1849 propagierte der französische Schriftsteller Victor Hugo in der Eröffnungsansprache als Vorsitzender des zweiten internationalen Friedenskongresses aus Kritik an den bestehenden Zuständen die „Vereinigten Staaten von Europa“. Verwirklicht wurden diese Forderungen natürlich nicht. Hugos Ideale richteten sich sogar direkt gegen das vorherrschende europäische Selbstverständnis im 19. und 20. Jahrhundert, welches den Nationalstaat verherrlichte und Europa in den Imperialismus treiben ließ. Die verhängnisvollen Entstehungsmechanismen und das Massensterben in den Materialschlachten des Stellungskriegs während des Ersten Weltkriegs sowie der Schwächezustand des Kontinents als Kriegsfolge, brachten in den 1920er Jahren erstmals breiter fundierte europäische Einigungsbewegungen hervor.
Ziel dieser Arbeit ist es, die europäischen Integrationsprozesse in der Zwischenkriegszeit zu untersuchen. Denn auch wenn die wirtschaftlichen Perspektiven durch die Idee des Freihandels, welcher zu einer starken wirtschaftlichen Verflechtung zwischen den nationalen Wirtschaftsräumen führte, vor dem Krieg sehr günstig waren, durch eben diesen zerstört wurden, „erreichten die Staaten der EWG doch erst Mitte der 1960er Jahre wieder einen etwa gleich hohen wirtschaftlichen Verflechtungsgrad“ Im Gegensatz zu der politisch-diplomatischen Ebene, welche wieder die Tendenz des Protektionismus aufwies, zeigte sich, „dass die europäische Verflechtung in ihrer politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Dimension weiterhin existierte“.
Die Folgen des Kriegs brachten in den 1920er Jahren erstmals breiter fundierte europäische Einigungsbewegungen hervor. In der Zeit von 1925 bis 1934 erschienen zu dem Thema rund 600 Bücher und Zeitschriftenartikel und mehr als zehn Vereinigungen warben für einen engeren Zusammenschluss der Staaten Europas. Ein inhaltlich ausgeprägte Profil hatte die im Jahre 1923 von dem aus Österreich-Ungarn stammenden Grafen Richard Coudenhove-Kalergi gegründete „Paneuropa-Union“ . Auch der Vertrag von Locarno aus dem Jahr 1925 hatte eine „wesentlich europäische Dimension“ Weiter waren der deutsche Außenminister Gustav Stresemann und sein französischer Pendant Aristide Briand „treibende Kräfte“ einer europäischen Zollunion, die letztlich aber nicht umgesetzt wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist europäische Integration?
3. Die europäische Einigungsbewegung als Folgewirkung des Ersten Weltkriegs
3.1. Paneuropa-Union
3.2. Die deutsch-französische Versöhnung
3.3 Nationalistische Radikalisierung
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die europäischen Integrationsprozesse in der Zwischenkriegszeit. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, warum die verschiedenen Initiativen für eine europäische Einigung nach dem Ersten Weltkrieg trotz vielfältiger Ansätze letztlich scheiterten und in eine Phase erneuter Desintegration mündeten.
- Die historischen Vorläufer der Idee eines geeinten Europas.
- Die Rolle der Paneuropa-Union und ihres Gründers Richard Coudenhove-Kalergi.
- Die diplomatischen Bemühungen um eine deutsch-französische Versöhnung.
- Der Einfluss von Wirtschaftskrise und Protektionismus auf die europäische Kooperation.
- Die Auswirkungen der nationalistischen Radikalisierung auf pro-europäische Bestrebungen.
Auszug aus dem Buch
3.1. Paneuropa-Union
Als weitere Kriegsfolge kamen in den 1920er Jahren erstmals breiter fundierte europäische Einigungsbewegungen auf. Getragen wurden diese Pläne nicht mehr nur von einzelnen politischen Denkern, sondern von unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Gruppen. Jedoch hinterließ einzig die vom österreichischen Grafen Richard Coudenhove-Kalergi im Jahr 1923 unter Eindruck der Schrecken des Ersten Weltkriegs gegründete Paneuropa-Union eine dauerhafte Erinnerung.
