbesserungen anzustellen ohne Bücher oder Papier zu vernichten. „So ist das Gespür für Textnormen häufig verändert; im Verhältnis von e-Mail und Brief kann das Prinzip der Lockerung strenger Normen für schriftliche Kommunikation allgemein vielleicht am prägnantesten (weil am stärksten verbreitet) beobachtet werden: Stärkere Anlehnung an kolloquiale Umgangssprache, lockere Syntax und Rechtschreibnormen, verflüssigtes Layout gegenüber standardisierten Briefformen.“[46] Dabei wird eine Trennung von privaten und offiziellen Inhalten gemacht. Eine Bewerbung wird anders gehandhabt wie ein WhatsApp-Chat mit der besten Freundin. Diese inoffiziellen Online-Gespräche charakterisieren „spontane, kurze Reaktionen, durchsetzt mit Zitaten aus der Eingangspost und Emoticons, die Ironie graphisch anzeigen, statt sie zwischen den Zeilen wirken zu lassen.“[47]

[...]


[1] Vgl.: Raulff, Ulrich: Der Staub und die Wolke. Das Archiv im digitalen Zeitalter. In: Jahrbuch- Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung 2012 (2013), S. 118.

[2] Gendolla, Peter/ Schäfer, Jörgen: Auf Spurensuche. Literatur im Netz, Netzliteratur und ihre Vorgeschichte(n). In: Text und Kritik: Zeitschrift für Literatur. Digitale Literatur Bd. 152 (2001), S. 75.

[3] Theisohn, Philipp: Suchen, finden, lesen, schreiben. Digitalität und literarische Ökonomie. In: Jahrbuch- Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung 2012 (2013), S. 111.

[4] Eggert, Hartmut: Der multimediale Leser der Zukunft. Überlegungen, wie wir die Veränderungen der Lese- und Schriftkultur im Zeitalter der digitalen Speicher erfassen können. In: Zagreber Germanistische Beiträge Bd. 16 (2007), S. 5.

[5] Ebd., S. 5.

[6] Gendolla/ Schäfer (2001): Auf Spurensuche, S. 75.

[7] Gooding, Paul/ Terras, Melissa/ Warwick, Claire: The myth of the new: Mass digitization, distant reading, and the future of the book. In: Literary and Linguistic Computing 28/4 (2013), S. 629.

[8] Warnke, Martin: Digitale Archive. In: Pompe, Hedwig/ Scholz, Leander (Hg.): Archivprozesse: Die Kommunikation der Aufbewahrung. Mediologie Bd. 5. Köln: DuMont 2002 (= Jäger, Ludwig (Hg.): Eine Schriftenreihe des kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs ‚Medien und kulturelle Kommunikation’), S. 272.

[9] Ebd., S. 273.

[10] Suter, Beat: Ab ins Archiv! Nur wie? Zu Sinn und Möglichkeit der Erhaltung und Archivierung von elektronischer Literatur. In: Giacomuzzi, Renate/ Neuhaus, Stefan, Zintzen, Christiane: Digitale Literaturvermittlung. Praxis- Forschung- Archivierung. Bd. 10. Innsbruck/ Wien/ Bozen: Studienverlag 2010. S. 65.

[11] Warnke (2002): Digitale Archive, S. 272.

[12] Gooding/ Terras/ Warwick (2013): The myth of the new, S. 633.

[13] Eggert (2007): Der multimediale Leser der Zukunft, S. 4.

[14] Ebd., S. 3.

[15] Ebd., S. 3.

[16] Vgl.: Coover, Robert: Goldene Zeitalter. Vergangenheit und Zukunft des literarischen Wortes in den digitalen Medien. In: Text und Kritik: Zeitschrift für Literatur. Digitale Literatur Bd. 152 (2001), S. 27.

[17] Basaldella, Dennis: Archivieren. In: Historisches Wörterbuch des Mediengebrauchs. Hg. von Bickenbach, Matthias/ Christians, Heiko/ Wegmann, Nikolaus. Köln/ Weimar/ Wien: böhlau Verlag 2015, S. 66.

[18] Basaldella (2015): Archivieren, S. 67.

[19] Theisohn (2013): Suchen, finden, lesen, schreiben, S. 109.

[20] Eggert (2007): Der multimediale Leser der Zukunft, S. 2.

[21] Gelernter, David: Die Zeit der Wegwerfwörter. Von der Zukunft des Lesens. In: Sinn und Form Bd. 64,2. Hg. von der Akademie der Künste (2012), S. 470.

[22] Distelmeyer, Jan: Digitalisieren. In: Historisches Wörterbuch des Mediengebrauchs. Hg. von Bickenbach, Matthias/ Christians, Heiko/ Wegmann, Nikolaus. Köln/ Weimar/ Wien: böhlau Verlag 2015, S. 165.

[23] Suter (2010): Ab ins Archiv!, S. 66.

[24] Gooding/ Terras/ Warwick (2013): The myth of the new, S. 630.

[25] Gelernter (2012): Die Zeit der Wegwerfwörter, S. 472.

[26] Theisohn (2013): Suchen, finden, lesen, schreiben, S. 109.

[27] Ebd., S. 109.

[28] Gelernter (2012): Die Zeit der Wegwerfwörter, S. 472.

[29] Ebd., S. 473.

[30] Gelernter (2012): Die Zeit der Wegwerfwörter, S. 472.

[31] Ebd., S. 472.

[32] Coover (2001): Goldene Zeitalter, S. 26.

[33] Ebd., S. 26.

[34] Theisohn (2013): Suchen, finden, lesen, schreiben, S. 112.

[35] Ebd., S. 113.

[36] Gooding/ Terras/ Warwick (2013): The myth of the new, S. 634.

[37] Gelernter (2012): Die Zeit der Wegwerfwörter, S. 477.

[38] Theisohn (2013): Suchen, finden, lesen, schreiben, S. 112.

[39] Distelmeyer (2015): Digitalisieren, S. 171.

[40] Vgl.: Ebd., S. 170.

[41] Simanovski, Roberto: Interfictions. Vom Schreiben im Netz. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 2002, S. 11.

[42] Distelmeyer (2015): Digitalisieren, S. 170.

[43] Vgl.: Chaouli, Michel: Was bedeutet: Online lesen? Über die Möglichkeit des Archivs im Cyberspace. In: Text und Kritik: Zeitschrift für Literatur. Digitale Literatur Bd. 152 (2001), S. 67.

[44] Ebd., S. 73.

[45] Vgl.: Ebd., S. 68.

[46] Eggert (2007): Der multimediale Leser der Zukunft, S. 9.

[47] Simanovski (2002): Interfictions, S. 10.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Online-Archive als Erweiterung in der Literaturwissenschaft. Das Projekt "Datenbank literarischer Bildzitate der Universität Wien"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur 1)
Veranstaltung
HS/OS: Kulturelle Funktionen von Literatur- Was können Digital Humanities?
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
29
Katalognummer
V353760
ISBN (eBook)
9783668398443
ISBN (Buch)
9783668398450
Dateigröße
1081 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
literarische Bildzitate, Online-Archiv, Datenbank, Digital Humanities, literarisches Bildzitat, Netzliteratur, Archiv, Digitalität, Datenbank literarischer Bildzitate der Universität Wien, Datenbanken, Archive, Bildzitat, Bildzitate, Onlinearchiv, Onlinearchive
Arbeit zitieren
Sophie Marie Scharner (Autor), 2016, Online-Archive als Erweiterung in der Literaturwissenschaft. Das Projekt "Datenbank literarischer Bildzitate der Universität Wien", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353760

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