Richard, Sohn des tschechischen Diplomaten Heinrich Coudenhove-Kalergi (1859-1906) und der japanischen Prinzessin Mitsuko Aoyama (1874-1941), wurde als zweiter Sohn des Paaresim Jahr 1894 in Tokio geboren. Dort verbrachte er die ersten beiden Jahre seines Lebens und kehrte anschließend mit seiner Familie auf das Schloss Ronsperg, dem Familiensitz der Coudenhove-Kalergis, zurück. Im Ort Ronsperg lebten zu der Zeit etwa 2000 Menschen, die meisten sprachen Deutsch, dazu lernte Richard Ungarisch. Zusätzlich sprach er mit seiner Mutter Englisch. Gemeinsam mit seinen sechs Geschwistern wuchs er in einer „kosmopolitischen, multikulturellen, multikonfessionellen und grenzenlosen Welt“ auf. Später schrieb er, dass er und seine Geschwister als Kinder eines Europäers und einer Asiatin nicht in nationalen Begriffen, sondern in Kontinenten dachten. „Unsere Mutter verkörperte für uns Asien, unser Vater Europa. Es wäre uns schwergefallen, ihn mit irgendeiner Nation zu identifizieren. So war in unseren Augen Europa stets eine selbstverständliche Einheit [...]“ Dem Vater war es wichtig, die Kinder trotz ihrer Abstammung als „echte Europäer“ und „frei von nationalen Vorurteilen“ zu erziehen. Umfeld prägte das Selbstgefühl des Grafen als „Europäer“ wohl sehr stark.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel gibt einen historischen Überblick über die ersten Vorstellungen eines geeinten Europas vom 15. Jahrhundert bis zur Entstehung der Einigungsbewegungen nach dem Ersten Weltkrieg.
2. Was ist europäische Integration?: Hier erfolgt eine theoretische Einordnung und Definition des Begriffs der europäischen Integration sowie eine kritische Reflexion der Forschungsgeschichte.
3. Die europäische Einigungsbewegung als Folgewirkung des Ersten Weltkriegs: Dieses Kapitel analysiert die komplexen politischen und gesellschaftlichen Reaktionen auf die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und deren Einfluss auf die europäische Idee.
3.1. Paneuropa-Union: Eine detaillierte Untersuchung der Gründung, des Programms und der Wirkung der Paneuropa-Union unter der Führung von Richard Coudenhove-Kalergi.
3.2. Die deutsch-französische Versöhnung: Dieses Kapitel befasst sich mit den diplomatischen Bemühungen um eine europäische Einigung, insbesondere den Initiativen von Aristide Briand und Gustav Stresemann.
3.3 Nationalistische Radikalisierung: Die Analyse des Einflusses antidemokratischer Regime und des aufkommenden Nationalismus auf die Zerschlagung pro-europäischer Organisationen.
4. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung der ambivalenten Entwicklungen in der Zwischenkriegszeit, die durch das Scheitern der Integrationsansätze gekennzeichnet war.
Schlüsselwörter
Europäische Integration, Zwischenkriegszeit, Paneuropa-Union, Richard Coudenhove-Kalergi, Erster Weltkrieg, Völkerbund, Aristide Briand, Gustav Stresemann, Nationalismus, Protektionismus, Europaidee, Föderalismus, Politische Geschichte, Diplomatie, Wirtschaftliche Verflechtung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und dem Scheitern europäischer Integrationsbestrebungen in der Ära zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die paneuropäische Bewegung, die Rolle der Diplomatie zwischen Deutschland und Frankreich sowie die negativen Auswirkungen von Nationalismus und Weltwirtschaftskrise.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel besteht darin, die Ursachen für das Scheitern der zahlreichen Europa-Initiativen in der Zwischenkriegszeit wissenschaftlich zu untersuchen und einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung relevanter Fachliteratur zu den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen der Zwischenkriegszeit basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung der Paneuropa-Union, die deutsch-französischen Versöhnungsversuche um 1929 und die Radikalisierung der Politik durch nationalistische Regime.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem europäische Integration, Paneuropa-Union, Zwischenkriegszeit, Nationalismus und supranationale Ordnung.
Warum konnte die Paneuropa-Union laut Arbeit keinen nachhaltigen politischen Einfluss entfalten?
Der Autor führt dies auf den autoritären Führungsstil Coudenhove-Kalergis sowie auf die mangelnde Verankerung in der praktischen Regierungspolitik und die Konkurrenz durch alternative Bewegungen zurück.
Wie wirkte sich die Weltwirtschaftskrise 1929 auf die Integrationspläne aus?
Die Krise führte dazu, dass europäische Staaten sich wirtschaftlich durch Protektionismus und Autarkiebestrebungen voneinander abschotteten, anstatt gemeinschaftliche Lösungen zu suchen.
Welche Rolle spielte die deutsch-französische Versöhnung für das europäische Projekt?
Sie wurde als zentraler Motor gesehen, scheiterte jedoch an den nationalen Sicherheitsängsten Frankreichs und dem wiedererstarkenden Revisionsstreben des Deutschen Reichs nach 1929.
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- Anonym (Author), 2014, Die europäische Integration in der Zwischenkriegszeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353762